WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Lisa und die Moorkönigin   Teil I
... Mein Name ist Glochmurgfangoch. Ihr dürft mich aber Gloch nennen, wenn euch das zu kompliziert ist.
Ich kann mich noch gut erinnern, es ist ja auch erst siebenhundertundfünfzig Jahre her, da lebte ein kleines Mädchen in einem Ort namens Großpertholz, einem Ort im Nordwald, wo ich für gewöhnlich lebe. Es muss wohl sehr arm gewesen sein, denn seine Kleider waren zerlumpt, und Schuhe trug es niemals. Seine Mutter schickte es im Sommer fast jeden Tag in den Wald, um Beeren und Pilze zu sammeln und um die einzige Ziege der kleinen Familie zu hüten. Das war eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe für das kleine Mädchen, es hieß übrigens Lisa. Denn die Ziege versorgte die kleine Familie mit Milch. Sonst hatten sie ja nicht sehr viel zum Beißen, denn, wie gesagt, sie waren sehr arm. Schule gab es ja damals noch nicht für die Kinder der einfachen Leute. So hatte die Kleine viel Zeit, um jeden Winkel des riesigen Waldes genau zu erforschen. Deshalb kannte sie den Wald auch wie ihre Schürzentasche. Trotzdem warnte seine Mutter es jeden Tag aufs neue vor dem tückischen Moor. Sie schärfte ihm immer wieder ein, nie niemals je einen Fuß in dieses Gebiet zu setzen, denn dort könne man versinken, außerdem wäre es dort nicht geheuer. Wandernde Lichter, die jeden ins Verderben locken konnten, tödliche Dämpfe und nicht zuletzt die tückischen Moorgeister, all das war Grund genug, sich davor zu hüten. Aber, Kinder sind eben Kinder, ob vor siebenhundertundfünfzig Jahren oder heute, gerade das Verbotene muss unbedingt ausprobiert werden, Gefahr hin, Verbote her. Und Lisa war doch kein Hasenfuss..., sie fürchtete sich nicht vor Moorgeistern, sie war ja schon ein großes Mädchen! Eines schönen Tages also schlug Lisa die Warnungen ihrer Mutter in den Wind und führte ihre Ziege in die Richtung des Hochmoores. Ein wenig bang war ihr schon dabei, aber, nun hatte sie es sich einmal vorgenommen, ins Moor zu gehen! So gefährlich würde es schon nicht sein!

Die Ziege graste einmal hier und einmal da und suchte sich die leckersten Gräser und Blätter, daran war gar nichts Außergewöhnliches, denn das ist Ziegenart, wie ja jeder weiß. Und Lisa hatte genug damit zu tun, sich eingehend umzusehen auf diesem verbotenen Fleckchen Erde. Sie konnte gar nichts Seltsames oder Furchterregendes entdecken. Die Vögel sangen, wie sonst überall auch, die Bienen summten einschläfernd in der warmen Mittagssonne, das Heidekraut duftete würzig, weit und breit keine Lichter oder Moorgeister. Lisas Mutter hatte wohl etwas übertrieben, aber das taten die Erwachsenen gewöhnlich gerne, um Kinder aus lauter Sorge um ihre Sicherheit von den wirklich interessanten Dingen abzuhalten! Wie weich der Boden hier war! Noch weicher, als der bemooste Waldboden. Man konnte meinen, auf Wolken zu gehen, sehr angenehm! Hier wollte Lisa sich ein wenig hinlegen und in die Wolken schauen, eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Da tauchten Burgen auf und fliegende Pferde mit prächtigen Rittern und wunderschönen Prinzessinnen, Fabeltiere zogen lautlos über den tiefblauen Himmel, wobei sie ihre Gestalt in jede erdenkliche Form verfließen lassen konnten. Lisas Gedanken folgten ihnen auf ihrer Reise, und bald war sie darüber eingenickt. Ein klägliches Meckern holte sie unvermittelt aus ihren Mittagsträumen. Ach ja, die Ziege! Über ihren Träumereien hatte Lisa vollkommen auf sie vergessen! Wo war sie nur, und warum schrie sie denn nur so kläglich? Oh weh, da war sie, aber, um es genau zu sagen, nur die vordere Hälfte von ihr. Die hintere Hälfte steckte im Moorboden, der schmatzend und saugend immer mehr von ihr zu verschlucken drohte. Lisa sprang auf und rannte, so schnell sie konnte, zu ihr. “Halt aus!” rief sie verzweifelt: “Ich zieh‘ dich raus, zappel doch nicht so!” Aber das arme Tier verstand natürlich nichts von alledem. Es schrie und schlug in verzweifelter Angst mit den Vorderbeinen um sich, und bald darauf verschwand es völlig im schwarzen Moorboden, so, als wäre da nie eine Ziege gewesen. Völlig gelähmt vor Schreck stand das arme Mädchen auf einem Stein und schluchzte. Hätte es doch nur auf seine Mutter gehört! Es wagte sich nicht ohne die Ziege nach Hause. Nicht die Angst vor der berechtigten Strafe war das Schlimmste, aber den Vorwurf und die Verzweiflung im verhärmten Gesicht der Mutter, das hungrige Weinen des kleinen Brüderchens, das meinte Lisa, nicht ertragen zu können. Sie hatte in ihrem Leichtsinn und Ungehorsam die Ziege verloren, und nun gab es keine Milch und keinen Käse mehr. Es war einfach unverzeihlich! Nein, sie konnte nicht heim, sie musste in die Welt hinausziehen und nie wieder heimkehren, ja, das musste sie wohl!

Weinend saß die arme Kleine auf dem runden Stein, der sich wie der Rücken eines vorsintflutlichen Tieres aus dem trügerischen Moorboden erhob. In seiner Niedergeschlagenheit hatte es nicht bemerkt, dass die Sonne bereits untergegangen war und die ersten Sterne am Abendhimmel blinkten. Nun wurde es Lisa doch ein wenig unheimlich. Im nahen Wald schrie ein Käuzchen sein klagendes “Kuwitt, kuwitt”, ein paar Grillen zirpten ihr Abendlied, sonst war es still, wie immer in der Abendstunde. Es wurde schnell dunkel. Lisa wollte sich zum Schlafen auf dem runden Fels zusammenrollen, der war noch angenehm warm vom Sonnenschein. Aber Angst, Verlassenheit und nicht zuletzt ein nagendes Hungergefühl ließen sie nicht einschlafen. Seltsame Lichter tanzten mit einem Mal hier und dort um das verlassene, kleine Mädchen. Verdorrte Wurzelstöcke schienen in der zunehmenden Dunkelheit knorrige Arme nach ihm auszustrecken, und dann...! bewegte sich der Felsen unter ihm! Langsam und fast unmerklich hob er sich aus dem morastigen Untergrund, wobei er ein schmatzendes Geräusch verursachte. Er schien sich zu dehnen wie nach einem langen Schlaf. Ein dumpfes Grunzen ertönte, ganz eindeutig kam es aus dem Inneren dieses seltsamen Felsendings, das jetzt zu Lisas Erstaunen auch noch zu sprechen anfing, heiser und dumpf zwar und etwas absonderlich, aber trotzdem verständlich:

"Uugh, kleines Krabbel - Zappel... wer du? Warmwesen? Maghlum niemals nicht sehen solch kleines Krabbel - Zappel hier in Nacht. Und wieso Regen kommt aus du? Maghlum viel nass von Tropfen, du Gewitter innen drinnen?”

Lisa musste trotz ihrer Traurigkeit ein klein wenig lachen, und sie antwortete: “Nein, ich habe kein Gewitter in mir, ich bin nur ganz schrecklich traurig und trau‘ mich nicht nachhause, weil ich meine Ziege verloren habe. Ich heiße Lisa und bin ein kleines Mädchen aus Bad Großpertholz, wenn du das kennst.”

"Uugghh, langsam, Maghlum nicht kann folgen so schnell Gezwitscher aus traurig Lisa!” stöhnte das Felsending. “Warmwesen viel zu schnell für Maghlum.”

Trotz all dieser Verständigungsschwierigkeiten gelang es Lisa dann doch, dem freundlichen Felsending namens Maghlum ihr ganzes Leid zu klagen. Dieser ließ hin und wieder ein sanftes, tröstliches Grollen aus seinem Inneren vernehmen. Dann sprach er:

"Das sehr traurig, Maghlum versteht jetzt Regen aus Augen. Aber, weiß Hilfe. Aber schwierig und muss haben viel....na wie heißt bei Warmwesen? Maghlum findet, du warten.....Maghlum jetzt weiß.....braucht viel MUT. Lisa muss gehen Moorkönigin und bitten um Hilfe. Einzig Weg, ja. Aber Lisa groß aufpass, Moorkönigin gefährlich!”

"Wie komme ich denn zu der Moorkönigin? Kannst du mir das auch sagen?“


Morgane
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