WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 41

Wieder waren Jahre vergangen. Diana war im Mai 17 Jahre alt geworden und besuchte die letzte Klasse des musischen Zweiges eines Oberstufenrealgymnasiums. Sie kam nur an den Wochenenden nach Hause, weil die tägliche Fahrt zur Schule zu lange gedauert hätte. Welch ein wunderschönes Mädchen sie doch geworden war! Sie war ziemlich klein, aber wunderbar grazil gewachsen, ihr Gang war leicht und schwebend, ihre ganze Erscheinung hatte etwas Feenhaftes. Das wurde noch verstärkt von ihren großen, dunkel - glänzenden Augen und einem eher blassen Teint. Jedenfalls war sie der ganze Stolz ihres Vaters, der keine Gelegenheit versäumte, sich mit ihr zu zeigen. Und erst Georg, einen verliebteren Großvater hatte ich nie erlebt! Auch Diana war ihm sehr zugetan und versäumte es nie, an ihren freien Wochenenden wenigstens ein paar Stunden bei uns in unserem Häuschen zu verbringen. Oft brachte sie auch ihre beste Freundin und einen Schulfreund mit, der Kontakt mit den jungen Leuten war eine interessante Erfahrung für uns beiden "Alten". Sie hatte eine glückliche Kindheit verlebt, im bergenden Schoss ihrer Familie und an diesem wunderschönen, friedlichen Ort. Ihr Wesen hatte daraus hervorwachsen dürfen wie eine behütete Pflanze, stark, gesund und aufrecht. Diesen Nährboden hatte sie allerdings auch gebraucht, denn es war viel von ihr verlangt worden und wurde es auch noch. Hatte sie auch noch so sehr versucht, ihr Licht vor der Welt zu verbergen, irgendwo war doch immer ein Schimmer durch eine Ritze der Verhüllung gedrungen und sie an eine Umwelt verraten, die meist mit Unverständnis reagiert hatte. Es ist wohl eine Eigenheit unserer ach so aufgeklärten Zeit, dass die Menschen fasziniert sind vom sogenannten Unerklärlichen; Begegnet es ihnen aber, leugnen sie es und erklären es als Täuschung, Schwindel oder Taschenspielertrick. So war unsere arme Enkelin von frühester Kindheit an im eigenen Interesse gezwungen gewesen, ihre wunderbaren Fähigkeiten, ja, ihr wahres Wesen zu verbergen wie eine ekelhafte Perversion. Daran hätte ein weniger stabiles Kind schon zerbrechen können, Diana aber hatte sich aus aller Liebe und emotionalen Unterstützung nähren dürfen, die wir fähig gewesen waren, ihr zu geben. So war sie war an Geist und Seele gesund geblieben und versprach, zu einer beeindruckenden jungen Frau heranzuwachsen.

Sie wollte Malerin werden und niemand wunderte sich darüber, wenn er ihre Werke einmal gesehen hatte. Sie hatten an Ausdruckskraft noch gewonnen; Dazu war noch eine Vervollkommnung der Technik gekommen und eine Fülle an Bildern, die aus den Tiefen ihrer Seele hervorquollen wie ein unversiegbarer Strom. Oft, wenn ich lange vor einem ihrer Bilder saß, es in Stille auf mich wirken ließ, glaubte ich daraus flüsternde Stimmen oder wunderbare Musik zu vernehmen, die meinen Geist weitete und mit anderen, verborgeneren Sphären verband. Dann fühlte ich mich anschließend immer erfrischt und gekräftigt, ja sogar verjüngt. So erging es nicht nur mir, nein, die meisten Menschen wirkten sichtbar zufriedener, nach dem sie ein Bild meiner Enkelin betrachtet hatten. Ihre Züge glätteten, entspannten sich, erschienen jünger, auch wenn sie selbst diese Veränderung oftmals selbst nicht bewusst wahrnahmen.

Diese Begabung entsprang einer Quelle in der Tiefe ihres Wesens und ließ sich niemals ganz verbergen, denn Selbstausdruck ist der Urgrund aller Erscheinungen; Und malte Diana nicht, dann wirkte sie allein durch ihr Dasein heilend auf alles Lebendige in ihrer Umgebung.

Natürlich, das machte den Umgang mit ihr nicht gerade leicht für ihre Lehrer und Mitschüler. Denn in ihrem Dunstkreis war es niemandem wirklich möglich, sein innerstes Wesen zu verbergen, jedes Imponiergehabe, jede Unechtheit wurde sofort jedem selbst und auch allen anderen offenbar und auch deren Ursache und die hieß meistens Angst, Angst, als der, der man war, nicht geliebt zu werden. Das führte dazu, dass die meisten die Nähe Dianas mieden.

Lehrer fürchteten um ihre Autorität, die Gleichaltrigen glaubten, auf ihre Masken nicht verzichten zu können. Gerade in der Pubertät, wo sie verschiedene Rollen erst ausprobieren, die vielen möglichen Erscheinungen ihrer selbst erfahren mussten, um später zu ihrem eigentlichen Wesen vordringen zu können, waren sie durch diese Wirkung Dianas reichlich überfordert. Aber Diana selbst, wie wurde sie mit dieser Situation fertig? Nun ja, in früheren Jahren, in ihrer Volksschulzeit, war sie ein fröhliches, kleines Mädchen gewesen und ihre Eigenheiten waren von den anderen Kindern letzten Endes akzeptiert worden. Kinderlachen war auf der Wiese vor unserem Haus ein gewohntes Geräusch gewesen, niemals hatte es meiner Enkelin an Spielkameraden gemangelt. Später aber, besonders in der Oberstufe, ja, da war eine schwere Zeit für Diana angebrochen. Man hielt sie zuerst für eingebildet. Bald aber war sogar den Borniertesten unter ihren Schulkameraden klar geworden, dass diese Einschätzung nicht stimmte. Was aber dann? Man hätte ihr noch eher Hochnäsigkeit nachgesehen, doch dass sie sich allen Kategorisierungen entzog, verunsicherte die Meisten. Sie war nicht einzuordnen, ein verwirrendes Faktum, das ihr fast niemand verzieh. So blieben ihr nur zwei Mitschüler: Ihre beste Freundin Sarah und ein sympathischer Bursche namens Sebastian, ihre erste, scheue Teenagerliebe. Sie hatten sich angefreundet, langsam und zögernd, zuerst über die Malerei, die auch Sebastian am Herzen lag. Er schien ihr Wesen zu verstehen und vor ihr brauchte er nicht den überlegenen Mann zu spielen, das wäre ihm sowieso unmöglich gewesen in ihrer Gegenwart. Dadurch zeigte er ihr seine zarten, verwundbaren Seiten; Das ließ die Beiden einander näher kommen, als das bei Halbwüchsigen sonst der Fall ist. Sie wurden dicke Freunde. Später dann, als Dianas Weiblichkeit erblüht war wie eine zarte Blume, hatte er sich verwirrt und verunsichert zu
rückgezogen. Das war die Zeit gewesen, als die Mädchen wie junge Frauen, die Burschen aber noch wie schlaksige Kinder gewirkt hatten. Damals war Dianas Klasse ein inhomogener Haufen gewesen, ein Fass mit gärendem Inhalt, brausend, unruhig und voller unklarer, drängender Gefühle, eine schwierige Herausforderung für alle Lehrer. Dianas Freundin war erfüllt gewesen von äußerst wichtigen Dingen wie irren Klamotten, coolen Parties oder Events, wie sie sagte, tolle "Typen" waren ebenfalls ganz oben gestanden in der Hierarchie ihrer momentanen Interessen. Diana hatte versucht, ebenfalls Begeisterung für derartige Dinge zu empfinden. Sie wollte ihre Freundin nicht verlieren. So drehte und wendete sie sich in hautengen Miniröckchen vor dem Spiegel, probierte die klobigsten Plateauschuhe von Sarah, gewöhnte sich einen neuen Sprachschatz an, der ihre Mutter entsetzte und ihren Vater belustigte. Bald darauf aber brach die schwache Brücke aus angelernten Äußerlichkeiten unter Dianas Unfähigkeit, sich selbst zu belügen. Ihre Einsamkeit begann, sie wie eine kalte Gloriole zu umgeben. Es war Zeit, etwas zu unternehmen, wie damals, in ihrer Kindergartenzeit. Doch jetzt würden solche einfachen Lösungen wie Sommerfeste etc. nicht mehr genügen. Ich wusste, sie war nicht ganz allein, ihre Freunde im Berg hatten ihre Jugendjahre begleitet, ihre Nähe waren Diana Trost und Anregung gewesen, wenn immer sie sie gebraucht hatte. Aber das genügte nicht. Diana gehörte unserer Welt an und brauchte auch hier Freunde, sonst würde sie fortsegeln auf dem Meer der inneren Realitäten und sich endlich auch dort verlieren, ihren Weg verfehlen, der in die Zukunft führte.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
Bilder & Geschichten

Die Anrufung     XVII, 25.02.2017
Erinnerungen     XVII, 25.12.2016
Das kleine Restaurant     XVII, 12.11.2016
Der Flohmarkt     XVII, 08.10.2016
Der Magier     XVII, 23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     MartinM, 22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     MartinM, 26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     MartinM, 18.07.2015
Idol (ein Making-of)     Myriad Hallaug Lokadís, 06.12.2014
Die Frau seiner Träume     MartinM, 29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     MartinM, 14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     MartinM, 30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     Martin Marheinecke, 16.02.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil I     Martin Marheinecke, 26.01.2013
Im Rausch des Narren     Freyjatru, 06.10.2012
Neues Leben für Geschenkpapier     Shina Edea, 05.11.2011
Vogelfutterbastelein     Shina Edea, 30.10.2010
Von gemeinsamen Wurzeln     Rivka, 05.04.2008
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil II     Morgane, 21.07.2007
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil I     Morgane, 14.07.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 30.06.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 24.02.2007
Der Kabä     Der Kabä, 12.11.2005
Nochnoi Dozor – Wächter der Nacht     Doc F, 22.10.2005
Greifbar gewordene Göttervisionen     Anufa, 18.06.2005
Wintermärchen     MadameMim, 06.12.2003
Eine Hexe im Museum     LadyPurple, 13.04.2003
Der wunderbare Regenbogenmann     Sternenelfe, 15.03.2003
Runen raunen und flüstern uns zu     LadyPurple, 08.06.2002
 

Der Fortsetzungs-Roman im WurzelWerk:
«Der Gläserne Berg» von Morgane

Folge 51, Folge 50, Folge 49, Folge 48, Folge 47, Folge 46, Folge 45, Folge 44, Folge 43, Folge 42, Folge 41, Folge 40, Folge 39, Folge 38, Folge 37, Folge 36, Folge 35, Folge 34, Folge 33, Folge 32, Folge 31, Folge 30, Folge 29, Folge 28, Folge 27, Folge 26, Folge 25, Folge 24, Folge 23, Folge 22, Folge 21, Folge 20, Folge 19, Folge 18, Folge 17, Folge 16, Folge 15, Folge 14, Folge 13, Folge 12, Folge 11, Folge 10, Folge 09, Folge 08, Folge 07, Folge 06, Folge 05, Folge 04, Folge 03, Folge 02, Folge 01, Vorwort,
 

Gedichte

Erinnerungen einer Schamanin     Johanna, 15.08.2015
Wild God     Tom Hirons, 25.04.2015
Pole (2008)     Anufa, 14.07.2013
Ich     Thomas Stangl, 02.03.2013
Frühlingsgewitter     Anufa, 09.06.2012
Hymnen an Hekate     Rivka, 06.08.2011
Heilige Auflösung     Veit Pakulla, 12.02.2011
Einsamkeit     Hans Lebert, 05.09.2009
Kain - Ahasver     Rivka, 22.03.2008
Jerusalem     Rivka, 03.11.2007
Sehnsucht     Morgane, 27.10.2007
Götter     Mc Claudia, 13.10.2007
Medusa     Rivka, 06.10.2007
Du     Levi Jizchak von Berditschew, 29.09.2007
Bruder Geier     Rivka, 22.09.2007
Der Wind des alten Landes     Sir Thomas Marc, 08.09.2007
Der Sturm     Sir Thomas Marc, 01.09.2007
Traumzeit     Rivka, 25.08.2007
Heschtia (Tirolerisch)     Sassa, 04.08.2007
Augen voller warmem Glanz     Sir Thomas Marc, 28.07.2007
Tethys     Salome, 09.06.2007
Traum im Mohnfeld, Pan, Gnosis     Rivka, 02.06.2007
Samenmond, Langsame Verwandlung, Gezeiten     Vilwarin, 14.04.2007
Demeter, Stundenwalzer, Anrufung     Rivka, 03.02.2007
Mein Baum, Schattenerforschung     Vilwarin & Simone, 13.01.2007
Einkaufsstrasse im Herbst, Nebelkrähe, Mondmärchen     Rivka, 14.10.2006
Sphinx - Eiszeit - Antiphon     Rivka, 02.09.2006
Rumpelstilzchen - Im Anfang     Rivka, 12.08.2006
Begegnung mit einer Wassernymphe, Fragen an den Sandmann     Simone & Aurora, 25.03.2006
Winterliches Lied, Krähenflug, Spätwinter     Edda Noreia, 03.12.2005
Lachen der Seele     Sir Thomas Marc, 15.10.2005
Herbst     Tria und Rene & Sir Thomas Marc, 03.09.2005
Dimnara´s Gedichte     Dimnara, 19.03.2005
Yulegedichte     MadameMim, 06.12.2003
Spinning...     Fledermaus, 22.11.2003
Herbststimmungen     Tria & René, 22.11.2003
An Bethas Brunnen     Jutta, 17.08.2003
See der Wahrheit     Tria & René, 17.08.2003
Estrella del mar - Stella Mari     Brighid, 28.06.2003
Gebet an die Göttin in mir     Anufa, 07.09.2002
Sommerlied     Edda Noreia, 11.05.2002
Hexenleben     LadyPurple, 25.01.2002
Lughnasad     Verf. unbek., 25.01.2002
Der Baum     Fledermaus, 25.01.2002
Gedichtchen     Gwynnin, 25.01.2002
 

MärchenStunde

Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil II     MartinM, 21.03.2015
Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil I     MartinM, 07.03.2015
Ein Märchen zu Imbolc - Teil II     Cerri Lee, 05.04.2014
Ein Märchen zu Imbolc - Teil I     Cerri Lee, 15.03.2014
Eine Lughnasadhgeschichte - Teil II     Cerri Lee, 14.09.2013
Eine Lughnasadhgeschichte     Cerri Lee, 24.08.2013
Teufelsstein - Teil II     Morgane, 16.08.2008
Teufelsstein - Teil I     Morgane, 09.08.2008
Das Sonnenkind - Teil II     Morgane, 22.12.2007
Das Sonnenkind - Teil I     Morgane, 08.12.2007
Sternensplitter - Teil II     Morgane, 01.12.2007
Sternensplitter - Teil I     Morgane, 24.11.2007
Wie der Schnee entstand - Teil III     Morgane, 05.05.2007
Wie der Schnee entstand - Teil II     Morgane, 28.04.2007
Wie der Schnee entstand - Teil I     Morgane, 21.04.2007
Kreise - Teil III     Morgane, 07.04.2007
Kreise - Teil II     Morgane, 31.03.2007
Kreise - Teil I     Morgane, 24.03.2007
Auch in der Anderswelt gibt es Jahreszeiten... - Teil II     Morgane, 27.01.2007
Auch in der Anderswelt gibt es Jahreszeiten... - Teil I     Morgane, 20.01.2007
Die Adventmadonna     Rivka, 30.12.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil III     Morgane, 30.09.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil II     Morgane, 23.09.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil I     Morgane, 16.09.2006
Wayusti spielt mit dem Händler - Teil II     Changing Man, 01.07.2006
Wayusti spielt mit dem Händler - Teil I     Changing Man, 24.06.2006
Pauli der Zauberer - Teil II     Morgane, 27.05.2006
Pauli der Zauberer - Teil I     Morgane, 20.05.2006
Morganes Erinnerungen - Teil V     Morgane, 18.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil IV     Morgane, 11.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil III     Morgane, 04.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil II     Morgane, 28.01.2006
Morganes Erinnerungen - Teil I     Morgane, 21.01.2006
Weihnachten an der Grenze - Teil II     Morgane, 31.12.2005
Weihnachten an der Grenze - Teil I     Morgane, 24.12.2005
Der Baum des Lebens - Teil II     Eva, 06.08.2005
Der Baum des Lebens - Teil I     Eva, 30.07.2005
Das Agnesbrünnl - Teil II     Morgane, 09.07.2005
Das Agnesbrünnl - Teil I     Morgane, 02.07.2005
Sternenbäume - Teil II     Morgane, 11.06.2005
Sternenbäume - Teil I     Morgane, 28.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil II     Morgane, 21.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil I     Morgane, 12.03.2005
Die Geschichte von den Heidelbeeren     Katja, 26.02.2005
Märchen von uns – für euch     Sabrina & Elen, 12.02.2005
 



                        
                        



    

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