WurzelWerk´s
Morganes Erinnerungen   Teil V
Dies ist die Geschichte der vier heiligen Insignien der Alten Religion:
das Schwert der klaren Unterscheidung,
der Kelch der Wiedergeburt, auch der Heilige Gral genannt,
die Lanze des Lichtes,
der Schild der Standhaftigkeit.

Merlin:
Was hast Du getan, Morgane? Du hast Dich dem Willen der Göttin entzogen! Glaubst Du denn ich habe aus persönlichen Gründen gehandelt? Der heilige Gral sollte die Verbindung zwischen den Welten aufrechterhalten. Ich verstehe Deine Beweggründe und will und kann auch nicht mehr einschreiten. In gewissem Masse hast Du sogar Recht. Denn wenn die Menschen im Besitz des heiligen Grals geblieben wären, dann hätten sie die Wunder die er vollbringt als Selbstverständlichkeit empfunden. Nicht die Götter haben sich von ihnen entfernt, sondern sie sich von den Göttern. So aber werden sie sich aufmachen, den Gral wieder zu finden. Sie werden ihn suchen und suchen und erkennen, dass sie mit ihm auch Avalon verloren haben.

Morgane:
Später, in der Halle der runden Tafel dann, gab Arthur seinen Erben und Nachfolger bekannt, Gawain, den Sohn Lancelots. Der hatte in seiner Abwesenheit geheiratet, nicht ganz freiwillig. Ich hatte dabei meine Hand im Spiel, aber, das ist eine andere Geschichte. In Gwydions Augen war ein ganz seltsamer Ausdruck, als Arthur seinen Erben benannte, und diesen Ausdruck wusste ich nicht zu deuten.

Von diesem Tag an löste sich die Tafelrunde nach und nach auf, wie durch einen geheimen Befehl. Der erste, der ging, war Lancelot. Mit verklärtem Gesicht gab er kund, nicht eher wiederzukehren, bis er den Gral wiedergefunden habe. Die Ritter zerstoben in alle Winde auf der Suche nach dem Gral, und Arthur blieb mit Gwenwhyfar und einigen älteren Rittern vereinsamt zurück........und mit Gwydion, meinem, unserem Sohn. Ich aber machte mich mit meinem verborgenen Schatz auf die Reise nach Avalon. Merlin begleitete mich, ich hatte ihn darum gebeten. Wie eine unsagbar schwere Last lag das auf mir, was ich nun tun musste, und Merlin blieb meine Bedrückung nicht verborgen. Ob er etwas ahnte? Es war fast unmöglich, dem weisen Druiden etwas zu verheimlichen, aber ich benutzte all die magische Macht, die mir zur Verfügung stand. Als wir am Ufer des Sommerlandes ankamen, war ich erschöpft, wie nach einer langen Krankheit. Meine Kraft reichte gerade noch aus, um die Barke zu rufen, dann sank ich erschöpft nieder.

Man erwartete uns schon am anderen Ufer. Merlin wurde in seine Unterkunft geleitet. Meine Heimkehr, so oft hatte ich sie mir ersehnt und ausgemalt, doch nun stand sie unter einem dunklen Stern. Viviane umarmte mich liebevoll. Ach, sie war alt geworden, viel zu alt, um noch Hohepriesterin zu sein! Ich übergab ihr den Kelch. Ihre Augen weiteten sich in ungläubigem Staunen. Sie hatte nicht gewusst......wer hatte.....wer konnte? M e r l i n? Warum, Göttin, warum nur? Ich wusste es. Er meinte, der Gral sollte in die Welt gebracht werden, um allen Menschen seine heilsame Kraft zu spenden. Aber in eine Welt, die die heiligen Dinge nicht mehr verehrte, die die alten Götter verleugnete. Fast verstand ich seine Beweggründe und doch, ich musste sie verdammen! Welche ausweglose Verwirrung!

Am nächsten Tag führte ich Merlin in einen Weißdornhain. Ich bettete seinen Kopf in meinen Schoss und sang für ihn, ein uraltes Lied aus meiner Kindheit in Avalon, aus den glücklichen, fernen Tagen, da mein Leben noch hell und einfach gewesen war. Ich weinte um unsere Liebe, um die versunkene Welt der Göttin, um Viviane und die verlorene Welt von Avalon. Tränen stürzten aus meinen Augen und flossen auf Merlins Gesicht.

„Weine nicht, meine Liebste“, sagte Merlin leise, „ich weiß, was du tun musst, und ich weiß auch, warum. Ich kenne mein Schicksal und deines. Ich weiß, meine Zeit ist abgelaufen und auch die Zeit von Avalon. Wir versinken in den Tiefen der Zeit und werden zur Legende. Das lässt sich nicht ändern. Weine nicht, wir sind verbunden, von Leben zu Leben, eines Tages werden wir einander wieder begegnen. Diesen Tag segne ich schon heute. Und nun tu’, was du tun musst.“

Merlin schloss die Augen und lauschte meinem Gesang. Die Blüten des Weißdorns fielen herab und bedeckten ihn mit einer weißen Decke, immer mehr, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Ein plötzlicher Windstoss blies alle Blüten mit einem Male davon. Merlin aber war verschwunden. Von diesem Tage an blühte der Weißdornstrauch nicht nur im Frühling. Er blühte auch zur Wintersonnenwende, und das ist bis heute so geblieben.

Nach und nach kehrten auch die Ritter an Arthurs Hof zurück. Manchen war der Gral erschienen, Gawain hatte sein Leben auf der Hohen Suche verloren. Viele Menschen suchen ihn heute noch. Er aber ist in wieder in Avalon, und Avalon kann nur mit dem Herzen gefunden werden.


Das Ende
In diesen Zeiten wuchs die Unzufriedenheit unter Arthurs Gefolgsleuten immer mehr. Viele warfen ihm vor, er sei kraftlos geworden, mehr an geistigen Dingen interessiert als an Schlachten und Eroberungen. Sie hatten Recht. So war es auch. Das Reich schien befriedet, doch die Bedrohung wuchs erneut. außerdem war nun sicher, dass die Königin keinen Erben mehr gebären würde. Sie war bereits jenseits der fruchtbaren Jahre. So träumte manch einer davon, den Thron für sich zu gewinnen. So auch Gwydion. Er wusste, in einem christlichen Königreich hatte er, der Sohn des Grossen Ritus, keinerlei Chance, seinem Vater rechtmäßig auf den Thron zu folgen. Viele Unzufriedene und viele vom Alten Volk waren auf seiner Seite. Eines Tages geschah das Unfassbare, und das Schicksal erfüllte sich. Mein Sohn Gwydion forderte seinen Vater zum Kampf. Nicht eine Bedrohung von außen brachte Krieg und Kampf, nein, es war eine lange schwärende Wunde im Inneren, welche die segensreiche Epoche von Athurs Herrschaft zerbrach.

Ich lebte damals wieder auf Avalon, als seine letzte Hohepriesterin, in Stille und Zurückgezogenheit. Der Wind des Wandels blies stürmisch, überall in Britannien, aber er berührte uns nicht, hier im Sommerland. Jedoch, sie waren noch da, die starken, doch unsichtbaren Stränge, die mich mit allen verbanden, denen ich einst nah gewesen war. Eines Nachts befiel mich eine rätselhafte Unruhe, quälend und aufwühlend. Fetzen dunkler Träume zogen durch meinen Geist, ließen sich nicht fassen, wenn ich erwachte. Endlich erhob ich mich und ging durch die sternklare Nacht zur Heiligen Quelle. Das Gras unter meinen Füssen war nass vom Tau und ließ mich frösteln, doch ich zwang meinen Geist zur Ruhe und blickte still in das klare Wasser des Quellbeckens. Milchige Schleier zogen zerfließend über die Oberfläche, verdichteten sich zu undeutlichen Schemen, verliefen wieder........und dann! Oh, Große Mutter, steh mir bei! Da, eine kleine, dunkle Gestalt, sie hält ein Schwert. Ganz alleine schleicht sie durch eine nebelige Sumpflandschaft: Gwydion. Eine andere Gestalt taucht auf: groß, stattlich, bewaffnet. Oh nein, es ist Arthur, und er sucht seinen Gegner! Sie treffen aufeinander. Sie kämpfen. Sie bluten beide. So viel Blut, alles voll Blut. Es färbt das Wasser Der Heiligen Quelle rot. Dann ein Schrei. Er hallt wider, durch alle Welten: „V a t e r!”

Arthurs Augen weiten sich in plötzlicher, überwältigender Erkenntnis, bevor sie brechen. Also geschieht es nun, was niemals geschehen hätte dürfen! Unabwendbar. Der uralte Ritus des Königsopfers... der Gefährte der Göttin für ein Zeitalter... und der junge, starke Herausforderer... nur einer wird leben, nur einer der neue Gefährte der Göttin sein und herrschen. Oh, es tut so weh, Mutter, kannst du das Rad nicht anhalten? Nimm es nicht an, dieses Opfer! Doch hinter all meinen verzweifelten Bitten steht unverrückbar diese eine Gewissheit: es ist unvermeidbar. Die Stränge des Schicksals haben sich zu diesem Muster verflochten, vom Anfang an. Schon als Uther begehrlich nach Igraine, meiner Mutter blickte, zog sich der Knoten bereits zu. Ich hatte meine Rolle in dem Drama zu spielen. Nun blieb mir nur noch ein Letztes zu tun. Dann hatte ich bis an mein Ende Zeit, alle zu beweinen, die mir einst nahegestanden hatten.

Ich kleidete mich sorgfältig an, schickte nach zwei der höheren Priesterinnen und rief die Barke. Ein letztes Mal verließ ich Avalon.

Nicht weit vom Ufer des Sommersees fanden wir Arthur und Gwydion. Sie hielten einander in tödlicher Umarmung umschlungen. Erst im Tod hatten sie einander gefunden, Vater und Sohn, keiner von ihnen Sieger, beide Opfer. Die Krieger beider Heere standen schweigend im Kreis. Tiefe Stille. Dann schlug einer mit dem Speer gegen seinen Schild, andere folgten, bis dumpfes Dröhnen die Luft erfüllte. So gaben sie ihm die letzte Ehre, Arthur, ihrem König und Gwydion, seinem Schattensohn. Arthur war tot. Mit ihm war Britannien noch einmal von der Sonne von Recht und Friede beschienen worden. Nun versank das Licht im Westen, und die Dunkelheit senkte sich über das Land. Die schwarz verhängte Barke von Avalon trug ihn ins Sommerland. Dort ruht er aus und wartet auf seine Wiederkehr, er, der König, der war und sein wird. Sein Schwert aber nahm ich an mich und verwahrte es in der Heiligen Quelle. Jetzt sind sie der äußeren Welt verborgen, die Waffen der Magie von Avalon. Für alle aber, die Avalon mit dem Herzen suchen, liegen sie hier bereit:

Das Schwert der klaren Unterscheidung,
die Lanze des starken Willens,
der Schild der Wahrhaftigkeit,
der Kelch der Wiedergeburt.
So sei es!


Morgane
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