WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dass die Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Weihnachten an der Grenze
Tradition in der Familie Waldner, das Weihnachtsfest auf dem Land zu feiern., genauer gesagt, in einem entlegenen Winkel unseres Landes, dicht an der Grenze, wo die Grosseltern ein kleines, gemütliches Häuschen bewohnten. Es stand ganz einsam inmitten von Wald, Heide und Moorwiesen, wo, wie man Abgeschiedenheit bei uns gerne ausdrückt, einander Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Grossvater Waldner liebte es deftiger. Er meinte oft, dass die Hunde bei ihnen mit dem Hinterteil zu bellen pflegten, wobei er ein wesentlich saftigeres Wort benutzte. Mutter Waldner blickte dann immer betont vorwurfsvoll, besonders, wenn klein Sophie im Raum war, das einzige, sehr behütete Kind der Waldners. Sophie war gerade fünf und ging noch in den Kindergarten, aber schon in die „grosse Gruppe“, wie sie mit wichtiger Miene immer betonte, wenn die Sprache darauf kam. Urlaub bei den Grosseltern war unbedingter Höhepunkt in ihrem Jahresablauf, auch, wenn die Eltern gerne und oft in die Ferne reisten. Sophie wurde in diesen Wochen dann immer den Grosseltern zur Betreuung überlassen. Die nahmen sich immer viel Zeit für das kleine Mädchen. Zeit war das, wovon sie wirklich reichlich besassen. Im Sommer ging Grossmutter mit Sophie Beeren und Pilze suchen, erzählte aufregende Geschichten. ausserdem war sie eine richtige Kräuterhexe. Grossvater nahm sie gerne auf seine Gänge ins Dorf mit, zum Einkaufen, zur Post und auch manchmal ins Wirtshaus. Sophie bekam dann immer ein Eis spendiert. Weihnachten aber übertraf all dies. Hier gab es so gut wie immer Schnee, auch, wenn in der grossen Stadt kein Stäubchen davon zu sehen war. Nachts glitzerte und funkelte der Schnee im Mondenschein wie Sternensplitter, die zur Erde gefallen waren. Und dann gab es da noch etwas. Früher, als Sophie noch „klein“ gewesen war, war dieses Wort ohne jede Bedeutung für sie gewesen. Heuer aber, zum ersten Mal, wollte sie wissen, was es bedeutete, das Wort Grenze. Das Haus der Grosseltern stand so nahe an dieser ominösen Grenze, dass seine Rückwand mit ihr gleich verlief.

Es ist der frühe Nachmittag des Weihnachtsabends. Familie Waldner ist sehr beschäftigt: Vater Waldner stellt den Christbaum auf, Mutter Waldner hilft Grossmutter bei der Bereitung der Weihnachtsgans, Grossvater hantiert geheimnisvoll im Dachzimmer, Sophie hüpft aufgeregt dazwischen herum und ist allen im Weg. Alles ist ganz normal, wie es sich gehört. Mama und Oma unterhalten sich in der Küche. Dabei schnappt klein Sophie etwas von ihrem Gespräch auf, ein neues, noch unbekanntes Wort:
„Mama, was ist eine Grenze. Wie schaut sie aus?“
Mama, leicht irritiert: „Na ja, da hört unser Land auf.“ Darauf Sophie:
„Und was kommt dann?“
Mama: „Ein anderes Land.“
Sophie: „So eins mit Löwen und Elefanten, gelt, so wie dort, wo ihr wart?“
Mama erheitert: „Nein, nicht so“.
„Wie, wie ist das Land aber dann. Wie anders, Mama? Wohnen dort auch Menschen, Neger vielleicht? Ich kenne Neger, weil in meinem Bilderbuch...“
Mutter Waldner unterbricht, wobei ein belustigter und auch ein leicht genervter Unterton nicht zu überhören ist.
„Man sagt nicht Neger, Kind, das heisst ‘Schwarze... Und nein, dort leben keine Schwarzen.“
„Dann vielleicht Braune?“
„Kind, jetzt ist aber Schluss mit der Fragerei, das geht ja ins Unendliche. Drüben sehen die Leute auch nicht viel anders aus, als bei uns, nur sprechen sie eine ander Sprache.“
„Na gut, morgen gehe ich das andere Land anschauen und die Leute, und wie es hinter der Grenze ausschaut:“
Da schaltet sich die Grossmutter ein. Gütig lächelnd erklärt sie:
„ Daraus wird leider nichts, meine Kleine, da darf man nämlich nicht hinüber.“
Jetzt ist Sophie völlig aufgeregt. Mit grossen Augen fragt sie:
„Warum nicht?
„Ja, ähh, also... damit da keine bösen Menschen herüber kommen können...“
„Ah so, da wohnen die Bösen, die Hexen und die Zauberer und die Ungeheuer. Uuhhh, gleich neben uns, Oma! Fürchtest du dich nicht?“
„Nein, die Grenzgendarmen passen auf, dass niemand herüberkommt.“
Jetzt wirkt auch die geduldige Grossmutter schon einigermassen überfordert. Wie soll sie der Kleinen denn nur die komplexe Problematik zwischenstaatlicher Angelegenheiten erklären? Eigentlich versteht sie es selbst nicht so genau, das mit den Grenzen, irgendwie imaginär, das Ganze, puh! Deshalb endet dieses Gespräch mit einer Floskel, die sie so nie, niemals anwenden wollte:
„Das verstehst du erst, wenn du grösser bist.“

Das ist das Signal für: Ende der Unterhaltung. Aber in Sophies Köpfchen arbeitet es sichtlich. Wenn Oma und Mama nicht so beschäftigt wären, fiele es ihnen auf. Ungeheuer mit gefletschten Zähnen, finstere Gestalten und Monster rücken plötzlich in bedrohliche Nähe des einst so sicher geglaubten Refugiums. Aber, die Grenzgendarmen passen auf, das beruhigt die Kleine wieder ein wenig. Grenzgendarmen kennt sie, vom Wirtshaus, einen zumindest, einen freundlichen, wenig furchteinflössender Mann, der ihr schon einmal ein Eis spendiert hat. Und so ein Held, wer hätte das gedacht!
Später dann erklärt sich Opa bereit, mit Sophie zur Wahrung der christkindlichen Geheimnisses einen Spaziergang zu unternehmen. Fest eingepackt, bis sie wie eine russische Puppe aussieht, stapft sie mit Opa auf dem Grenzweg dahin. Der weist seine Enkelin scherzhaft darauf hin, dass sie jetzt mit einem Fuss in Österreich, mit dem anderen in der Tschechei spaziere. Erstaunt und ein wenig ängstlich blickt sich Sophie um: keine Monster weit und breit!

„Erzähl mir was aus dem Kindergarten“, fordert Opa sie auf, um sie ein wenig abzulenken. Sophie hat heuer das erste Mal bei einem Krippenspiel mitgemacht, als Engel, im weissen Nachthemd und mit richtigen Federn als Flügel. Das erzählt sie stolz dem Opa und auch, dass die Eltern vom Christkind keine Wohnung finden konnten, weil alle geglaubt hatten, sie seien nur so arme Bettler und nicht die Eltern vom Jesuskind.
Plötzlich bleibt Opa wie erstarrt stehen. Er legt den Finger auf den Mund: „Psst, still!“ bedeutet er dem kleinen Mädchen. Oh je! Jetzt passiert es! Jetzt kommt doch irgendwas Böses über die Grenze. Wahrscheinlich muss der Grenzgendarm heute auch den Christbaum schmücken und hat keine Zeit zur Monsterbekämpfung! Sophie hat schreckliche Angst. Sie ist ganz starr vor Furcht. Es ist ja auch schon fast finster, Monsterzeit! Opa schlüpft in das Dickicht. Er will sie sicherlich beschützen und das Ungeheuer verjagen! Ja, da, er hat es schon gefasst, er hat es am Arm und hält es fest! Aber... das ist... das sind... .zwei... keine Ungeheuer, böse Menschen vielleicht? Aber böse Menschen haben doch keine Angst, sie sind ganz wild und fürchterlich! Dies hier aber sind zwei ganz gewöhnliche Menschen, ein Mann und eine Frau, und sie fürchten sich. Die Frau weint ja! „Lauf schnell, hol Papa, er soll sein Handy mitnehmen!“ schreit Opa aufgeregt, und benutzt ein unbekanntes Wort: Illergalle oder Iligale oder so, wahrscheinlich ein Erwachsenenwort für Ungeheuer! Papa kommt, Oma hintendrein. Papa drückt aufgeregt auf dem Handy herum, verdammt, kein Netz in dem Kaff! Oma beschwichtigt. Sie führt die beiden Ungeheuer ins Haus. Jetzt kann Sophie sie richtig betrachten. Das eine ist eine Frau mit dunklen Haaren. Und sie ist sehr dick, aber nur um die Mitte, sonst ist sie ganz dünn, komisch. Papa hat die Situation im Griff. Er versucht, mit den Beiden zu sprechen:
„Du Flüchtling? Über Grenze ohne Papiere? fragt er streng. Ich müssen rufen Polizia, du verstehen?“ Der Fremde spricht anscheinend kein Deutsch, aber er hat genug verstanden. Angstvoll antwortet er:


Ende Teil I


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