WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 45

"Georg, zeigst du mir einmal, wie man mit dem Computer umgeht?" Möglichst harmlos und unverfänglich musste meine Frage klingen, denn sollte mir nichts gelingen, konnte ich leicht einen Rückzieher machen. "Nanu, du wolltest doch nie - niemals etwas mit einem Computer zu tun haben. Willst du etwas schreiben? Na, komm, ich schreib's dir!" "Nnnein... ich möchte kein Computer -Analphabet sein, so unbedarft hinter dem Mond leben. Man muss doch auch Neues lernen, sonst verrostet man ja!" Er sah mich einigermaßen erstaunt an, aber ich wurde unterwiesen in der hohen Kunst des Winword - Programms.

Da saß ich nun, aufgeregt wie ein Erstklässler und wartete auf Einfälle. Nichts. Vielleicht sollte ich eine Gliederung schreiben, wie bei einem Schulaufsatz? Blödsinn! Wie machte man das denn ein Buch zu schreiben, wie öffnete man die Türe zu all den Bildern und Worten, die irgendwo warteten, heraus wollten wie eine Herde Ziegen, die auf die Weide drängten? He, guckte da nicht das Zipfelchen eines Wortes aus dem Türspalt? Ich zog daran, sieh da, ein Satz! "Schreib ihn auf, schnell, bevor er sich wieder zurückzieht, nagle ihn fest!" schrie eine innere Stimme mir zu. Ich tat, was sie mir riet. Irgendwie musste dieser Satz mit anderen verknüpft, daran festgemacht sein, denn nun stürzten Weitere dem Ersten nach. Je mehr ich schrieb, desto mehr quollen heraus, als könnten sie es nicht erwarten, sich auf dem Bildschirm zu materialisieren. Ich merkte nicht, wie die Zeit verging, manisch schlug ich auf die Tasten. Plötzlich war ich ein Schöpfer, malte Wortbilder, komponierte Wortsymphonien, gestaltete Plastiken aus Worten.

Die Worte wurden Fleisch und Blut, gingen ihre eigenen Wege, wie flügge gewordene Kinder. Ich brauchte nichts weiter zu tun, als sie aus meinem Kopf zu entlassen. Sehr viel später schaute Georg herein und fragte: "Lebst du noch? Was ist mit dir los, du sitzt jetzt schon stundenlang hier drinnen!" Gewichtig erwiderte ich: "Ich schreibe ein Buch."

"Oho! Du schreibst also ein Buch, in meinem Arbeitszimmer, an meinem Computer, vielleicht sogar mit meinen Ideen! Dazu wolltest du also den Computer bedienen lernen, du hinterlistige Hexe!" Jetzt war ich wütend: "Du Platzhirsch!" schleuderte ich ihm entgegen, "hätte ich das Haus hier nicht gefunden, säßest du heute noch an deiner alten Reiseschreibmaschine in einer Dreißig - Quadratmeter - Substandardwohnung und tipptest an der fünfundzwanzigsten Version des Jahrhundertwerkes mit dem Titel Magie!" Das saß.
" Vergiss nicht, wir leben von meiner Schreiberei, ich verdiene hier die Brötchen!" antwortete er und seine Stimme erbebte vor gekränktem Stolz. Aha, er sah seine überlegene Rolle als Ernährer in Gefahr. Das fein ausbalancierte Machtgefüge zwischen uns beiden drohte ins Wanken zu geraten. Typisch Mann dachte ich, erwiderte aber: "Deshalb willst du mich nicht schreiben lassen. Du hast Angst, ich könnte vielleicht besser sein als du und das darf es einfach nicht geben, dass ich vielleicht auch Erfolg haben könnte!" "Du und Erfolg, du hast doch bisher noch nie Ambitionen gehabt zu schreiben. Jetzt auf einmal, weil du erlebst, dass ich das kann, willst du auch auf dieses Pferd aufspringen. Such dir doch selbst ein Hobby, Stricken oder Nähen oder lerne eine Fremdsprache, aber mir kommst du nicht ins Gehege!" Also, das war jetzt eindeutig zu viel gewesen; Stricken und Nähen, damit wollte er mich auf einen Platz verweisen, der ihm nicht gefährlich werden konnte. Er würde schon noch sehen... Ich verließ das Schlachtfeld unter heftigem Türenknallen und hörte gerade noch seine Bemerkung: "Jetzt weiß ich, von wem die Myriam das hat!"

Aber, ich entgegnete nichts mehr, überhaupt nichts mehr, lange Zeit. Unser Haus war selten laut gewesen, außer wir hatten Besuch von den Hofbewohnern gehabt. Doch jetzt lastete drückendes Schweigen darauf wie eine dunkle, schwere Wolke. Dies war, so unglaublich es scheinen muss, unser erster, wirklicher Streit seit zwanzig Jahren gewesen und dann gleich eine solch dumme Querele, denn von einer wirklichen Auseinandersetzung konnte hier nicht die Rede sein. Vielleicht hätten wir öfter streiten sollen. Vielleicht war Manches unausgesprochen geblieben zwischen uns. Vielleicht aber hatten wir auch manches nicht als Problem erkannt und es hatte sich derart aufstauen können. Aber, so sehr ich auch grübelte, ich konnte mich nicht erinnern, jemals derartigen Ärger über meinen Mann empfunden zu haben. Das war nicht mehr mein Harfenspieler, der mein Herz vor Liebe erbeben machte, nein, jetzt bebte ich vor Zorn! Als der verraucht war, wurde er zu Kummer und Traurigkeit darüber, dass mein Mann in mir eine Konkurrentin sah. Wir waren doch Partner gewesen bisher, wie hatte das denn nur geschehen können!
Georg schlug sein Bett in seinem Arbeitszimmer auf und versetzte mir damit einen erneuten, schmerzhaften Schlag. Was wollte er denn? Konnte er wirklich wollen, dass ich meine eben erst entdeckte Freude am Schreiben wieder einmottete, wie Winterkleidung im Sommer? Das glaubte ich nicht wirklich, so war er doch nicht; Niemand könnte doch sein wahres Gesicht so lange und so perfekt verbergen vor seinem Lebenspartner! Nein, bestimmt kämpfte er mit seinen eigenen, widersprüchlichen Gefühlen und konnte mir das nicht zeigen, so musste es sein! Ich fühlte mich in unserem Hochbett allein und verlassen, wie ein Schiffbrüchiger auf dem weiten Ozean. Traurig schlief ich endlich ein...

... und fand mich endlich wirklich auf einer weiten Wasserfläche treibend, alleine in einem Boot, das unserem Bett glich. Auch die Kissen und Decken waren da, dafür fehlten die Ruder. Das beunruhigte mich nicht weiter. Wohin hätte ich hier auch schon rudern können?
Tiefe Stille umgab mich, auch nicht das kleinste Geräusch war zu hören, kein Wind, kein Wellenschlag, nichts, nur Einsamkeit und Stille. Weit weg, dort wo sich Himmel und Meer im dunstigen Schimmer trafen, schaukelte etwas Kleines, wie ein Boot sah es aus. Vielleicht war ich ja doch nicht ganz alleine! Ich wollte dorthin, doch ohne Ruder, wie sollte das gehen? Die Strömung trieb mich langsam näher, bis ich eine Gestalt in diesem anderen Boot erkennen konnte. Schreiend und gestikulierend versuchte ich, den Anderen auf mich aufmerksam zu machen, vergebens, zu viel Entfernung war zwischen uns. Die kalte Hand der Verzweiflung griff nach mir und erstickte meine Schreie in der Kehle. Dieser Mensch dort, ich wollte seine Nähe, so sehr, dass es mich körperlich schmerzte! Doch die Weite dehnte sich schier unüberwindlich zwischen uns. Der Wunsch nach der tröstlichen Nähe des Anderen wurde schließlich so stark, dass ich mich ohne weiter zu überlegen, ins Wasser stürzte. Würden mich die Kräfte verlassen, würde das Boot uns beide tragen, würde er mich überhaupt in sein Boot lassen? Ich musste es darauf ankommen lassen, denn nun war ich schon ein Stück weit geschwommen. Dennoch war die Entfernung zwischen uns noch nicht sehr viel geringer geworden. Ich schwamm und schwamm, bis Beine und Arme mir den Dienst zu versagen drohten. Endlich hatte der Mann im Boot (ich konnte ihn jetzt deutlich sehen) mich wahrgenommen. Sein Blick war seltsam traurig und erinnerte mich an die Augen des Harfenspielers! Er streckte die Arme nach mir aus, sehnsuchtsvoll und verlangend. Dann sprang er mit einem Satz ins Wasser, schwamm mit kräftigen Zügen auf mich zu, nahm mich in die Arme, hielt mich über Wasser, wie ein Rettungsschwimmer. Die Boote waren beide abgetrieben und nicht mehr zu sehen. Gemeinsam, immer einer den anderen abwechselnd hochhaltend, trieben wir auf den Weiten dieses seltsamen Meeres ... ohne Angst oder Anstrengung, so hätte ich endlos lange mit meinem Gefährten dahintreiben können ... Endlich fühlte ich, wie wir sanft an einen Strand gespült wurden, wir lagen auf festem Untergrund ... Wir waren gelandet ... in der Geborgenheit unseres (meines?) Hochbettes. Mein Partner war immer noch bei mir und sah mich aus bekümmerten Harfenspieler - Augen an. Ich schlang die Arme um seinen Hals und drückte ihn lange und zärtlich an mich. "Ich bin so froh, dass ich dich wiedergefunden habe, da draußen (oder da drinnen?) im Meer!" seufzte ich, glücklich und erleichtert, "du warst so weit weg!"

Später dann, nachdem wir unsere Versöhnung ausgiebig gefeiert hatten, besprachen wir, wie wir unsere Arbeitsplätze gestalten wollten. Ich bestand darauf, dass Georg sein Zimmer behielt und wollte mir einen Schreibplatz in der Stube herrichten, mit Georgs Computer. Er wollte sich schon lange einen Neuen, Besseren besorgen. "Glaubst du immer noch, dass ich in deine Domäne eindringen und dir Konkurrenz machen will?" fragte ich Georg an einem der nächsten Tage. Er lachte sein verschmitztes Georglächeln und sagte: "Natürlich, jetzt muss ich mich eben noch mehr anstrengen, damit ich der Chef im Hause bleibe!"


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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