WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Pauli der Zauberer
Gib Acht! An Tagen wie diesem kann vieles geschehen! Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verschwimmen wie im Nebel. Dann kann es geschehen, dass man sich ganz woanders wieder findet. Wo? Keine Ahnung! Wahrscheinlich irgendwo in der Anderswelt! Das ist vor einiger Zeit passiert, jemandem, der darauf überhaupt nicht vorbereitet war und große Angst hatte.
Dieser jemand heißt Pauli und ist ein achtjähriger Bub. Am Halloweenabend lief er mit seinen Freunden von Haus zu Haus und klopfte an die Türen. Er selbst hatte sich als Zauberer verkleidet, so wie Harry Potter, sein großes Vorbild. Spitzer Hut, Zauberstab, Nickelbrille, ihr wisst ja, wovon ich spreche. An jeder Türe in ihrem kleinen Ort hatten sie schon angeklopft und lauthals geschrieen: „Gebt uns Süßes, sonst gibt’s Saures!“ Ein ganzes Säckchen mit klebrigem Zuckerzeugs hatten sie schon beisammen. Jetzt gab es nur noch ein einziges Haus, und das lag ein wenig außerhalb der Ortschaft, mitten im Wald. Dort lebte, na, ja, so eine komische alte Frau, die Alte Höllerin, wie sie jeder im Ort nannte. Wie sie wirklich hieß? Die Kinder wussten es nicht. Sie jedenfalls sagten immer nur: „die Hex’“. Ehrlich gesagt, sie sah wirklich ein wenig wie eine Hexe aus dem Märchenbuch aus: uralt, verkrümmt, mit nur mehr einem einzigen Zahn im Mund. Wunderlich war auch ihr Benehmen. Sie kam nur selten in den Ort und redete mit kaum einem Menschen außer mit sich selbst, das aber fast unaufhörlich. Wahrscheinlich hätte sie sonst ohnedies niemand verstanden.

„Wer traut sich zur Hex’?“ rief Max, der frechste aller Buben plötzlich herausfordernd. „Ich, ich“, schrien alle Kinder durcheinander. Nur Pauli hatte ein wenig Bedenken: „Es ist schon finster, und dann noch durch den Wald... meine Mutter hat gesagt, ich soll gleich heimkommen, wenn wir im Ort fertig sind...“ „Feigling, Feigling! Der Pauli ist ein Traumichnicht! He, du willst der Harry Potter sein und traust dich nicht einmal zur Hex’!“ Das war zu viel, eindeutig. Pauli sah sich gezwungen, seine Ehre zu retten! „Doch trau’ ich mich! Kommt, gehen wir!“ Und schon ging er beherzt in Richtung Wald. Jetzt zögerten die anderen ein wenig, und immer mehr kleine Gespenster, Monster, Zauberer und Hexen verschwanden in ihren Häusern, bis zuletzt nur noch Maxi das Gespenst, Susi, das Gruselmonster, Monika, die Außerirdische und Pauli, der Zauberlehrling übrig geblieben waren. Am liebsten hätten sie das Ganze abgeblasen, aber keiner wollte vor den anderen als Feigling dastehen, keiner. Da hieß es nun, mutig und tapfer zu wirken, auch wenn die Knie, nun ja, ein wenig weich waren...

Im Wald war es natürlich schon ein bisschen finsterer als draußen, im Ort. Geisterarme griffen nach den Dreien, sie winkten... oder waren es nur Äste, die sich im Wind bogen? Da! - die Gestalt eines grimmigen Trolles erschien plötzlich neben dem Weg, oder war es doch vielleicht nur eine umgestürzte Wurzel? Aber, immer, wenn die Kinder wegsahen, bewegte sich das Ding, was immer es auch war, dessen waren sie sich ganz sicher! Und dann! Etwas huschte über den Weg. „Iiiihhh, ein Gespenst, Hilfe!“ drang ein Angstschrei aus dem Raumfahrerhelm des Außerirdischen. Jetzt war es endgültig mit dem Mut der Kinder vorbei. Sie machten auf der Stelle kehrt und liefen und liefen....Wohin? Zurück natürlich. Mut hin, Ehre her, aber was zuviel ist, ist zuviel, auch für Halloween - Gespenster. „He, wartet, wartet doch!“ Der Pauli - Zauberlehrling war über einen Stein (oder eine Monster - Giftschleimkröte?!) gestolpert und der Länge nach hingefallen. Aber keiner seiner Kameraden hörte in seiner Angst auf sein Rufen. Sie waren über alle Berge - und Pauli ganz alleine! Pauli hätte vor lauter Furcht beinahe... na ja, geweint oder in die Hose gemacht oder sonst was. Da kam ihm aber Harry Potter zu Hilfe. Was hätte der wohl in seiner Situation gemacht? Vor allem einmal hätte er sich alle Gespenster, Giftschleimkröten und Trolle richtig angesehen, um festzustellen, was sie wirklich waren. Ein richtiger Zauberlehrling fürchtete sich nicht vor solchen Figuren. Außerdem, vielleicht waren es ja wirklich nur Steine, Wurzeln und Äste? Jedenfalls wäre er nicht wie angenagelt hier, mitten im Wald stehen geblieben und gezittert, er nicht, nein, niemals! Also vorwärts, Pauli, äh, Harry, einen Schritt vor den anderen, immer weiter!
Aber, nanu! Diese Lichtung, hatten sie die beim Herkommen auch überquert? Pauli konnte sich beim besten Willen nicht erinnern... Er hatte sich doch nicht etwa verirrt? Oder doch? Oder d o c h !!! Und da, stand da nicht ein Haus am Rande der Lichtung, klein, alt und etwas windschief? Aber das war ja völlig unmöglich, sie waren doch umgekehrt und in Richtung Dorf gelaufen, hinaus aus dem vermaledeiten Wald! Heiliges Rhinozeros! Wieso bitte, stand er dann jetzt genau hier, hier, wo er niemals hätte hinkommen dürfen auf seinem Weg nach Hause, in die Sicherheit, zu den anderen Menschen, dorthin wo es Licht war und alle Dinge das waren, was sie zu sein hatten? Das hier ging entschieden nicht mit rechten Dingen zu. Er war beim Häuschen der alten Höllerin, der Hex’ gelandet, irgendwo im Lande Weißnichtwo. Was sollte er jetzt tun? Zurück durch den f ü r c h t e r l i c h e n, verhexten Wald, ganz alleine, nein, das nicht, nicht einmal als Harry Potter. Da war Licht in einem Fenster der kleinen Hütte, schwach zwar und flackernd, aber immerhin, Licht bleibt Licht. Sollte er... durfte er... würde er...? Seine Beine beschlossen das zu tun, was ihr Besitzer im Augenblick noch nicht zu denken wagte, sie waren dem kleinen Burschen um einiges voraus. Schon stand er an der Tür und klopfte schüchtern an. Nichts. Noch einmal, etwas beherzter. Schlurfende Schritte, Knarren, Quietschen, die Tür öffnete sich einen Spalt. Ein weißhaariger Kopf erschien. Es war der Kopf der alten Höllerin, der Hex. Sie war nicht viel größer als Pauli, ihr runzliges Gesicht war fast auf gleicher Höhe mit seinem, und deshalb blickte er ihr direkt in die Augen, Augen mit einem strahlenförmigen Kranz aus unzähligen, tiefen Falten und Fältchen. Sie blickten nicht etwa böse oder verschlagen, sondern eigentlich ziemlich freundlich... und auch etwas erschreckt!

„Ja mei, Sakrament noch amoi, ja, was is denn des!“ Die Tür fiel krachend ins Schloss, um einige Augenblicke später, ganz vorsichtig, noch einmal geöffnet zu werden. „Ja, wer bist denn du, du höllischer Spirifankerl du? Komm amol eini ins Liacht und lass di anschaun, ob du a Mensch bist oder a Gspenst!“ Mit diesen Worten zog die Alte den Buben an einem Zipfel seines Zaubererumhangs in die Stube. Als sie seine Erscheinung kurz gemustert hatte, entspannten sich ihre erschrockenen Züge, und sie begann herzlich zu lachen. Dabei wackelte alles an ihr, buchstäblich alles, der Kopf, der Körper, ja sogar jedes einzelne ihrer spärlichen Haare. „Himmelherrrgottsakrament, jetzt hab’ i scho glaubt, irgenda Geist kimmt mi holen, oder sogar der Gevatter Tod! Wär ja koa Wunder nit bei mir alten Schachtel, hihihihihi...! Aber du bist ja nur a kloaner Bua, und i glaub, du fürchst’ di no mehr als i, gelt ja?“

Pauli wurde nun endgültig in die Stube geführt. Die war heimlich und einladend, wenn auch ziemlich einfach, ja ärmlich. Ein Feuer brannte anheimelnd in dem alten Sparherd, auf dem ein großer, eiserner Kessel stand, dem ein appetitanregender Duft entströmte, irgendwie nach Pilzen und noch etwas, das Pauli nicht identifizieren konnte. War sie vielleicht doch eine böse Hexe und stellte sich nur so freundlich? Man kannte das ja aus den frühen Kindertagen, Hänsel und Gretel, nicht wahr? Etwas wie eine kalte Hand presste seinen Magen plötzlich zusammen. Angst. Was, wenn sie ihn nun in einen Käfig sperrte und dick und fett mästete, um ihn dann als Festtagsbraten... Nicht auszudenken! Niemand wusste ja, dass er hier war. Seine armen Eltern! Sicher waren sie schon beunruhigt, ja suchten ihn vielleicht schon überall! Hier aber nicht, sicher nicht, er war verloren, sah sich schon als Braten auf dem Tisch der Alten... und begann schrecklich zu weinen, als ob ihm das noch etwas nützen könnte! Die Hex’ sah ihn mitfühlend an: „Brauchst ja nit woana, Kloana. Hast’ di verirrt, gelt? Was hast denn überhaupt g’mocht, so ganz alloa im Wald? Miassast doch lang scho dahoam sein. Aber, jetzt setz di amol zum Tisch und iss a kräftige Suppn mit mir, dann segn ma weida.“ Mit diesen Worten stellte sie einen geblümten Teller vor ihn hin, aus dem es verlockend dampfte. Jetzt war es soweit! In der Suppe war sicher ein Gift, das ihn betäuben würde, dass ihn die Hexe leichter in den Käfig sperren konnte. Er durfte nichts davon essen, keinen Löffel voll, sonst wär’ es aus mit ihm, das wusste er ganz gewiss! „Na, Bürscherl, iss nur, derfst di ruhig traun, is a guate Suppn aus selberpflückte Schwammerln, wird dir schmeckn, iss nur!“


Ende Teil I


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