WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Auch in der Anderswelt gibt es Jahreszeiten...   Teil II
Mama sagte immer, jemanden auszulachen, sei ganz schlimm und außerdem dumm. Aber sie fürchtete sich jedenfalls nicht mehr, das war schon etwas. Und sie bemerkte gleich darauf wieder eine Veränderung. Es war wieder hell, und an den Bäumen spross zartes, grünes Laub. Was, zum Donnerdrummel, ging hier eigentlich vor? Ilberich nahm Anna an der Hand und führte sie zu dem kleinen Hügel, der genauso aussah, wie das Hüterbergl zuhause. Er steckte zwei Finger in den Mund und tat einen lauten Pfiff. Daraufhin öffnete sich ein kleines Türchen. Seltsam, es war vorher sicher noch nicht da gewesen, das hätte Anna beschwören können! Es musste eine Behausung sein. Und so war es auch. Aus der Türe trat eine rundliche Frau. Sie trug ein Kleid im gleichen Grün wie das Gewand von Ilberich, und sie war ebenso klein wie er. Freundlich lächelnd bat sie Anna in ihr Haus. So was! Das war ja allerliebst! Hier drinnen standen kleine Bänke, mit Moos weich gepolstert, ein winziger Tisch, der war fein gedeckt mit allerlei Speisen, die Anna sehr fremd vorkamen. Die Frau klatschte in die Hände. Da kamen fünf Wichtelkinder zur Tür herein. Sie kicherten und zupften neugierig an Annas Gewand, bis sie von ihrer Mutter freundlich aber bestimmt zur Ordnung gerufen wurden.

„Kinder, sagse guten Tag zu unsere Gast und benimmse euch!“

Jedes der Kinder machte eine tiefe Verbeugung vor Anna und stellte sich vor:
Alberich, Elberich, Olberich, das waren die Knaben und Albera und Elbera die beiden Mädchen. Dann ging’s zu Tisch. Die fremden Speisen schmeckten wunderbar, machten satt und warm... und anscheinend fröhlich, denn die Wichtelfamilie holte allerliebste kleine Instrumente hervor und begann lustige Tanzweisen zu spielen, die Anna Lust zum Tanzen und Springen machten. Ihre Angst hatte sie längst vergessen. Dieses niedliche Völkchen hatte nichts, aber auch gar nichts gemein mit den schrecklichen, spuckenden Gespenstern, die Anna eigentlich hier erwartet hatte.

Mit einem Mal aber erstarb die Musik. Es wurde dunkel und bitter kalt im Raum. Die Wichtel hüllten sich und ihren Gast in warme Decken und entzündeten Kerzen und ein Feuer im Kamin. Alle drängten sich ängstlich zusammen. Draußen heulte der Sturm wie ein wild gewordener Drache. Was in aller Welt war das denn nur, so von einem Augenblick zum anderen? Das war ja furchterregend!
Mama Wichtel nickte verständnisvoll:

„Isse ganz often, Wichtel kennse das schon. Kommse aus Riesenland.“

Auf Annas fragenden Blick reichte sie dem Mädchen ein Holzstück mit einem Astloch und hieß es durchsehen. Aber... was... was war das? Das konnte doch nicht sein! Anna blickte direkt in ihre Wohnstube daheim. Da saßen ihre Eltern und die Grosseltern. Alle vier schienen sehr ungehalten zu sein. Vater schimpfte mit Seppi und machte dabei sein bösestes Gesicht. Das bekam Anna nur ganz, ganz selten zu sehen. Genau genommen hatte Papa es erst einmal aufgesetzt, damals, als Seppi ins Eis des kleinen Teiches hinter dem Haus eingebrochen war. Aber damals hatte die Mama ihnen verboten, schon auf das Eis zu gehen. Es war noch viel zu dünn gewesen, damals. Damals war Papa wirklich ganz böse gewesen, so wie jetzt. Anna hörte durch das Astloch genau, was er sagte:

„Wo ist deine kleine Schwester? Du solltest doch auf sie Acht geben! Kann man sich denn gar nicht auf dich verlassen? Ich bin sehr böse auf dich und sehr enttäuscht, das kannst du mir glauben!“

„Oh je“, rief Anna voller Schrecken aus, „ich hab’ ganz vergessen auf daheim, die machen sich jetzt schon Sorgen um mich. Und dabei kann der Seppi ja fast gar nichts dafür! Ich muss schnell wieder nachhause!“
Alle Wichtel sahen Anna erwartungsvoll an. Was wollten sie nur von ihr? Dann sagte Ilberich, der Wichtelvater ernst:

„Du binse aus Riesenland. Riesenland isse gleich neben Wichtelland, ganz nah. Riesen machse Wetter in Wichtelland. Wennse Riesen böse oder traurig, wennse Riesen streit, dannse Wetter in Wichtelland kalt und dunkel, duse wiss?“

So war das also! Wer hätte so etwas gedacht! Unglaublich!

„Wirse haben hergeholt dich, duse muss wiss, was Riesen mach mit Wichtelland, wenn sind böse.“

Das war ja eine schöne Bescherung! Sie, die Menschen waren zuständig für das Wetter im Wichtelreich! Anna musste das sofort daheim erzählen. Aber, würden sie ihr das glauben? Würden sie nicht sagen: Ach, Anna, du kannst schon wieder nicht unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Phantasie! Ja, gewiss, das würden sie, das sagten sie oft. Trotzdem. Sie musste es zumindest versuchen. Das war sie ihren neuen Freunden einfach schuldig.
Wie Anna wieder nachhause kam? Sie zog einfach den Eichelbecher wieder vom Finger, und da war sie. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um Seppi vor einem längeren Hausarrest zu bewahren.

Ob es im Wichtelland jetzt weniger oft stürmisch und kalt ist? Das hängt von euch ab. Ihr wisst ja jetzt, wie man schönes Wetter macht. Und noch etwas: manchmal muss es auch im Wichtelland regnen. Macht euch also nicht zu viele Sorgen, wenn ihr einmal weinen müsst. Davon gibt es dort noch keine Überschwemmung.
Und noch etwas: vielleicht findet ihr einmal ein Stück Holz mit einem kleinen Astloch. Dann könnt ihr versuchen, ob ihr damit ins Wichtelreich gucken könnt und wie das Wetter dort gerade ist.


Morgane
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