WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 34

Das Sommerfest wurde ein Erfolg. Viele Eltern waren mit ihren Kindern gekommen und bei Spiel und Spaß, bei Essen und Trinken schien die Fremdheit zu schmelzen wie Schnee in der Frühlingssonne. Müde und glücklich war Diana zum Schluss von Joschi zu Bett gebracht worden. Da hatte sie schon geschlafen.

Diana ging also wieder in den Kindergarten. Kleine Kinder sind seltsame Wesen. Sieht man davon ab, sie in die Kategorien der Erwachsenenwelt pressen zu wollen und betrachtet sie mit unvoreingenommenen Augen, dann erscheinen sie als eigenartig vollkommene Persönlichkeiten, vom ersten Augenblick ihres Erscheinens in der Menschenwelt an, bis, na ja, sagen wir, bis zum Eintritt der Pubertät. In dieser sowohl notwendigen, als aber auch unglücklichen Phase wirken sie dann manchmal, wie in einem dieser Zerrspiegel betrachtet, die oft Arme, Beine und Nasen ins Groteske verlängern und fühlen sich wahrscheinlich auch so. Aber bis dahin sind sie vielleicht noch nicht so ganz abgetrennt von der Erinnerung an ihre ursprüngliche Herkunft. Das bewirkt dass man, hat man die Augen dafür, noch manchmal die andere Welt durch sie hindurchscheinen sieht, wie durch dünnes Papier. Auch unsere Diana war ein solch transparentes Wesen. Oftmals betrachteten wir sie, wenn sie schlief. Dann schienen ihre entspannten Züge von innen heraus vor Lebendigkeit zu leuchten und jeder konnte sehen, dass ihr inneres und ihr äußeres Wesen in vollkommener Übereinstimmung waren: Unschuld nannte man das wohl. Bis jetzt war es so gewesen.
Um so verwunderlicher war es für uns alle, dass sie anscheinend einem unausgesprochenen Befehl Folge leistete, seit sie wieder in den Kindergarten ging. Der lautete: "Verbirg dein wahres Wesen vor anderen!" Sie musste unsere Befürchtungen in dieser Richtung mit feinen Antennen aufgefangen haben, wie viele Kinder das tun und schützte damit sich und uns vor der Ausgrenzung. Sie hatte ihre Unschuld verloren. Der Schmerz darüber zog mir förmlich das Herz zusammen, als ich dessen gewahr wurde. Aber es ermöglichte ihr und uns ein angemessen normales Leben in dieser Umwelt, an diesem Ort, der uns zu sich geholt hatte und den wir zu behüten hatten.

... Jahre später...
Myriam war letztendlich zu einer anerkannten Therapeutin geworden. Sie hatte gelernt, bewusst die Ebenen zu wechseln, das war ein bedeutender Fortschritt für ihre Arbeit gewesen. Zusammen mit einem feinen Einfühlungsvermögen und der wirklichen Zuneigung zu den ihr anvertrauten Menschen hatte ihr das schließlich den beruflichen Durchbruch verschafft.
Sie hatte einen Lehrauftrag in Wien erhalten, war dadurch an zwei Tagen der Woche nicht bei uns. Joschi schrieb an seiner Dissertation. Georg und ich entlasteten ihn in der Landwirtschaft, wir waren schon fast richtige Bauern geworden. Georgs Stirn war, seit wir hier angekommen waren, Jahr um Jahr etwas höher geworden, was ihm ein sehr bedeutsames Aussehen verlieh. Er wurde, auch äußerlich seinem Vorbild Merlin immer ähnlicher; Vorausgesetzt, man stellte sich den alten Magier mit einem gemütlichen Bäuchlein vor. Um meine Augen zeichneten sich ein paar Fältchen mehr ab, zum Lesen brauchte ich eine Brille und die grauen Strähnen in meinem roten Haar waren in den letzten Jahren deutlicher sichtbar geworden. Georg war davon entzückt. Man mochte glauben, er könne es nicht erwarten, eine alte Frau an seiner Seite zu haben. Meine Anlage zur Molligkeit hielt ich durch Diät im Zaum. Ich wollte nicht zur fülligen Matrone werden.

Die Tage des Hochsommers waren angebrochen. Das Jahr hatte nicht ganz dem entsprochen, was es zuletzt verheißen hatte. Einem warmen und trockenen Juni waren ein Juli und August gefolgt, die Gummistiefel zum Objekt allergrößter Wichtigkeit hatten werden lassen. Die Erdäpfel drohten in der Erde des Ackers zu verfaulen, oder aber und das war gleich schlimm, von Pilzheiten verdorben zu werden. Die erste Heuernte war eingefahren, nicht ohne im letzten Moment einen Regenguss abbekommen zu haben.
Ob wohl das Sommergetreide wirklich zur Reife käme? Der Hafer hatte erst spät gesät werden können, da der Schnee so spät weggetaut war; auch um ihn fürchteten wir. Die Schweine blieben von diesen Sorgen unberührt. Mit Wonne wühlten sie im Boden ihres Geheges oder suchten ihr Lieblingsgrünfutter, den Giersch (Aegopodium podagraria) auf der Weide. An ihm bestand kein Mangel. Die Herde der Schafe und Ziegen war ziemlich angewachsen, schon wieder machten Zicklein ihre erheiternden Luftsprünge oder übten sich in der sportlichen Disziplin der Bockstöße. Das Wetter jedenfalls war das häufigste Gesprächsthema im Ort. Das war nicht weiter verwunderlich, ist doch das Vorankommen einer Bauernwirtschaft ganz eng an gute Wetterverhältnisse gebunden. Mit dem Wetter steht oder fällt ein ganzer Jahresertrag und das hat schon manchen Bauern schaudernd in den gähnenden Schlund des drohenden Ruins blicken lassen. Aber, so weit war es noch nicht! Noch konnte auf einen heißen August und einen warmen September gehofft werden.

Diana hatte im Mai dieses Jahres ihren neunten Geburtstag gefeiert. Sie war zu einem feingliedrigen Mädchen mit dunklen, dichten Haaren herangewachsen, ein Wachstumsschub hatte ihre ohnehin dünnen Beine in lange, staksige Gebilde verwandelt. Aus allen Hosen und Pullis war sie in kurzer Zeit herausgewachsen wie eine Bohnenranke aus dem Saatbett. Die Volksschulzeit ging langsam ihrem Ende zu. Ein Jahr noch, dann sollte sie auf ein Musisches Gymnasium in der nächsten größeren Stadt gehen. Sie war eine sehr gute Schülerin in allen musischen Fächern, außerdem in Sprachen. Den Realien war sie weniger zugewandt, ein großmütterlich - mütterliches Erbe. Natürlich galt sie in ihrer Klasse als Träumerin, war aber trotzdem beliebt unter ihren Kollegen, da sie es meisterlich gelernt hatte, die andere Seite ihres Wesens zu verstecken. Nur in der Kunst ließ sie zu, dass es hervortrat. Ihre Arbeiten waren erfüllt von Fabelwesen, ein wahrer Strom aus Feen, Elfen, Gnomen und auch jener kleinen Wesen mit der eigenartig zarten Gestalt und den großen Augen, ergoss sich über ihre Zeichnungen. Hier aber waren diese Dinge erlaubt, galten nicht als sonderbar, vorerst noch nicht... Ihre Arbeiten strahlten aber auch eine eigenartige Faszination auf die meisten Betrachter aus. Irgendwie schienen sie nicht allein der Phantasie entsprungen, nein, sie wirkten wie Momentaufnahmen, Schnappschüsse einer verborgenen Wirklichkeit. Das waren sie auch, das musste aber keiner wissen...
Außerdem sang sie sehr gerne. Darüber waren wir nicht verwundert, was mich aber staunen machte, war etwas Anderes.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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