WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Weihnachten an der Grenze   Teil II
„Oh please, don’t call the polize! It was so difficult for my wife and me, to come in this land, and my wife is going to have a baby, you understand? They took all our money for bring us here. We can’t go back, we can’t!"
Jetzt schaut Papa verunsichert. Er versteht wohl keine Ungeheuersprache aus dem anderen Land hinter der Grenze. Oma schaltet sich ein. Sie legt dem verängstigten Ungeheuer die Hand auf die Schulter und - ja ist denn das möglich! Sie sagt etwas zu ihm in der selben Sprache!
„Don’t fear! You can rest in our house this night. But tomorrow, where will you go?"
Der Mann entspannt sich sichtlich. Dann sagt er:
„There is my brother and his wife and children in Vienna. We want to go to Vienna for staying with them. They are waiting for us.“

Grossmutter übersetzt Papa und den Anderen seine Ungeheuerlichkeiten. Grosse Aufregung, alle reden durcheinander. Sophie versteht nicht viel, nur das Eine: die Erwachsenen haben Angst. Komisch, hier haben alle Angst, die Ungeheuer, die Grosseltern, die Eltern. Vor wem? Ah, vor der Polizei, aha. Sophie hört immer nur:.. verboten, es ist gegen das Gesetz, man wird dafür bestraft, muss vielleicht sogar ins Gefängnis! Noch etwas schnappt Sophie aus dem allgemeinen Stimmengewirr auf: die Frau bekommt ein Baby, bald, sehr bald, vielleicht noch heute, sie krümmt sich immer wieder und hat Schmerzen, das sieht man.
Auf einmal fällt es Sophie wie Schuppen von den Augen. In der Kirche, bevor sie hierher gefahren waren, bei der Adventfeier, da hat es der Herr Pfarrer gesagt, aber Sophie hat nicht gewusst, was er damit meint. Wie war das bloss? Ach ja, das Jesuskind wird immer wieder geboren, bei jedem von uns, so hat er gesagt, ja, jetzt hat sie verstanden!...

Nachdrücklich zupft die Kleine an Omas Kleid, immer wieder, bis diese endlich aufmerksam wird. Sie zerrt die widerstrebende Oma in die Küche, um ihr ihre aufregende Erkenntnis mitzuteilen.
„Oma!", schreit sie aufgeregt, “Das Jesuskind! Ihr dürft sie nicht der Polizei geben, es sind doch keine Ungeheuer, sie kriegen das Jesuskind!“ Oma sieht Sophie mit einem dieser typischen, besorgten Omablicke an, die zu sagen scheinen: „Kind, bist du krank?“ Nach so einem Blick gibt es meistens Kamillentee und eine Wärmeflasche. Diesmal nicht. Sophie bekommt noch einmal die Gelegenheit, ihr Anliegen vorzubringen.
„Das sind Maria und Joseph, und sie haben keine Unkunft, und keiner will sie haben, und dann kommt das Jesuskind, und dann wollen es alle haben, aber, jetzt ist es zu spät! Da nützt kein Weinrauch und kein Gold mehr, auch keine Schmiere.“
Endlich versteht Oma. Sie umarmt ihre kleine Enkelin zärtlich. Dann sagt sie: „Weihrauch und Myrrhe, meinst du wohl, du kleine Neunmalkluge. Ja, aber wir dürfen das nicht, es ist doch verboten.“ Sophie denkt nach. In ihren kindlichen Zügen arbeitet es sichtlich. Dann aber fragt sie, und ihre Augen sind wie klare, tiefe Seen:
„Oma, wem muss man mehr folgen, der Polizei oder dem lieben Gott?“
Schachmatt. Vor dieser tiefphilosophischen Frage versagen alle Ausflüchte.

Grossmutter Waldner nimmt ihre Enkelin an der Hand, führt sie in die Stube, die immer noch vom Palaver summt, wie ein aufgeregter Bienenstock. Mit einem Mal strahlt sie Würde und Autorität aus, Magna Mater in Person. Die Blicke richten sich unaufgefordert auf die alte Frau.
„Ruhe! Seid still!“, sagt sie gebietend. Dann, und dabei blickt sie zärtlich auf Sophie: „Unsere Kleine hier hat mir die Augen geöffnet, sie weiss, was hier vorgeht, nicht wahr Sophie?... Die Beiden bleiben heute hier. Sie sind hungrig, durchfroren und todmüde. Morgen werden wir dann weitersehen.Basta.“
„Aber Mutter!... Und wenn es Komplikationen gibt?... Und wenn es jemand erfährt?“
„Ja, schon möglich. Aber verdammt, heute ist Weihnachten, da wäre ein kleines Wunder doch völlig angebracht, meine ich.“
Damit ist die Entscheidung gefallen. Das übliche Prozedere des Heiligen Abends fällt heute aus. Wohl brennen die Lichter am Baum, wohl wird die Weihnachtsgans serviert, wohl auch ein oder das andere Geschenk überreicht, aber es ist all das nicht so furchtbar wichtig, denn, das Jesuskind wird geboren. Hier, im letzten Zipfel unseres Landes, hier, inmitten wohlversorgter, in Sicherheit lebender Menschen, von einer Frau, die gerade eben ihr nacktes Leben hierher gerettet hat. Mit diesem Kind aber erblüht die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass einmal alle Menschen in Sicherheit und Frieden leben werden können. Die Hoffnung darauf, dass eines Tages Grenzen nichts Anderes mehr bedeuten werden, als eine ferne Erinnerung, weil es keine Angst mehr gibt, weil wir uns einander voll Vertrauen öffnen können.

Als der Morgen anbricht, ertönt lautes, kräftiges Babygeschrei in dem kleinen Häuschen, und der Weihnachtsstern erstrahlt. Nicht am Himmel, nein, er leuchtet auf in den Augen der beiden Flüchtlinge und auch in den Augen derer, die ihnen Herberge geboten haben.
Und dieses Licht vergeht nicht.


Morgane
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