WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 43

Sie brauchte meine Hilfe bei den Vorbereitungen für ihren Sommeraufenthalt, also begleitete ich sie zum Schlösschen, wo ihre Wohnung lag. Später dann, beim Abschied umarmte sie mich. Das hatte sie bisher noch nie getan, hier, in ihrer Diesseits - Persönlichkeit. Ich konnte es nicht genau erkennen, aber die beiden Personen, Sophia und Nimue, schienen zu verschmelzen, oder lag es an meiner Wahrnehmung, dass ich nicht genau wusste, wen ich umarmt hielt? Und dann hörte ich sie sprechen, und sie bewegte die Lippen dabei nicht, das sah ich ganz genau: "Wie konntest du nur daran zweifeln, dass ich dich gehört habe! Ich habe dir doch versprochen, dir zu helfen, wann immer du mich brauchen würdest. Wann wirst du endlich vertrauen in deine andere Seite, was muss denn noch geschehen, dass du deiner endlich sicher bist?" "Oh, Mutter, es tut so gut, in deiner Nähe zu sein! Ich fürchtete schon, das Tor nicht mehr zu finden!" Tränen der Erleichterung traten in meine Augen. "Ich weiß," entgegnete sie zärtlich, "ich hatte zu viel Angst, dass du wieder einen Teil von dir zurücklassen würdest, wie letztes Mal, als du mich in Avalon besucht hast. Das war mir zu gefährlich, ein zweites Mal könntest du wahrscheinlich nicht mehr geheilt werden." Oh, Schreck, das war also die Ursache meiner Erkrankung gewesen! Ein Teil von mir hatte sich so sehr gewünscht, bleiben zu dürfen, dass er zurückgeblieben geblieben war in der Heimat, und ich war mir dessen nicht bewusst gewesen! Deshalb hatte Nimue heute ihre diesseitige Gestalt ausgesandt, um mir zur Hilfe zu kommen! Alles was geschah, folgte also immerdar einer inneren Ordnung, diesem unendlichen, verschlungenen Muster. Ich hatte es doch immer gewusst, warum vertraute ich denn immer noch nicht diesem Wissen! Dankbar und glücklich sah ich meiner alten Lehrerin in die Augen: "Oh, Mutter, ich danke dir, ich will es nie wieder vergessen!" Leise, fast nicht mehr wahrnehmbar, klangen noch letzte Wortfetzen an mein Ohr ..."sei deinem Selbst dankbar ... ich bin ein Teil davon ... alles verbunden ... leb wohl ... " Dann stand mir wieder die Gräfin gegenüber, und übergangslos fuhr sie mit weiteren Instruktionen für mich fort.

Diana war sofort Feuer und Flamme für dieses Angebot. Sie konnte es gar nicht erwarten, ihre letzten Prüfungen hinter sich zu bringen, um endlich abreisen zu können. So sehr ich mich für sie freute, einen Hauch von Kummer spürte ich doch, weil sie es anscheinend so eilig hatte, von hier und von uns wegzukommen. Ihre Mutter kam noch sehr viel schlechter mit dieser neuen Situation zurecht. Sie machte ihren widersprüchlichen Gefühlen Luft, indem sie mir alle möglichen Vorhaltungen an den Kopf warf: "Du bist unverantwortlich, Mutter (Mutter nannte sie mich immer, wenn sie sich von mir distanzieren wollte)! Wie kannst du Diana diesen Floh ins Ohr setzen, sie ist doch noch viel zu jung, um im Ausland zu leben! Und überhaupt, man kennt doch die Geschichten über die Papagalli, und Diana ist noch so unerfahren in Bezug auf Männer! Ich verstehe dich nicht!"

Ach ja, dieses 'Ich verstehe dich nicht', ich hatte es vor ungefähr zwanzig Jahren schon gehört aus ihrem Mund. Sie wollte damals unbedingt in diese Wohngemeinschaft ziehen und sie hatte mich eine besorgte, alte Glucke genannt, die sie nicht aus ihrem Einflussbereich entlassen wollte.

"Und überhaupt, besitzergreifend und machtgierig bin ich auch, kannst du dich noch erinnern?" gab ich mit verschmitztem Lächeln ihre damaligen Anschuldigungen wieder. Mit überraschtem Ausdruck hielt sie kurz inne.

Erinnerte sie sich an die Szenen, die sich damals zwischen uns abgespielt hatten? Ein Anflug von rot überzog kurz ihre Wangen, dann aber entgegnete sie laut und zornig: "Das ist doch ganz etwas anderes, das kannst du nicht vergleichen. Du bist gemein, mir das jetzt vorzuhalten!" Krach, bumm, die Türe flog ins Schloss und Georg steckte den Kopf aus seinem Studierstübchen: "Fällt uns der Himmel auf den Kopf, Schatz?" Nein, der Himmel fiel uns noch nicht auf den Kopf, zweifellos aber dräute er gewitterschwanger.

Es war also wieder Zeit, Kakao zu kochen. Myriam hatte etwas Zeit gehabt, über alles nachzudenken und war schon viel ruhiger. Sie war ja ein sehr reflektierender Mensch, das brachte schon ihr Beruf mit sich. So hatte sie natürlich erkannt, dass sie ihre Trauer über das Flüggewerden ihres Kükens letzten Endes nicht wegschieben durfte. Denn was bedeutet es für uns Eltern, wenn ein Kind und erst noch das Einzige, erwachsen wird? Das Nest wird leer, ein Teil von uns löst sich und dort, wo er vorher gewesen war, bleibt eine schmerzhafte Wunde zurück. Alle Liebe, alle Fürsorge, aber auch alle gewichtige Bedeutung, die unser Wesen durch die Verpflichtung der Elternschaft gewonnen hatte - was blieb davon? "Wer bin ich nun? Was macht mich aus?" Das sind die Fragen, die wir uns dann stellen müssen, allerspätestens jetzt, als letzte Chance, die das Leben uns schenkt, uns selbst zu finden. Abschiedsschmerz und Neugeburt, wieder und immer wieder haben wir diese Türpfeiler zu durchschreiten, bis wir an der letzten Türe stehen; Doch dann sollten wir schon einige Übung darin erworben haben.

Nun saß Myriam an unserem großen Stubentisch, trank ihren Kakao und gab sich ihren Gedanken hin. Endlich, nach langem Schweigen, welches durch das gleichmäßige Ticken der Wanduhr in unzählige Bruchstücke zerteilt wurde, sagte sie leise: "Ich hab' gar nicht mehr gewusst, welches Ekel ich gewesen bin, damals, vor hunderttausend Jahren ... " Ich musste lachen bei der Erinnerung an unsere Kämpfe, jetzt, damals war mir nicht nach Lachen zumute gewesen. Oh nein, damals war unsere Beziehung oft ein Schlachtfeld gewesen, von dem ich mich nicht nur einmal wie ein verwundeter Krieger weggeschleppt hatte. Doch letzten Endes hatten diese Kämpfe damit geendet, dass ich Myriam ziehen ließ. Und es war gut so gewesen und richtig. Sie hatte sich zu einem eigenständigen jungen Menschen entwickelt und ich war meinem Weg gefolgt. Das war die Voraussetzung dafür gewesen, dass wir jetzt an diesem Ort zusammenleben konnten, ohne Zwist und Feindseligkeiten. Das alles sagte ich Myriam und sie nickte nachdenklich. "Mama, meinst du, ich könnte Diana ohne Gewissensbisse dorthin fahren lassen? Hältst du sie für erwachsen genug? Es ist ja nicht so, dass ich sie nicht von mir weglassen will, nein, aber ich habe Angst um sie, schreckliche Angst!" "Ja, ich weiß, wir haben immer Angst um unsere Kinder, sie ist auch nicht unberechtigt. Aber was ist die Alternative, weißt du eine? Ich habe mir damals oft gedacht, so müsse sich eine Vogelmutter fühlen, wenn die kleinen Vögel sich das erste Mal vom Nest abstoßen, um zu fliegen. Diese Ungewissheit, so ohne Netz und Sicherheit, hinein in die Gefahren der Welt. Aber, ich glaube, wir dürfen die Angst nicht so sehr zeigen, sonst nehmen wir unserem Vögelchen den Mut zum Fliegen.

"Ach, Myriam," ich musste ihr wohl ein wenig Mut zusprechen, "sie ist ja nicht ganz alleine, sie lebt doch bei einer Cousine von Sophia. Vertrau ihr nur ruhig, du hast deine Arbeit als Mutter doch gut gemacht! Und Joschi war ihr ein liebevoller Vater und wir haben auch unser Bestes gegeben, zumindest haben wir es versucht. Also, sie hat doch eine gute Abflugbasis, oder? Außerdem ist sie wirklich ein wunderbarer junger Mensch, sie wird es schaffen, da bin ich ganz sicher!" "Danke Mama," sagte Myriam mit einem tiefen Seufzer, "jetzt ist mir schon ein bisschen leichter. Ich versteh' nur das Eine nicht, der Joschi, so ein verliebter Vater er ist, er macht sich nicht im mindesten so viel Sorgen wie ich!" Machte er doch, dessen war ich gewiss, aber ich hatte genug geredet für heute, also nickte ich nur verständnisvoll und schwieg.

Diana war also weg. Noch nie hatte ich sie derart aufgeregt erlebt, wie die Tage vor ihrer Abreise. Sie packte Koffer ein, bald darauf wieder aus, glaubte Dieses oder Jenes unbedingt zu brauchen, um Stunden später wieder ganz andere, ungeheuer wichtige Dinge aus Kasten und Läden hervorzukramen. Am Tag ihrer Abreise waren ihre Eltern der Erschöpfung nahe gewesen.

Myriam gestand mir, sie sei eigentlich ganz erleichtert darüber, dass das Theater nun endlich ein Ende hätte. Es hatte einige Tränen gegeben, regelmäßige Briefe und Telefonate waren treuherzig versprochen worden, dann endlich hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt. Lange hatten wir Dianas Haarschopf aus dem Abteilfenster wehen sehen, dann war der Zug um eine Kurve verschwunden. Myriam hatte einmal tief und bedeutsam aufgeseufzt, in Joschis Augen hatte es verdächtig geglitzert, Georg hatte sich die Nase abgewischt und etwas wie "Alles Gute, meine kleine Fee!" in sein Taschentuch gemurmelt. Dann hatten wir beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und in ein Heurigenlokal zu gehen, die es hier in Hülle und Fülle gab. Wir hatten unsere Gläser auf Diana erhoben und ihr alle guten Wünsche der Welt nachgeschickt. Für uns ging das Leben hier weiter, und es sollte sich bald darauf zeigen, dass es all unsere Kräfte fordern würde.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
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