WurzelWerk´s
Morganes Erinnerungen   Teil III
Dies ist die Geschichte der vier heiligen Insignien der Alten Religion:
das Schwert der klaren Unterscheidung,
der Kelch der Wiedergeburt, auch der Heilige Gral genannt,
die Lanze des Lichtes,
der Schild der Standhaftigkeit.

Kap. 2: Gwynwhyfar
Es dauerte lange, bis Arthur von allen Königen als Großkönig anerkannt wurde. Viele von ihnen hätten es vorgezogen, das Machtvakuum nach Uthers Tod zu nützen, um ihre eigenen Herrschaftsinteressen zu festigen. Schließlich aber huldigten sie alle dem neuen Pendragon. Und das war keinen Tag zu früh, denn die Sachsen warteten nicht mit ihren Eroberungszügen, bis Britannien sich auf einen neuen Großkönig geeinigt hatte, ganz im Gegenteil. Schließlich aber überzeugte Arthur sie alle, indem er die Sachsen vernichtend schlug und als strahlender Sieger auf Burg Caerleon einzog. Und doch wussten es alle. Dies war nicht das letzte Gefecht, nein, wohl eher erst der Auftakt. Vorerst aber strahlte die Sonne des neuen Herrschers hell, und alle künftigen Kämpfe lagen im Schatten einer noch ungeformten Zukunft. Noch.

In alter Zeit war der König der Kriegsherr der Königin, der eigentlichen Herrscherin. Sie war das Land, und er behütete es mit seinem Leben. So war es beim Alten Volk, und so war es auch noch damals, obwohl der Wind der Veränderung kräftig blies in jenen Tagen. Arthur musste heiraten, um rechtmäßiger König zu sein. Man suchte und fand eine Frau für ihn. Es war die Tochter eines seiner Lehnsherren. Gwynwhyfar. Oh, sie war schön! Es war eine Schönheit, wie sie damals in adeligen Kreisen bevorzugt wurde. Gwynwhyfar war ein blasses, ätherisches Geschöpf, silberblond, blauäugig, groß und überschlank und natürlich im Kloster erzogen, was bedeutet: vorbildlich erzogen. Adelige Frauen brauchten damals nur ihr Gebetbuch lesen können, dann natürlich, spinnen, weben, sticken und dem Eheherrn eine unterwürfige Dienerin zu sein. Nun, es darf nicht wundern, dass ich am Hofe immer mit Argwohn betrachtet wurde. War ich doch so konträr zu Arthurs Königin! Sie wussten mich nicht einzuordnen. Klein und dunkel, wie alle vom Alten Volk, brachte ich schon äußerlich meine Andersartigkeit zum Ausdruck. Sie fürchteten mein Wissen und nannten es Magie. Natürlich war ich wohlunterrichtet in den magischen Fähigkeiten, aber das durfte ich nicht offen zeigen. Wohl schützte mich meine Stellung als Schwester des Königs, aber allzu sehr durfte ich mich auf diese trügerische Sicherheit nicht verlassen. Einen Trumpf aber behielt ich noch in der Hinterhand: das Geheimnis des Krönungsrituales. Arthur hatte mich damals nicht erkannt unter dem Schleier der Priesterin. Im Hain aber war es dunkel gewesen. Auch waren wir ja getrennt aufgewachsen. Dieses Wissen gedachte ich für den äußersten Notfall aufzubewahren, wie einen vergrabenen Schatz. Ob Arthur diese Wahrheit noch aufnehmen würde, wie einer der alten Könige, die diese Dinge heilig gehalten hatten? Ich fürchtete das Gegenteil. Die Welt änderte sich, und sie änderte sich schnell, und die Änderung schien unwiderruflich. Ich gehörte nicht mehr wirklich dazu, ich und die Welt von Avalon. Ich war vom Alten Volk. Ich war nicht mehr ganz von dieser Welt. Oh, hätte ich doch nur vermocht, die Zeit anzuhalten! Aber damals und erst recht heute weiß ich, dass dieser Wunsch unerfüllbar ist. Ich triftete ab aus ihrer Welt, ein wenig nur, aber, es genügte, um Sagen und Legenden zu nähren. So wurde ich zu Morgane, der Fee.

Aber, zurück zu Gwenwhyfar, der Königin. Arthur liebte sie vom ersten Augenblick an. Und sie? Gerne hätte ich von einer großen, unsterblichen Liebe berichtet, König und Königin, menschliche Abbilder von Gott und Göttin, die in immerwährender, geheiligter Verbindung, das Land zum Blühen brachten. Aber, kein heller König ohne seinen dunklen Gegenspieler. Und da ist er schon: Lanzelot, der dunkle Zwilling, Herr des absteigenden Jahres, mit der zwielichtigen Schönheit der Schattenwelt, unvermeidlich, schicksalhaft. Alles, was der Tagwelt angehörte an Gwynhwyfar hing mit unverbrüchlicher Treue an ihrem lichtvollen Gemahl. Aber, da war noch eine andere Gwynwhyfar, sinnlich, leidenschaftlich, erregbar. Sie war Lanzelot bereits verfallen, als er noch gar nicht in ihr Leben getreten war. Es war bloß eine Frage der Zeit. Aber was ist schon Zeit?

In alter Zeit wählte die Frau den Mann, und niemand dachte daran, sie zu zwingen. Leidenschaft und Sinnenlust gehörten zu ihren Attributen, denn sie trug das Gesicht der mächtigen Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit. Damals aber durfte eine Frau nur mehr das Gesicht der einzigen Göttin tragen, die den Christen erlaubt war, der Jungfrau Maria. All die machtvollen, lebensspendenden Züge der Grossen Mutter wurden ins Dunkel verbannt. Dennoch aber waren sie da, auch in Gwynwhyfar. Die Grosse Göttin rächte sich für ihre Verbannung, und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Königin schien unfruchtbar zu sein. Sie gebar dem König keinen Thronfolger. Sie blühte an Arthurs Hof, wie eine liebliche Blume. Was aber ist das Schicksal der Blüte? Sie bringt die Frucht hervor, wenn der Sommer vergeht.
Arme Gwynhwyfar! Wieder ging ein Riss durch mein Herz. Ich hasste sie gleichwie sie mich dauerte. Sie war dem König gegeben worden wie ein Ding, ein Zubehör zur reichen Mitgift, Pferden zur Kriegsführung. Sie waren es, die wirklich zählten und nicht das blasse, zarte Mädchen, noch kaum dem Kindesalter entwachsen. Niemand dachte auch nur im Entferntesten daran, zu fragen, was sie wollte, fühlte und erhoffte. Sie hatte dem König einen männlichen Erben zu gebären und darüber hinaus fügsam, sittsam, arbeitsam und schön zu sein. Und nun? Jahr um Jahr verging. Die Königin blieb schön. Sie war fügsam und arbeitsam. Sittsam, nun ja, keinem blieben wohl die sehnsuchtsvollen Blicke verborgen, mit welchen sie Arthurs Reiterhauptmann bedachte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte. Trotzdem, ja, sie war sittsam, vorerst jedenfalls, wenn man von ihrer heimlichen Leidenschaft für Lanzelot absieht... und für das Christentum. Arthur hätte sie verstoßen können, da sie ihm keinen Thronerben gebar. Aber er tat es nicht. Er liebte und ehrte sie unbeirrbar. Sie aber trieb ihn den Christenpriestern in die Arme. Wie? Wodurch? Sie wusste vom Krönungsritual, wenn auch nicht, wer für Arthur damals die Göttin gewesen war. Nichtsdestotrotz hielt sie es für Sünde, Sünde, die Schuld trug für ihre Unfruchtbarkeit. Und Arthur? Oh, Grosse Mutter, dieser Tor, er tat es ihr zuliebe, vielleicht aber auch nur, um Ruhe zu haben, schon möglich. Er schwor dem Alten Glauben ab und ließ sich taufen, und ich konnte es nicht verhindern! Ich hatte versagt und zugelassen, dass die Grosse Göttin wieder ein Stück ihrer Macht verlor.

Und ich sah, sah das Muster des Schicksals sich verschlingen, sah das Unabwendbare und versuchte, es abzuwenden, versuchte, ein Muster nach meinem und Avalons Entwurf zu gestalten. Und trotzdem, oder gerade deshalb zog sich der Knoten enger, mit jeder Stunde, mit jedem Tag, unabwendbar, schicksalhaft. Wer konnte mir raten, wer die schwere Last von meinen Schultern nehmen? Avalon war weit und gehörte bereits einer anderen Sphäre an. Da kam er,

Merlin
Ich erkannte ihn wieder, obgleich er gealtert war seit damals, als ich ihn als kleines Mädchen das erste Mal gesehen hatte. Und mit einem Male verstand ich Gwenhwyfar. Denn nun war mir das Gleiche wie ihr geschehen. Ich liebte einen Mann vom ersten Augenblick an, ohne Wenn und Aber, ohne jede Chance zur Gegenwehr. In seinen Zügen mischten sich Abgeklärtheit und Leidenschaft auf eine Weise, die mein Herz im tiefsten Zentrum trafen. Wohl zeigten Haar und Bart die ersten grauen Strähnen, und dennoch wirkte er alterslos, Greis und Jüngling gleichermaßen. Er war von Arthur gerufen worden, um seine neu erbaute Burg Camelot zu weihen. Dies eine Mal hatte Arthus sich noch gegen Gwenwhyfar durchgesetzt, weiß die Göttin, warum. Zuletzt hatte er ihr um des lieben Friedens willen noch zugestanden, dass auch der Burggeistliche seinen Teil dazutun durfte, die Weihung der Burgkapelle.

Merlin kam am letzten Apriltag, rechtzeitig zum Beltanefest. Nicht, dass dieses alte Fest auf der Burg Camelot noch gefeiert werden durfte, dafür hatte die Königin gesorgt. Aber draußen, außerhalb der Burgmauern wurden ohne jede Scheu die Scheiterhaufen aufgeschichtet. Das Volk verlangte nach den Riten der Alten Religion, um die Fruchtbarkeit von Herden, Land und Frauen zu sichern. Und sie sollten nicht enttäuscht werden, dafür würden Merlin und ich sorgen! Oh ja, ich war Priesterin und wohl geschult in allen Einzelheiten dieser Riten, aber unter meiner unbewegten Miene zitterte ich vor Verlangen, denn ich wusste wohl, wer in dieser Nacht das Gesicht des Gottes für mich tragen würde! Mein Verlangen wuchs fast ins Unerträgliche. Ob er mich wohl auch begehrte, wie ich ihn?

Und dann wurden die Feuer entzündet. Hört ihr die Trommeln, die Flöten und den Gesang? Seht, wie sie tanzen, den Spiraltanz des Lebens, wild und ausgelassen! Kommt näher, mischt euch unter die Tanzenden, nehmt Teil an ihrer Lebenslust!
Der uralte und ewig neue Ritus der Hochzeit von Himmel und Erde, die Vereinigung von Gott und Göttin, vollzog sich unter dem ehrfürchtigen Schweigen des Volkes. Ich war die jungfräuliche Erde und wartete erschauernd auf meine Erweckung zu Leben und Fruchtbarkeit. Das Leben konnte weitergehen, das Rad sich ein weiteres Mal drehen. Ich hob die Arme und sang den uralten Segen zur Erneuerung des Lebens, während die Kraft von Himmel und Erde, von Sonne und Mond durch mich hindurchfloss:

Bei der Erde, die mein Leib ist,
Bei den Wassern, die mein Blut sind,
Beim Wind, der mein Atem ist
Und beim Feuer meiner Liebe:

Gesegnet seien
die Wälder und die Seen,
die grünenden Auen,
die Herden, die Felder,
die Leiber der Frauen.
Möge das Rad des Lebens
Sich ewig weiter dreh’n!

Dann aber, später, als immer mehr Paare sich im Schein der Feuer fanden, waren wir nur mehr Frau und Mann, Liebende.



Ende Teil III


Morgane
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