WurzelWerk´s
Morganes Erinnerungen   Teil IV
Dies ist die Geschichte der vier heiligen Insignien der Alten Religion:
das Schwert der klaren Unterscheidung,
der Kelch der Wiedergeburt, auch der Heilige Gral genannt,
die Lanze des Lichtes,
der Schild der Standhaftigkeit.

Jedoch es war uns nicht vergönnt, uns lange unserer Liebe zu erfreuen. Das Leben auf der Burg unterlag eigenen Gesetzen, und eines davon war, dass man nirgends ungestört alleine sein konnte. Aber, endlich konnte ich mit jemandem über meine Sorgen sprechen, der verstand, was mich bewegte. Aber verstand Merlin wirklich? Er schien nicht halb so besorgt wie ich es war. „Das Leben geht weiter, mein Kind“, sagte er milde lächelnd, wobei er mir zärtlich übers Haar strich, „es ändert sich und ist dennoch immer das Gleiche. Die Göttin wacht über das Land, auch wenn die Menschen sie jetzt mit anderen Namen nennen.“
Seine Worte waren weit davon entfernt, mich zu beruhigen. Sah er denn nicht, was ich sah, spürte er nicht die Bedrohung? Große Mutter, er sprach sogar davon, die Heiligste der vier magischen Waffen, die in Avalon gehütet wurden, den Kelch der Erneuerung, auf einem christlichen Altar zu verwenden! Welche Entweihung! Das durfte nicht geschehen, niemals! Ich musste es verhindern, und sei es unter dem Preis meines Lebens! „Meine Geliebte, du weißt doch, alle Götter sind ein Gott, unter welchen Namen sie auch verehrt werden.“ Ja, ich wusste es damals, wie ich es heute weiß. Aber sie verleumdeten die Alten Götter, verfolgten und verbannten sie in den Untergrund und nannten sie, die Mächtigen Alten Teufel und Dämonen. Merlin, mein Geliebter, musste ich dich hassen, jetzt, wo unsere Liebe gerade erst erblüht war? Wieder ging ein Riss durch mein Herz wie ein scharfes Schwert? Musste ich den bekämpfen, den ich liebte, um meine Aufgabe als Priesterin zu erfüllen? Merlin schien meine Verzweiflung zu spüren. Am Abend, in der großen Halle, als die Ritter des Hofes um die runde Tafel versammelt waren, sang Merlin zur Harfe. Sein Harfenspiel weckte meine Erinnerung an Avalon, bis ich vor Sehnsucht weinte. Er sang ganz alleine für mich. Er sang unsere Liebe, unser Leid, meinen Schmerz darüber, dass ich den Lauf der Welt nicht anzuhalten vermochte. Oh ja, er verstand mich, das fühlte ich jetzt, und dennoch musste er so handeln, wie er es später tat. Unser beider Schicksal war untrennbar miteinander verwoben, und doch musste jeder sein eigenes erfüllen, nach dem Willen der Göttin.

Merlin:
Oh ja, Morgane, ich kann Dich gut verstehen. Auch ich hatte und habe noch immer große Bedenken, was die "neue Religion" betrifft. Doch wir können uns nicht der Entwicklung verschließen. Die Menschen sind der Meinung die alten Götter nicht mehr zu brauchen. Sie sind wie Kinder die sich vom Elternhaus lösen. Sie beginnen zu glauben, dass sie die Krone der Schöpfung sind. Sie beginnen sich ihrer eigenen Natur zu entfremden und es wird sehr lange dauern, bis sie erkennen werden, dass sie die Götter in sich tragen. Doch die alte Welt geht nicht verloren. Tief in unserem Innersten wartet sie auf die Zeit ihrer Wiederkehr. Auch Du, Morgane, wirst es erleben. Nicht in dieser Zeit, nicht in den nächsten tausend Jahren. Wenn jedoch das Wassermannzeitalter aufzieht, wirst Du merken, dass die Menschen Sehnsucht in ihren Herzen spüren werden. Sehnsucht nach einer Rückkehr zu den Wurzeln.

Am nächsten Tag ritt Merlin früh am Morgen fort. Es gab keinen Abschied. Ich aber blieb auf Camelot zurück. Allein. Nein, doch nicht ganz. Merlin hatte jemanden bei sich gehabt, als er nach Camelot gekommen war, jemanden, über den ich noch nicht berichtet habe, einen jungen Mann im Druidengewand. Er war dunkel und klein wie ich. In seinen Augen war Intelligenz und Wachsamkeit, jedoch nicht die gütige Milde Merlins. Er wirkte wie einer, der gewohnt ist, seine Intelligenz als scharfe Waffe einzusetzen. Es war Arthurs und mein Sohn

Gwydion
Sohn des Grossen Ritus, Sohn der Göttin, mit einem Gott zum Vater, sakrosankt. Aber mein Sohn, das einzige Kind, das ich jemals haben sollte. Und sogar das blieb mir versagt. Ich war Frau und lebte dennoch nicht das Leben einer Frau an der Seite eines Mannes. Ich war Priesterin und durfte dennoch nicht bei meinen Schwestern auf der heiligen Insel leben. Ich war Mutter, und vermisste dennoch die Liebe meines Kindes, denn es war mir genommen worden, ehe ich es noch an die Brust hatte legen können. Und nun standen wir einander das erste Mal gegenüber, fremd, unvertraut. Gesittet und höfisch verbeugte sich mein fremder Sohn vor mir, der fremden Priesterin. Der alte Schmerz, ich hatte ihn tief vergraben in meinem Inneren. In diesem Augenblick stieg er aus den Brunnen der Vergangenheit auf wie eine Flut und drohte meine mühsame Beherrschung in einem Augenblick wegzuschwemmen. Mühsam rang ich um meine Fassung. „Herrin“.

In diesem einen Wort lag Ehrerbietung, Unsicherheit, Verwirrung und ein nicht zu überhörender, sarkastischer Unterton. Bewegt stellte ich fest: er war unter all seiner Eloquenz doch nur ein verunsichertes Kind.

Man hatte ihn gleich nach der Geburt einer Amme übergeben, denn ich erholte mich nur langsam von der schwierigen Entbindung und war viel zu schwach, um mich dagegen zur Wehr zu setzen. Später dann hing er mehr an seiner Ziehmutter, und mich banden so viele andere Pflichten als eine der höchsten Priesterinnen Avalons. Immer nur aus der Ferne beobachtete ich seine Fortschritte. Sein erstes Wort aber, seine ersten, wackeligen Schritte, erste Zähne, all die vielen ersten Male in seinem jungen Leben blieben seiner Ziehmutter vorbehalten. Ab seinem achten Lebensjahr aber lebte er auf Mona, und ich sah ihn erst wieder, als er mit Merlin beim Burgtor einritt. Und nun stand mir ein fremder, junger Mann gegenüber, und die verlorene Zeit schob sich wie eine Wand zwischen uns.

Gwydion beobachtete genau, und er bildete sich schnell einen Reim auf das, was er sah. Er war ein Sohn von Mona, der Druideninsel und der Alten Religion. Das war ein Band zwischen uns, denn wir waren wie ein einsames Eiland inmitten eines mächtigen Meeres. Aber, es gefiel mir nicht, was ich in seinen Augen las. Es sprach nicht von einem liebenden Wesen, es war eher ein Zug von Berechnung, und es jagte mir ein Frösteln über die Haut, wenn ich es sah. Er führte ganz offensichtlich etwas im Schilde. War er etwa das Werkzeug der Göttin, da ich mich durch mein Mitgefühl als zu schwach erwiesen hatte? Aber, war die Göttin nicht eine liebende Mutter? Nun, sie konnte auch schrecklich sein, eine Megäre, die ihre Kinder fraß. Und ein weiteres Mal nahm das Schicksal seinen Lauf.

Eines Nachts schreckte ich unvermittelt aus dem Schlaf. Laute Männerstimmen, Waffenlärm, Weinen. Rasch schlüpfte ich in mein Übergewand und lief auf den Gang. Der Lärm kam aus den Räumen der Königin. Und da, im Licht der russenden Fackel, da war Gwenwhyfar, weinend und mit wirrem Haar. Und daneben, blass vor Scham und Pein, Lancelot. Ganz offensichtlich hatte er sich nur ganz notdürftig angekleidet. Die Ritter des Hofes hielten ihn fest, aber, es war ihnen deutlich anzusehen, wie unangenehm ihnen das Ganze war. Lancelot war einer von ihnen, ihr Idol und der geliebte Freund von Arthur, den sie hier in einer eindeutigen Situation aufgegriffen hatten. Nicht aus eigenem Antrieb, nein. Aber es war ihnen nichts anderes übriggeblieben, als Gwydion sie dazu aufgefordert hatte. Gwydion, ja, ich hätte es mir denken können, er hatte seine Chance gefunden und genutzt. Er war der einzige, dessen Miene Triumph und heimliche Freude zeigte. Oh Gwydion, noch heute ist mir, als würde eine Klinge in meinem Herzen umgedreht, wenn ich sein Gesicht damals, in jener Nacht vor mir sehe. Aber, wir alle müssen unser Schicksal erfüllen. Seines war es, der Arm der Dunkelheit zu sein. Später dann sollte ich erfahren, dass auch er nicht leicht an dieser Bürde trug.

Gwenwhyfar wurde in ein Kloster geschickt. Lanzelot verschwand und blieb lange Zeit verschollen. Arthur aber wurde in dieser Nacht grau.

Nun war der Weg frei für meinen Sohn. Er war der einzige, leibliche Nachkomme des Königs. Der König aber ahnte nicht, wen er da an seinem Hof hatte. Für ihn war es der Sohn seiner Schwester. Ich aber rang mit mir. Sollte ich es ihm sagen und ihm damit einen weiteren Schlag versetzen, vielleicht den vernichtenden? Ich brauchte Hilfe und suchte sie in meinem magischen Spiegel, dem Silberbecken aus Avalon. Es zeigte mir dunkle, verworrene Bilder: zwei Männer in königlichem Harnisch, miteinander kämpfend, beide tödlich verwundet. Dann die Heilige Barke von Avalon. Sie trug einen Katafalk. Mit einem Aufschrei des Entsetzens trübte ich die glatte Oberfläche des Wassers im Becken. Dann fiel ich besinnungslos nach hinten. Es war zu schrecklich, was ich gesehen hatte. Ich beschloss, Arthur nichts über Gwydion zu sagen.
Der Gral

Dann kam Merlin wieder. In seiner Begleitung ein hagerer, zerlumpter Mann, Lanzelot. Dennoch, er war immer noch schön, wenn auch sichtlich gealtert. Die beiden Freunde sanken sich bewegt in die Arme. Auch Gwenwhyfar kehrte eines Tages wieder. Arthur hatte ihr vergeben.

Das Pfingstfest stand bevor. Gwenwhyfar gedachte, es als Ersatz für das verbotene Beltane ganz groß zu feiern.

Oh, wie sehnsüchtig hatte ich Merlins Wiederkehr erwartet! Doch wir bekamen wenig Gelegenheit zu ungestörtem Zusammensein. Zuletzt stahlen wir uns unbemerkt hinaus, zu einem Platz, von Dornbüschen umhegt, für eine einzige, kostbare Nacht unter den Sternen. Es sollte unsere letzte sein.

Am nächsten Tag fand der Pfingstgottesdienst in der großen Burgkapelle statt. Erwartungsvolle, festlich gestimmte Menschen füllten den Raum, feierliche Gesänge erklangen und dann... dann... ich meinte, vor Schreck im Boden zu versinken... der Kelch des Abendmahles, oh Große Mutter, ich glaubte es nicht ertragen zu können! Es war der Kelch der Heiligen Mysterien von Avalon, den der Priester den Gläubigen an die Lippen hielt! Ein überirdisches Leuchten ging von ihm aus und von allen, die er berührte. Jeder meinte, vom Wasser des Lebens getrunken zu haben. Wie denn auch anders, es war der Kelch der Wiedergeburt! Wie aber war er hierher gekommen? Er wurde doch in Avalon gehütet! Welch ein schrecklicher Frevel, welch eine Entweihung! Wieso stürzte der Himmel nicht ein, wieso bebte die Erde nicht!? Dann trafen meine Augen Merlins Blick, und mit einem Schlag wurde mir die ganze, unerhörte Wahrheit offenbar. Er war es gewesen. Nur er hatte sich Zugang zur Heiligen Quelle verschaffen können und zur versteckten Nische unter dem Wasserspiegel, wo die vier heiligen, magischen Waffen gehütet wurden: die Lanze, der Gral, der Schild und einst auch das Schwert. Das aber war Arthur gegeben worden, der Avalon ebenfalls verraten hatte. Oh Göttin! Der höchste Druide Britanniens entweihte die heiligen Insignien! Ich musste unverzüglich handeln. Später konnte ich überlegen, wie ich Merlin seiner verdienten Strafe zuführen konnte, jetzt blieb mir keine Zeit. Ich musste es tun, solange die verzauberte Stimmung die versammelte Menge noch gefangen nahm. Sie würden sehen, was sie zu sehen glaubten. Ich atmete tief ein und hüllte mich in den Mantel der Göttin. Dann nahm ich den Kelch vom Altar, wo der Priester ihn zuletzt wieder abgestellt hatte und verbarg ihn schnell unter meinem Gewand. Der Zauber würde nicht lange anhalten. Schon begannen die Stimmen durcheinander zu schwirren. Jeder hatte etwas gesehen: einen Engel Gottes, der den Kelch in den Himmel getragen hatte, ein gleißendes Licht, in dem der Gral sich aufgelöst hatte, den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube, die den Kelch im Schnabel weggetragen hatte, die Jungfrau Maria. Jedenfalls, der Gral war entrückt worden, er war und blieb verschwunden.


Ende Teil IV


Morgane
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