WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 29

Es stand nicht immer in unserer Macht, das mussten wir bald darauf akzeptieren lernen.

Es geschah in der Letzten Oktoberwoche, während die Apfelernte voll im Gange war. Mittlerweile waren noch vier junge Leute eingetroffen. Sie hatten, da sie sich in der ersten Phase der Therapie befanden, noch keinerlei Ausgang und durften auch noch keine Besuche empfangen. So konnte man annähernd sicher sein, dass keine unerwünschten Kontakte zur "Szene" stattfänden.
Die Drei aber, die Pioniere der ersten Stunde sozusagen, durften, im Schutz der Gruppe - zur gegenseitigen Kontrolle, die ersten Ausgänge in eine nahe Stadt machen. Dazu muss gesagt werden, dass die Teilnahme an Entzug und Therapie freiwillig war. Jeder konnte jederzeit damit aufhören. Die Tore standen offen. Keine Therapie gelingt je unter Zwang. Die Drei waren morgens um neun Uhr in den Bus gestiegen. Um ein Uhr Mittag kam der Anruf. Eine aufgeregte Mädchenstimme schrie ins Telefon: "Der Bernhard, der Bernhard, er ist weg! Wir haben ihn verloren!" Myriam, die gerade Dienst hatte, sprach beruhigend auf das Mädchen ein: "Elvira, jetzt beruhig' dich einmal. Wie lange ist er denn schon verschwunden?" Es stellte sich heraus, dass Bernhard bald nach ihrer Ankunft an der Endstation, die am Bahnhof lag, kurz einmal aufs Klo hatte müssen, wie er gesagt hatte. Die Anderen hatten einstweilen an einem Kiosk auf ihn gewartet. Er war nicht wieder gekommen. Er kam nie wieder.
Spät abends wurde er von einem Bediensteten des Parkhauses in einer Toilette gefunden, gestorben an einer Überdosis des Stoffes, aus dem seine Träume gewesen waren. Nun träumte er einen anderen Traum, einen, der ihn wegführte von Drangsal und Irrungen, hin zu seinem Selbst, zu seinem unzerstörbaren Kern.

Auf dem Hof breitete sich entsetztes Schweigen aus. Die verschreckten Jugendlichen waren von Georg aus der Stadt abgeholt worden. Sie waren noch blasser als sonst, und ihre furchtsamen Augen schienen zu fragen: "Nicht wahr, es gibt keine Rettung, es holt uns ein, wo wir auch hingehen?" Die Therapeuten machten sich Vorwürfe, wussten aber eigentlich nicht, was sie anders hätten machen können. Ich machte mir große Sorgen um Myriam und das Baby. Sie brauchten jetzt unbedingt Ruhe und Entspannung. Doch die gab es nicht, nicht jetzt. Die Medien pflegten sich auf solche Begebenheiten wie Aasgeier auf ein Stück verrottetes Fleisch zu stürzen. Bald würde der Tod des Jungen überall Hauptgesprächsstoff sein, besonders hier, in diesem abgeschiedenen Teil unseres Landes, wo sonst nicht viel passierte. Meine Gedanken kreisten und kamen auch nachts nicht zur Ruhe. Was konnten wir in dieser drangvollen Situation nur machen?
Eine Stimme, lang vertraut, doch zuletzt wenig gehört, ließ sich leise zuerst, in meinem Kopf vernehmen: "Schöne Scheiße!" begann sie, wenig vornehm, aber treffend. "Euer Superprojekt wird zu Ende sein, bevor es noch richtig begonnen hat, die werden euch Kübel voller Scheiße über den Kopf schütten!" Madame beliebte heute im Fäkalchargon zu kommunizieren, das konnte ja heiter werden. Aber diesmal, im sicheren Wissen, die Chefin im Haus zu sein, würde ich ihr zuhören, solang es mir richtig schien. "Jetzt gib' mal was Konstruktives von dir, du Waschweib," forderte ich sie auf. "Das ist nicht mein Revier, das Konstruktive, aber bevor du mich wieder in den Sack steckst,... also:

" Warum geht ihr nicht in die Offensive, nehmt ihnen doch den Wind aus den Segeln!" "Du hast leicht reden, in die Offensive gehen. Wie soll denn das funktionieren?" "He, willst' die Chefin sein, dann lass dir selber was einfallen," maulte sie. "He, du bist Untermieterin in meinem Haus, vergiss das nicht, also kooperiere, oder du fliegst raus!" Anscheinend durfte man mit ihr nicht zu zimperlich umgehen, sonst fühlte sie sich gleich wieder stark. "Ich glaube, ich muss dir wirklich auf die Sprünge helfen. Vor lauter Schrecken kannst du anscheinend nicht mehr richtig denken. Warum ladet ihr nicht alle wichtigen Leute ein, vielleicht zu einen Tag der offenen Tür oder so was in der Art." "Ja, das ist es, du bist super, ich möchte dich umarmen!" Dieses total ungewohnte Verhalten verschreckte sie wohl, denn so plötzlich, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden. Ich schickte ihr ein aufrichtiges Dankeschön hinterher.

Fast alle, die wir eingeladen hatten waren gekommen: Ein Reporter der Bezirkszeitung, einer eines bekannten Boulevardblattes, der Bürgermeister, der Postenkommandant der Gendarmerie, der Ortsvorstand, der Pfarrer; nur die Ortsbewohner waren bis auf wenige Ausnahmen ferngeblieben. Anscheinend hatten wir einen großen Fehler gemacht, indem wir ihnen die Wahrheit über unser Projekt verschwiegen hatten.
Nun würde es sehr schwer, wenn nicht unmöglich werden, die Mauer aus Angst und Abwehr zu durchbrechen, die sie gegen uns aufgebaut hatten. Vielleicht aber wäre es möglich, einen kleinen Durchschlupf hineinzubrechen? Also fasste ich mir ein Herz und ging mit einem der Mädchen von Tür zu Tür. Ein wahrer Canossagang, doch er lohnte sich. Wir baten alle, die wir antrafen, doch noch zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen, bevor sie ein Urteil fällten. Manche entschuldigten sich, doch es war offensichtlich, dass sie kniffen. Manche aber kamen. Sie waren letzten Endes dann auch verantwortlich dafür, dass sich die Waage der öffentlichen Meinung leicht zu unseren Gunsten neigte.

Die Jugendlichen hatten sich wirklich große Mühe gegeben. Ein schmackhaftes Buffet war in der Mitte des großen Raumes aufgebaut, allerdings gab es keinen Alkohol und auch keinen Kaffee, was gleich zu Beginn Interesse erweckte. Ein Therapeut hielt eine kleine Ansprache und erklärte genau den Zweck dieser Einrichtung und den Ablauf der Therapie. Er stellte die Klienten vor und ließ die Anwesenden ein wenig Einblick nehmen in deren Vorgeschichte (mit der Zustimmung der Betreffenden natürlich). Die Besucher waren sehr betroffen von dieser, ihm total fremden Welt, aber Betroffenheit ist die Voraussetzung für ein Umdenken, diesen Keim hatten wir bewusst gelegt. Anschließend wurden die Gäste noch auf dem Gelände umhergeführt. Dabei zeigten die Klienten mit echtem Stolz, was sie bisher geleistet hatten: Den Umbau der Räume, ihre gemütlichen Schlafkojen, die Mostpresse, den Stall, die neue Melkanlage und die eben begonnene Milch - und Käsekammer. Zuletzt wurden noch die Gemälde und bildhauerischen Arbeiten vorgeführt, welche die jungen Leute im Zuge ihrer Therapie gestaltet hatten.
Und das war nun auch für mich eine verblüffende Überraschung. Es war, als hätte das Öffnen der verborgenen Räume ihres Gemütes eine Schleuse geöffnet, hinter der auch das schöpferische Potential dieser Menschen lange gewartet hatte, um endlich mit Gewalt hervorzubrechen. Was ich und unsere Gäste hier zu sehen bekamen, schien mir, trotz der oft schmerzlichen Inhalte, das Schönste zu sein, was ich bisher auf diesem Gebiet gesehen hatte. Es sprach so unmittelbar von Seele zu Seele, so ergreifend unverhüllt, dass keiner sich der Wirkung ganz entziehen konnte. Auch die einfachsten Leute, denen die Beschäftigung mit Kunst fremd war, wurden davon angerührt. Zuletzt gaben diese kreativen Arbeiten der Waage den entscheidenden letzten Schubs, und die Veranstaltung wurde zu einem ersten Erfolg. Die Herzen hatten sich einen Spalt geöffnet, und dieser konnte erweitert werden, das wussten wir.

Diese, schnell notwendig gewordenen Aktivitäten hatten etwas Wichtiges verhindert, nämlich das Bewältigen unserer eigenen Trauer und Verstörtheit. Die Therapeuten würden das Ihrige dazu in den Gruppensitzungen tun, dazu waren sie bestens ausgebildet und besaßen auch genug Erfahrung. Mein Beitrag dazu war ein anderer. Ich bat alle Bewohner des Hofes, am Abend des nächsten Tages zu uns ins Haus zu kommen und etwas aus dem persönlichen Besitz von Bernhard mitzunehmen. Georg und ich führten alle in die Höhle, die von einigen wenigen Kerzen dämmrig erleuchtet war. Wir stellten uns im Kreis auf, und ich hielt eine kurze Ansprache: "Diese Höhle ist ein Ort, auf dem seit Tausenden von Jahren Menschen ihre Anliegen, ihre Ängste, ihre Freuden aber auch ihre Trauer abladen konnten. Sie legten diese Gefühle ihrer Muttergöttin ans Herz, die sie sich so vorstellten, wie ihr sie hier seht. Außerdem ist an diesem Ort der Vorhang zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten dünn. Hier können wir unserem verstorbenen Freund alles sagen, was wir gerne wollen, er wird uns hören. Vor allem aber können wir uns hier und jetzt von ihm verabschieden, ich meine, wirklich verabschieden, denn er hat einen anderen Weg gewählt als wir. Auch, wenn wir in unserem Entsetzen das momentan nicht glauben können: Er ist an einem sicheren Ort und wird seine Probleme bewältigen, auf seine Weise. Wir aber haben uns entschieden, hier zu bleiben, zu leben, an uns zu arbeiten und uns gegenseitig dabei zu unterstützen. Lassen wir unseren Freund also los, binden wir nicht unsere und seine Kräfte, denn zuletzt gibt es den Tod nicht, nur Leben, wenn sich das auch momentan noch unserer Wahrnehmung entzieht."

Jeder bekam nun eine Schnur um sein Handgelenk gebunden, deren Ende im Zentrum unseres Kreises um einen Teddybären, Bernhards vielgeliebtes Maskottchen, geknüpft wurde. Wer wollte, sagte jetzt noch ein paar Abschiedsworte, laut oder für sich und verweilte in Gedanken bei dem Verstorbenen. Myriam sang dazu gedämpft ein anrührendes Lied, es war ein Schlaflied, das Lied einer Mutter für ihr verängstigtes Kind:

Mutter, jag die Schatten fort,
sie tanzen an den Wänden dort!
Still, mein Kind, fürcht dich nicht!
Schatten flieh'n das Licht.
Sie können dir nichts tun,
du kannst ganz sicher ruh'n.
Still, mein Kind, fürcht' dich nicht,
Schatten flieh'n das Licht.

Langsam löste sich die Starre des Entsetzens, und endlich flossen die erlösenden Tränen. Sie schwemmten Angst und Verzweiflung mit sich fort und waren gleichzeitig das befruchtende Nass, welches die zarten Pflanzen Hoffnung und Vertrauen so nötig für ihr Wachstum brauchten.
Als das Schluchzen verebbt war, schnitt nun jeder die Schnur an seinem Handgelenk durch. Anschließend wurde der Bär vergraben. Noch einmal flossen Tränen, doch sie waren jetzt anders, sanft wie Sommerregen. Wir fassten uns alle an den Händen und Myriam sang ein Lied, dessen Worte sich immer wiederholten. Langsam fiel Einer nach dem Anderen in den Gesang ein, und zuletzt war die Höhle erfüllt davon. Es war ein Lied an das Leben:

" We all come from the godess, and to her we shall return, like a drop of rain, flowing to the ocean..." (Wir alle kommen von der Göttin, und zu ihr kehren wir wieder zurück, wie ein Regentropfen, der wieder dem Ozean zufließt.)

Als alle wieder gegangen waren, fiel mein Blick auf den Kalender, der über der Küchenanrichte hing. Heute war genau der 30. November, SAMHAIN! Die Aufregungen der letzten Woche hatten mich diesen wichtigsten Termin im Jahreskreis vergessen lassen. Das Totenfest! Genau heute vor einem Jahr hatte meine Reise in ein neues Leben begonnen. Es war ein Aufbruch gewesen, der das Schiff meines Lebens aus dem vertrauten Hafen in unbekannte Gewässer geführt hatte. Und auch, wenn dieses Jahr mit einem Totenfest endete, so war es doch eine Reise auf den Wassern des Lebens gewesen. Denn das Leben entspringt dem Tod und endet dort, um wieder von Neuem zu beginnen. So war es, so ist es, und so wird es sein, blessed be!


Morgane

«Der Gläserne Berg»
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