WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Sternenbäume   Teil II
"Ich sehe, du verstehst jetzt", sagte das Wurzelgesicht, "lass uns also gehen."
"Gehen?!" Schon wieder war Eva verwirrt. "Wie willst du denn gehen, du steckst doch hier fest!" Doch die Alte blies dem Mädchen nur einmal ins Gesicht, und schon wurde es finster um Eva, und sie spürte, wie sie tief in die Erde versank.
Als sich das Dunkel langsam lichtete, glaubte sie, zu träumen. Oder träumte sie nicht schon die ganze Zeit? Ach, egal, dies hier war ein äußerst seltsames Abenteuer. Traum oder nicht Traum, was machte das schon für einen Unterschied! Was sie jetzt sah, war ganz zauberhaft, das kann ich Euch sagen! Ein zartes, goldfarbenes Leuchten war um sie her. Dieses Licht war aber keinesfalls nur sichtbar, nein, es enthielt so viel mehr. Es enthielt eine wundersame, froh machende Musik, es duftete zart nach frischen Äpfeln und nach Apfelblüten und Honig gleichzeitig, und es fühlte sich auf Evas Haut an, wie ihr neues Schaumbad zu Hause, weich und seidig und gleichzeitig prickelnd und erfrischend. Eva fühlte sich so wohl, so unsagbar friedlich und fröhlich wie schon lange nicht mehr. "Willkommen im Land der Apfelbäume!", sagte eine warme Frauenstimme neben ihr. Sie gehörte einer Frau mit rosiger Haut, langem, honigfarbenem Haar und einem Kleid aus zartgrünen Blättern, das ihre schlanke, hohe Figur lose umspielte. Auf dem Kopf trug sie einen Kranz aus Apfelblüten. Sie war so wunderschön! Sie sah aus, wie die Fee in Evas Lieblings - Märchenbuch.

"Du... bbbist... dddie... dddie... die Fee! Bbbisst ddduddu... u... dddie Fffee?" Eva stotterte vor Aufregung und Verblüffung. Die Frau lächelte freundlich und etwas belustigt. "Ja, ich bin die Baumfee und gleichzeitig auch die Alte von vorhin, die Apfelbaum - Großmutter, die Königin im Reich der Apfelbäume. Wir kennen uns schon." "Aber, wie kannst du gleichzeitig so alt und so jung, so runzelig und so schön sein? ! Ich verstehe nicht..."
"Du wirst verstehen...bald...wart' s nur ab. Und jetzt komm!"
Damit drehte sich die rätselhafte Fee - Königin - Großmutter um und ging vor Eva her auf eine blumenbestandene Apfelbaumwiese zu, auf der ein geschnitzter Thron stand. Sie setzte sich darauf und lud das Mädchen ein, sich zu ihren Füssen niederzulassen. Dann klatschte sie in die Hände. Da kamen auf einmal zwischen den Wurzeln des zunächst stehenden Baumes kleine, zwergenhafte Gestalten mit roten Zipfelmützen und braunen Wämsern hervor. Als Eva sie sah, jauchzte sie laut auf: "Die Wichtel, es sind meine Wichtel. Da sind sie ja!" Die kleinen Gestalten umringten Eva und tanzten freudig um sie herum. Dabei sangen sie immer wieder mit ihren feinen Stimmchen:

"Zipfel - zapfel, Apfelbaum,
sie ist hier,
es ist kein Traum!
Zipfel - zapfel, Apfelbaum,
Apfelschaum,
Zapfeltraum,
Tripfeltram,
Bipfelkram,
Zipfelzahm,
Kipfelrahm,
Gipfelbahn,
Schnipfelmann..."

So wäre es wahrscheinlich noch lange weitergegangen, denn das war die Art der Wichtel, ihre Freude auszudrücken. Jetzt aber mahnte die Baumfee ihren Hofstaat: "Vergesst über Eurer Freude bitte nicht, dass unser Gast sicher hungrig sein muss. Wir wollen doch nicht ungastlich sein, oder?"
Auf der Stelle unterbrachen die kleinen Kerle ihren Freudentanz und huschten zurück zu der Baumwurzel, aus der sie kurz vorher hervorgekommen waren. Gleich darauf erschienen sie mit irdenen Krügelein, voll mit süßem Apfelwein und schleppten kleine Platten mit Küchlein herbei, die mit braunem Sirup übergossen waren. Sie forderten Eva auf, sie in den dickflüssigen, süßen Rahm zu tunken, den sie ebenfalls eiligst herbeitrugen. Es schmeckte einfach himmlisch, das könnt Ihr mir glauben. Schon lange hatte Eva nicht mehr mit solchem Appetit gegessen. Einige der Wichtel begleiteten auf winzigen Instrumenten den Gesang der unzähligen Vögel, die überall in den Zweigen umherschwirrten. Als es bald darauf dämmerte und dann dunkel wurde, blinkten Millionen und Abermillionen kleiner Leuchtpunkte im Geäst der Bäume auf. Es sah aus, wie auf der Hauptstrasse von Evas Heimatort in der Adventzeit, wenn die Weihnachtsbeleuchtung angeschaltet wurde, nur noch viel, viel schöner. Eva klatschte vor Entzücken in die Hände. Dies war wirklich das Allerschönste, was sie jemals erlebt hatte! Die Apfelbaum - Königin wandte sich lächelnd dem Mädchen zu: "Gefallen dir unsere Sternenbäume, Eva?"
"Sie sind wunder - wunderschön, ich wollte, wir hätten bei uns daheim auch so etwas!" rief Eva verlangend aus. Nun wurde die Fee ernst: "Aber das habt ihr doch, weißt du denn das nicht?" Nun, das wusste Eva allerdings nicht. Sie hatte wohl schon oft einen eigenartigen Schimmer um ihren alten Apfelbaum im Garten zu sehen gemeint, aber dieses Leuchten, nein, dass es so etwas gab, hatte sie bisher niemals auch nur geahnt.

Die Fee nahm das Kind nun bei der Hand und führte es zu einem der Sternenbäume. Sie pflückte einen Apfel und brach ihn auseinander. Jetzt sah Eva, woher das Leuchten kam: es strahlte aus dem Inneren der Frucht hervor, dort, wo das Kerngehäuse ist. "Sieh genau hin," forderte die Fee das Mädchen auf, dann weißt du, was da so hell leuchtet!" Und wirklich, da war...ein Stern! Die Kerne des aufgebrochenen Apfels bildeten das Muster eines Sternes, eines wirklichen, echten Sternes! Unglaublich! "Und nun höre, mein Kind," die Fee war mit einem Male ganz ernst geworden und sprach eindringlich: "Es sind, neben der Sonne, dem Mond und den Sternen am Himmel auch diese Sterne, die Euch Menschen da oben, in Eurer Welt leuchten. Ihr Licht kommt direkt von hier, aus dem Land der Apfelbäume und gibt Eurem Körper Kraft und Gesundheit und Eurem Gemüt Fröhlichkeit. Es macht Eure Welt hell. Wir aber, hier in unserer Welt erfreuen uns an Eurem Frohsinn und an Eurer Freundschaft für unsere Sternenbäume. Löscht daher diese Sterne nicht leichtfertig aus, dann wird es Euch und uns gut gehen. Du weißt, was ich meine?"
Eva wusste wohl, was die Fee meinte. Bekümmert dachte sie an den alten Apfelbaum, den ihr Vater umgeschnitten hatte. "Sei nicht mehr traurig!" tröstete die Fee sie, "du kannst unserer und eurer Welt helfen. Willst du das?" Was für eine Frage, natürlich wollte Eva das! Es gab nichts, was sie lieber getan hätte. Aber wie? Fragend blickte sie die Fee an. Die aber legte Eva schweigend einige glitzernde Samensterne in die Hand und schloss die Finger des Mädchens darum.

Dann schloss sie Eva zärtlich in die Arme und sprach: "Es ist nun an der Zeit, Abschied zu nehmen, meine Kleine. Geh zurück in deine Welt, pflanze die Sterne dort ein und behüte sie gut, damit sie zu Apfelbaum - Kindern, später zu Apfelbaum - Müttern - und Vätern und nach vielen Jahren zu Apfelbaum - Großmüttern - und Großvätern werden können, zu Wichtelhäuschen und Vogelwohnungen, zu Bienenspeise und Menschennahrung - und, das vergiss nie, denn es ist das Allerwichtigste: zu Sternenbäumen, in welchen die guten Feen wohnen und über Eure Welt wachen. Leb wohl, Eva, und vergiss uns nicht!" Die Wichtel drängten sich noch einmal um Eva. Jedes von ihnen wollte von ihr aufgehoben und zum Abschied geküsst werden. Dabei kratzten und kitzelten ihre Bärte so, dass das Mädchen trotz seiner leisen Wehmut laut auflachen musste. Die lustigen Kleinen sangen ihr auch ein Abschiedsständchen:

"Zipfel - zapfel Apfelwein,
einmal muss geschieden sein.
Zipfel - zapfel Apfelkern,
wo Du bist, sind wir nicht fern!
Zipfel - zapfel Apfelschmaus,
wir freu' n uns auf das neue Haus.
Zipfel - zapfel Wichtelhaus,
Wichtelmaus,
Michtelwaus,
Tichtelgraus,
Gschichtel aus".

Nachwort: Ja, hier ist unsere Geschichte eigentlich aus. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Ihr gerne noch einige Dinge wissen möchtet, zum Beispiel, ob Eva wieder gesund geworden ist, und ob sie die Sternen - Kerne auch wirklich eingepflanzt hat und ob für Trill und seine Familie und für die Familie Wichtel wieder eine Unterkunft daraus geworden ist, und ob die Apfelbaum - Großmutter wieder ihre Lieder singt, und und und... Puh, wartet einmal, Eines nach dem Anderen! Also: Ja, Eva ist wieder gesund und putzmunter. Ihre Mutter war ziemlich erstaunt, als sie mit einem lauten Lachen in ihrem Krankenhausbett erwachte. Sie konnte ja nicht wissen, dass die Wichtelbärte so kitzelten. In ihrer Freude über die Genesung ihres Töchterchens erlaubte sie auch, dass Eva die Sternenkerne im Garten pflanzte. Schon sind daraus einige gertenschlanke Baumkinder geworden. Bis sie allerdings selber Sterne tragen und Wohnungen für alle möglichen Untermieter geworden sind, werdet Ihr und Eva wahrscheinlich selbst schon Mütter und Väter sein. Ja, es dauert eben seine Zeit, bis Bäume groß werden. Deshalb, seid achtsam und behütet die Sternenbäume, damit das Licht nicht weniger wird in unserer Welt. Und so gesehen ist eigentlich diese Geschichte niemals zu Ende, zumindest solange es die Sternenbäume gibt.
Übrigens: auch Ihr könnt einen Apfel - Stern sehen. Ihr müsst nur einen Apfel quer durchschneiden, oder Ihr bittet einen Erwachsenen darum, es für Euch zu tun. Es ist auch gar nicht schwierig, selbst einen Sternenbaum zu pflanzen. Ihr braucht dazu drei Dinge: Erde, Wasser und viel Geduld. Denn, wie schon gesagt, es dauert einige Zeit, bis aus einem Kern ein Baum wird.


Morgane
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