WurzelWerk´s
Die Welt der Märchen hat die Menschen schon immer verzaubert, denn sie sprechen unser Innerstes an, die bildhafte und symbolträchtige Sprache lässt kaum jemanden unberührt. Märchen sind ein Kulturgut, das sich in vielen Völkern, Kulturen und Regionen der Erde findet. Sie bilden eine Brücke zu unseren ureigenen Stärken, Schwächen und auch Ängsten.
In meinen Artikeln für SternenKind – ErdenKind findet ihr einiges an theoretischem Hintergrund zur Märchengeschichte und der Bedeutung von Märchen für Kinder.

Wir vom WurzelWerk sind ganz besonders stolz, dassdie Märchenerzähler in unseren Reihen ihre bisher unveröffentlichten Werke im RegenBogen euch allen zugänglich machen wollen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes selbst geschriebene Märchen aus eurer Feder!

Die Geschichte von den Heidelbeeren
In einer Zeit, als der Wald und die Wiesen noch voll von Wesen waren, die mit den Tieren und Pflanzen redeten, als noch die Tiere zu den Häusern in den Dörfern kamen um den Kindern Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen, während der Wind gemeinsam mit den Blättern in den Bäumen Musik machte, da lebten ein kleiner Elf und eine kleine Elfin, die den ganzen Tag durch die Welt flogen, um den Pflanzen und Tieren hilfreich zur Seite zu stehen.

Der kleine Elf war ständig von hellem Licht umgeben. Wenn eine Pflanze irgendwo im Schatten wuchs und ihr kalt war, weil die Sonnenstrahlen nicht durch die dichten Blätter der hohen Bäumen zu ihr dringen konnten, dann flog der kleine Elf hin und ließ etwas von seinem Licht da.
Die kleine Elfin hatte leuchtend blaues Haar und lächelte immerzu. Allein schon ihr Lächeln erfreute die Tiere und Pflanzen, doch noch lieblicher war ihr Gesang, der stets ertönte, wenn sie mit ihrem Gefährten, dem kleinen Elf, durch den Wald und über die Wiesen flog. War ein Tier traurig, dann ließ sie sich an seiner Seite nieder und sang Lieder vom Glück und vom Fröhlichsein. Hatte sich ein Tierkind im Wald verirrt und konnte den Weg zu seiner Mutter zurück nicht mehr finden, so brauchte es nur ihrem Gesang zu folgen um sicher nach Hause zu kommen.

Die Menschen im Dorf kannten die beiden Elfenkinder nur aus den Erzählungen des weisen, alten Fuchses, der manchen Abend ans Lagerfeuer schlich um den Menschen Geschichten aus dem Wald zu erzählen. Die Kinder des Dorfes hatten die lieben Wesen auch noch nicht getroffen, doch wussten sie von einem kleinen Licht und von wunderschönem Gesang zu erzählen, denen sie gefolgt waren, wenn die Dämmerung am Abend so weit fortgeschritten war, dass der Weg zurück ins Dorf scheinbar verschwunden war.
Der kleine Elf und die kleine Elfin waren zufrieden und freuten sich jeden Morgen auf ihre Streifzüge durch ihr Reich. Das Dorf der Menschen hatten sie noch nicht besucht, zu verschreckt waren sie noch und zu viel gab es im Wald zu tun. Doch die beiden wurden älter, wurden mutiger. Sie flogen immer näher an das Dorf heran, lauschten den Bauern auf den Feldern, beobachteten den Schmied in seiner Schmiede, den Bäcker in der Backstube und die Mägde beim Melken der Kühe. Am liebsten aber schauten sie den Kindern beim Spielen auf den Höfen und in den Wiesen zu. Manchmal spielten sie ihnen Streiche, versteckten einen Ball oder flüsterten ihnen Worte zu, um schnell zu verschwinden, wenn die Kinder sich umwandten, weil sie wissen wollten, wer denn da war.

Viele Jahre zogen ins Land. Der kleine Elf und die kleine Elfin flogen von Pflanze zu Pflanze, von Tier zu Tier, halfen dort, wo Hilfe gebraucht wurde und sahen dem bunten Treiben im Dorf zu. Bald wich auch die Scheu vor den Menschen, die beiden begannen sie sehr gern zu haben und näherten sich ihnen immer mehr an.
Der kleine Elf flog nun auch über die Felder und spendete dem Korn Licht, damit es gut gedieh und die Menschen immer genügend Brot backen konnten. Die kleine Elfin lauschte den Stimmen, die aus den Häusern drangen und vernahm sie, dass jemand krank geworden war, flüsterte sie den Leuten leise ins Ohr, welche Pflanze dem Kranken gut tun würde. Den Pflanzen sang sie die traurigen Geschichten der Leidenden vor, wodurch diese Mitleid bekamen und ihre besten Kräfte bündelten, um sie den Menschen zu schenken.
Eines Tages, als im Dorf ein Fest gefeiert wurde und alle heiter um ein großes Feuer tanzten, war der kleine Elf gerade auf dem Weg von den Feldern zurück in den Wald. Doch da bemerkte er ein junges Mädchen, das ausgelassen mit den anderen herumsprang. Im goldenen Glanz ihrer Haare sah er sein eigenes Licht strahlen und in den Tiefen ihrer Augen meinte er die gesamte Schönheit der Welt zu erblicken. Er konnte ihrem sanften Lächeln nicht widerstehen, streifte seine Flügel ab und gesellte sich zu den tanzenden Menschen. Schon bald tanzte er mit dem wunderschönen Mädchen und für beide verschwand alles andere um sie herum.

Von nun an legte er seine Flügel immer öfter am Waldrand ab und besuchte das Mädchen, das er so unendlich lieb gewonnen hatte. Das alles sah der Wind und verstand, dass die beiden sich aufrecht und ehrlich liebten. Auch sah er wie traurig der kleine Elf war, wenn er am Abend in den Wald zurückkehren musste. So trug er eines Tages die Flügel des kleinen Elfen davon, hauchte sie sanft bis hinauf zum Mond, der sie auffing und mit ihnen vom Himmel aus das Licht spendete, das die Pflanzen und Tiere brauchten, um auch in der Nacht geborgen und behütet zu sein. Er leuchtete nun so hell, dass niemand mehr sich verirren konnte.
Der Elf war nun nicht mehr klein, sondern hatte die Gestalt eines hübschen jungen Mannes angenommen. Er suchte erfolglos seine Flügel, die verschwunden waren, doch er war nicht traurig sie nicht zu finden, denn so konnte er bei dem Menschenmädchen bleiben, das ihm das Liebste auf der Welt geworden war. Bei einem schönen Fest im Frühling heiratete er sie, flocht ihr einen Kranz aus den leuchtendsten Blumen und versprach der Überglücklichen auf ewig ihr Mann zu sein.

Die kleine Elfe aber suchte ihren Freund im Wald, auf den Wiesen, auf den Feldern. Auch unter den Menschen hielt sie Ausschau nach ihm, doch ohne seine Flügel konnte sie ihn nicht mehr erkennen. Sie war darüber so traurig, dass sie immer kleiner wurde, so klein, dass sie schließlich in ein winziges Mauseloch kroch und beschloss fortan unter der Erde zu leben. Ihre schöne Stimme und das strahlende Blau ihrer Haare hatte sie dorthin mitgenommen. Sie sang von nun an ihre Lieder den Wurzeln vor, welche den lieblichen Klang aufnahmen und zu den Blüten und Blättern leiteten, damit diese groß und kräftig wachsen konnten.
Der Elf, nun ein Mann, lebte glücklich mit seiner Frau. Es wurden ihnen zwei Kinder geschenkt - ein Bub und ein Mädchen - die durch den Wald und über die Wiesen tollten und immerfort lächelten. Doch plötzlich wurde das Lächeln der Kinder weniger und irgendwann waren sie völlig stumm und so krank, dass sie ihre Kinderbettchen nicht mehr verlassen konnten. Zwar kannten die Dorfbewohner die Geheimnisse der Pflanzen, die ihnen die kleine Elfin einst ins Ohr geflüstert hatte, doch keines der sonst so freundlich helfenden Kräutlein schien gegen die Krankheit der Kinder zu wirken. Ihr Vater, der selbst schon vor lauter Sorge nicht mehr lachen konnte, zog durch den Wald und klagte der Erde sein Leid.
Seine traurige Stimme drang hinunter zur kleinen Elfin, die ihre alten Lieder den Wurzeln vorsang. Sie erinnerte sich an die schönen Tage mit ihrem lieben Freund und hatte Mitleid. Also riss sie sich ein paar ihrer leuchtend blauen Haare aus und formte aus ihnen Wurzeln, die sie am Rand des Hauses, in dem die Familie mit den kranken Kindern lebte, durch den Erdboden hinauf ins Sonnenlicht sang. Es wuchsen kleine Sträuchlein mit Beeren in der selben Farbe des Haares der kleinen Elfin. Als der Vater der armen, unglücklichen Kinder am nächsten Tag die Beeren bemerkte, erinnerte er sich an seine liebe Freundin. Sofort pflückte er einige der Beeren und brachte sie seinem Bub und seinem Mädchen. Als diese davon gegessen hatten, kehrte das Lächeln in ihre kleinen Gesichter zurück und bald schon schallte ihr lautes Lachen wieder durch den Wald und über die Wiesen.

Das WurzelWerk bedankt sich bei Katja ganz herzlich für diese Märchenspende!


Katja
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