WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 40

Von diesem Tag an schritt meine Gesundung rasch voran. Ich wurde mit jedem Tag kräftiger, und bald konnte ich meinen gewohnten Tätigkeiten wieder nachgehen. Alles war wieder wie früher und doch.. doch war es ganz anders. So musste ein neugeborenes Kind wohl die Welt erleben, dachte ich oftmals, wenn mir die vertrauten Dinge in meiner Umwelt völlig neu erschienen. Alles, jeder Grashalm, jedes Blatt, ja, selbst die gemeinhin als unbelebt bezeichneten Dinge erstrahlten in exquisiter Einmaligkeit und waren so sehr "sie selbst", so erfüllt von diesem Selbstausdruck, dass sie gleichsam von innen heraus leuchteten. Dieses Leuchten umgab in verschiedenen Farbtönen alles um mich her, besonders die Lebewesen. Diese neue Erfahrung machte, dass ich manchmal stundenlang nur erstaunt um mich blickte, als sähe ich die Welt zum ersten Mal. Das war es also, was Diana immer meinte, wenn sie behauptete, die Dinge hätten ein Licht! Anfangs war Georg ziemlich verunsichert über meine neue Fähigkeit, besonders, wenn ich ihm die bezaubernden Lichtspiele beschrieb, die ich um ihn herum beobachten konnte. Ständig wechselten die Farben, es blitzte einmal da, einmal dort auf, Garben aus farbigem Licht schossen aus seinem Kopf, wenn er an seinem neuen Buch schrieb. Ja, er hatte nach dem Erlebnis mit dem Gral wieder zu schreiben begonnen. Ein kraftvoller Schub neuer Kreativität hatte ihn erfasst, die Gedanken flogen ihm nur so zu, und die ausgedruckten Seiten begannen, einen immer höher werdenden Stapel zu bilden.

Joschi hatte plötzlich Lust am Holzschnitzen bekommen. Er besorgte sich Schnitzmesser und sammelte geeignete Hölzer in der Scheune. Eines Tages, als ich Traktorschnüre dort suchte, fand ich eine fast fertiggestellte Holzplastik von ungefähr fünfzig Zentimeter Höhe. Sie stellte eine Frauengestalt, bestehend aus drei Einzelfiguren dar: Ein junges Mädchen mit Dianas Zügen, eine blühende, junge Frau mit dem Gesicht Myriams und eine ältere Frau, in der ich mich erkannte. Er hatte der Dreifachen Göttin die Gestalt der drei Frauen gegeben, die für ihn der lebendige Ausdruck dieser Triade waren: Diana, die Jungfrau; Maria, die Mutter und Ana, die Alte Weise. Erschauernd vor Ergriffenheit betrachtete ich das Erstlingswerk meines Schwiegersohnes, es erschien mir vollkommen in Ausdruck und Technik. Erstaunlich, Joschi hatte meines Wissens noch niemals bisher geschnitzt!

Auch an Myriam war das Gralserlebnis nicht spurlos vorüber gegangen. Sie begann damit, schamanische Techniken in ihrer therapeutische Arbeit zu verwenden. Wie die Schamanen der alten Stammesvölker benutzte sie die Trommel als ihr "Reittier" in die weiten Gefilde der Seelen ihrer Klienten. Diese konnten auf diese Weise ihre eigenen Verwundungen als Dämonen, wilde Tiere oder andere Dramatisierungen ihrer Innenwelt erleben. Sie begegneten ihrer Angst, ihrer Verzweiflung und ihrer Trauer, erlebten sie wieder, und Viele lernten, die verleugneten, in den Untergrund gedrängten Bewohner ihrer Seele wieder zu sich zu nehmen. Und diese erwiesen sich jetzt, da sie wieder geachtete Mitbewohner des inneren Haushalts waren, als wertvoll und nützlich, die Heil-werdung konnte beginnen. Die hohe Rückfallsquote von 70% sank mit dieser neuen Behandlungsmethode auf 40%, ja später sogar auf 30%! Wenn man sich vor Augen hält, dass diese nüchternen Zahlen Einzelschicksale sind, kann man erst ermessen, welcher Erfolg das war!

Die Subventionen waren damit wieder gesichert, und die Arbeit, die vorher manchmal in Frage gestellt war, konnte in Ruhe weitergeführt werden. Eine große Last fiel damit von den Schultern aller Beteiligten.

Ich hatte wieder begonnen zu massieren. Mit meinen "neuen Augen" konnte ich jetzt viel genauer erkennen, was die Menschen leiden machte, die zu mir kamen. Bald wusste ich die einzelnen Farben, und was sie mir über Fühlen und Denken eines Menschen erzählten, besser und besser zu deuten. Schließlich war ich wieder dort angelangt, wo ich vor Jahren schon einmal gewesen war: Die Patienten erzählten mir von ihren Leiden. Doch jetzt erst verstand ich richtig, was sie mir sagten. Ich hatte gelernt, die Sprache von Körper und Seele mit dem inneren Ohr zu hören und Symptome mit geistigen Augen zu lesen. Ich wusste, dass ich vielen jetzt w i r k l i c h helfen konnte. Meine eigene Krankheit hatte mir geholfen, mich in das Leiden anderer besser einzufühlen, meine eigene Heilung ließ mich zur Heilung anderer beitragen. Wieder hatte sich ein Kreis geschlossen und dieser Ort war erneut zu einem h e i l - i g e n Platz geworden. Auch er entfaltete sich also in innerer Verbindung mit den Menschen, die ihn b e - l e b t e n . Die Wahrheit einer uralten, aber oft vergessenen Erkenntnis war hier auf allen Ebenen wieder einmal offenbar geworden. Sie heißt:

ALLES IST MIT ALLEM VERBUNDEN.

Ja, das hätte ich fast vergessen zu erzählen, noch jemand hatte anscheinend aus dem Gral getrunken: Unsere Katze. Seit fast zehn Jahren lebte sie jetzt bei uns, hatte in all diesen Jahren aber nicht einmal Junge geworfen. Wer Katzen kennt, weiß wie ungewöhnlich das ist. Als es wieder Frühling wurde, lagen fünf entzückende Kätzchen in unserem Schuppen, zwei Schwarze, ein Dreifärbiges und zwei Getigerte!

Und letzten Endes gab es da noch Jemanden, dessen Existenz sich grundlegend geändert hatte. Sie war mir bereits abgegangen. Während der Zeit meiner Krankheit hätte sie ja wohl genug Gelegenheit finden können, ihre boshaften Giftpfeile gegen mich abzuschießen, ich wäre ihr in meiner Schwäche wehrlos ausgeliefert gewesen. Vielleicht aber hatte meine Schwäche auch sie betroffen, wer weiß? Jedenfalls hatte sie nichts mehr von sich hören lassen. Dann hatte ich einen Traum:

Jemand saß in unserer Stube, eine Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Als ich eintrat, hob sie den Kopf. Oh nein, mir war als blickte ich in einen Spiegel! Sie trug meine Züge, ohne Zweifel und doch sah sie auch wieder anders aus, wirkte strenger, kantiger und der Blick, den sie mir zuwarf war ziemlich kritisch. Ich wusste sofort, wen ich da vor mir hatte! Lange standen wir einander gegenüber und unsere Blicke verschmolzen miteinander, bis sie sich mit einer resignierten, kleinen Geste abwandte und zur Türe ging. Da, mit einem Mal, spürte ich das ganz starke Bedürfnis sie aufzuhalten. Ich nahm sie bei der Hand und hielt sie zurück. Sie sah mich mit fragender Unschlüssigkeit an. Auch ich wusste nicht genau, was ich jetzt tun sollte, aber gehen lassen konnte ich sie nicht, nicht so! Ich wusste, sie würde nie mehr wiederkommen. Aber war es nicht das, was ich mir so oft gewünscht hatte, wenn sie zynisch und verletzend gewesen war? Wie hätte mein Leben aussehen können ohne sie, ohne die kränkende und herabsetzende Stimme in meinem Inneren, die mich von frühester Kindheit an glauben gemacht hatte, nicht schön genug, nicht gut genug, nicht klug genug und überhaupt von Grund auf ungenügend zu sein. Ach, sollte sie sich doch zum Teufel scheren! Sie hatte wahrlich genug angerichtet in meinem Leben! Wie sehr hatte ich die Kräfte von Verstand und Gemüt mobilisieren müssen, um ihr nicht für immer zu unterliegen! Ja, aber das war es doch! Sie war mir Hammer gewesen, Meißel und Stemmeisen, Säge, Feile und Raspel, um in jahrzehntelanger Bildhauerarbeit meine heutige Persönlichkeit zu formen! Ein hartes Stück Arbeit, doch ich wusste, es hatte sich gelohnt. Sie hatte gute Arbeit geleistet, ihre Aufgabe war erfüllt. Und durfte man das einst nützlich gewesene Werkzeug zuletzt lieblos wegwerfen? Die Arme hatte eine ziemlich undankbare Aufgabe zu erledigen gehabt, und jetzt wollte ich ihr noch die Tür weisen!

Ein mitleidige, zärtliche Regung erfüllte mich mit einem Mal, ich lächelte ihr aufmunternd zu, und da veränderten sich ihre scharfen Züge, wurden jung und mädchenhaft weich, und ein scheues Lächeln huschte darüber hin. Ja, war denn das die Möglichkeit, diese plötzliche, unglaubliche Veränderung!

In einem plötzlich aufwallenden Gefühl von Zuneigung nahm ich sie in die Arme und hielt sie lange und liebevoll umfasst, bis sie weicher und weicher wurde, langsam an Konsistenz verlor und zuletzt verschwand. Sie löste sich nicht etwa auf, nein, sie war, das spürte ich ganz genau, verschmolzen mit mir, aufgegangen in meinem Ich. Nun würde es keine Dialoge mehr geben zwischen ihr und mir, wir sprächen von nun an nur mehr mit einer Stimme, der Meinen.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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