WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Auch in der Anderswelt gibt es Jahreszeiten...
... aber, anders als in der Welt, in der wir für gewöhnlich leben, folgt dort nicht Frühling auf Winter, Sommer auf Frühling, Herbst auf Sommer und Winter auf Herbst. Nein, dort könnt ihr immer die Jahreszeit haben, die ihr gerade wollt. So kann es Sommer oder Winter werden, von einem Augenblick auf den anderen. Es regnet oder schneit, oder aber, es ist strahlender Sonnenschein, wie ihr es gerade haben wollt. Ihr könnt natürlich auch unter Palmen Schlittschuh laufen, wenn es euch gefällt. Ihr seid der König oder die Königin dieses erstaunlichen Landes. Eines aber solltet ihr dabei bedenken, etwas, was ich euch schon zu Beginn unserer Reise gesagt habe: diese Welt und alles, was ihr dort erschafft, ist wirklich. Anders wirklich vielleicht als hier, aber dennoch. Und es gibt eine Verbindung zwischen den beiden Welten. Deshalb solltet ihr gut Acht geben, denn es könnte sein... Was, das erfahrt ihr in der folgenden Geschichte. Merlin hat sie schon für euch ausgewählt. Sie steckt in dieser kleinen Eichel, welche er jetzt aus seinem Zaubersack holt:

Das andere Land
Wieder war es Winter geworden. Diesmal einer mit viel Schnee, so wie es früher einmal gewesen war, früher, in den sagenhaften Zeiten, von welchen die Eltern und Großeltern immer sprachen wie von einem längstversunkenen Paradies.
Aber seltsam, jetzt murrten die Erwachsenen über verschneite Autos, matschige Gehsteige und hohe Heizkosten, und die Älteren zwickte die Kälte gewaltig in den rheumatischen Gelenken. Die Kinder aber betrachteten den Schnee als ihr eigentliches, wahres Weihnachtsgeschenk, eines, dass ihnen buchstäblich vom Himmel gesandt worden war.
Seppi, gerade eben sieben Jahre alt geworden und seine jüngere Schwester Anna hatten zwei große Plastikschüsseln zum Rutschen unter dem Weihnachtsbaum gefunden. Anna meinte, das Christkind habe sich vorher mit der Frau Holle genau abgesprochen, damit für die Rodeln auch genügend Schnee vorhanden sein würde. Sie war sehr zufrieden mit den beiden. Und nun waren alle Kinder des Dorfes hinten, beim Hüterbergl versammelt und rodelten und rutschten, dass es eine Freude war. Auf dem Hüterbergl gab es ein kleines Wäldchen aus Kiefern, Birken und einigen, wenigen, uralten Eichen, so alt, dass sich keiner mehr erinnerte, sie jemals anders als riesengroß gesehen zu haben, auch nicht die Großmütter und Großväter, nicht einmal mehr die Urgroßmütter und Urgroßväter. Und die waren doch auch wirklich uralt, oder? Manche Kinder behaupteten hinter vorgehaltener Hand, beim Hüterbergwäldchen gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Es spuke, sagten sie. Anna wunderte sich sehr, sie sah überhaupt keine Spucke, nirgendwo. Aber Seppi, ganz kluger älterer Bruder, erklärte, das sei eben Geisterspucke, und die könne man nicht sehen. Diese Erklärung fand Anna nicht wirklich zufrieden stellend, aber mit Geistern kannte sie sich nicht aus. Sie nahm sich insgeheim vor, die Großmutter darüber zu befragen.
Die Buben konnten noch immer nicht genug kriegen vom Auf und Ab auf dem kleinen Hügel. Anna aber wollte schon heim, sie fror gottserbärmlich. Sie nahm ihre Rodelschüssel unter den Arm und stapfte auf ihr nahe liegendes Haus zu. Da sah sie, zu ihren Füssen im Schnee, einige kleine, braune Becherchen liegen. Sie wusste, das waren Eichelbecher, die Fruchthüllen der Eicheln. Im Herbst war sie einmal hier gewesen, und da hatten mindestens hundert Millionen davon im Gras gelegen. Damals hatte sie nur ganz viele Eicheln gesammelt, für den Kindergarten. Dort wollte sie mit Hilfe ihrer Kindergärtnerin einen Eicheltier - Zoo basteln. Aber heute, heute schienen die kleinen Becherchen genau richtig als Hüte für ihre Playmobil - Männchen, vielleicht auch als Teetassen für ihre Barbiepuppe? Schnell sammelte Anna alle Becherchen ein und steckte sie in den Sack ihres Schneeanzugs. Dabei stülpte sich ein Eichelbecherchen wie von selbst über ihren Mittelfinger. Es passte genau, wie der rote Fingerhut, den Mama immer zum Nähen über ihren Finger steckte. Aber der war Anna viel zu groß. Jetzt hatte sie auch einen, einen eigenen Fingerhut!
So, jetzt war es aber wirklich höchste Zeit, heimzugehen. Aber, was war das? Anna konnte das Haus nicht mehr sehen. Aber, es war doch genau da vorne, gleich neben dem Rodelhügel, sonst hätte Mama sie nicht alleine herkommen lassen! Hier aber waren überhaupt keine Häuser, kein einziges mehr. Das war doch unmöglich, ein ganzes Dorf konnte doch nicht von einem Augenblick auf den anderen verschwinden! Und überhaupt, wo war denn der ganze Schnee plötzlich hingekommen? Die Eichen trugen mit einem Mal üppiges, grünes Laub, das Gras war grün, die Vögel sangen, und nirgends war etwas von Seppi und seinen Freunden zu sehen.
Anna fürchtete sich sehr. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Es war also doch etwas dran an der Sache mit der Geisterspucke! Und nun war sie hier, ganz allein, in dieser fremden Umgebung, ganz ohne Seppi, ganz ohne Mama und Papa, ganz ohne Großmutter und Großvater, ganz alleine! Vor Angst konnte Anna sich nicht bewegen. Starr und stumm stand sie da und zitterte. Dann passierte etwas: ganz aus heiterem Himmel kam mit einem Mal ein kalter Wind auf und blies das grüne Laub mit einem Hui von den Eichen. Es wurde fast ganz finster. Überall schienen glitzernde Augen aus dem Geäst zu funkeln. Ja, das waren sicher die spuckenden Geister! Sie beobachteten sie. Sicher würden gleich einige von ihnen aus dem Gebüsch hervorstürzen, und die würden sie sicherlich auffressen oder irgendwas ganz Fürchterliches mit ihr anstellen! Anna kauerte sich zusammen, ganz klein, und dann begann sie vor Angst zu weinen.
„Mama, komm, bitte, komm’ und hol’ mich! Ich fürchte mich so schrecklich! Maaaammmaaaa!“

„Rinsel - pinsel, was für ein Gewinsel“, sagte da ein da ein zartes, feines Stimmchen neben Anna. Die hob erstaunt den Kopf und vergaß vor lauter Überraschung ganz aufs Weinen. Sie blickte direkt in große, goldglänzende Augen. Die Augen waren fast das Größte in dem kleinen, zarten Gesichtchen. Das gehörte einem winzigen Kerlchen mit spitzen Ohren und einem grünen Gewand, das Anna gerade eben bis zu den Schultern reichte, und Anna konnte nicht gerade als großgewachsen bezeichnet werden. In ihrer Kindergartengruppe gehörte sie zu den Kleinen, obwohl sie schon fünf Jahre alt war und nächstes Jahr in die Schule gehen sollte.

„Du schnell aufhören mit Gewinsel, du nicht mehr Angst, du binse wieder froh!“

„Wer bist du, und wo bin ich hier, und wieso redest du so komisch?“ fragte Anna verwundert.

„Ich nix sprichse komisch, ich sprichse Wichtelsprich. Ich binse Ilberich. Du binse in Wichtelland, daheim bei mich. Und bitte nicht mehr winsel, bitt, bitt. Sonst Finster nicht gehtse weg.“

Das hörte sich so komisch an, dass Anna für einen Moment ganz auf ihre Angst vergaß und lauthals herauslachte. Gleich darauf schämte sie sich. Sie wollte das kleine Kerlchen nicht kränken.


Ende Teil I


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