WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Pauli der Zauberer   Teil II
Während Pauli verzweifelt nach einem Ausweg aus seinem Schlamassel suchte, erschien ein schwarzes Untier auf der Bank neben ihm. Hu! Ein Hexentier! Sicherlich würde es sich sofort auf ihn stürzen, wenn er es wagte, sich auch nur zu rühren. Da, es riss schon seinen feurigen Schlund auf und drohte ihm! Jetzt war er endgültig verloren! Es war aus mit ihm! Er konnte ruhig essen, es gab ohnehin keine Rettung! Pauli nahm den Löffel und verschüttete fast alles, weil er so zitterte. Aber, es schmeckte wunderbar! Wenigstens wurde er mit leckeren Dingen gemästet, das war schon etwas. Das Ungeheuer neben ihm begann unheimliches Grollen auszustoßen. Die ganze Bank erbebte davon. Um es nicht weiter zu reizen, aß Pauli gehorsam den ganzen Teller leer. Was kam jetzt? Der Käfig? Was sollte er jetzt tun, was hätte Harry Potter denn jetzt an seiner Stelle getan, irgendeinen Zauber - Bann -Spruch gesagt und die beiden unheimlichen Geschöpfe bewegungslos an ihren Ort gezaubert? Aber kein Zauberspruch fiel ihm ein. Stattdessen erfasste ihn ein lang anhaltendes Gähnen. Aha! Das Gift in der Suppe begann schon zu wirken, das ging aber schnell! Pauli fühlte sich unendlich müde und wollte nur mehr schlafen, jetzt und gleich und auf der Stelle. Die alte Frau zeigte auf eine Couch, die gleich neben der Eckbank an der Wand stand: „Jetzt is’ scho zu spät zum Hoamgehn. Kumm, leg di daher und schlaf di amol richtig aus, bist ja scho ganz schlafdamisch.“ Gehorsam legte sich Pauli hin, und die Alte deckte ihn mit einer warmen Decke zu. Dann setzte sich das schwarze Untier auf seine Beine, er hatte also keine Chance zu entkommen. Wohin auch? In die Schrecken des nächtlichen Waldes? Da war es ja noch besser, in einem Käfig zu sitzen. Vielleicht konnte er ja auch den alten Trick mit dem Knöchelchen verwenden, um sein Schicksal als Braten etwas hinauszuzögern. „Wer weiß, vielleicht finden sie mich bis dahin sogar, mal sehen.“ Dann fielen ihm auch schon die Augen zu.

Pauli erwachte. An seinem Bett saß eine wunderschöne Dame, jung, lieblich, und sie lächelte. “Was ist mit dem Käfig?“ fragte er verwundert, „und wo bitte, ist das grässliche Untier und die böse Hexe?“ Die Dame lachte glockenhell. „Pass auf!“ sagte sie, und plötzlich stand an ihrer Stelle wieder die alte Höllerin vor ihm die Hex’ mit ihrer schwarzen Katze auf der Schulter. Gleich danach verwandelte sie sich wieder in die schöne Dame. Pauli blieb der Mund offen stehen:

„Aber... das ist ja... du bist... das gibt es doch gar nicht!“ die schöne Dame wurde ernst:

„Doch, Pauli, hier schon. Hier hat jeder seine w i r k l i c h e Gestalt.“

„Wo ist h i e r, bitte?“

„Hier bist du in der Anderswelt, mein Kind. Weißt du nicht mehr, es ist doch Halloween, da sind die Grenzen zwischen der Menschenwelt und der Anderswelt ... nun... etwas löchrig, und du bist hierher geraten.

„Aber, ich sehe überhaupt keine Landschaft, hier ist ja nichts außer uns beiden!“

„Wirklich nicht? Nun, dann ist es an dir, eine Landschaft zu machen, eine nach deinem Geschmack.“

„Eine Landschaft... m a c h e n!? Wie bitte, soll, das denn gehen, das gibt’s doch überhaupt nicht!“

„Doch, wünsch’ dir einfach eine Umgebung, eine, die dir gefällt.“
Pauli dachte an sein Dorf, sein Elternhaus, seine vertraute Umgebung... und schon war er mitten drinnen. Da war sein Zimmer, seine Spielsachen, sein Bett und das seiner kleinen Schwester. Unglaublich! Phantastisch! - gleich darauf dachte er an seine Schule, und schwupp, da saß er, in seiner Bank, mitten unter seinen Schulkameraden. Vielleicht wollte er doch lieber... ach ja, ins Schwimmbad! Platsch! Schon drin im Sportbecken, gerade einen Köpfler gemacht! Die Umgebungen wechselten so schnell wie ein zu schnell ablaufender Film. Die schöne Dame lachte belustigt:

„Das macht nichts. Du lernst schon, mit dem hier umzugehen. Wichtig ist nur, dass
du begreifst, was das hier bedeutet.

„Und was bitte, bedeutet das, Frau... äh...“

„Höllerin, wenn’s beliebt. Du weißt doch, die furchtbar böse Hexe, die dich in den Käfig sperren will und braten.“

Pauli schämte sich schrecklich. er wurde rot und stammelte:
„Ich habe ja nicht gewusst... ich habe geglaubt... weil ich mich die ganze Zeit im Wald schon so gefürchtet habe...
„Hast du mich als böse Hexe gesehen, ich weiß schon. Aber nun weißt du, wie’s funktioniert, nicht wahr? Du siehst das, was du glaubst. Wenn du Angst hast, ist alles beängstigend, wenn du dich freust, ist alles fröhlich und schön. so einfach ist das. Und jetzt bist du wirklich ein Zauberer, du musst nur noch fleißig üben.“

Damit überreichte sie dem verblüfften Pauli einen glänzenden Zauberstab, viel schöner als der von Harry Potter und einen schillernden Umhang. Harry, äh, Pauli hüllte sich darin ein und beschloss, sich noch einen Zauberbesen zu erdenken, zum Fliegen. Da war er schon. Pauli bestieg ihn, gab ihm die Sporen und rief: „Hopp und ho, hopp und ho“, und schon erhob sich der folgsame Besen hoch in die Lüfte, so schnell, dass Pauli die Wolken nur so um die Ohren fetzten.

Irgendetwas rüttelte und schüttelte. Der Besen hatte wohl eine Fehlzündung!

„Hallo, Kloana, es is scho höchste Zeit zum Aufstehn!“

Pauli öffnete die Augen. Wo zum Kuckuck war er jetzt schon wieder? Ach ja! Die Hex’... äh, die schöne Dame, oder doch die alte Höllerin? Egal, in welcher Gestalt, sie rüttelte ihn jedenfalls und sagte:„Du muasst jetzt hoam, deine Leut’ werd’n sich schon Sorgen machen, kimm jetzt, schnell!“ „Aber, wo ist mein Zauberstab und der Mantel?“
Ach ja, da lagen ja seine Halloweensachen! Aber, sie waren ja die von gestern, so gekaufte, aus dem Geschäft im Dorf und nicht die aus der Anderswelt!
„Ich habe doch aber ganz schöne gehabt, viel schöner als die vom Harry Potter!“

„I woass nit, wen du moanst. I kenn koan Harry Ploder. I woass nur, dass mir jetzt gehn müassn.“
Langsam fiel es Pauli wieder ein. Ach ja, er war wieder in die Menschenwelt zurückgekehrt. Hier lief alles ein wenig langsamer ab, hier brauchte jeder Zauber seine Zeit. Aber auch hier war er ein richtiger Zauberer, na, eigentlich ein Zauberlehrling. Er musste noch viel üben. Aber dazu hatte er ja viel Zeit.

Seine neue Freundin, die alte Höllerin, führte ihn durch den Wald, und der hatte nichts Unheimliches mehr. Und wie hatte er in der lieben alten Frau nur eine böse Hexe sehen können! Er wusste jetzt, warum. Die schöne Dame hatte es ihm erklärt.
Er war Pauli, der Zauberer. Er brauchte nicht mehr Harry Potter zu sein.


Morgane
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