WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Das Agnesbrünnl   Teil II
Und so bleibt Agnes allein, allein bei Bäumen, Wind und Quellen. Alleine aber ist eine wie sie niemals. Zu sehr ist sie in allem, was sie umgibt, und alles ist in ihr. Ihr menschlicher Anteil, ihr väterliches Erbteil aber verlangt nach anderen Menschen, nach einem anderen Menschen, nach Karl und grämt sich.

Jahre vergehen. Keine Kunde von Karl dringt in das abgeschiedene Waldrefugium. Dann aber ist er eines Tages wieder da. „Karl!“ Überströmend vor Freude und Glück wirft sich Agnes dem Wiedergekehrten an die Brust. Diese ist breiter geworden, kräftig und hart seine Arme, die er um Agnes legt, kostbar sein Gewand. „Agnes, liebe Agnes!“ sagt er zärtlich. Seine Augen aber sprechen nicht die Sprache des Glückes und der wiedergefundenen Liebe. Seltsam unruhig sind sie und ausweichend ihr Blick. Still entlässt Agnes Karl aus ihrer Umarmung. Sie weiss die Botschaft seines Blickes richtig zu deuten. Sie heißt: „Ich bin wohl wiedergekehrt, aber nicht zu dir und unserer Liebe. Eine andere wohnt jetzt in meinem Herzen, eine Schöne und Stolze, eine von meiner Art. Was einmal war, Zeit der Kindheit und Unschuld im Wald, ist vorbei. Mein Leben ist jetzt da draußen.“ Er ist gekommen, um Eltern und Ziehschwester zu sich zu holen, in seinen prächtigen Palast. Den hat er sich erworben durch Tapferkeit im Kampf gegen die Türken. Er ist jetzt ein Adeliger, und seine Familie soll sein Glück mit ihm teilen. Eltern wissen sich gar nicht zu fassen. So soll nun Reichtum bei ihnen einkehren, nach all den Jahren harter Arbeit und karger Kost? Aber die Stadt, mit all dem Trubel und den vielen, gedrängt wohnenden Menschen! Wie sollen sie beiden Alten sich dort noch eingewöhnen? „Nein, lieber Sohn, wir freuen uns für dich, dass du dein Glück gemacht hast. Unser Platz aber ist hier, du verzeihst wohl? Aber Agnes ist noch jung. Sicher findest du einen reichen und freundlichen Mann für sie in der Stadt. Sie soll mit dir gehen. Agnes?“ Wo ist Agnes denn nur? Leise hat sie das Haus verlassen. All die Jahre hat sie immer noch gehofft, nun aber ist all ihre Hoffnung gestorben. Jetzt will auch sie sterben. Wie aber stirbt eine aus der Familie der Feen? Ihr Wesen löst sich auf in Wind und Blätterrauschen, in Mondenlicht und Quellenmurmeln, in Vogelgesang und Grillengezirp. Auch ihre Liebe stirbt nicht. Sie nährt die Erde, das Wasser, den Wind...und alle Menschen, die still an diesem Platz verharren, an dem Platz, an welchem die Quelle noch heute sprudelt, dem Agnesbrünnl.

„He, ist ja irre, ich bin anscheinend eingeschlafen! Agi? He, Agi, was is’n los mit dir, bist ja auch ganz weggetreten! Irgendwas hab’ ich auch geträumt... seltsame Geschichte, ich kann es gar nicht mehr richtig auf die Reihe kriegen... irgendwas mit Türkenkrieg. Erst war ich ein Köhlerjunge hier im Wald und dann ein reicher Macker. Komisch, muss der Platz hier sein, der hat was Eigenes, findest du nicht auch? Agi, hast du deine Zunge verschluckt? Sag doch was!“
Schweigen. Lange kann Agi nichts sagen. Dann wendet sie sich Karl zu und greift nach ihrem Medaillon. Mühsam sucht sie nach Worten:

„Bin ich in deinem Traum auch vorgekommen, Karl?“

„Ja, du warst... warte mal, ja, ich erinnere mich, du warst meine Ziehschwester und dieses Medaillon... Agi!“

„Ich weiss, ich hatte den gleichen Traum. Du bist in den Türkenkrieg gezogen und hast mich dann vergessen. Dann hast du eine andere geheiratet und ich bin gestorben vor lauter Trauer. Seltsam, ich spüre das Gefühl jetzt noch ganz deutlich... Und die Gestalt, so eine Art Fee oder was, die hat mir im Traum das Medaillon gegeben. Sehr verworrene Geschichte, wenn du mich fragst. Aber, dass wir beide diesen Traum geträumt haben, schon komisch, nicht? Aber, wenn ich ehrlich bin, irgendwie hab’ ich immer schon so eine seltsame Verbundenheit gespürt mit Wald und Bäumen und so. Na ja, wird Zeit, dass wir gehen. Es wird sicher bald dunkel. Ich hätte nie geglaubt, dass wir so lange hier gewesen sind!“
Leise plätschert das Brünnl, als wollte es den beiden Liebenden noch etwas Wichtiges sagen. Ein golden gefärbtes Herbstblatt schwebt wie ein Abschiedsgruss von der mächtigen Buche herab und dreht sich im Strahl der Quelle langsam im Kreis. Agi greift danach und steckt es in ihre Brieftasche, als Andenken an diesen Tag.

Sie sollte dieses Andenken all die kommenden Jahre in Ehren halten. Irgendwie schien dieses unscheinbare Blatt eine unerklärliche Kraft zu verströmen, eine Kraft, die es vermochte, Liebe zu erhalten und Liebende zu beschützen. Oftmals, wenn ihre verschiedenen beruflichen Wege sie auseinanderzutreiben drohten, wenn ihre Liebe in Gefahr war, zu zerbrechen oder dahinzuschwinden schien, erhielt sie neue Kraft aus einer unbekannten Quelle. Agi vermutete immer einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen den Ereignissen, damals an dem Brünnl und ihrem gemeinsamen Leben, sprach aber niemals zu Karl über ihre Ahnungen. Sie hütete sie wie einen kostbaren, aber zerbrechlichen Schatz, all die Jahre ihrer schwierigen, aber erfüllenden Ehe.


Morgane
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