WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 35

Ich war eben damit beschäftigt, die trocknenden Kräuterbüschel auf dem Dachboden durchzusehen, damit keines schimmlig würde oder gar faulte. Der feuchte Sommer ließ mich da Einiges befürchten. Mittlerweile hatten wir den Dachboden so weit hergerichtet, dass er sich für diese Zwecke gut eignete. Wie liebte ich den feinen, würzigen Duft hier oben in meinem Reich! Da waren die Hauptthemen der kräuterlichen Symphonie: Der frische Duft der verschiedenen Minzen. Sie wurden strukturiert durch den Takt von Schafgarbe, Salbei und Thymian und abgerundet vom Fein- süßlichen Duft der Kamille und der Zitronenverbene. Unterschwellig konnte man noch eine zarte Melissennote und einige andere, eher der Untermalung des Ganzen dienende, unaufdringliche Gerüche wahrnehmen, die Essenz eines ganzen Sommers. Durch die runde Öffnung an der Stirnwand des Hauses hörte ich das Blöken der Schafe, die eben in den Stall getrieben wurden. Es vermischte sich mit dem variationsreichen Lied einer Amsel, die offenbar auf dem Giebel unseres Hauses saß und dem kommenden Regen entgegensang. Eine erdige, breite Zufriedenheit erfüllte mich und ich gab mich mit geschlossenen Augen dieser Empfindung hin. Daher brauchte ich einige Zeit, um aus der Vielzahl dieser Sinneseindrücke die Laute herauszufiltern, die hier fremd waren, unvertraut. Jemand sang. Es musste im Haus sein, denn es klang gedämpft. Deshalb konnte ich die Worte des Liedes nicht verstehen. Neugierig geworden, stieg ich die steile Holztreppe, die ins Vorhaus führte leise hinunter. Der Gesang war jetzt deutlich zu hören, klar und rein klangen die Töne einer mir unbekannten, weichen Melodie an mein Ohr. Die Worte waren mir immer noch unverständlich.

Diese Sprache kannte ich nicht. Leise öffnete ich die Türe zur Stube und sah hinein. Da saß Diana, über eine Aquarellmalerei gebeugt und sang selbstvergessen vor sich hin, sie bemerkte mein Eintreten nicht. So konnte ich sie beobachten und ihrem Lied lauschen. Dann, als hätte sie meine Blicke gespürt, sah sie auf, lächelte mir strahlend zu und unterbrach ihren Gesang. "Anna, ich hab dich gar nicht gehört," sagte sie, wie entschuldigend. "Was hast du denn da gesungen, Diana? Dieses Lied habe ich noch nie von dir gehört. Welche Sprache war denn das?" Nun zeichnete sich leichte Verlegenheit in ihren Zügen ab. Wie entschuldigend sagte sie: "Es ist Lumani, ich singe manchmal in dieser Sprache, wenn mich niemand hört." Leider hatte dieses Verbergen eines wesentlichen Teiles ihrer Selbst vor der Umwelt zu Folge gehabt, dass sie auch ihrer Familie gegenüber damit zurückhielt. Sie schien sich uns angleichen zu wollen, vermied es damit aufzufallen, weil sie das Unbehagen genau spüren konnte, das sie ihren Eltern damit bereitete. Dass sie sich aber jetzt anscheinend auch vor mir zurückzog, schmerzte und beunruhigte mich. Ich war es doch gewesen, die sie immer wieder dazu aufgefordert hatte über ihre Freunde zu erzählen, zu malen, was nur sie sehen konnte und mir beim Kräutersammeln zu helfen. Durch sie hatte ich auch schon gelernt, manchmal das Lebenslicht um die Pflanzen wahrzunehmen .

Ihre Malerei war anders heute. Das Motiv war ungewöhnlich. Es zeigte eine Art unregelmäßiges Gewölbe, nicht aus Steinen erbaut, sondern aus durchscheinendem Material, lichtdurchflutet, aber ohne sichtbare Lichtquelle. Ihre Maltechnik hatte sich in den letzten Jahren zusehends verbessert. Es war abzusehen, dass ihre Werke sehr bald hohen Ansprüchen genügen würden, vorausgesetzt, sie entwickelte sich in dem Tempo weiter. Sie sah mich erwartungsvoll an, erwartete eine Bemerkung über ihr neuestes Werk. "Was ist das, Kind, was stellt das dar?" fragte ich und erwartete eine Antwort wie etwa: 'Eine Feenburg' oder 'ein Märchenschloss' oder etwas in dieser Richtung, schließlich war sie ein Kind von neun Jahren, dass vergaß man leicht bei ihr. Deshalb überraschte mich die Antwort, die ich jetzt bekam. Ein direkt körperlich fühlbarer Schreck durchzuckte mich, als sie zur Antwort gab: "Das ist die Höhle im Berg, sie liegt hinter unserer Erdhöhle. Meine Freunde wohnen dort. "Erschreckt und ungläubig sah ich sie an. Wir hatten bisher vermieden, sie in die Erdhöhle mitzunehmen.

Myriam fürchtete, sie könne das traurige Schicksal ihrer Vorgängerin auf irgendeine Weise wiederholen und hatte mir deshalb streng verboten, dieses Gewölbe auch nur zu erwähnen in ihrer Gegenwart - und nun das!..."Du weißt von der Höhle?!... Wie hast du davon erfahren?" Diana schien amüsiert über meine entgeisterte Miene. "Ich war dort, schon oft, und dahinter war ich auch, und da ist diese Höhle, dahinter, den Gang weiter, weißt du."

Ihre kindliche Ernsthaftigkeit sprach der vollkommenen Absurdität dieser Behauptung Hohn. Aber, wäre es mir nicht auch ähnlich absurd erschienen, hätte mir vor zehn Jahren jemand klar zu machen versucht, unter unserem Haus befände sich eine Höhle und ein geheimer Gang? "Diana, sag mir, könnte ich auch in diese Höhle gehen, oder deine Mutter oder irgend ein anderer Mensch außer dir?" "Jetzt noch nicht," erklärte sie nach einem Moment des Nachdenkens. "Aha, und warum noch nicht?" "Na, weil der Gang doch aufhört." Sie verlor jetzt langsam das Interesse an dieser Unterhaltung, ihr angefangenes Bild schien ihr mehr zu bedeuten. Meines aber war entfacht, ich spürte, dass da etwas war, etwas, das mir Dianas Wesen besser verstehen helfen würde und die Türe wieder öffnen könnte, die sich drohte, zwischen uns zu schließen. Deshalb durfte ich die Sache jetzt nicht auf sich beruhen lassen, das wusste ich. Und es war mir, als hörte ich ganz leise die Stimme von Nimue, meiner geliebten Lehrerin: "Es ist Zeit, Kind, tu deine Arbeit!" Ich spürte, wie sich etwas Anderes, Größeres, über meine großmütterliche Persönlichkeit legte und so nun, mit der Autorität der Hohepriesterin, sprach ich zu der Diana, die jetzt hinter ihrer kindlichen Person hervortrat und mir antwortete. "Sage mir, was bedeuten die Worte deines Liedes, und was verbirgt sich noch im Inneren des Berges, sprich zu mir, Diana, es ist wichtig!"

Diana hob den Kopf und sah mich mit sich weitenden Augen an. Kein Zweifel, sie erkannte, wen sie da vor sich sah. Und sie, die doch so viel mehr Fähigkeiten besaß als ich, sie, die Erste einer neuen Art, beugte sich der Macht der Alten Götter, die ich in diesem Augenblick verkörperte. Diese Erkenntnis nahm mir fast den Atem. "Die Worte sind in den Linien der Zeichnung eingeschrieben, ja, die Linien sind die Worte. Und indem ich die Linien aus meinem Inneren heraus male, werden die Worte in mir lebendig, auch die Melodie. Man kann sie nicht übersetzen, weil diese Sprache ganz andere Begriffe benützt als die Unsere. Sie hat Worte für alles, was die heutigen Menschen aus ihrer Wirklichkeit verdrängt haben. Die Melodie dazu gibt die feineren Bedeutungen wieder, zum Beispiel, wenn wir sagen: Ein Blatt, dann weiß niemand, ob es ein lebendes, ein sterbendes oder ein vor Lebendigkeit leuchtendes Blatt ist. Das wird durch die Melodie ausgedrückt, verstehst du mich? Das Ganze ist stark vereinfacht, aber unsere Begriffe sind eben vereinfachend, leider. Sie können nicht das Alles ausdrücken, was Lumani sagen kann."

Sie hielt kurz inne, um sich zu sammeln, dann sprach sie weiter: "Meine Freunde haben mich in meinem Geistkörper ins Innere dieses Berges geführt. Es ist, wie soll ich es sagen, ja, es liegt hinter deiner Höhle, so wie sich die Wahrheit hinter den sichtbaren Dingen verbirgt. Sie ist da und auch wieder nicht. Du kannst sie nur in deinem Geistkörper aufsuchen. Sie gehört einer feineren Ebene als der physischen an. Würdest du versuchen, den Gang mit der Spitzhacke zu erweitern, fändest du nur Steine und Erde. Dort wohnen meine Freunde. Sie sind nur Besucher in unserer Welt, aber sie lehren mich und sie sind die Einzigen, die meine andere Seite ganz verstehen. Und so habe ich eine Familie und Freunde auf dieser Seite der Realität und auch auf der anderen. Du bist ein Wanderer, du besuchst die eine wie auch die andere Seite, deshalb verstehst du mich und glaubst mir, obwohl du nicht sehen kannst, was ich sehe. Ich bin ein neuer Trieb an einem sterbenden Baum, welcher, im Inneren morsch, bald fallen wird. Er wird mich aber aus seiner zerfallenden Substanz nähren, auf dass ich wieder Samen tragen und das Leben weitergeben kann, mit dem Segen der Mächtigen. So sei es!"

Gleich darauf wurde aus Diana wieder das kleine Mädchen, das sich ein wenig verwirrt umsah und sich dann, fast übergangslos, wieder seiner Malerei widmete. Sie hatte ganz offensichtlich keinerlei Erinnerung an die Worte, die sie eben noch zu mir gesagt hatte. Auch ich war wieder als diejenige zurückgeblieben, die ich normalerweise war, Anna, Dianas Großmutter.

Doch etwas war anders diesmal. Bisher hatte es mir niemals etwas ausgemacht, die Ebenen zu wechseln, nein, leichtfüßig wie ein junges Reh war ich immer über den Zaun hin - und her gesprungen, hatte mich den ganz verschiedenen Bedingungen der Hier - und Anderswelt flexibel anpassen können. Heute, zum ersten Mal spürte ich eine leichte Übelkeit, verbunden mit Kopfschmerzen. Nun ja, ich war nicht mehr die Jüngste, vielleicht reagierte ich auf den Wetterumschwung; Es hatte wieder begonnen zu regnen nach ein paar trockenen Tagen.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
Bilder & Geschichten

Die Anrufung     XVII, 25.02.2017
Erinnerungen     XVII, 25.12.2016
Das kleine Restaurant     XVII, 12.11.2016
Der Flohmarkt     XVII, 08.10.2016
Der Magier     XVII, 23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     MartinM, 22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     MartinM, 26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     MartinM, 18.07.2015
Idol (ein Making-of)     Myriad Hallaug Lokadís, 06.12.2014
Die Frau seiner Träume     MartinM, 29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     MartinM, 14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     MartinM, 30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     Martin Marheinecke, 16.02.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil I     Martin Marheinecke, 26.01.2013
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Neues Leben für Geschenkpapier     Shina Edea, 05.11.2011
Vogelfutterbastelein     Shina Edea, 30.10.2010
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Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil II     Morgane, 21.07.2007
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil I     Morgane, 14.07.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 30.06.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 24.02.2007
Der Kabä     Der Kabä, 12.11.2005
Nochnoi Dozor – Wächter der Nacht     Doc F, 22.10.2005
Greifbar gewordene Göttervisionen     Anufa, 18.06.2005
Wintermärchen     MadameMim, 06.12.2003
Eine Hexe im Museum     LadyPurple, 13.04.2003
Der wunderbare Regenbogenmann     Sternenelfe, 15.03.2003
Runen raunen und flüstern uns zu     LadyPurple, 08.06.2002
 

Der Fortsetzungs-Roman im WurzelWerk:
«Der Gläserne Berg» von Morgane

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Gedichte

Erinnerungen einer Schamanin     Johanna, 15.08.2015
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Hymnen an Hekate     Rivka, 06.08.2011
Heilige Auflösung     Veit Pakulla, 12.02.2011
Einsamkeit     Hans Lebert, 05.09.2009
Kain - Ahasver     Rivka, 22.03.2008
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Sehnsucht     Morgane, 27.10.2007
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Medusa     Rivka, 06.10.2007
Du     Levi Jizchak von Berditschew, 29.09.2007
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Heschtia (Tirolerisch)     Sassa, 04.08.2007
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Tethys     Salome, 09.06.2007
Traum im Mohnfeld, Pan, Gnosis     Rivka, 02.06.2007
Samenmond, Langsame Verwandlung, Gezeiten     Vilwarin, 14.04.2007
Demeter, Stundenwalzer, Anrufung     Rivka, 03.02.2007
Mein Baum, Schattenerforschung     Vilwarin & Simone, 13.01.2007
Einkaufsstrasse im Herbst, Nebelkrähe, Mondmärchen     Rivka, 14.10.2006
Sphinx - Eiszeit - Antiphon     Rivka, 02.09.2006
Rumpelstilzchen - Im Anfang     Rivka, 12.08.2006
Begegnung mit einer Wassernymphe, Fragen an den Sandmann     Simone & Aurora, 25.03.2006
Winterliches Lied, Krähenflug, Spätwinter     Edda Noreia, 03.12.2005
Lachen der Seele     Sir Thomas Marc, 15.10.2005
Herbst     Tria und Rene & Sir Thomas Marc, 03.09.2005
Dimnara´s Gedichte     Dimnara, 19.03.2005
Yulegedichte     MadameMim, 06.12.2003
Spinning...     Fledermaus, 22.11.2003
Herbststimmungen     Tria & René, 22.11.2003
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See der Wahrheit     Tria & René, 17.08.2003
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