WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 48

Wir beide, Georg und ich, waren wie vom Donner gerührt, als wir den Brief zu Ende gelesen hatten. Nie im Leben wären wir auf den Gedanken gekommen, es könnte irgendwo noch andere von Dianas Art geben. Und doch schien uns das jetzt, als wir die Sache mit neuen Augen betrachteten, völlig logisch und sinnvoll, ja sogar zwingend notwendig. Wie sonst könnte eine neue Art von Menschen sich sonst verbreiten, wären nicht genügend von ihnen vorhanden! Ich jedenfalls war schlichtweg begeistert von Dianas Plan, nächsten Sommer nach Glastonbury zu reisen, man stelle sich nur vor: Unser beider Heimat in ihrer diesseitigen Erscheinung und das im zwanzigsten Jahrhundert, wie aufregend! Das allergrößte Wunder aber war für mich, dass unsere kleine Diana, unser einsames kleines "letztes Einhorn" eine Seelenfreundin gefunden hatte, endlich, nach so vielen Jahren des Außenseitertums. Gerührt und dankbar dachte ich an Nimue, weise hatte sie die Schicksalsfäden zu einem kunstvollen Muster verwoben, dessen Sinn wir jetzt erst erkennen konnten.
Noch einige Briefe waren hin und her gegangen, bevor Diana zu Beginn des nächsten Sommers heimkehrte. Dieses eine Jahr hatte sie verändert, ihre Erscheinung und ihr Wesen hatten sich gerundet und aus dem noch etwas unsicheren, eckigen Mädchen war eine junge Frau geworden. Sie strahlte Selbstsicherheit und Würde aus, ja richtig, Würde, trotz ihres jugendlichen Alters. Sie wusste jetzt, was sie früher nur vage geahnt hatte: Sie war keine seltsame Kuriosität, keine Laune der Evolution, nein, sie war eine von jenen, die den Fortbestand der menschlichen Spezies sichern würden. Scherzhaft nannten wir sie manchmal ein verbessertes Modell, einen Prototyp, der sich anschickte, in Serie zu gehen.

Und noch etwas wusste sie. Ihr eigentlicher Beruf würde nicht die Malerei sein. Sie hatte erfahren, wie heilsam der Kontakt mit ihren Bildern auf die verwüsteten Seelenlandschaften vieler, an ihrer Umwelt erkrankter Mitmenschen wirkte. Malerei und Musik, besonders Gesang, die heilenden Töne, die in die Linien und Farben ihrer Bilder eingeschrieben waren, wollte sie den Menschen als Medizin reichen. Wie Orpheus einst Eurydike, würde sie die toten Seelen durch ihre Kunst wieder ans Licht des Lebens führen. Wir alle wussten, dass sie das vermochte, ich hatte es erfahren dürfen; Und noch heute verlieh dieses Erlebnis meinem Dasein etwas vom Glanz des Unendlichen

Nun war es also wieder Sommer geworden. Unsere Reise stand bevor. Georg hatte einen alten VW-Bus erstanden, der, zu einem einfachen Wohnmobil umgestaltet, uns beiden eine gemächliche Reise ermöglichen würde. Vorher hatten wir noch wichtige Dinge zu erledigen. Mein Buch war fertig. Ich übergab es Myriam, alles weitere würde ihre Sache sein. Wir ordneten unsere persönlichen Dinge, es konnte ja sein, dass wir einen Unfall hätten, so etwas musste man immer bedenken. Ich hatte auf einem Abschiedsabend für die ganze Familie bestanden. "Warum triffst du denn Vorbereitungen, wie für einen endgültigen Abschied, Mama, wir machen doch nur eine Urlaubsreise?" fragte Myriam verwundert. "Mein liebes Kind, man kann ja nie wissen, ob man wieder gesund und munter wiederkehrt. Und nachher nützen alle Vorwürfe der Welt nichts mehr. Wir müssen immer so zueinander sein, als hätten wir nicht mehr viel Zeit. Deshalb möchte ich dich um Verzeihung bitten für alles, was ich dir vielleicht irgendwann angetan habe und dir sagen, dass ich dich liebe und dich auch," sagte ich zu Joschi gewendet. Gerührt schlossen wir uns gegenseitig in die Arme. Nun konnte die Reise beginnen.

Diana war schon vor einer Woche mit dem Zug abgereist, Myriam und Joschi wollten sich einen Flug gönnen und gleich die Gelegenheit nützen, einen Ausflug nach London zu unternehmen. Am ersten August sollte Treffpunkt sein, auf dem Gipfel des Tor - Hill, abends um sechs Uhr, das war unter uns allen vereinbart worden.
Diana und Vivian hatten vor ihrer Abreise ein Inserat in alle wichtigen Tageszeitungen ihrer beider Länder setzen lassen. Es richtete sich an alle ihre Brüder und Schwestern und war deshalb in Lumani verfasst. Es lautete, sehr frei übersetzt, etwa so:

Liebe Geschwister! Zwei von Eurer Art rufen Euch. Treffpunkt: 1. August, dieses Jahres, 18 Uhr, Tor- Hill, Glastonbury, England, entweder leiblicher oder Geistkörper! Das sah in geschriebenem Lumani so aus: Ama Umhapi! Enari sumati, Schat un August, 18 Uhr, Tor - Hill, Glastonbury, England, humlan og sallan! Amati, Vivianadiana!

Weder Diana noch Vivian hatten gewusst, ob und wie Lumani geschrieben werden konnte, deshalb hatten sie in einer phonetischen Schrift geschrieben und darauf gehofft, dass die richtigen Menschen sie auch verstehen würden.

Über unsere Reise ist nichts weiter zu sagen, als dass sie uns in zweieinhalb Tagen bis Calais geführt hatte, ohne Pannen und Zwischenfälle.
Die Wolken hingen tief und sahen regenschwer aus, als wir an Bord einer Fähre gingen. Eigentlich fuhren wir ja tief hinein in den Bauch eines Schiffes der Linie Sealink. Zusammen mit unzähligen anderen Fahrzeugen verschlang sie unseren Bus, bis sie anscheinend gesättigt war, denn dann legte sie ab. Die hohen und langgezogenen Wellen versetzten den Schiffsrumpf in eine gedehnte Schaukelbewegung, von welcher ich fand, dass ich sie im Inneren des Schiffes nicht ertragen können würde. Deshalb verbrachte ich die Überfahrt auf dem oberen Deck und hielt meine Nase in den Wind. Georg saß bei seinem ersten Glas englischen Bieres im Schutze des Mitteldecks. Kalter, feuchter Wind prickelte auf meinen Wangen, bald schmeckten meine Lippen salzig. Der Boden unter meinen Füßen schwankte in einem langsamen Rhythmus, während die Linie des Horizontes sich ebenso langsam hob und senkte, hob und senkte, immer und immer wieder, bis mein Atem, mein Herzschlag, ja, sogar das Pulsieren meines Blutes in Einklang waren mit dem Atem der See. Ich sank in einen seltsamen Zustand zwischen Wachen und Traum. Bilder aus meinem Leben mischten sich mit Sequenzen vergangener Träume. Erinnerungen stiegen auf und versanken wieder, mit dem Heben und Senken der Wellen. Sogar das Krächzen der Möwen schien manchmal dem Hier und dann wieder dem Anderswo zu entspringen.

Je weiter sich das Schiff von der Küste Frankreichs entfernte, desto unwirklicher wurden die Bilder meines vergangenen Lebens und desto deutlicher und plastischer schienen die Traumbilder, bis mein Leben hinter mir zurückblieb wie der Schaum des Kielwassers hinter dem Schiff. Als endlich die Kreidefelsen von Dover aus dem Dunst auftauchten, Weiß aus dem dunklen Blau der bewegten See, war Anna nur mehr die ferne, leise verwehende Erinnerung eines längst vergangenen Traumes. Das Hafenbecken von Dover empfing eine andere Vertraute; Morgan, eine Priesterin von Avalon kehrte heim. Mit ihr kam einer, der immer schon das alte Wissen und die alten, heiligen Plätze gehütet hatte, der Merlin von Brittannien. Ihn aus der Persönlichkeit seines vergangenen Lebens zu lösen, stand Morgan noch als Aufgabe bevor, bis beide endlich heimkehren konnten, nach Avalon, ihrer Heimat.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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Der gläserne Berg - Folge 01     03.04.2004
Der gläserne Berg - Vorwort     20.03.2004





              
                   
              



    

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