WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Beim ThemenStammtisch am 15. 12. 2006 durfte Anufa bei Gebäck, Kuchen und Tee eine von Rivka selbstgeschriebene Adventgeschichte zum Besten geben. Dank der Autorin können wir diese nun auch im Nachhinein mit euch hier in Artikelform teilen... Der nächste Advent kommt ja bestimmt!!


Die Adventmadonna
Weihnachten kam ihr etwas überfüllt vor. Beängstigend überfüllt, genau genommen. Auf den Strassen war kein Durchkommen, mit einem Kinderwagen wäre es noch schwieriger gewesen, aber auch so war ihr Gehen ein einziges Ausweichen, und halb beneidete sie ihr Kind, wie es von ihrem Arm in den Nachthimmel sah und sich über die vielen, aneinandergeketteten Lichter freute, die die Sterne verdeckten, während ihre eigenen Augen ständig auf der Suche nach passierbaren Lücken in der Menschenherde waren.

Zum Glück war sie den Supermärkten entkommen, da häufte sich auf und zwischen den Regalen Zuckerzeug. Christmasmarshmallows, hatte sie gelesen und Happy X-mas nicht ganz verstanden; es gab sogar in Goldfolie mit Weihnachtsmannmantelaufdruck gekleidete Osterhasen, die eine rote Stoffmütze mit weißem Pelzimitatrand trugen, und als Tannenzapfen verkleidete Ostereier. Sie hatte über die Preise gestaunt. Gekauft hatte sie nichts. Wie auch, ohne Geld. Und außerdem: Weihnachtsmänner, die noch nicht einmal mehr als Bischöfe erkennbar waren. Kaum Engel. Dafür Stapel von Hexenhäuschen.
Genau wie hier vor dem Rathaus, wo sich der Weihnachtsmarkt stapelte mit engen Gässchen, in denen man keinem Verkäufer ausweichen konnte, in denen sich Knusperhäuschen an Knusperhäuschen reihte, und die sogar Namen trugen. Wenigstens gab es eine Christkindlgasse, in der konnte man, wie sie feststellte, besonders altmodisches Spielzeug kaufen. „Vielleicht bringt dir das Christkind einen!“ sagte eine Mutter zu ihrem quengelnden Kind, das auf eine besenreitende, bebrillte Jungenmarionette zeigte. Das Christkind als Weihnachtsmann! Himmel. Heiliger Nikolaus. Sie zupfte die Babydecke zurecht. Der Kleine quengelte ein bisschen. „Na, du Weihnachtsmann“, sagte sie.

Auch das Fernsehen, zu dem der Pfarrer sie aus Barmherzigkeit und Langeweile manchmal einlud, hatte ihren Erwartungen nicht entsprochen. Da gab es eine Sendereihe, gesponsert von Coca-Cola, in der Deutschland den Superweihnachtsmann suchte, Lastwagenführerschein Voraussetzung, und eine andere im Kinderprogramm, die nach dem Superchristkind fahndete; die Belohnung war, so weit sie das verstanden hatte, eine Art adventszeitlange Anwesenheitspflicht auf dem Nürnberger Christkindlmarkt.

Sie schüttelte den Kopf und ging am Pfarrhaus vorbei in die Kirche. Ihr kleiner Sohn blinzelte und krähte hungrig; sie steckte ihm den kleinen Finger in den Mund und ging auf den Seitenaltar zu. Die Kirche war in der Vorweihnachtszeit der einzige mit Sicherheit menschenleere Ort in der Innenstadt. Vor dem Altar strich sie ihren Mantel glatt, legte das Baby auf dem Altartuch ab, kletterte auf den Altar und dann weiter auf den blattvergoldeten, leeren Sockel in der mit Sternen und Rosen verzierten Nische dahinter, bückte sich, nahm das Kind wieder auf den Arm und stand so ruhig in ihrem blauen Umhang mit dem Säugling an der Brust.

Über ihr Gesicht liefen zwei unbotmäßige Tränen, und sie dachte für eine Weile daran, wie es wäre, wenn der Pfarrer sich von seiner Christkindlvorentscheidungsshow losreißen könnte. Früher oder später würde er bestimmt in die Kirche kommen und ihr Weinen bemerken. Nicht gleich, natürlich. Sie sah ihn im Geiste, wie er sie musterte, ungläubig, sein rundes Gesicht ganz nah an ihrem, und wie er die Augen zusammenkniff und in die Sakristei ging, um seine zweite Lesebrille zu holen, aber die Tränen sah er dann nur um so deutlicher. Er nahm sein Taschentuch, vergewisserte sich, dass es sauber war, tupfte ihr behutsam die Tropfen vom Gesicht, aber es half nichts, da rannen neue aus ihren Augen, und sie würde einfach nicht aufhören, zu weinen, bis er es glaubte.

Bis ALLE es glaubten.

Und als alle es glaubten, wurde aus der leeren Stadtkirche ein berühmter Wallfahrtsort, und man nannte sie die Adventmadonna, und Bischöfe kamen, in goldenen Ornaten und echten Purpurmänteln, und Menschenmengen kamen, um sie zu sehen und ihre Tränen, wie sie über ihr Gesicht liefen. Vielleicht, überlegte sie, könnte sie sogar ihr Baby ab und zu ein wenig zwicken; es würde sicherlich nicht schaden, wenn es auch ein klein wenig weinte, aber nur an den Adventssonntagen.

Sie träumte diesen Traum jedes Jahr, und immer, wenn sie gerade im Glanz unzähliger Kerzen stand, zu ihren Füssen Vasen und Töpfe voller Christrosen und Weihnachtssterne, immer dann geriet ihr ihr Traum außer Kontrolle und endete damit, dass sich ungezählte Händler vor der überfüllten Kirche drängten, um der gläubigen Menge in bedrucktes Stanniol gewickelte Schokoladenmadonnen in allen Größen zu unverschämten Preisen zu verkaufen und für unbezahlbare, silberne dreißig Euro die mit einer echten Madonnenträne gefüllten Glastropfen als Christbaumschmuck.


Rivka
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