WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Das Agnesbrünnl
"Wird Zeit, dass ich den Dachboden einmal aufräume, höchste Zeit!“
Die ältere Dame, sehr zart, um nicht zu sagen ätherisch, steigt entschlossen die steile Treppe empor. Nach dem Tod ihres Ehemannes, der sie lange Zeit wie versteinert zurückgelassen hat, wird das die erste Handlung sein, die sie wieder ins Leben zurückbringt. Aufräumen. Etwas handfest Irdisches, etwas, das einen im Hier und Jetzt verankert. Genau das Richtige in ihrer Situation, gleichzeitig auch eine letzte Frist, um noch ein wenig in der Vergangenheit zu verweilen, bei den Schatten, die doch so viel mehr Wirklichkeit für sie haben, als alle Dinge ihres verwaisten Heute.
Sie hebt den Deckel einer verstaubten Pappschachtel auf, und vergangene Begebenheiten treten ans Licht wie geisterhafte Schatten, gewinnen mehr und mehr an Substanz, die sich nährt aus Erinnerung, werden endlich lebendig, sind auferstanden. Aus einer brüchig gewordenen Brieftasche fällt etwas Trockenes, Dünnes, ein Blatt, ein Buchenblatt, wie seine Form erkennen lässt. Unendlich vorsichtig, wie einen kostbaren, unersetzlichen Schatz hebt die alte Dame das welke Blatt auf. In dieser Bewegung fallen all die Jahre in sich zusammen wie Staub, und das Blatt wird zur einzigen, strahlenden Realität. In ihm verdichtet sich das Leben der einsamen Frau zur kostbaren Essenz. Strahlend und gegenwärtig steht der Tag vor ihrem inneren Auge, der Tag vor wieviel Jahren eigentlich? Vierzig, fünfzig, ja, fünfzig Jahre, vor einer Ewigkeit und gleichzeitig jetzt. Damals, als sie jung waren, herrlich jung und noch so viele, ungezählte Wege in die ferne Zukunft führten, damals, an diesem denkwürdigen Sonntag...
"Nun mal ehrlich, mein Mädchen, jeden Sonntag so herumgammeln, spät aufstehen, lang frühstücken, dann vor dem Fernseher oder ins Kino, das bringt es doch auch nicht. Lass uns doch einmal was ganz anderes machen, was richtig Irres! Was? Na, zum Beispiel einen richtig altmodischen Sonntagsausflug. Die Vespa lassen wir auf dem Parkplatz stehen, und dann wandern wir. Ich kann mich noch erinnern, früher, mit Mama und Papa, jeden Sonntag hinaus ins Grüne. Na ja, damals hab’ ich das ziemlich öde gefunden, aber jetzt... wär mal der ultimative Kick, was meinst du? Ob ich das ernst meine? Aber ja, natürlich. Wohin? Was hältst du vom Wienerwald? Vielleicht da hinauf auf den Kobenzl und dann der Weg zur Jägerwiese, Mittagessen auf der Terrasse. Ja, ich weiß, spießige Familien mit quengelnden Kleinkindern, saturierte Pensionisten in Wanderuniform, aber das ist ja gerade das Exotische daran! Kannst es ansehen wie eine Expedition in unerforschte Gebiete. Weiße Flecken auf der Landkarte unseres Zusammenlebens. Na, was ist, wollen wir?“

Dieses, zugegebenermaßen etwas einseitige Gespräch, findet statt am 12. September 2002, in einer kleinen Substandardwohnung in Gürtelnähe. Sie wird bewohnt von Karl Köhler, einem Studenten der Medizin im neunten Semester und seiner Freundin Agnes Brünnlmeier, Studentin des Konservatoriums, Abteilung Tanz. Die materiellen Lebensumstände der beiden sind ziemlich beengt, um nicht zu sagen kärglich. Jedoch Liebe und jugendlicher Idealismus polstern die Ecken und Kanten ihres Daseins behaglich aus. Karl steht, wie man zu sagen pflegt, mit beiden Beinen fest im Leben. Er weiß, was er will und wie er es erreichen kann. Er arbeitet hart, für sein Studium und auch in seinem Job in einer Pizzeria. Die Beine von Agnes aber tanzen lieber, bewegen sich in Sprüngen und Pirouetten, träumen vom Fliegen, so wie ihre Gedanken. Ihrem zarten, ätherisch wirkenden Leib sieht man nicht an, wie zäh er ist, wie ausdauernd er im Training seine Pflicht tut. Die beiden Liebenden könnten verschiedener nicht sein. Aber, heißt es nicht, Gegensätze ziehen einander an? Nun, in ihrem Fall trifft diese banale Aussage zu, voll und ganz.
Der nächste Tag ist ein Sonntag, und er beginnt ganz und gar unsonntäglich, nämlich um acht Uhr morgens. Ansonsten aber verhält er sich dem Anlass angemessen: septemberklarer Himmel, herzerwärmender Sonnenschein, in der Luft eine Ahnung von Reife und Ernte. Agnes, Agi gerufen, hebt ihr hübsches Näschen und schnuppert kurz. Dieser Duft, irgendwie vertraut, wie eine verschüttete Erinnerung,... Wiese, Wald, vertraute Stimmen, Geruch nach Erde und welkem Laub. Wie in Gedanken greift sie an ihren Hals, wo ihr Medaillon hängt, ein altes Erbstück. Es ist ein zartes, kleines Kränzchen aus Gold, fein ausgearbeitetes Buchenlaub. Gleich darauf ist alles wieder wie sonst. Niemals dagewesen, Einbildung wohl.

Die Fahrt verläuft schweigend. Die Motorradhelme machen eine Unterhaltung ohnedies unmöglich. Die Vespa der beiden rattert durch sonntagsverödete Strassen, Geisterstadt. Dann Villenvorstadt, fin de siecle, großbürgerliche Vergangenheit, durchsetzt mit Heurigenschenken, das Wien, das man den Touristen serviert. Dann langsam Serpentinen empor durch einen sich eben zu färben beginnenden Wald, immer wieder öffnen sich neue Ausblicke auf die im Morgendunst friedlich daliegende Stadt. Auf dem Parkplatz sind sie fast alleine, abgesehen von vereinzelten Joggern, die ihnen jetzt schon entgegenkommen, zurückkehren von ihrem morgendlichen Lauf.

Der Weg liegt vor Agi und Karl wie eine stumme Einladung, einzutreten in die Stille, in eine Welt, in der andere Gesetze gelten als draußen, wo sie herkommen. Hier sind sie Besucher, willkommen, aber eben nur Gäste. Agi findet zunehmend Gefallen an ihrem Unternehmen. "Das war wirklich eine gute Idee von dir“, meint sie schelmisch lachend, „manchmal findet eben auch ein blindes Huhn ein Körnchen!“ Karls Antwort ist ein zärtlicher Klaps auf Agis wohlgeformtes Hinterteil, die allseits bekannten und auf andere oftmals recht albern wirkenden Spielchen Verliebter, man kennt sie ja.

Hand in Hand wandern Karl und Agnes durch den spätsommerlichen Wald. Es ist still, nicht so, wie im Frühling, wenn hunderttausende Vogelstimmen durch die Bäume schallen. Nur manchmal raschelt es im Unterholz, Licht und Schatten, Bewegung der Blätter, wiegende Baumkronen, Frieden.
Später erreichen sie die Jägerwiese. Noch ist wenig Betrieb hier. Nur einige, wenige Gäste sitzen auf der Terrasse bei Kaffe oder Erfrischungsgetränken und blinzeln schläfrig in die Vormittagssonne. Nach und nach aber beleben sich Wiese und Terrasse. Es geht auf Mittag zu. "Lass uns jetzt eine Kleinigkeit essen, und dann verschwinden wir von hier“, schlägt Karl vor, "bevor der Betrieb losgeht.“ Das tun sie dann auch, genüsslich und mit viel Appetit. „Und? Wohin jetzt?“ Unschlüssig sieht Agnes sich um. Da, ein Wegweiser, mal sehen, wohin es da geht. „He, das finde ich aber lustig! Hier geht es zu einem Agnesbrünnl. Da müssen wir unbedingt hin, komm, Karl!“
Der Weg führt wieder in den Wald. Er neigt sich jetzt sanft abwärts. Schatten umfängt die beiden, und er kommt nicht nur von den dichten Baumkronen. Irgendwie scheint er auch aus dem Boden zu steigen, die kühle Luft zu durchdringen und auf eine schwer bestimmbare Weise auch das Gemüt. Nicht angsterregend oder etwa bedrückend nein, nur auf eine seltsame Art ehrfurchtgebietend, als träte man ein in ein fremdartiges Sanktuarium. Leises Plätschern untermalt die Stille. An einer Biegung des Weges wird es nur ein wenig lauter. Ein dünner Wasserstrahl, eher ein Rinnsal zu nennen, ergießt sich in ein steinernes Quellbecken, umrahmt von Moos und modrigem Laub. Seltsam, gleich neben der sonnigen, belebten Wiese, der Welt von lachenden Kindern, Familien beim Mittagessen, gemütlich spazierenden Pensionisten, dieses geheimnisvolle Reich aus Stille und Zwielicht. Welch ein Gegensatz! Wie ein leiser, aber zwingender Ruf dringt es ans innere Ohr der beiden Liebenden. Ohne sich abgesprochen zu haben, setzen sich beide gleichzeitig auf den steinernen Rand des Brünnls uns blicken versonnen auf den Wasserspiegel, der sich nur hin und wieder in der leichten Brise kräuselt. Ein hypnotischer Bann scheint von ihm auszugehen, dem sich weder Karl noch Agnes entziehen können... oder wollen? Einerlei, gleichgültig, der Zauber wirkt, wie auch immer er gewoben wurde. Die Zeit versinkt, die Welt hält an. Ein weißlicher Schleier trübt die glasklare Wasserfläche. Und dann... erscheint ein Gesicht. Es steigt auf aus dem Wasser des Brünnls... oder aus den Tiefen der Seelen von Agnes und Karl. Wer kann das schon sagen? Es ist auch nicht wichtig. Nichts ist mehr wichtig, nichts in dieser Welt und in dieser Zeit. Denn die Gestalt winkt, und die junge Frau und ihr Geliebter folgen dem Wink.

Sie folgen der durchscheinenden Gestalt tiefer hinein in den Wald.
Da steht sie auch schon, die alte Hütte, heimelig und vertraut seit... wann? Nun, seit jeher, was sonst? Hier sind sie aufgewachsen. Hier leben ihre Eltern. Nein, Karls Eltern, um genau zu sein. Agnes ist eine Waise, an Kindesstatt aufgenommen von den armen Köhlersleuten, als diese sie damals im Wald ausgesetzt gefunden hatten, damals vor neunzehn Jahren, an einem Frühlingstag des Jahres 1664. Agnes hätte oftmals gerne gewusst, wer ihre leiblichen Eltern sind, aber das würde sie wohl niemals erfahren. Nur das goldene Medaillon, ein fein ausgearbeitetes Kränzchen aus Buchenlaub, ließ auf eine Herkunft aus besserer Familie schließen. Es war alles gewesen, was sie damals, außer Windeln und Hemdchen am Leib getragen hatte.

Heute aber hat Agnes andere Sorgen. Karl. Am Morgen ist er in den Wald gegangen, um seinem Vater am Meiler zur Hand zu gehen. Als er am Mittag zum Essen heimkam, war sein Verhalten so seltsam verändert, verträumt und zerstreut, wie es sonst niemals seine Art war. "Karl, was hast du? Was ist dir zugestoßen“, fragte Agnes erstaunt. Aber Karl antwortete nur ausweichend und unwillig. Da schwieg Agnes verletzt. Nun will er gar weg, weg aus ihrem Wald, hinaus in die große Stadt! Er redet wirres Zeug von Kampf gegen die Türken und Tapferkeit, Ruhm und Ehre, lauter Worte, die in Agnes’ verwirrtem Kopf klingeln wie Narrenglöckchen. Er hat auch ein Schwert und sogar einen Brustpanzer! Woher nur? Eine wunderschöne Dame sei ihm im Wald begegnet, und die habe ihm diese Dinge gegeben, sagt er. Seltsame Dinge geschehen hier im Wald, und ein anderer Wind kommt auf, er riecht nach Veränderung. Was wird er bringen? Für Agnes bringt er Trennung, und Trennung tut weh. Sie strebt nicht nach Ruhm und Reichtum. Sie liebt den Wald und seine Geschöpfe, vor allem aber liebt sie Karl, möchte ihn nicht ziehen lassen. Womöglich kehrt er niemals wieder, wird im Kampf getötet? Ihre schönen Augen füllen sich mit Tränen, aber sie wendet sich ab, damit Karl sie nicht sieht. Sie wird ihn nicht von seinem Glück abhalten, denn sie liebt ihn. Ja, so ist das mit der Liebe zwischen zwei Menschen, einer liebt immer mehr als der andere, und das Schicksal dieses Liebenden ist Leid. Dann aber, nachdem Karl endgültig gegangen ist, dann fließen ihre Tränen ungehemmt. Mutter und Vater versuchen, ihr Trost zuzusprechen, obwohl die beiden, zornig und traurig zugleich, ihn selbst brauchen würden. „Karl, ach Karl, warum verlangen unsere Herzen nach so verschiedenen Wegen? Warum kann es nicht so bleiben, wie bisher, verborgenes Glück, ein Leben in der Unschuld der Kreaturen des Waldes?“ Das kann nicht sein, Agnes, denn du bist ein Feenkind, dein Leben erfüllt sich mit dem Seufzen des Windes in den Bäumen, mit dem Spiel der Blätter im Sonnenlicht, mit dem Flüstern und Raunen der Quellen. Du kennst nicht das Sehnen in den Herzen der Erdgeborenen, das nach der Erfüllung ihres Wesens im Kampf da draußen strebt, da draußen, bei den Ihren.


Ende Teil I


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