WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 37

"Anna, was ist los, um Gottes Willen, hast du Schmerzen?" Das besorgte Gesicht meines Mannes erschien in der Türöffnung. In den letzten Tagen waren schmerzhafte Geschwülste in meinen Achselhöhlen und Leisten aufgetreten. "Georg, bitte, setz dich zu mir, ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen!" bat ich mit überzeugender Dringlichkeit in der Stimme. Gleich darauf erschienen Myriam und Joschi, sie waren zum Abendessen bei uns gewesen. Ihre Mienen drückten äußerste Beunruhigung aus. Zuletzt kam Diana. Sie kletterte auf mein Bett, strich mir mit einer behutsamen Geste über die Stirn und lächelte mich aufmunternd an. "Weißt du, dass dein Licht heute heller leuchtet als gestern, Anna?" versicherte sie mir mit kindlicher Ernsthaftigkeit.

"Familienrat, meine Lieben," bestimmte ich autoritär, "setzt euch bitte zu mir her und hört mir zu!" Da wir ein Hochbett hatten, war diese Aufforderung nicht leicht zu erfüllen. Alle kletterten also zu mir herauf, und ich fürchtete, dass die Konstruktion des Bettes dieser Belastung nicht gewachsen wäre, doch siehe da, sie hielt. Unsicher und betreten sahen die Kinder an mir vorbei. Sie erwarteten wohl meine letzten Worte!

"Meine Lieben," begann ich mit angemessenem Ernst. Ihre Mienen wurden noch um eine Schattierung verlegener. "Ich kann und will so nicht mehr weitermachen. Ihr haltet mit euren Gefühlen vor mir und auch untereinander zurück. Ich verstehe schon, ihr wollt stark sein, wollt euch gegenseitig stützen, außerdem fürchtet ihr, mich damit zu belasten. So ist das aber nicht, denn so erfriere ich innerlich; Bitte, lasst mich leben, solange ich noch nicht tot bin! Lassen wir doch dieses unnötige Theater und zeigen wir uns gegenseitig unsere Gefühle, auch, wenn sie nicht immer nur sanft und lieb sind, auch, wenn wir einander vielleicht wehtun damit. Alles ist besser als dies hier, diese Kälte, diese Starre!"

Solche letzten Worte hatten sie nicht erwartet. Betroffenes Schweigen erfüllte den Raum. Dann, nach einer langen Pause, sagte meine Tochter unsicher: "Du solltest vielleicht doch medizinische Hilfe annehmen." "Ich weiß, dass es schwer für euch ist, meinen Entschluss zu verstehen. Ich habe das langsame Sterben meines Vaters miterlebt. Er hatte medizinische Versorgung, von Chemotherapie bis Knochenmarksspende. Dies alles war sehr qualvoll für ihn und minderte die Qualität des ihm verbleibenden Lebens erheblich. Es verlängerte letzten Endes nur sein Sterben. Ich will das nicht, und ich stehe zu meiner Entscheidung. Darüber brauchen wir nicht mehr zu sprechen." Ermüdet durch diese Rede lehnte ich mich in die Kissen zurück. Ich konnte sehen, wie meine Tochter versuchte, eine starke Regung zu unterdrücken, die sich aber nun doch durch ihre eisern auferlegte Zurückhaltung Bahn brach. Zuerst war Vorwurf in ihrer Stimme, dann verzweifelter Zorn, zuletzt nur mehr kindlich haltloses Schluchzen, als sie mir antwortete: "Du verlangst uns Einiges ab, Mutter. Weißt du, wie furchtbar es für mich ist, wenn ich jeden Tag zusehen muss, wie du immer schwächer wirst? Du musst einfach irgendwas tun, vielleicht kann man ja doch noch was machen! Die Medizin ist doch seither sehr viel weiter fortgeschritten. Du bist es uns einfach schuldig, wir brauchen dich, ich brauche dich noch und ganz besonders Diana! Hast du daran eigentlich schon gedacht? Wir wollen nicht, ... ich will nicht, dass du schon stirbst, Mama! Mama, bleib bei mir, bitte, bleib doch noch bei uns!"

Endlich konnte ich mein weinendes Kind in die Arme nehmen, ihm tröstend über den Kopf streichen, es festhalten, und seine Tränen ließen die frostige Todeszone um mich herum schmelzen, bis wir einander wieder nahe waren und uns gegenseitig als lebendige, warme und fühlende Wesen spüren konnten. Georg hielt mich von hinten umfasst wie einen Ertrinkenden und seine Tränen flossen in meinen Halsausschnitt. Auch Joschi weinte, eher still, wie es seinem ruhigen Wesen entsprach. Diana lag an meine Beine gekuschelt, ihren Kopf in meinem Schoss. Von da blickte sie mit großen, rätselhaft glänzenden Augen zu mir auf. Die Katze war auch da, sie war überall wo Diana war. Laut schnurrend, lag sie eingerollt, ganz eng an sie geschmiegt. "Ach, ich liebe euch so sehr! Es ist so schön, bei euch zu sein, meine liebe, meine geliebte Familie! Ich bin so dankbar für euch! Ihr habt mir heute das Leben neu geschenkt, wie lange es auch immer dauern mag!"

Langsam verebbte das Schluchzen, wurde weich, und eine pulsierende Wärme begann sich zwischen uns auszubreiten. Sie verband uns, würde uns immer verbinden, denn nichts verging je wirklich, besonders nicht die Liebe.

Und noch etwas musste ich unbedingt meiner Familie sagen, auch wenn alle jetzt sichtlich erschöpft waren durch diese Katharsis.

"Hört zu, ich habe einen Entschluss gefasst. Ich will zwar keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, das bedeutet aber nicht, dass ich so einfach aufgebe. Ihr habt mir heute den Willen und die Kraft geschenkt, zu kämpfen gegen dieses Leiden und ich glaube jetzt nicht mehr, dass meine Zeit schon abgelaufen ist, noch nicht. Dieser Ort ist ein Ort der Heilung und Heilung werde auch ich hier finden, das weiß ich jetzt. Dianas Kräfte sind noch zu schwach, wir dürfen sie auf keinen Fall überfordern. Aber alle zusammen, ihr, ich selbst, unsere Freunde aus Wien; Mit euch zusammen könnte ich es schaffen!" Mit unseren Covengeschwistern waren wir immer in Verbindung gewesen, der Kreis war niemals gebrochen worden. So wussten natürlich alle von meiner Erkrankung und nahmen auch lebhaft Anteil daran. Seit unserem Weggehen aus Wien vor zehn Jahren hatte sich natürlich Einiges geändert. Manche hatten sich abgelöst, zum Beispiel Beate und Stefan. Helga hatte geheiratet. Ihr Mann hatte nie Interesse an diesen Dingen entwickelt, so war auch sie eines Tages weggeblieben. Dafür waren Alfreds Frau Lisa und seine älteste Tochter Nana dazugekommen. Alles ist eben im Fluss, nichts bleibt immer gleich, auch, wenn wir uns das manchmal wünschen, töricht wie wir Menschen eben oftmals sind.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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