WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Der Baum des Lebens   Teil I
Schließt eure Augen und reist mit mir zurück durch die Zeit, weit zurück ins goldene Land der Sommersterne, als die Menschen sich noch Kinder der Mutter nannten.
Denn war die Erde nicht eine Mutter? Gab sie ihnen nicht ihren Leib, nährte ihn, hielt ihn am Leben, um ihn am Ende wieder zu sich zu nehmen? Sie verstanden die Botschaft der Blumen, der Sprache des Laubes und der Gräser. Sie alle starben im Herbst, aber im Frühling kehrten sie wieder, neu, erfrischt und lebendig. Sie verstanden auch die Sprache ihrer Brüder, der Tiere, die voller Liebe ihre Leiber mit den Leibern ihrer menschlichen Geschwister vermischten, um sie am Leben zu erhalten. Damals gab es noch keine Worte für Besitz und Krieg.

Weit hinten, am Ende eines Talkessels erhoben sich bewaldete Bergkuppen aus dem Flusstal. Auf dem Höchsten von ihnen wohnte eine mächtige Königin. Sie war taufrisch wie das junge Gras, wenn der Schnee des Winters schmolz. Sie war blühend und üppig in ihrer sommerlichen Schönheit, wenn sie Hochzeit hielt mit ihrem Gefährten, dem Herren des Waldes. Sie schimmerte zart und melancholisch in den Nebeln des Herbstes, und sie hüllte sich in eisiges Schweigen, wenn die Winterstürme durch den Talkessel fegten wie heulende Wölfe. Sie hob gebietend ihre Hände, und die Sonne erschien am Morgen. Der magische Klang ihrer Stimme ließ den Mond schwinden und vergehen. Wenn sie tanzte, füllten sich Flüsse und Bäche mit lebensspendendem Wasser. Wenn sie aber einen ihrer schrillen Schreie hören ließ, dann rüsteten die Alten und Kranken sich, um heimzukehren ins Innere des Berges, ihren Palast. Das kleine, dunkelhaarige Volk im Tal gedieh und ehrte seine Königin, welche unter den Menschen „Perahta“, die Strahlende hieß, und es gedieh der Baum des Lebens, der in dem Tal seine mächtigen Zweige breitete.
Das hätte so sein können bis heute, aber, die Zeiten ändern sich und die Gedanken der Menschen. Eines Tages entdeckte ein fremdes Volk das stille Tal, groß gewachsen, hellhaarig und hellhäutig und... angeführt von einem König. Seine Männer trugen Speere und seltsame, große Schüsseln vor dem Leib. Verblüffung und Belustigung machten sich breit unter den Bewohnern des Tales. Die Fremden mussten doch alles verschütten, wenn sie die Schüsseln so trugen, wie sie es taten! Aber des Staunens war kein Ende, denn der Anführer wollte doch allen Ernstes wissen, wem dieses Tal gehörte! „Gehört“, ein äußerst seltsames Wort, das keiner von ihnen je „gehört“ hatte.
„Meinst du das Zwitschern der Vögel, das Murmeln des Baches, das Rauschen des Windes oder den Gesang unserer Königin, wenn sie den vollen Mond heraufruft aus dem Dunkel hinter den Bergen?“, fragten sie erstaunt. Aber der fremde König meinte etwas ganz anderes mit diesem Wort, das wurde ihnen bald klar. Er beanspruchte die Weidegründe für seine Herde, ja, er beanspruchte auch die Herde des Volkes, seine Feuerstellen, seine Speere, ja, sogar seine Töchter für sich! Dabei wäre im Tal doch Raum und Nahrung für sie alle gewesen! Zuletzt verbot er die Dankgeschenke, die Lieder und Tänze zu Ehren von Perahta, der Mächtigen der Berge. Er ließ aus dem Baum des Lebens ein Bildnis zuhauen, das ihm erstaunlich ähnlich war und behauptete, dies sei jetzt ihr Gott. Wieder ein solch seltsam unverständliches Wort! Das kleine Volk klagte und trauerte, aber das nützte nichts, die Großgewachsenen hatten Waffen und Schilde und wussten sie auch zu gebrauchen.
Die Königin sang immer noch, sie tanzte und gebot dem Mond und den Sternen, wenn auch die Menschen diese Wunder jetzt dem neuen, kriegerischen Gott zuschrieben. Nach und nach verlernten sie auch die Sprache der Tiere und der Blumen. Dafür aber lernten sie ein neues Wort: Ich. Dieses Ich war ein mächtiges Zauberwort. Es schied die Menschen von den Dingen. Es setzte die Menschen über die Dinge. Es gebot den Dingen, den Ich s zu dienen. Traurig und vergessen zog sich die einst mächtige Perahta ins Innere der Berge zurück. Der Baum des Lebens verlor langsam ein Blatt nach dem anderen. Das ging langsam, so dass die Menschen es noch nicht merkten. Die aber hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie sie nicht mehr verehrten. Sicher war sie sehr zornig und trug ihnen ihren Verrat nach. Man musste sich hüten vor ihr! War sie nicht fürchterlich in ihrem Wüten? Raste sie nicht vor Zorn in den rauhen Stürmen der langen Nächte um die Wintersonnenwende? Verheerte sie nicht mit Eis und Schneemassen das stille Tal, strafte seine Bewohner mit Hunger und Kälte, hatte vielleicht am Ende gar die Sonne verschluckt? Die Menschen schnitzten wilde Fratzen und tanzten damit lärmend ums Feuer: „Ha, dir werden wir’s zeigen, du hässliche alte Vettel, wir fürchten uns gar nicht, sieh nur her! Wir vertreiben deinen Schrecken und jagen dir Furcht ein. Vielleicht spuckst du vor lauter Schreck ja die Sonne wieder aus, und es wird Frühling!“


Ende Teil I


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