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Unser Umgang mit der Natur wird von Respekt und geschwisterlicher
Verbundenheit geprägt sein, weil wir einfach wissen werden,
dass alles miteinander verbunden, ja in Wirklichkeit Eins ist.
Und unsere Diana ist und das wird keine leichte Aufgabe für
sie werden, eine der ersten Vertreterinnen dieser neuen Menschheit,
mit ihr beginnt vielleicht eine neue Evolutionslinie, was weiß man.
Wie ihr ja wisst, hüten wir in unserer Höhle eine uralte
Schale, für uns ist es der Heilige Gral, das Gefäß des
Lebens. Er wurde mir anvertraut und ich werde ihn, wenn die Zeit
gekommen ist, an eine neue Hüterin weitergeben und diese wird
Diana sein, die Reponsé de Joye der alten Sage, die Gralsjungfrau.
Sie hat ja auch ihre Hexentaufe aus dem Gral empfangen. Und deshalb
werdet ihr beiden auch keine weiteren Kinder mehr bekommen, weil
in diesem Einen eure ganze Substanz liegt, und weil dieses eine
eure ganze Kraft und Aufmerksamkeit brauchen wird."
Diese lange Rede hatte mich ziemlich erschöpft. Ich lehnte
mich zurück, nahm einen Schluck Kakao und kam innerlich gleich
darauf zur Ruhe. Ich hatte diese Worte nicht vorbereitet gehabt,
sie waren aus mir herausgeflossen wie ein Bach, der sich allein
sein Bett sucht, so als wären sie nicht von mir gekommen.
Hatte ich wegen meiner Vorhersage die weiteren Kinder betreffend,
Widerspruch erwartet, so hatte ich mich getäuscht. Tiefe Nachdenklichkeit
zeichnete sich auf den Zügen meiner Familie ab. Still gingen
Joschi und Myriam, Diana zwischen sich an den Händen führend,
nach Hause, während mir ein seltsamer Gedanke durch den Kopf
blitzte, über den ich verwundert den Kopf schüttelte: "Die
Heilige Familie, Josef, Maria und das Kind..."
Diana brauchte Freunde, sichtbare Spielgefährten, sie sollte
ein möglichst normales Kinderleben führen. Deshalb wurde
sie im Kindergarten angemeldet. Der Schulbus schluckte die quirlige
Kinderschar jeden Tag um die gleiche Zeit. Dianas ernsthaftes,
kleines Gesichtchen sah aus dem Fenster. Sie winkte kurz, gleich
darauf plauderte sie schon lebhaft mit ihren Freunden. Man konnte
ihr ansehen, wie wohl sie sich fühlte. Drei Wochen lang. Dann
kam der Umschwung. Sie trödelte morgens, wollte ihr Frühstück
nicht essen und sagte eines Tages: "Ich gehe heute nicht in
den Kindergarten, ich bleibe bei dir, Anna." "Warum willst
du nicht gehen?" fragte ich sie. Sie schwieg. "Diana,
gefällt es dir nicht dort? Komm, sag's mir. Willst du nicht
bei deinen Freunden sein?" Ein langer, intensiver Blick aus
ihren dunklen Augen traf mich bis ins Innerste, dann sagte sie
ruhig und bestimmt: "Meine Freunde sind hier." Das war's.
Mehr konnte ich von ihr nicht erfahren. Sie nahm ihre Katze auf
den Arm und ging in den Garten. Als ich später hinausging
und nachsah, saß sie auf der Schaukel, die Katze im Arm,
den Kopf leicht geneigt und schien versonnen auf etwas zu lauschen,
das nur sie allein hören konnte. Alle Alarmglocken läuteten
in meinem Kopf. Hier lief etwas ganz entschieden falsch! Was das
war, mussten wir herausfinden.
Myriam, Joschi und ich trafen uns mit der Kindergärtnerin.
Sie war eine durchaus sympathische, junge Frau mit warmherzig blickenden
Augen und sie schien ernsthaft beunruhigt über irgend einen
Vorfall mit Diana. Meine Befürchtungen gingen in eine bestimmte
Richtung, leider wurden sie bestätigt.
"Nun, was ist geschehen, dass unsere Diana nicht mehr in
den Kindergarten gehen will? Es muss ja etwas vorgefallen sein,
denn anfangs hat es ihr doch gut gefallen." begann Joschi
das Gespräch ohne große Umschweife. Es war der Kindergärtnerin
deutlich anzusehen, dass sie nicht genau wusste, wie sie beginnen
sollte. Ihre Finger verschlangen sich ineinander, lösten sich
wieder, zupften nervös an ihrem Rock, um sich zuletzt wieder
aneinander festzuhalten. Dann begann sie unsicher: "Die Diana
ist ein wirklich liebes Kind und dazu ein sehr begabtes..." "Aber?" "Ja,
das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Es ist da etwas
sehr Seltsames geschehen, eigentlich mehrere Dinge..." Sie
straffte ihren Oberkörper und entschloss sich nun sichtlich
zu einer Schilderung des Vorgefallenen. "Ja, also, die Geschichte
ist die: Die Kinder haben gerade im Garten gespielt. Dabei ist
der kleine Philip beim Laufen niedergefallen und hat sich das linke
Knie ziemlich aufgeschürft. Grosses Geschrei, Blut ist über
sein Schienbein heruntergeronnen.
Solche Schürfwunden sind ja sehr schmerzhaft, das wissen
wir alle. Ja, und jetzt kommt's. Ich bin hineingelaufen, wollte
Verbandzeug holen und Desinfektionsmittel, und wie ich wieder
rauskomm' seh' ich, wie die kleine Diana die Hand auf seiner
Wunde liegen hat. Ich will noch schimpfen, weil ihm das doch
weh tun musste, da fängt sie auf einmal an, irgendwelche
komischen Töne zu singen. Ich sag's ihnen, ganz enterisch
is mir wor'n dabei!" In der Aufregung verfällt sie
in ihren heimatlichen Dialekt, ohne es zu bemerken. "Sie
hat mi gar net g'segn, ganz wo anders woas, die Augn habm an
ganz komischn Blick ghabt. Und dann hat's die Hand wegagnumman,
und i sag's ihnan, da woa de Wundn weg, nix mea woa zan segn!
So was is mia no nia unterkemma, des woa de reinste Hexerei!"
Aber, dieser Vorfall war nicht der letzte gewesen, wie sich bald
herausstellte. Die Kinder pflegten einige Topfpflanzen in ihrem
Gruppenraum. Sie waren dafür verantwortlich und kamen dieser
Aufgabe meistens auch mit viel Eifer nach. Dennoch hatte ein kleiner
Bub anscheinend mehrere Tage hintereinander vergessen, seine Pflanze
zu gießen. Sie war vertrocknet und tot. Alles spätere
gießen hatte nur mehr bewirkt, dass das Ganze zu einem matschigen
Klumpen mit einem traurig herabhängenden Stängel verkommen
war. Die Trauer war groß gewesen, wieder waren Tränen
geflossen. Diana hatte den Kleinen anscheinend trösten wollen.
Deshalb hatte sie die Pflanze aus dem Mist gefischt und sie ihrem
kleinen Freund zurückgegeben. Da war sie wieder prall und
lebendig gewesen. "Die - Anna kann zaubern, die - Anna kann
zaubern!" singend waren die Kinder um Diana herumgetanzt,
und die war überglücklich gewesen über den Erfolg
ihrer Bemühung und die Freude, die sie damit den Kindern gemacht
hatte. Mit dieser Freude war es allerdings bald vorbei gewesen.
Ihre Freundin Ines hatte Einladungen für ihr Geburtstagsfest
unter ihren engsten Freunden verteilt. Dazu hatte bis jetzt auch
Diana gehört. Sie hatte ihrem ersten Kindergeburtstag schon
erwartungsvoll entgegengefiebert und immer wieder davon gesprochen.
Sie erhielt keine Einladung. Seither wollte sie nicht mehr in den
Kindergarten. Sie war durch nichts dazu zu bewegen, wieder dorthin
zu gehen. Darin glich sie ihrer Mutter. Auch sie war ähnlich
bestimmt in ihren Entscheidungen. Hier endete wohl Dianas Kindergartenlaufbahn,
abrupt und endgültig. In Zukunft, das ahnten wir, würde
noch Einiges auf uns zukommen.
Diana musste lernen, ihre Fähigkeiten einerseits zu verbergen,
wenn es geraten schien; Und anderseits war es wichtig für
sie zu lernen, wie sie diese richtig einsetzen konnte. Himmel,
sie war gerade erst drei Jahre alt! Solche Dinge wären für
einen Erwachsenen schon schwierig genug, dann erst für ein
so kleines Kind! Offen, wie eine eben erst erblühte Blume,
sollte sie schon lernen, ihr Wesen zu verstecken vor einer Welt,
die sie nicht verstand, ja, sie nicht verstehen konnte. Würde
es ihr Schicksal sein, wie das legendäre Einhorn, als einzige
ihrer Art, in Einsamkeit und Isolation zu leben? Dieser Gedanke
drückte mir vor Schmerz die Kehle zu, das konnten, durften
wir nicht zulassen! Aber wo war der Ausweg, ich stand vor einer
Mauer aus Fragen und wusste keine Antwort.
In solchen, ausweglos scheinenden Situationen pflegte ich mich
in die Höhle zurückzuziehen. Ihre Stille und Dunkelheit
hatte mir schon oft geholfen beim Hineinhören in mich selbst.
Denn dort lagen die Lösungen der meisten Probleme verborgen
auf dem Grund meines Wesens und warteten wie Blumen der Dunkelheit
bis ich sie pflückte und ihre bestechend, überzeugende
Klarheit am Licht des Tagesbewusstseins erkannte.
Die Höhle erwartete mich wie ein großer Mutterleib.
Ich musste mich nur entspannen und mich wie ein kleines Kind, offen
und vertrauend, hineinschmiegen, ohne Wollen und Zielgerichtetheit.
Das fiel mir diesmal nicht eben leicht. Zu sehr waren meine Gedanken
und dadurch auch mein Körper, angespannt und verkrampft. Also,
brauchte ich ein wenig Unterstützung: Eine Kassette mit stampfenden,
afrikanischen Rhythmen hatte mir bis jetzt immer am besten geholfen.
Zu den mitreißenden Trommelklängen tanzte ich und stampfte,
wirbelte durch den Raum. Mein ganzer Körper wurde erfasst
von der unwiderstehlichen Gewalt dieser archaischen Klänge,
die meine Glieder schüttelten, wie der Sturm die Äste
eines Baumes.
Meine wieder in Fluss gekommenen Energien brachen alle Blockierungen
und schufen sich freien Raum. Warm und lebendig konnte ich ihr
Strömen fühlen. Meine Bewegungen wurden weicher, harmonischer,
ich floss mit dem Strom meiner Lebenskraft, dann sank ich zu
Boden und gab mich dem ausschwingenden Rhythmus hin. Die Stille
nachher fiel zusammen mit der Stille in meinen Gedanken, die
jetzt endlich eingekehrt war. In dieser hoffte ich die Worte
der Göttin zu hören, für mich bestimmt, an mich
gerichtet, Antwort auf meine Bitte: "Ich bin ein leeres
Gefäß, fülle mich, Mutter!"
Flüchtige, nicht zu fassende Bilder zuckten hinter meinen
geschlossenen Lidern auf, Wetterleuchten, das immer nur kurz einzelne
Szenen erleuchtete, doch zu kurz, um sie erkennen zu können.
Dann Kinderlachen, Wortfetzen, gesungene Reime, es klingt wie ein
altes Kinderspiel. Girlanden schwingen im Wind, Lampions, auf Bäumen
schaukelnd. Etwas, das wie Puppen aussieht... Marionetten... sie
bewegen sich zu einem Lied, das von Kindern gesungen wird... Dann
schiebt sich ein Bild dazwischen, ganz kurz nur: Ein Hügel
mit stehenden Steinen... Dann schwankende Laternen in der Dunkelheit,
wie Glühwürmchen tanzen sie durch den Abend. Deutlich
kann ich Diana erkennen. Sie geht lachend mit anderen Kindern in
dem Laternenzug, der sich durch unseren Garten bewegt... Eine
großgewachsene Frau mit weißen Haaren winkt mir zu,
als wolle sie mir dringend etwas sagen. Gleich darauf ist sie wieder
verschwunden... Ich sehe ein Feuer, rundherum sitzen Menschen
und braten Würste an einem Stöckchen, lohende Feuergarben
fliegen in den dunklen Himmel. Es sieht aus, wie ein großes
Sommerfest... Sommerfest, das ist es! Wir müssen eines veranstalten
und die Kinder mit ihren Familien einladen! Damit können wir
vielleicht den Graben überbrücken und ihnen zeigen, dass
Diana ein Kind ist wie alle anderen, nur eben ein bisschen anders.
Dieses kleine bisschen Anderssein könnte durch kennen lernen,
sich Näherkommen und durch beginnende Freundschaft in Vertrautheit
umgewandelt werden und letztendlich in Zugehörigkeit. Integration
hieß das Zauberwort, und es war in aller Munde, wenn es darum
ging, Ausländer oder Behinderte hereinzuholen in das warme
Nest menschlicher Nähe. Warum sollte es bei unserer Diana
nicht funktionieren? Etwa vielleicht, weil es so viel leichter
ist für uns Menschen, Beschädigungen und Unvollkommenes
zu lieben als das Überlegene, das uns Furcht einjagt und das
Gefühl von Minderwertigkeit? Wie auch immer, wir mussten es
versuchen, es wäre die einzige Möglichkeit Diana zu integrieren
in die Gemeinschaft der Gleichaltrigen, die sie so sehr brauchte,
um nicht zu einem außenseitigen Sonderling zu werden.
Gleich morgen wollte ich das Nötige in die Wege leiten. Ich
hätte also, zufrieden mit dem Ergebnis meiner Meditation,
ruhig schlafen müssen. Und doch war es nicht so. Eine unterschwellige
Unruhe und Unzufriedenheit ließ meine Gedanken kreisen, mein
Körper kreiste mit. Ich drehte und wälzte mich, bis Georg
endlich, verschlafen brummelnd, das Licht aufdrehte, sich auf den
Ellenbogen aufstützte und mich kopfschüttelnd ansah: "Denkst
du schon wieder im Kreis, Liebste? Komm, sag es mir, vorher ist
an Schlaf ohnehin nicht zu denken, wie ich dich kenne." "Aha,
dir geht es also gar nicht um meine innere Ruhe, sondern um deinen
ruhigen Schlaf!" warf ich ihm, in unangemessen
beleidigtem Tonfall an den schläfrigen Kopf. "Jetzt benimmst
du dich aber wie ein kleines, trotziges Kind, und nicht wie eine
würdige Großmutter, reiß dich zusammen!" Was
musste eigentlich geschehen, damit er seinen Humor verlor? Immer
wieder gab er mir das behagliche Gefühl einer weichen, warmen
Decke, in die ich mich zurückfallen lassen konnte. Woher nahm
er nur diese Ruhe und Sicherheit, und bekam er von mir eigentlich
genau soviel, wie ich von ihm?
Von plötzlicher, überschießender
Zärtlichkeit übermannt, schmiegte ich mich in seine Arme.
Meine Probleme wurden in dieser Nacht nicht durch ein klärendes
Gespräch, sondern durch eine völlig andere Therapie behandelt.
Sie löste zwar nicht die Ursache, aber sie löste mich
auf im Glück inniger Verbundenheit. Endlich fand ich den erlösenden
Schlaf.
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