WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 36

"Anna, aufstehen, es ist schon halb neun, du Schlafmütze!" Georgs muntere Stimme drang durch die Ausläufer irgendeines letzten, verwehenden Traumes in mein Bewusstsein. Nun ja, er war immer noch ein Morgenmensch, das würde sich nicht mehr ändern. Aber ich? Ich war doch sonst nicht eine derartige Langschläferin, besonders nicht, seit ich etwas älter war! Aber ich konnte in mir nicht den leisesten Anstoß zum Aufstehen finden. Am liebsten hätte ich mich wieder umgedreht und weiter geschlafen.

"Anna, was ist los, fühlst du dich nicht wohl?" Besorgnis schwang in Georgs Frage mit. "Ich weiß nicht," antwortete ich unsicher, "ich fühle mich so eigenartig müde, so richtig bleiern, das ist komisch, aber selbst das Sprechen scheint mir zu viel zu sein." Georg fühlte meine Temperatur mit seiner Handfläche und schüttelte dann den Kopf: "Jedenfalls, Fieber hast du keines," stellte er jetzt schon etwas beruhigter fest. "Na komm, ich hab schon Frühstück gemacht, steh auf, dann fühlst du dich vielleicht gleich besser. Du solltest einmal deinen Blutdruck messen lassen, vielleicht ist das die Ursache." Ich beschloss, das wirklich bald zu tun und stand auf. Und tatsächlich, im Laufe des Vormittags verschwand alles wie ein flüchtiger, nächtlicher Schatten.

Bald darauf - die Ernte war in vollem Gange und ich stand auf dem Anhänger des Traktors, um die Strohballen aufzuschlichten - erhielt ich die nächste Warnung. Eine Welle von Übelkeit und Schwindel erfasste mich und drohte, mich vom Hänger zu stürzen. Ich konnte nur noch mit den Armen rudern, dann sank ich benebelt auf die Strohballen nieder.
Der Arzt wurde gerufen. Er konnte nichts feststellen und überwies mich ins Spital. Nach einigen Untersuchungen fühlte ich mich schon wieder besser und wollte unbedingt nach Hause. Ich rief Georg an, er solle mich heimholen. An seiner bekümmerten Miene konnte ich sehen, dass etwas nicht stimmte, "Was ist los mit mir, kann ich nach Hause?" fragte ich möglichst unverfänglich. Doch er schüttelte ernst den Kopf "Sie müssen noch einige Tests machen, es gibt da noch Unklarheiten..." "Georg, du weißt etwas, was ich nicht weiß, stimmt' s?" Und als er nicht antwortete: "Es ist also ernst. Wie ernst, oder glaubst du etwa, wenn du es nicht aussprichst, ist es nicht da?" Wieder eine endlos scheinende Pause. Er setzte sich auf mein Bett, nahm meine Hand in die seine und sah mich lange, zärtlich und traurig an; Und mir ist, als wären wir wieder in dem Vorstadtcafe, damals vor unendlich langer Zeit, als er mich gebeten hatte, seine Frau zu werden. "Oh, ich liebe dich so, ich wollte keinen Tag mit dir missen! Es war eine so unsagbar schöne Zeit mit dir!" drängt es mich zu sagen. Er nimmt mich zärtlich in die Arme und flüstert in mein Ohr: "Meine Anna, meine Einzige, meine Geliebte, du hast mich so glücklich gemacht!" Jetzt bin ich bereit für die Wahrheit. "Es ist etwas nicht in Ordnung mit deinem Blut," beginnt er. Da weiß ich, was nun kommen wird. Mein Vater, dessen Bruder und auch sein Neffe, mein Cousin waren an dieser Krankheit gestorben, von der ich geglaubt hatte, dass sie in unserer Familie nur bei Männern zum Ausbruch käme. "Leukämie?" frage ich leise und scheue mich fast, das Ungeheuer beim Namen zu nennen, wie, um es nicht dadurch erst ins Leben zu rufen." Sie sind sich noch nicht ganz sicher, sie sagen, einige Tests... aber man kann heute schon..." Ich lege ihm die Hand auf den Mund. "Sssch, still...." Ich muss mich etwas bedenken, dann sage ich laut und bestimmt: "Ich möchte diesen ganzen Medizinzirkus nicht mitmachen. Bitte, nimm mich mit nach Hause. Ich will die Zeit, die mir noch vergönnt ist, bei euch sein, daheim, bis ich endgültig heimkehre, nach Ynys Vytrin, meiner Heimat!"

Und da ist er wieder, mein Georg, mein Harfenspieler, er reagiert so, wie ich es von ihm erwartet habe. Kein Wort des Widerspruchs, kein Abwiegeln oder Verharmlosen, keine verschleiernden Phrasen. Seine Antwort ist: "So soll es sein, Morgan von Avalon, sei gesegnet!"
So geschieht es auch, gegen den Willen der Ärzte, die mich zu einer Behandlung bewegen wollen; Chemotherapie, vielleicht auch Knochenmarksspende. Es ist nicht leicht für mich, ihnen meine Beweggründe verständlich zu machen, aber ich bin schließlich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und kann selbst entscheiden.

Daheim ist eine seltsam gedämpfte Stimmung ausgebrochen. Die Hofbewohner, Myriams Klienten, haben schließlich von meiner Krankheit erfahren, aber sie brauchen alle ihre Kräfte, um gegen ihre eigenen Monster zu kämpfen. Und trotzdem erhalte ich von ihnen so viel an emotionaler Zuwendung, als hätten sie unerschöpfliche Reserven. Meine Familie, im Gegensatz dazu, versucht so unbefangen wie nur möglich mit mir zu verkehren. Keiner spricht je meine Krankheit an, oder zeigt offen seine Gefühle. Mit der Zeit wächst dadurch ein fast unüberwindlicher Wall aus aufgestauten Empfindungen um mich herum, die nie ausgedrückt verhärten und mich gleichsam einmauern, ausschließen aus der warmen Geborgenheit der Lebenden. Und obwohl körperlich noch am Leben, fühle ich mich eigentlich schon tot. Hier auf meiner Lebensinsel, meinem ganz persönlichen Avalon , wo die vom Leben Verwundeten Heilung finden können, sterbe ich langsam und leise einen vorzeitigen Tod, welch grausamer Anachronismus! Ich fühle mich auf einmal zurückversetzt in die Zeit vor zehn Jahren, als mich auf der Fahrt zur Arbeit der Blitz der Erkenntnis getroffen hatte, dass ich, obwohl lebend, schon fast zu den Abgeschiedenen gehörte. "Ein Gespenst unter Gespenstern", so fühlte ich mich damals, und das bin ich auch heute wieder. Sollte mein Leben so enden? Und alles, was dazwischen geschehen war, wurde es dadurch nicht zur lächerlichen Farce, einem grausamen, höhnischen Scherz? Ich fürchtete mich nicht vor dem Tod, ich wusste, dass er ein Übergang ist; Dieser Tod aber war nicht der, den ich sterben wollte.....Außerdem war ich noch nicht bereit, ich glaubte zu fühlen, dass ich im Fluss des Lebens, dessen Strömung natürlicherweise in den Tod mündete, noch nicht an dieser Mündung angelangt sei. War meine Aufgabe in diesem Leben schon erfüllt und konnte ich im Einverständnis mit den Zyklen der Natur sagen: "Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß..." Wieder einmal, wie damals, am Beginn meiner Reise in dieses neue Leben: So viele Fragen! Und leise zuerst, fast unmerklich, dann immer mächtiger, drängender stieg die Antwort in mir hoch, schaffte sich Raum und artikulierte sich endlich in einem Schrei, der das stille Haus erfüllte und weit über die engen Grenzen meines Ich bis dorthin drang, wo er endlich gehört wurde: Im Zentrum meines Selbst, meiner inneren Mitte. Dort, wo alle Dinge Eins sind, wo alles Leben seinen Ausgang nimmt, löste dieser Schrei die Bande der Erstarrung, und das Leben begann sich wieder kräftig in mir zu regen. "Neeeeeeiiiiiinnnnnn!!!!!“


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
Bilder & Geschichten

Die Anrufung     XVII, 25.02.2017
Erinnerungen     XVII, 25.12.2016
Das kleine Restaurant     XVII, 12.11.2016
Der Flohmarkt     XVII, 08.10.2016
Der Magier     XVII, 23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     MartinM, 22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     MartinM, 26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     MartinM, 18.07.2015
Idol (ein Making-of)     Myriad Hallaug Lokadís, 06.12.2014
Die Frau seiner Träume     MartinM, 29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     MartinM, 14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     MartinM, 30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     Martin Marheinecke, 16.02.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil I     Martin Marheinecke, 26.01.2013
Im Rausch des Narren     Freyjatru, 06.10.2012
Neues Leben für Geschenkpapier     Shina Edea, 05.11.2011
Vogelfutterbastelein     Shina Edea, 30.10.2010
Von gemeinsamen Wurzeln     Rivka, 05.04.2008
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil II     Morgane, 21.07.2007
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil I     Morgane, 14.07.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 30.06.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 24.02.2007
Der Kabä     Der Kabä, 12.11.2005
Nochnoi Dozor – Wächter der Nacht     Doc F, 22.10.2005
Greifbar gewordene Göttervisionen     Anufa, 18.06.2005
Wintermärchen     MadameMim, 06.12.2003
Eine Hexe im Museum     LadyPurple, 13.04.2003
Der wunderbare Regenbogenmann     Sternenelfe, 15.03.2003
Runen raunen und flüstern uns zu     LadyPurple, 08.06.2002
 

Der Fortsetzungs-Roman im WurzelWerk:
«Der Gläserne Berg» von Morgane

Folge 51, Folge 50, Folge 49, Folge 48, Folge 47, Folge 46, Folge 45, Folge 44, Folge 43, Folge 42, Folge 41, Folge 40, Folge 39, Folge 38, Folge 37, Folge 36, Folge 35, Folge 34, Folge 33, Folge 32, Folge 31, Folge 30, Folge 29, Folge 28, Folge 27, Folge 26, Folge 25, Folge 24, Folge 23, Folge 22, Folge 21, Folge 20, Folge 19, Folge 18, Folge 17, Folge 16, Folge 15, Folge 14, Folge 13, Folge 12, Folge 11, Folge 10, Folge 09, Folge 08, Folge 07, Folge 06, Folge 05, Folge 04, Folge 03, Folge 02, Folge 01, Vorwort,
 

Gedichte

Erinnerungen einer Schamanin     Johanna, 15.08.2015
Wild God     Tom Hirons, 25.04.2015
Pole (2008)     Anufa, 14.07.2013
Ich     Thomas Stangl, 02.03.2013
Frühlingsgewitter     Anufa, 09.06.2012
Hymnen an Hekate     Rivka, 06.08.2011
Heilige Auflösung     Veit Pakulla, 12.02.2011
Einsamkeit     Hans Lebert, 05.09.2009
Kain - Ahasver     Rivka, 22.03.2008
Jerusalem     Rivka, 03.11.2007
Sehnsucht     Morgane, 27.10.2007
Götter     Mc Claudia, 13.10.2007
Medusa     Rivka, 06.10.2007
Du     Levi Jizchak von Berditschew, 29.09.2007
Bruder Geier     Rivka, 22.09.2007
Der Wind des alten Landes     Sir Thomas Marc, 08.09.2007
Der Sturm     Sir Thomas Marc, 01.09.2007
Traumzeit     Rivka, 25.08.2007
Heschtia (Tirolerisch)     Sassa, 04.08.2007
Augen voller warmem Glanz     Sir Thomas Marc, 28.07.2007
Tethys     Salome, 09.06.2007
Traum im Mohnfeld, Pan, Gnosis     Rivka, 02.06.2007
Samenmond, Langsame Verwandlung, Gezeiten     Vilwarin, 14.04.2007
Demeter, Stundenwalzer, Anrufung     Rivka, 03.02.2007
Mein Baum, Schattenerforschung     Vilwarin & Simone, 13.01.2007
Einkaufsstrasse im Herbst, Nebelkrähe, Mondmärchen     Rivka, 14.10.2006
Sphinx - Eiszeit - Antiphon     Rivka, 02.09.2006
Rumpelstilzchen - Im Anfang     Rivka, 12.08.2006
Begegnung mit einer Wassernymphe, Fragen an den Sandmann     Simone & Aurora, 25.03.2006
Winterliches Lied, Krähenflug, Spätwinter     Edda Noreia, 03.12.2005
Lachen der Seele     Sir Thomas Marc, 15.10.2005
Herbst     Tria und Rene & Sir Thomas Marc, 03.09.2005
Dimnara´s Gedichte     Dimnara, 19.03.2005
Yulegedichte     MadameMim, 06.12.2003
Spinning...     Fledermaus, 22.11.2003
Herbststimmungen     Tria & René, 22.11.2003
An Bethas Brunnen     Jutta, 17.08.2003
See der Wahrheit     Tria & René, 17.08.2003
Estrella del mar - Stella Mari     Brighid, 28.06.2003
Gebet an die Göttin in mir     Anufa, 07.09.2002
Sommerlied     Edda Noreia, 11.05.2002
Hexenleben     LadyPurple, 25.01.2002
Lughnasad     Verf. unbek., 25.01.2002
Der Baum     Fledermaus, 25.01.2002
Gedichtchen     Gwynnin, 25.01.2002
 

MärchenStunde

Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil II     MartinM, 21.03.2015
Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil I     MartinM, 07.03.2015
Ein Märchen zu Imbolc - Teil II     Cerri Lee, 05.04.2014
Ein Märchen zu Imbolc - Teil I     Cerri Lee, 15.03.2014
Eine Lughnasadhgeschichte - Teil II     Cerri Lee, 14.09.2013
Eine Lughnasadhgeschichte     Cerri Lee, 24.08.2013
Teufelsstein - Teil II     Morgane, 16.08.2008
Teufelsstein - Teil I     Morgane, 09.08.2008
Das Sonnenkind - Teil II     Morgane, 22.12.2007
Das Sonnenkind - Teil I     Morgane, 08.12.2007
Sternensplitter - Teil II     Morgane, 01.12.2007
Sternensplitter - Teil I     Morgane, 24.11.2007
Wie der Schnee entstand - Teil III     Morgane, 05.05.2007
Wie der Schnee entstand - Teil II     Morgane, 28.04.2007
Wie der Schnee entstand - Teil I     Morgane, 21.04.2007
Kreise - Teil III     Morgane, 07.04.2007
Kreise - Teil II     Morgane, 31.03.2007
Kreise - Teil I     Morgane, 24.03.2007
Auch in der Anderswelt gibt es Jahreszeiten... - Teil II     Morgane, 27.01.2007
Auch in der Anderswelt gibt es Jahreszeiten... - Teil I     Morgane, 20.01.2007
Die Adventmadonna     Rivka, 30.12.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil III     Morgane, 30.09.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil II     Morgane, 23.09.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil I     Morgane, 16.09.2006
Wayusti spielt mit dem Händler - Teil II     Changing Man, 01.07.2006
Wayusti spielt mit dem Händler - Teil I     Changing Man, 24.06.2006
Pauli der Zauberer - Teil II     Morgane, 27.05.2006
Pauli der Zauberer - Teil I     Morgane, 20.05.2006
Morganes Erinnerungen - Teil V     Morgane, 18.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil IV     Morgane, 11.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil III     Morgane, 04.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil II     Morgane, 28.01.2006
Morganes Erinnerungen - Teil I     Morgane, 21.01.2006
Weihnachten an der Grenze - Teil II     Morgane, 31.12.2005
Weihnachten an der Grenze - Teil I     Morgane, 24.12.2005
Der Baum des Lebens - Teil II     Eva, 06.08.2005
Der Baum des Lebens - Teil I     Eva, 30.07.2005
Das Agnesbrünnl - Teil II     Morgane, 09.07.2005
Das Agnesbrünnl - Teil I     Morgane, 02.07.2005
Sternenbäume - Teil II     Morgane, 11.06.2005
Sternenbäume - Teil I     Morgane, 28.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil II     Morgane, 21.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil I     Morgane, 12.03.2005
Die Geschichte von den Heidelbeeren     Katja, 26.02.2005
Märchen von uns – für euch     Sabrina & Elen, 12.02.2005
 



                        
                        



    

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