WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 39

Wäre nur unsere Sprache nicht so beschränkt, so dem Dinglichen verhaftet und könnte ich nur besser beschreiben, was ich nun erlebte! Doch leider muss meine Erzählung Gestammel bleiben, kann sich nur annähern an das, was mir in weiterer Folge geschah.

Musik erklang. Ich sage Musik, weil ich für das, was ich hörte kein anderes Wort finde; Oh ja, vielleicht könnte man es das Urbild aller Musik nennen, dem alle Klänge unserer Welt entspringen. Sie war so herzbewegend schön, dass ich glaubte, mich in ihren Tönen auflösen zu müssen. Dann erschien eine Frau, eine Menschenfrau, jung, zartgliedrig und unbeschreiblich schön. Sie schien aus purem Licht zu bestehen und Licht drang auch aus dem Gefäß, das sie trug. Die Musik schien ebenfalls diesem Gefäß zu entströmen und ein unbeschreiblicher Duft, wie aus allen Blüten dieser Welt komponiert. Hoheitsvoll schritt die Frau durch das Gewölbe auf mich zu. Im Näherkommen glaubte ich, sie schon einmal gesehen zu haben, doch wo und wann, das wusste ich nicht. Dann stand sie vor mir und lächelte mich an, und ich sah in ihre Augen, sie waren mir so seltsam vertraut, so nah. Sie sahen direkt in mein Herz, öffneten die Türen zwischen gestern, heute und morgen, zwischen innen und außen, hoben alle Gegensätze auf und ich erkannte in ihnen die Augen Dianas. "Reponse de Joye!" konnte ich nur mehr ergriffen flüstern und "der Heilige Gral!"
Dann fiel ich vor Ehrfurcht auf die Knie. Sie hob mich auf mit einem unsagbar liebevollen Lächeln und erhob dann das Gefäß (es glich der Schale in unserer Höhle aufs Haar) mit beiden Händen. Das Licht, das nun daraus hervordrang, war von einer solch blendenden Helle, dass kein Wort unserer Sprache es beschreiben kann. Sie setzte mir den Gral an die Lippen, und ich trank einen tiefen Schluck von etwas,... ach, ich finde keine Worte mehr! Wenn man Licht trinken könnte, dann müsste es so schmecken! Kaum hatte ich getrunken, erfüllte mich ein Vibrieren, ein Zittern und Beben; Jede Zelle meines Traumkörpers wurde reines Licht, strahlte aus sich heraus, als könne es die Welt erhellen. Ich hörte die Worte in meinem Kopf, gleichzeitig erfüllten sie die Gewölbe: "Ich bin das Licht, ich bin das Leben, ich bin die Liebe; Du bist Licht von meinem Licht, Leben von meinem Leben, liebst durch meine Liebe. Trage mich also mit dir, wohin du auch gehst; lebe... leuchte... liebe... liebe... l i e b e !"

Dann spürte ich einen harten Ruck... und fand mich auf dem Boden der Höhle, in meinen weichen Fellen liegend, wieder. Der Nachhall der Worte erfüllte noch den Raum, in welchem meine Familie und meine Freunde immer noch saßen und mich forschend ansahen. Die Trommel war verstummt. Die Katze lag zusammengerollt auf meinem Bauch und blickte mich aus unergründlichen Katzenaugen an. Diana war auf dem Boden zusammengesunken, ihr Atem ging flach und schnell. Ich wusste, dass sie meine Hilfe brauchte, also erhob ich mich - meine Beine waren wie weicher Gummi - und beugte mich über sie. Sie rührte sich nicht. Ach, mein armes Enkelkind, hatte es seine Kräfte verausgabt, um mich zu retten? Das wäre wohl ein schlechter Tausch gewesen! Das durfte einfach nicht sein! Es war jetzt genug Kraft in mir, um sie meiner Enkelin zu schenken, das spürte ich. Langsam und konzentriert ließ ich die Energie durch eine bestimmte Stelle im Nacken in ihren zarten Körper fließen. Grosse Vorsicht war geboten, man konnte mit solchen gewaltigen Energien einem kindlichen Leib sonst eher schaden als nützen. Ich konnte spüren, wie ein Strom von Kraft aus meinen Händen in den Körper Dianas überwechselte, ihn erfüllte und stärkte, bis er von selbst nachließ und schließlich versiegte. Sie war jetzt wieder rosig und atmete tief und gleichmäßig, wie ich erleichtert feststellte. Aber auch meine Kraft war nicht etwa geschwunden, nein, frisch und erholt fühlte ich mich, wie schon lange nicht mehr seit Beginn meiner Krankheit.

Endlich schlug sie die Augen auf. Noch kurze Zeit waren es die Augen der Gralsjungfrau, die mich ansahen, dann allmählich kehrte das kleine Mädchen wieder zurück, meine kleine Enkelin, die in zukünftiger Gestalt, mir das Leben gerettet hatte.

" Oh, Anna, ich habe geträumt... ich war... ich habe...," "Ssschh, still Diana, nicht sprechen, ich weiß, mein Kleines, ich weiß alles, du musst jetzt ausruhen, lieg ganz still." Behutsam legte ich sie auf das Fell und deckte sie mit der weichen Pelzdecke zu, gleich darauf war sie eingeschlafen. Doch nun war es der tiefe, gesunde Schlaf eines Kindes, der sie gleichmäßig atmen ließ und ihre Wangen sanft rötete. Wir beschlossen, Diana hier ein wenig schlafen zu lassen und sie erst später zu Bett zu bringen.

Etwas war anders verlaufen diesmal, die vertrauten Bilder von Tunnel oder Röhre, von Schacht oder Brunnen, die sich bei solchen Reisen gewöhnlich einstellen, waren zwar bei allen aufgetreten, dann aber... Dann war allen, wohin sie ihre Reise auch geführt hatte, eine leuchtende Schale erschienen, hatte sich wie von Geisterhand bewegt, ihnen zugeneigt und alle getränkt mit... ja, womit? Darüber gingen die Erzählungen auseinander. Franz war sicher, den exquisitesten Wein seines Lebens gekostet zu haben (er war Weintrinker), konnte sich aber nicht über Herkunft und Lage klar werden. ... Alfreds Frau Lisa schwor, allerfeinsten Papayasaft getrunken zu haben; Margot versicherte mit Kennermiene, Sekt, Veuve Clicot oder eine andere teure Marke sei es gewesen; Georg schwärmte von diesem wunderbaren Budweiser Bier, er hatte es in dieser Qualität noch nie irgendwo bekommen.

Für Joschi war es einfach das allerbeste Wiener Hochquellenwasser gewesen; Myriam meinte, sie wäre ganz sicher: Diesen süßen Met gäbe es irgendwo bei einem Bienenzüchter in der Steiermark und Vera, die Kaffeeschwester, lobte die kostbare Hochlandsorte: "Sehr teuer, kann ich euch sagen; So etwas bekommt man nicht so leicht bei uns!" Zuletzt mokierte sich Nana, die Tochter von Alfred und Lisa über die komischen Erwachsenen, die anscheinend nicht einmal in der Lage waren, die neueste Milchshake - Kreation von McDonalds zu erkennen. "Vollkommen uncool!" war ihr Kommentar. Ich aber hatte vom Wasser des Lebens selbst trinken dürfen. Es war mir durch die Hand meiner Enkelin gereicht worden, die eine zukünftige Gestalt ihrer selbst ausgesandt hatte, um mir das Leben neu zu schenken. Ich würde leben durch das Licht des Grals, das die Liebe selbst war.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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