WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Sternenbäume   Teil 1
Als der Star Trill aus seinem Winterquartier zurückkehrte, fand er sich überhaupt nicht zurecht. Wo war nur seine Kinderstube vom letzten Jahr hingekommen? Ja, wo war denn das ganze, wunderbar, geräumige Haus, das ihn und seine Freunde so gastlich aufgenommen hatte im letzten Sommer und so viele Sommer davor? Er hatte sich so gefreut auf den alten, knorrigen Apfelbaum mit seinen gemütlichen Höhlen. Wie hatte es immer gesummt vor Leben in seinem Gezweig, das unzählige Vogelkinder im ersten Sommer ihres Lebens beschützt und gewiegt hatte! Wie hatte sich Trill beeilt auf seinem Flug in den Norden, er wollte als Erster die geräumigste und sicherste Höhle besetzen. Denn es gab immer so viel zu tun, und der Sommer war manchmal so schrecklich kurz.
Die Starenweibchen waren sehr anspruchsvoll bei der Partnerwahl, und es konnte oft ziemlich lange dauern, bis sie sich für ein Männchen und seine Wohnung entschieden. Da durfte man keine Zeit verlieren! Die Eier mussten gelegt und ausgebrütet werden, die geschlüpften Jungen sperrten von früh bis spät ihre immer hungrigen Schnäbel auf. Vater und Mutter kamen nicht zur Ruhe, bis die Kleinen endlich ihre ersten Flugversuche begannen, ... und dann, ja, dann war's auch schon vorbei mit dem Sommer, und die Rückreise in den Süden stand bevor, mit all ihren Gefahren. Und nun das! Nur ein trauriger Baumstumpf war an der Stelle zu sehen, an der er seine Wohnung erwartete hatte!

Und noch etwas war ganz und gar nicht in Ordnung: ganz unten, im Erdgeschoss, im stehen gebliebenen Baumstumpf, die Wohnung der Wichtelfamilie, sie war leer! Was sollte auch ein gefällter Apfelbaum noch mit seinen pflichtbewussten Betreuern, wo es rein gar nichts mehr zu betreuen gab? Dies schien ein trauriger Sommer zu werden, nicht nur für Trill, nein, auch für den ganzen Garten und alle seine Bewohner, die Tiere, die Blumen und auch für die Menschen. Dass sie den alten Apfelbaum umgeschnitten hatten, bewies, dass etwas mit ihren Augen nicht stimmen konnte und auch mit ihren Herzen, oder mit den Augen ihres Herzens... wie immer man es auch nennen mag.
Es konnte nur heißen, dass ihre Augen zu viel auf flimmernde Bildschirme, Zahlen und Buchstaben geblickt hatten, und ihre Herzen zu lange in kalte Mauern eingesperrt gewesen waren. Denn sonst hätten sie das strahlende Licht doch wahrnehmen müssen, welches den Baum einhüllte und die vielen, vielen Sterne in seiner Krone leuchten und blinken ließ. (Ja, ja Sterne, Ihr habt richtig gehört, und bald werdet ihr auch verstehen, was es damit auf sich hat).

Und dann die Baumfee. Sie hatte dem Baum das Leben gegeben. Durch sie war er zu etwas ganz Besonderem geworden, zur Großmutter aller Apfelbäume in der Gegend. Großmutter Apfelbaum zu sein, war eine verantwortungsvolle Aufgabe. Sie hatte die jungen Bäumchen zu behüten, ihr Wachsen und Gedeihen zu überwachen, ihnen Lieder aus der Ahnengeschichte der Apfelbäume zu singen, damit sie wussten, wer sie waren, woher sie kamen und was sie einst werden sollten.


Ja, die Familie Apfelbaum hat eine lange Geschichte, die weit, weit zurückreicht in die Vergangenheit. Dort trifft sie sich mit der Geschichte der Menschen. Die beiden Geschichten, die der Apfelbäume und die der Menschen, sie sind ineinander verwoben und verschlungen wie ein Ornament, und das schon seit Anbeginn der Tage, wie wir wissen. Sicher kennt Ihr ja auch die uralte Geschichte von Adam und Eva und vom Paradies - und von der Schlange, die uns Menschen das Apfelessen beigebracht hat. Aber, das ist wiederum eine andere Geschichte und gehört jetzt nicht hierher. Im Sommer summte und brummte es überall auf den Obstwiesen von diesen Liedern. Das Summen erfüllte die warme Sommerluft, wenn alle Baumgroßmütter ihren Schützlingen ihre Lieder sangen. Die meisten Menschen, die sich so gescheit dünken, sagen, das Summen käme von den Bienen. Wir aber, nicht wahr, Ihr und ich, wir wissen es besser. Und weil wir auch wissen, dass es für niemanden gut sein kann, wenn so wichtige Persönlichkeiten wie Baumgroßmütter einfach so mir nichts, dir nichts, von heute auf morgen verschwinden, können wir uns auch schon denken, dass diese Geschichte nicht gut enden wird, wenn nicht... Na, wir werden sehen...Vielleicht kann es doch noch ein gutes Ende geben. Aber davor kommt natürlich erst einmal der Anfang. Also, das war so:

Angefangen hatte alles damit, dass die Familie Huber, oder eigentlich Mutter Huber fand, dass der alte Apfelbaum zu viel Licht und Platz brauchte, Platz, der ihren Rosenbeeten, ihrem englischen Rasen und ihrem Liegestuhl zustand. Diesen wiederum brauchte sie zum Braunwerden. Wozu hatte man denn einen Garten, wenn man nicht einmal so richtig sonnenbaden konnte? Na eben! Und der Apfelbaum war doch ohnehin schon so alt und ganz hohl innen drinnen. Die paar Äpfel konnte man doch viel einfacher und bequemer im Supermarkt kaufen, ganz ohne mühsames Bücken, Laub wegräumen und lästigen Schatten.
Die kleine Eva allerdings wollte den alten Baum nicht missen, sie liebte ihn. Aber ihre Augen waren eben noch in Ordnung, sie sah, was ihre Eltern nicht mehr sehen konnten, sah das Leuchten, spürte die Wärme der Äpfelbaumgroßmutter und freute sich am Rauschen des Windes in ihren Zweigen und am Gesang ihrer gefiederten Untermieter. Sie wusste auch, dass die Höhle am Fuß seines Stammes eine Wichtelwohnung war. Aber, wenn sie ihre Eltern eindringlich darauf aufmerksam machte, lächelten diese einander verstehend zu, mit vielsagenden Blicken, die heißen sollten: "Mein Gott, das Kind, es hat ja so viel Phantasie... !" Und damit war's auch schon entschieden, was mit dem Baum geschehen sollte; und es geschah, auch gegen den lautstarken Protest, gegen die Tränen Evas und trotz der halbherzigen Einwände von Vater Huber, welcher meinte, die Apfelbaumsache müsse doch noch nicht jetzt entschieden werden.
Als Eva am nächsten Tag von der Schule heimkam, war von ihrem Lieblingsbaum nur mehr ein exakt aufgeschichteter Haufen ordentlich gespaltener Scheite geblieben, für den offenen Kamin im Wohnzimmer, wie Vater sagte. Eva verzog sich traurig in ihr Zimmer und war nicht zu bewegen, im Garten zu spielen, trotz der wohlmeinenden Ermahnungen ihrer Mutter, die mehrmals betonte, wie unvernünftig es doch sei, an einem so schönen Tag im Zimmer... Nun, ja, man kennt das ja. Aber, was wissen denn die meisten Erwachsenen schon von den wirklich wichtigen Dingen, wie Baumfeen, Apfelbaum - Großmüttern und obdachlosen Wichtelfamilien, ich frage euch im Ernst: was wissen sie? Seht Ihr, Ihr müsst mir recht geben, die meisten von ihnen wissen davon nicht viel. Sie hören leider auch selten auf ihre Kinder, sonst wüssten sie ja vielleicht etwas mehr.

Irgend etwas war seitdem nicht mehr in Ordnung. Irgend etwas stimmte nicht mehr. Irgend etwas war anders in diesem Sommer. Niemand in der Familie konnte so richtig sagen, was es eigentlich war. Die Sonne schien warm vom Himmel, meistens jedenfalls. Frau Huber genoss ausgiebig ihren neuen Liegestuhl, die Rosen blühten, die Bienen summten, die Rasenmäher ratterten, die Gartengriller rauchten, alles hatte also seine Richtigkeit, oder doch nicht? Eine eigenartige Freudlosigkeit legte sich wie hauchfeiner Nebel um die Gemüter der Menschen. Die Nachbarn stritten wegen nichtiger Kleinigkeiten, wie über den Zaun wachsender Äste oder Katzen, die ihr Geschäftchen in den Blumenbeeten verrichteten oder lärmender Kinder, immer öfter miteinander.
Auch Evas Eltern waren des öfteren mürrisch und verdrossen. Eva spielte immer mehr in ihrem Zimmer. Mit Nintendo. Oder dem Legohaus. Aber nichts davon machte sie so glücklich, wie damals das Wichtelhaus und ihr versteckter Platz in der Krone des alten Apfelbaumes. Ach ja! Die Wichtel. Wo sie nun wohl sein mochten? Dann war Ferienbeginn. Eine Flugreise stand heuer auf Familie Hubers Programm. Nach Griechenland. Zum Baden im Mittelmeer. Damit wurde es aber nichts, weil Eva plötzlich erkrankte. Schwer erkrankte. Sie hustete und bekam hohes Fieber, das nicht und nicht sinken wollte. Als Eva immer schwächer und blasser wurde, stellte die Hausärztin eine schwere Lungenentzündung fest, und Eva wurde ins Spital gebracht. Die Eltern waren sehr besorgt und dachten nicht mehr an Griechenland und das Meer. Sie saßen am Bett ihres Kindes und wünschten nur, dass es wieder bald gesund werden sollte.

Aber Eva merkte davon nichts, sie hatte anderes zu tun. Sie irrte durch eine seltsame Landschaft. Ganz still war es, und kein Vogel sang. Die Sonne brannte heiß vom Himmel, kein einziger Baum war da, um Schatten zu spenden. Was wollte sie denn eigentlich hier? Irgendwas suchen, aber was? Sie wusste, es war ganz wichtig. Wenn sie sich nur erinnern könnte, was es war! Als sie den fernen Horizont nach einem Anhaltspunkt absuchte, stolperten ihre müden Füße über etwas, eine alte, knorrige, verdorrte Wurzel. "Autsch!" sagte jemand. "Entschuldigung", sagte Eva, denn sie war ein wohlerzogenes Mädchen. Aber da war niemand, der ihre Entschuldigung hätte annehmen können, absolut niemand. Außer natürlich... die Wurzel?... Nun, Wurzeln, die 'autsch' sagen waren auch für Eva einigermaßen ungewöhnlich. Deshalb bückte sie sich tief hinunter, um dieses seltsame Ding genauer in Augenschein zu nehmen. Ihr könnt euch ihre Verwunderung vorstellen, als die tiefen Furchen der alten Wurzel plötzlich zu einem faltigen Gesicht wurden, das Eva freundlich und etwas traurig anlächelte, zum Gesicht einer ururalten Frau. Aber wo war alles Andere von der Alten? Gesichter mit nichts dabei pflegten doch nicht so einfach in der Landschaft herumzuliegen, zumindest nicht dort, wo Eva herkam! "Guten Tag!" grüßte das Mädchen höflich, "ich heiße Eva und habe mich hier verlaufen. Aber, es scheint, dass nicht nur ich in Schwierigkeiten stecke. Du steckst auch wo, ich glaube, etwas zu tief im Boden, oder?" Die Runzeln der Alten verzogen sich zu lustigen Lachfalten, und Eva hörte ein tiefes, grollendes Gelächter, das so gar nicht das einer alten Frau war. Es schien tief aus dem Erdboden zu kommen, dorther, wo allen Anscheines nach der Bauch dieser seltsamen Dame sein musste. Gleich darauf wurde das Gesicht wieder ernst.
"Ich weiß, wer du bist", sprach das Gesicht mit der schon bekannten, tiefen und vollen Stimme. "Wir beide haben einander nicht ganz zufällig hier getroffen, weißt du, ich habe dich nämlich gerufen."
"Gerufen? Du? Mich? Wie ist das möglich, ich habe dich doch gar nicht gehört?" Evas Verwunderung wuchs schier ins Unendliche. "Nun, du bist aber doch gekommen. Das ist das Wichtigste." erwiderte die Alte. Nun verstand Eva überhaupt nichts mehr. Sie fragte: "Wo sind wir hier denn eigentlich, und was soll ich hier tun? Ich kenne mich überhaupt nicht aus, vielleicht ist das hier auch nur ein Traum, und ich werde gleich in meinem Zimmer aufwachen...!" "Vielleicht," sagte die Alte geheimnisvoll, "vielleicht aber auch nicht.... Du solltest dir darüber nicht den Kopf zerbrechen, denn wir haben jetzt Wichtigeres zu tun."
" ... ?"
"Wir müssen einander helfen, du und ich. Aber, ich habe mich dir ja noch gar nicht vorgestellt! Eigentlich müsstest du mich ja kennen, aber, na ja, ich sehe jetzt doch ziemlich anders aus, als du mich in Erinnerung hast. Ich bin die Großmutter aller Apfelbäume, und bis vor kurzem habe ich in Eurem Garten gewohnt." Schlagartig fiel Eva alles wieder ein: der Garten, ihre Familie, der gefällte Baum, der ganze, komisch graue Sommer und ihre Erkrankung. Plötzlich wusste sie: dies alles war kein Zufall gewesen. Es hatte mit dem Fällen des alten Apfelbaumes zu tun! Sie hätte es gleich wissen müssen! Ja, und irgendwie hatte sie es auch geahnt, tief drinnen, dort, wo eine leise Stimme in jedem von uns wohnt, die uns allen immer sagt, was gut ist für uns und was nicht, wenn wir ihr nur zuhören.


Ende Teil I


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