WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Das nächste Ding, das Merlin jetzt aus seinem Sack nimmt, ist wieder ein Stein, ein rund geschliffener Flusskiesel mit goldfarbigen Einsprengseln. Sie funkeln und glitzern in der Sonne wie Sterne. Mit diesem Stein hat es eine besondere Bewandtnis. Ich selbst, die Fee Morgane, habe ihn vor langer Zeit einmal an einen besonderen Ort gelegt, für einen besonderen Menschen. An diesem besonderen Ort sind jetzt nur Felder und Wiesen... und ein großer Kreis, den man eigentlich nur vom Flugzeug aus sehen kann. Damals aber wohnten dort Menschen, die ganz anders lebten als wir heute. Sie jagten wilde Tiere, aber sie hielten auch schon Haustiere. Sie sammelten Früchte, aber sie bauten auch schon ein wenig Getreide an. Sie wohnten in Erdhütten. Außen herum um ihre Hütten aber gruben sie einen Graben und einen Wall. Ein Wall ist so etwas Ähnliches wie eine Mauer. Auf den Wall setzten sie lauter Holzstämme als Wand. Niemand kann heute sagen, wie diese Menschen wirklich gelebt haben. Halt, das stimmt nicht ganz! Einer ist einmal zufällig dort hingelangt. Wie, das erfahrt ihr aus dieser Geschichte. Sie heißt:


Kreise
und ihr Held ist Armin, sieben Jahre alt, klein, zart und dunkelhaarig, blass und ernst, viel zu ernst für sein Alter und neuerdings ziemlich traurig. Warum? Nun. Seine Eltern hatten sich vor kurzem getrennt, und er war mit seiner Mutter in eine andere Stadt gezogen. Das hieß: Fort von seiner vertrauten Umwelt, weg von seiner geliebten Lehrerin, seinen Freunden, seiner Wohnung... und seinem Vater. Den sollte er jetzt nur mehr alle zwei Wochen sehen, am Wochenende. Kein Wunder also, dass er traurig war und zornig. Mit einem zornigen, kleinen Jungen aber konnte seine Mutter jetzt gar nichts anfangen, denn zornig und traurig war sie selbst. Deshalb versteckte Armin seine Wut tief innen drinnen, wo niemand sie sehen konnte. Dort lag sie wie eine harte, kalte Kugel und machte sein, sonst so freundliches Wesen, verschlossen und mürrisch. Das half ihm natürlich nicht dabei, neue Freunde zu gewinnen, ganz im Gegenteil, er blieb ziemlich einsam in seiner neuen Klasse. Das ließ ihn noch trauriger werden. Seine Trauer aber sollte keiner sehen, keiner, und deshalb verschloss er sie auch tief in sich drinnen, gleich bei seinem Zorn. Das konnte natürlich nicht gut gehen, denn Gefühle wollen fließen wie Wasser, wollen geteilt werden mit anderen und nicht eingesperrt, wie wilde Tiere. Kein Wunder, dass der einsame, unglückliche Armin keine Freude mehr hatte an der Schule, am Lernen, am Spielen. Er zog sich mit seinem Nintendo zurück und mit seinen Legorittern und baute sich mit ihnen eine eigene Welt, wo er stark war und unbesiegbar und keinen brauchte. Und so wuchs sie um ihn herum, die unsichtbare, gläserne Wand und ließ nichts und niemand mehr durch. Furchtbar, schrecklich, nicht wahr? Ja, in der Tat, das war es, das könnt ihr mir glauben!

Eines Tages, im Juni, wenn schon niemand mehr so richtig lernen will und die Kinder und auch die Lehrer sehnsüchtig auf die Ferien warten, fuhr die ganze Klasse auf Schulausflug. Wohin? Ins Weinviertel, zu so einer komischen „G’stetten“, wo es nichts zu sehen gab, als ein paar Stauden, die im Kreis standen und wo einmal, vor unendlich langer Zeit ‚etwas’ gewesen sein sollte, eine ‚Kreisgrabenanlage’. Keiner wusste, was das war. Die Lehrerin hatte gesagt, es sei furchtbar alt und sehr geheimnisvoll. Klang gut, konnte aber auch sehr fad werden. Aber, wenigstens würde man diesen einen Tag dem Klassenzimmer entrinnen, und das war doch schon etwas, nicht wahr?
Dreißig Mädchen und Knaben quollen an diesem sonnigen Vormittag aus dem Autobus. Bunte Rucksäcke mit Wurstsemmeln, Coladosen, Zuckerln, hier und da auch schon mal ein Handy und ein Computerspiel, wenn es ganz fad werden sollte, wurden geschultert, und johlend und kichernd verteilte sich die quirlige Gesellschaft im Gelände. Die Lehrerin hatte ihre liebe Plage damit, alle ihre Schützlinge wieder um sich zu versammeln, denn sie hatte einiges mit ihnen vor: zunächst sollten alle sich ein wenig umsehen. Dann sollte jeder einen Gegenstand mitbringen und sich eine kleine Geschichte darüber ausdenken, für den nächsten Aufsatz, versteht sich. Später wollten sie dann einige Spiele spielen und zuletzt ein wenig über die Anlage erfahren, für die Heimatkunde.

Alle schwärmten also aus, meist in kleinen Gruppen, jeder mit seinen Freunden, Armin alleine, wie immer. Lustlos setzte er sich ins Gras, zwischen zwei kleine Büsche, in den Schatten. Etwas suchen. Was denn? So ein Blödsinn! Hier gab es doch nichts! Sein Zorn regte sich in seinem Gefängnis und machte, dass Armin mit dem Fuß nach einem Grasbüschel stieß. „Autsch!“, schrie er gleich danach schmerzvoll auf, denn er war an einen Stein gestoßen, der im Gras verborgen, dort gelegen hatte. Ihr könnt euch sicher schon denken, welcher Stein das war... Ja, natürlich ... er, der uns diese Geschichte gerade eben ins Ohr flüstert.

„Blöder Stein!“, schimpfte Armin und hätte am liebsten gleich noch einmal hingetreten auf ihn. Doch dann bemerkte er die glitzernden Einsprengsel an seiner Oberfläche, wie Gold schimmerte es im Sonnenlicht. Gold, echtes Gold vielleicht, und er hatte es gefunden! Das sollte ihm einer nachmachen. Nun war er reich, und alle würden ihn zum Freund wollen. Er stellte sich vor, wie alle sich um ihn scharten, und wie er einen nach dem anderen abblitzen lassen würde. Dann würde es ihnen schon Leid tun, dass sie ihn abgelehnt hatten, aber nun wäre es zu spät. Ob der Stein auf der anderen Seite auch goldgesprenkelt war? Armin drehte ihn um... und da geschah es!

Was? Ja, das ist nicht so einfach zu erzählen. Etwas hatte sich verändert. Was das war? Armin stand immer noch dort, wo er eben noch gestanden hatte. Da war die Wiese, das Gras, der Sonnenschein, alles so wie eben noch. Aber still war es, ganz still. Das lebhafte Geplauder seiner Schulkameraden war verstummt, und keiner von ihnen war mehr zu sehen. Wo waren sie nur alle hingekommen? Hatten sie sich vor ihm versteckt, um ihn zu erschrecken? Sicher würden sie gleich hinter den Büschen hervorstürzen und schreien: „Angsthase, Pfeffernase!“, oder so ähnlich. Aber diesen Triumph wollte er ihnen nicht gönnen. Er wollte sich von hinten an sie anschleichen und sie zuerst erschrecken! Also, auf ins Gebüsch! Aber, wo war es denn nur geblieben? Hier war kein Gebüsch mehr, seltsam, sehr seltsam! Stattdessen sah er eine Mauer. Ja, es war eine Mauer, aber nicht gerade und nicht aus Stein, sondern aus Holzstämmen zusammengebunden, umschloss sie einen kreisförmigen Platz, so groß wie zwei Fußballfelder mindestens. Armin konnte das gut einschätzen, denn er war früher mit seinem Vater oft auf dem Fußballplatz gewesen. Oh je, die Erinnerung an seinen Vater hatte das Kalte, Harte in seiner Magengrube anscheinend aufgeweckt, denn es rührte sich mit einem Mal, wurde warm und kroch herauf in die Kehle! Gleich danach wollte es noch weiter hinauf, in seine Augen steigen. Tränen? Nein, das konnte und wollte er nicht zulassen, deshalb blinzelte er schnell und schluckte er es wieder hinunter, wo es seiner Meinung nach hingehörte.

Aus der Stille um ihn her erblühten Geräusche, wie verborgene Blumen: der Wind strich über das Gras und flüsterte dabei immer wieder „Armin, Armin“, der schrille Ruf eines Falken ertönte über ihm im Himmelsblau, „er ist hier, er ist hier!“ All dies bildete er sich nicht etwa ein, wie er es zuerst gemeint hatte, nein es war wirklich und echt. So wirklich, wie die Stimme hinter ihm, die plötzlich sagte:

„Da bist du ja, Armin, wir haben dein Kommen schon erwartet.“

Das schlug dem Fass aber jetzt doch den Boden aus! Was war denn dies alles für ein schlechter Scherz? Er drehte sich um und wäre vor Überraschung fast umgefallen. Da stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein kleines Mädchen vor ihm, keines aus seiner Klasse allerdings, das stand fest. Es trug eine Art Tunika aus weichem Leder, seine blonden Haare wurden von einem geflochtenen Stirnband nur ungenügend gebändigt. Sie kringelten sich zu langen Locken, die frech im Wind flatterten.


Ende Teil I


Morgane
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