WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 32

Unser Umgang mit der Natur wird von Respekt und geschwisterlicher Verbundenheit geprägt sein, weil wir einfach wissen werden, dass alles miteinander verbunden, ja in Wirklichkeit Eins ist. Und unsere Diana ist und das wird keine leichte Aufgabe für sie werden, eine der ersten Vertreterinnen dieser neuen Menschheit, mit ihr beginnt vielleicht eine neue Evolutionslinie, was weiß man. Wie ihr ja wisst, hüten wir in unserer Höhle eine uralte Schale, für uns ist es der Heilige Gral, das Gefäß des Lebens. Er wurde mir anvertraut und ich werde ihn, wenn die Zeit gekommen ist, an eine neue Hüterin weitergeben und diese wird Diana sein, die Reponsé de Joye der alten Sage, die Gralsjungfrau. Sie hat ja auch ihre Hexentaufe aus dem Gral empfangen. Und deshalb werdet ihr beiden auch keine weiteren Kinder mehr bekommen, weil in diesem Einen eure ganze Substanz liegt, und weil dieses eine eure ganze Kraft und Aufmerksamkeit brauchen wird."

Diese lange Rede hatte mich ziemlich erschöpft. Ich lehnte mich zurück, nahm einen Schluck Kakao und kam innerlich gleich darauf zur Ruhe. Ich hatte diese Worte nicht vorbereitet gehabt, sie waren aus mir herausgeflossen wie ein Bach, der sich allein sein Bett sucht, so als wären sie nicht von mir gekommen. Hatte ich wegen meiner Vorhersage die weiteren Kinder betreffend, Widerspruch erwartet, so hatte ich mich getäuscht. Tiefe Nachdenklichkeit zeichnete sich auf den Zügen meiner Familie ab. Still gingen Joschi und Myriam, Diana zwischen sich an den Händen führend, nach Hause, während mir ein seltsamer Gedanke durch den Kopf blitzte, über den ich verwundert den Kopf schüttelte: "Die Heilige Familie, Josef, Maria und das Kind..."

Diana brauchte Freunde, sichtbare Spielgefährten, sie sollte ein möglichst normales Kinderleben führen. Deshalb wurde sie im Kindergarten angemeldet. Der Schulbus schluckte die quirlige Kinderschar jeden Tag um die gleiche Zeit. Dianas ernsthaftes, kleines Gesichtchen sah aus dem Fenster. Sie winkte kurz, gleich darauf plauderte sie schon lebhaft mit ihren Freunden. Man konnte ihr ansehen, wie wohl sie sich fühlte. Drei Wochen lang. Dann kam der Umschwung. Sie trödelte morgens, wollte ihr Frühstück nicht essen und sagte eines Tages: "Ich gehe heute nicht in den Kindergarten, ich bleibe bei dir, Anna." "Warum willst du nicht gehen?" fragte ich sie. Sie schwieg. "Diana, gefällt es dir nicht dort? Komm, sag's mir. Willst du nicht bei deinen Freunden sein?" Ein langer, intensiver Blick aus ihren dunklen Augen traf mich bis ins Innerste, dann sagte sie ruhig und bestimmt: "Meine Freunde sind hier." Das war's. Mehr konnte ich von ihr nicht erfahren. Sie nahm ihre Katze auf den Arm und ging in den Garten. Als ich später hinausging und nachsah, saß sie auf der Schaukel, die Katze im Arm, den Kopf leicht geneigt und schien versonnen auf etwas zu lauschen, das nur sie allein hören konnte. Alle Alarmglocken läuteten in meinem Kopf. Hier lief etwas ganz entschieden falsch! Was das war, mussten wir herausfinden.

Myriam, Joschi und ich trafen uns mit der Kindergärtnerin. Sie war eine durchaus sympathische, junge Frau mit warmherzig blickenden Augen und sie schien ernsthaft beunruhigt über irgend einen Vorfall mit Diana. Meine Befürchtungen gingen in eine bestimmte Richtung, leider wurden sie bestätigt.

"Nun, was ist geschehen, dass unsere Diana nicht mehr in den Kindergarten gehen will? Es muss ja etwas vorgefallen sein, denn anfangs hat es ihr doch gut gefallen." begann Joschi das Gespräch ohne große Umschweife. Es war der Kindergärtnerin deutlich anzusehen, dass sie nicht genau wusste, wie sie beginnen sollte. Ihre Finger verschlangen sich ineinander, lösten sich wieder, zupften nervös an ihrem Rock, um sich zuletzt wieder aneinander festzuhalten. Dann begann sie unsicher: "Die Diana ist ein wirklich liebes Kind und dazu ein sehr begabtes..." "Aber?" "Ja, das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Es ist da etwas sehr Seltsames geschehen, eigentlich mehrere Dinge..." Sie straffte ihren Oberkörper und entschloss sich nun sichtlich zu einer Schilderung des Vorgefallenen. "Ja, also, die Geschichte ist die: Die Kinder haben gerade im Garten gespielt. Dabei ist der kleine Philip beim Laufen niedergefallen und hat sich das linke Knie ziemlich aufgeschürft. Grosses Geschrei, Blut ist über sein Schienbein heruntergeronnen.

Solche Schürfwunden sind ja sehr schmerzhaft, das wissen wir alle. Ja, und jetzt kommt's. Ich bin hineingelaufen, wollte Verbandzeug holen und Desinfektionsmittel, und wie ich wieder rauskomm' seh' ich, wie die kleine Diana die Hand auf seiner Wunde liegen hat. Ich will noch schimpfen, weil ihm das doch weh tun musste, da fängt sie auf einmal an, irgendwelche komischen Töne zu singen. Ich sag's ihnen, ganz enterisch is mir wor'n dabei!" In der Aufregung verfällt sie in ihren heimatlichen Dialekt, ohne es zu bemerken. "Sie hat mi gar net g'segn, ganz wo anders woas, die Augn habm an ganz komischn Blick ghabt. Und dann hat's die Hand wegagnumman, und i sag's ihnan, da woa de Wundn weg, nix mea woa zan segn! So was is mia no nia unterkemma, des woa de reinste Hexerei!"

Aber, dieser Vorfall war nicht der letzte gewesen, wie sich bald herausstellte. Die Kinder pflegten einige Topfpflanzen in ihrem Gruppenraum. Sie waren dafür verantwortlich und kamen dieser Aufgabe meistens auch mit viel Eifer nach. Dennoch hatte ein kleiner Bub anscheinend mehrere Tage hintereinander vergessen, seine Pflanze zu gießen. Sie war vertrocknet und tot. Alles spätere gießen hatte nur mehr bewirkt, dass das Ganze zu einem matschigen Klumpen mit einem traurig herabhängenden Stängel verkommen war. Die Trauer war groß gewesen, wieder waren Tränen geflossen. Diana hatte den Kleinen anscheinend trösten wollen. Deshalb hatte sie die Pflanze aus dem Mist gefischt und sie ihrem kleinen Freund zurückgegeben. Da war sie wieder prall und lebendig gewesen. "Die - Anna kann zaubern, die - Anna kann zaubern!" singend waren die Kinder um Diana herumgetanzt, und die war überglücklich gewesen über den Erfolg ihrer Bemühung und die Freude, die sie damit den Kindern gemacht hatte. Mit dieser Freude war es allerdings bald vorbei gewesen. Ihre Freundin Ines hatte Einladungen für ihr Geburtstagsfest unter ihren engsten Freunden verteilt. Dazu hatte bis jetzt auch Diana gehört. Sie hatte ihrem ersten Kindergeburtstag schon erwartungsvoll entgegengefiebert und immer wieder davon gesprochen. Sie erhielt keine Einladung. Seither wollte sie nicht mehr in den Kindergarten. Sie war durch nichts dazu zu bewegen, wieder dorthin zu gehen. Darin glich sie ihrer Mutter. Auch sie war ähnlich bestimmt in ihren Entscheidungen. Hier endete wohl Dianas Kindergartenlaufbahn, abrupt und endgültig. In Zukunft, das ahnten wir, würde noch Einiges auf uns zukommen.

Diana musste lernen, ihre Fähigkeiten einerseits zu verbergen, wenn es geraten schien; Und anderseits war es wichtig für sie zu lernen, wie sie diese richtig einsetzen konnte. Himmel, sie war gerade erst drei Jahre alt! Solche Dinge wären für einen Erwachsenen schon schwierig genug, dann erst für ein so kleines Kind! Offen, wie eine eben erst erblühte Blume, sollte sie schon lernen, ihr Wesen zu verstecken vor einer Welt, die sie nicht verstand, ja, sie nicht verstehen konnte. Würde es ihr Schicksal sein, wie das legendäre Einhorn, als einzige ihrer Art, in Einsamkeit und Isolation zu leben? Dieser Gedanke drückte mir vor Schmerz die Kehle zu, das konnten, durften wir nicht zulassen! Aber wo war der Ausweg, ich stand vor einer Mauer aus Fragen und wusste keine Antwort.

In solchen, ausweglos scheinenden Situationen pflegte ich mich in die Höhle zurückzuziehen. Ihre Stille und Dunkelheit hatte mir schon oft geholfen beim Hineinhören in mich selbst. Denn dort lagen die Lösungen der meisten Probleme verborgen auf dem Grund meines Wesens und warteten wie Blumen der Dunkelheit bis ich sie pflückte und ihre bestechend, überzeugende Klarheit am Licht des Tagesbewusstseins erkannte.

Die Höhle erwartete mich wie ein großer Mutterleib. Ich musste mich nur entspannen und mich wie ein kleines Kind, offen und vertrauend, hineinschmiegen, ohne Wollen und Zielgerichtetheit. Das fiel mir diesmal nicht eben leicht. Zu sehr waren meine Gedanken und dadurch auch mein Körper, angespannt und verkrampft. Also, brauchte ich ein wenig Unterstützung: Eine Kassette mit stampfenden, afrikanischen Rhythmen hatte mir bis jetzt immer am besten geholfen. Zu den mitreißenden Trommelklängen tanzte ich und stampfte, wirbelte durch den Raum. Mein ganzer Körper wurde erfasst von der unwiderstehlichen Gewalt dieser archaischen Klänge, die meine Glieder schüttelten, wie der Sturm die Äste eines Baumes.

Meine wieder in Fluss gekommenen Energien brachen alle Blockierungen und schufen sich freien Raum. Warm und lebendig konnte ich ihr Strömen fühlen. Meine Bewegungen wurden weicher, harmonischer, ich floss mit dem Strom meiner Lebenskraft, dann sank ich zu Boden und gab mich dem ausschwingenden Rhythmus hin. Die Stille nachher fiel zusammen mit der Stille in meinen Gedanken, die jetzt endlich eingekehrt war. In dieser hoffte ich die Worte der Göttin zu hören, für mich bestimmt, an mich gerichtet, Antwort auf meine Bitte: "Ich bin ein leeres Gefäß, fülle mich, Mutter!"

Flüchtige, nicht zu fassende Bilder zuckten hinter meinen geschlossenen Lidern auf, Wetterleuchten, das immer nur kurz einzelne Szenen erleuchtete, doch zu kurz, um sie erkennen zu können. Dann Kinderlachen, Wortfetzen, gesungene Reime, es klingt wie ein altes Kinderspiel. Girlanden schwingen im Wind, Lampions, auf Bäumen schaukelnd. Etwas, das wie Puppen aussieht... Marionetten... sie bewegen sich zu einem Lied, das von Kindern gesungen wird... Dann schiebt sich ein Bild dazwischen, ganz kurz nur: Ein Hügel mit stehenden Steinen... Dann schwankende Laternen in der Dunkelheit, wie Glühwürmchen tanzen sie durch den Abend. Deutlich kann ich Diana erkennen. Sie geht lachend mit anderen Kindern in dem Laternenzug, der sich durch unseren Garten bewegt... Eine großgewachsene Frau mit weißen Haaren winkt mir zu, als wolle sie mir dringend etwas sagen. Gleich darauf ist sie wieder verschwunden... Ich sehe ein Feuer, rundherum sitzen Menschen und braten Würste an einem Stöckchen, lohende Feuergarben fliegen in den dunklen Himmel. Es sieht aus, wie ein großes Sommerfest... Sommerfest, das ist es! Wir müssen eines veranstalten und die Kinder mit ihren Familien einladen! Damit können wir vielleicht den Graben überbrücken und ihnen zeigen, dass Diana ein Kind ist wie alle anderen, nur eben ein bisschen anders. Dieses kleine bisschen Anderssein könnte durch kennen lernen, sich Näherkommen und durch beginnende Freundschaft in Vertrautheit umgewandelt werden und letztendlich in Zugehörigkeit. Integration hieß das Zauberwort, und es war in aller Munde, wenn es darum ging, Ausländer oder Behinderte hereinzuholen in das warme Nest menschlicher Nähe. Warum sollte es bei unserer Diana nicht funktionieren? Etwa vielleicht, weil es so viel leichter ist für uns Menschen, Beschädigungen und Unvollkommenes zu lieben als das Überlegene, das uns Furcht einjagt und das Gefühl von Minderwertigkeit? Wie auch immer, wir mussten es versuchen, es wäre die einzige Möglichkeit Diana zu integrieren in die Gemeinschaft der Gleichaltrigen, die sie so sehr brauchte, um nicht zu einem außenseitigen Sonderling zu werden.

Gleich morgen wollte ich das Nötige in die Wege leiten. Ich hätte also, zufrieden mit dem Ergebnis meiner Meditation, ruhig schlafen müssen. Und doch war es nicht so. Eine unterschwellige Unruhe und Unzufriedenheit ließ meine Gedanken kreisen, mein Körper kreiste mit. Ich drehte und wälzte mich, bis Georg endlich, verschlafen brummelnd, das Licht aufdrehte, sich auf den Ellenbogen aufstützte und mich kopfschüttelnd ansah: "Denkst du schon wieder im Kreis, Liebste? Komm, sag es mir, vorher ist an Schlaf ohnehin nicht zu denken, wie ich dich kenne." "Aha, dir geht es also gar nicht um meine innere Ruhe, sondern um deinen ruhigen Schlaf!" warf ich ihm, in unangemessen beleidigtem Tonfall an den schläfrigen Kopf. "Jetzt benimmst du dich aber wie ein kleines, trotziges Kind, und nicht wie eine würdige Großmutter, reiß dich zusammen!" Was musste eigentlich geschehen, damit er seinen Humor verlor? Immer wieder gab er mir das behagliche Gefühl einer weichen, warmen Decke, in die ich mich zurückfallen lassen konnte. Woher nahm er nur diese Ruhe und Sicherheit, und bekam er von mir eigentlich genau soviel, wie ich von ihm?
Von plötzlicher, überschießender Zärtlichkeit übermannt, schmiegte ich mich in seine Arme. Meine Probleme wurden in dieser Nacht nicht durch ein klärendes Gespräch, sondern durch eine völlig andere Therapie behandelt. Sie löste zwar nicht die Ursache, aber sie löste mich auf im Glück inniger Verbundenheit. Endlich fand ich den erlösenden Schlaf.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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