WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 27

25. September 1989
Unser Schlafzimmer war nur von den, an den vier Kardinalpunkten aufgestellten Kerzen, erhellt. Es war die Nacht des Äquinoktiums, wenn Hell und Dunkel einander als Gleichstark gegenüber stehen, der nicht zu fassende Augenblick des Jetzt, bevor das Dunkel wächst, länger wird und siegt, die Helligkeit zurückweicht und warten muss, bis ihre Stunde wieder kommt. Es war der Augenblick des scheinbaren Stillstands im ewigen Wechsel der Gezeiten, Ebbe und Flut, Kommen und Gehen, Geburt und Sterben, Dunkel und Licht, in dem unser Zauber seine Kräfte entfalten, in das Reich des Dunkels eintauchen und mit dem Licht wieder geboren werden sollte. Wir hatten ein magisches Siegel entworfen, das alle unsere Wünsche verkörperte, weihten es mit den Kräften von Erde, Wasser, Feuer und Luft, und hielten es gemeinsam in unseren Händen, als wir im Geiste in die Erdhöhle hinabstiegen, um es dort der Grossen Mutter ans Herz zu legen.
Wir visualisierten reich tragende Felder, üppige Gärten, gesunde Haustiere, neue, helle Ställe und alles, was wir sonst noch erreichen wollen. Und um das Wichtigste nicht zu vergessen: Georg, mich, Myriam und Joschi inmitten anderer Menschen, die noch zu uns stossen sollten. Dann ließen wir das Gefühl überwältigender Freude und Dankbarkeit in uns aufsteigen, um unsere Wünsche entsprechend mit psychischer Energie aufzuladen und blieben noch einige Augenblicke in diesem Gefühl. Dann wandten wir uns um, um hinaufzusteigen ans Tageslicht. Der verschüttete Gang stand uns nicht offen, wie waren wir nur vorher hierher gelangt? Immer wieder suchten wir die Wände nach einem Ausgang ab, doch wir konnten keinen finden. Wieder erklang das Pochen, das mich in meinen Träumen immer ins Innere der Erde, zu Ihrem lebendigen und lebensspendenden Herzen geführt hatte. Ihm, das wusste ich, konnte ich mich jederzeit anvertrauen. Es erklang von der Statue her, das war deutlich zu hören.

Also nahm ich Georg an der Hand und führte ihn dorthin, woher das Geräusch kam. Zuletzt war das Dröhnen kaum mehr zu ertragen und doch wusste ich, dass nur ich es hören konnte. Aber da war absolut nichts, kein Ausgang öffnete sich vor unserem inneren Blick. Dann begann die Figur sich zu bewegen, sie rückte ein klein wenig zur Seite, wie, um uns den Blick auf etwas Dahinterliegendes freizugeben und dann wurde die Wand hinter ihr durchsichtig, und das Pochen verstummte mit einem Mal. Ein enger, aufwärtsführender Gang wurde sichtbar, so eng, dass ein Erwachsener auf allen Vieren kriechen musste, wollte er ihn passieren. Es blieb keine Zeit. Ich wusste irgendwie, dass die Wand nur noch wenige Augenblicke durchlässig bliebe.

Es war wie in einem Traum und im Traum weiß man solche Dinge mit einer eigenartigen Bestimmtheit, die man im Wachen Leben nicht begründen kann. "Jetzt!" schrie ich Georg zu, riss ihn mit mir, und wir durchdrangen diese durchscheinende Membran mit einem beherzten Sprung... Dann war es dunkel um uns. Tastend, kriechend, auf den Knien rutschend, bewegten wir uns in dem aufwärts führenden Gang weiter. Zuletzt stieß mein Kopf schmerzhaft an ein Hindernis, ein Brett anscheinend. Ja, das ist einer der großen Vorteile des wachen Träumens: Man kann den Traum gestalten, ihn formen nach seinen Bedürfnissen. Also imaginierte ich eine Axt und hackte so lange auf dieses Brett ein, bis es nachgab.

Da war Kerzenschein, der Duft einer Räucherung erfüllte die Luft mit harzigen Gerüchen, die Konturen unseres vertrauten Zimmers zeichneten sich im Dämmerlicht ab. Wir waren durch den Fußboden unseres Schlafzimmers wieder in die Welt des Tagesbewusstseins aufgestiegen.

Georg strich sich immer wieder den Bart und ließ ab und zu ein verwundertes "Hm, hm" hören. "Georg, wir müssen den Boden aufreißen, gleich morgen früh! Da ist ein Zugang zur Höhle, ich weiß es!" Am liebsten hätte ich gleich damit angefangen, doch mein besonnener Partner hielt mich zurück: "Jetzt schlafen wir einmal darüber. Morgen kannst du dann wüten, wie du willst. Ich weiß ja, dass ich mit meinen Bedenken keine Chance habe, wenn du dir was in den Kopf setzt."

So war es auch. Gleich am nächsten Morgen begann ich, den Fußboden abzuklopfen, in der Hoffnung, durch eine Änderung des Geräusches den unterirdischen Gang zu finden. "Was erwartest du eigentlich da unten zu entdecken?" fragte Georg etwas skeptisch. "Wir waren doch schon einmal dort, und was wir gefunden haben, nun, wir haben doch beschlossen, es da zu lassen, oder?" In diesem "oder" schwang eine ganze Menge anderer Fragen mit, wie bei einer Saite, die, einmal angeschlagen, ganze Klangspektren von Ober - und Untertönen unterschwellig mit erklingen lässt. "Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, ich dächte nur im entferntesten daran, irgendwelche unlauteren Geschäfte mit der Statue ins Auge zu fassen?" Verlegenes Schweigen. "Georg! Gib Antwort, hast du?“ "Nein, nicht wirklich, aber, wenn man so in der Klemme ist, wie wir...“ „... Dann denkt man schon einmal daran, die Grosse Mutter auf dem Schwarzmarkt zu verscherbeln," ergänzte ich seinen angefangenen Satz, und Empörung schwang nun, gar nicht mehr unterschwellig, in meiner Stimme mit.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, zu übermenschlicher Größe anzuwachsen, und meine Stimme schien durch unendliche Räume zu hallen: "Ich bin die Hüterin dieser Gläsernen Insel, hast du das vergessen? Wie kannst du nur glauben, ich könnte ihr jemals das Herz herausreißen! Ich würde es mit meinem Leben verteidigen, wenn es notwendig wäre, sogar gegen dich!" Georgs Blick drückte Verwunderung, Ehrfurcht und totale Verblüffung aus. Doch ich hatte in ihm nicht den Menschen Georg, sondern den Priester Merlin, den Harfenspieler, angesprochen. Und dieser erhob sich jetzt aus Alltagssorgen, finanzieller Beengtheit und den Beschränkungen der physischen Realität und antwortete der Priesterin in mir mit der ihm eigenen Würde: "Ich weiß es, und ich bin bereit, dich dabei zu unterstützen, notfalls um den Preis meines Lebens, so sei es!"

Als sich die Überschattung durch größere Realitäten zurückgezogen hatte und wir beide wieder als Anna und Georg zurückgeblieben waren, überfiel mich ein Zittern, das sich auch nicht legte, als ich mir eine Decke umhängte, um mich zu wärmen. Auch Georg schien mitgenommen, er war weiß wie die Wand unseres Schlafzimmers. Auch er zitterte. Wir wussten es beide: Dies war ein Schwur gewesen, und nichts würde uns davon abhalten, ihn, wenn nötig, zu erfüllen. Deshalb und nicht, um hier angenehm und sorgenfrei zu leben, sind wir hierher geführt worden. Dies wird uns Aufgabe und Erfüllung in diesem Leben sein. Dazu werden uns im richtigen Augenblick auch die nötigen Mittel gegeben werden, wir müssen nur vertrauen und unsere Berufung nicht aus den Augen verlieren.


29. September 1989
Bis jetzt haben wir keinerlei Hinweis auf einen möglichen Zugang zu der Höhle finden können. Ich klopfte und klopfte, doch überall klingt der Fußboden gleichmäßig hohl; Dieser Teil des Hauses ist nicht unterkellert, sondern die Fußbodenbretter liegen über einer Schüttung aus Bruchsteinen, wie das bei den alten Häusern dieser Gegend üblich ist.


30. September 1989
Georg ging kurz hinaus und kam bald darauf mit seiner Wünschelrute zurück. Er war bis jetzt immer recht erfolgreich beim Rutengehen gewesen. So bestand zumindest eine Chance, durch diese Technik zum Ziel zu gelangen. Nachdem er sich kurz gesammelt hatte, ging er nun konzentriert den Raum in einzelnen, parallel führenden Bahnen ab, wobei er das Bett einfach überquerte, als wäre es nicht vorhanden. Da plötzlich, er war ungefähr dort angelangt, wo unser Oberkörper zu liegen pflegte, drehte sich die Rute mit aller Macht nach unten.
Das bedeutete, dass wir unser Bett zerlegen mussten, denn wegschieben konnten wir es aus Platzmangel nicht. Später dann, inmitten eines Haufens aus Betteilen, begannen wir, das erste Fußbodenbrett zu lockern und gleich darauf abzuheben. Nichts. Finsternis. Na gut, dann eben noch eines. Ich leuchtete mit einer Taschenlampe in das so entstandene Loch. Da war eine geringfügige Vertiefung, fast nicht wahrnehmbar, doch durch den schrägen Lichtstrahl der Lampe, die einen Schattenwurf erzeugte, gerade noch zu erkennen. "Hier, Georg, ich hab's, glaube ich!" rief ich und schwenkte aufgeregt die Lampe. Als wir eine Schicht von Bruchsteinen beiseite geräumt hatten, erschien unter dem Fokus der Taschenlampe die deutlich erkennbare Struktur von Holz, sehr altem, teilweise verrottetem Holz. Dieses gab wenig Widerstand, als Georg es mit einer Axt durchschlug. Morsche Späne flogen uns entgegen, andere vermoderten Holzteile glitten in ein, plötzlich unter uns aufgähnendes Loch, aus dem uns ein Hauch kühler, feuchter Luft entgegenwehte. Wir hatten den Zugang gefunden, meine Vision hatte mich nicht getäuscht! Die, unser Schlafzimmer wie eine Naturkatastrophe getroffene Verwüstung, war nicht umsonst gewesen! Nicht auszudenken, was Georg mir an Verwünschungen an den Kopf geworfen hätte, wäre uns kein Erfolg beschieden gewesen!

Der anfangs steil abwärts führende Schacht (wir hatten eine Leiter hinab gelassen) machte nach etwa zwei Metern einen fast rechtwinkeligen Knick und ging von da ab fast waagrecht in den Berg hinein. In meinem Tagtraum war er so niedrig gewesen, dass man ihn nur kriechend passieren hatte können. Es zeigte sich aber, dass wir in Wirklichkeit gebückt durchgehen konnten, was viel angenehmer war.
Im Licht der Taschenlampe erschienen die Wände des Ganges ziemlich glatt, manchmal waren Ritzzeichnungen zu erkennen, deren Bedeutung uns aber verschlossen blieb. Wenn nur die Decke hielt! Es war keine angenehme Vorstellung, hier unter meterdicken Erdschichten begraben zu werden. Nun müsste der Gang gleich in die Höhle münden, nur noch wenige Schritte, so schätzte ich, trennten uns noch davon. Doch, statt den Weg in die Höhle freizugeben, endete der Gang unversehens. So sehr ich auch nach einer Fortsetzung suchte, hier waren nur Erdwände, nirgends ein Durchgang. Was hatte das zu bedeuten? Man baute doch keinen Gang, der nirgendwohin führte! Oder doch? War dies einer jener, unter Heimatforschern so berühmten Erdställe, deren wahre Funktion noch niemand je entschlüsselt hatte? Nun, es schien jedenfalls so.

Zur Freude über unsere Entdeckung gesellte sich Enttäuschung darüber, dass es offenbar keinen Zugang zur Höhle mehr gab. Damit musste ich mich wohl abfinden, wie es schien. Durchscheinende Wände gab es doch nur in der Fantasie und in Sagen und Märchen. Aber weisen nicht alle Traumbilder, alle Märchen oder Sagen auf eine, ihnen innewohnende Wahrheit hin? Wo lag sie hier verborgen, wartend, dass ich auf sie stieß?... Glasinsel... gläserner Berg... Was bedeutete Glas in der Sprache der Seele? Ich schloss die Augen und ließ innere Bilder in mir aufsteigen... Licht schien durch den gläsernen Berg, das Licht des Geistes, das innere Licht... das Licht der Intuition, geistiges Sehen... es durchdrang die Dichte der Materie, die für den Geist eine Täuschung ist, Maya... Ich sandte also einen imaginären Strahl von der Stelle zwischen den Augenbrauen aus, welche die indischen Weisheitslehrer "das Dritte Auge" nennen, ließ ihn wandern wie einen geistigen Suchscheinwerfer, vertraute meiner inneren Sicht... und da war es!

Was eigentlich? Der Versuchung erlegen, die Augen zu öffnen, sah ich nur Erde. Also musste ich mich weiter auf den inneren Blick verlassen. Dieser stellte sich nicht gleich wieder ein, ich hatte die Ebenen zu schnell gewechselt. Also, wieder Versenkung... Suchscheinwerfer... da! Da war es wieder! Als hätte ich einen Lichtstrahl durch ein Brennglas geschickt, wurde ein Loch sichtbar, das sich immer weiter vergrößerte und endlich einen Durchgang bildete, einen Durchgang in die Höhle!
Nun öffnete ich endgültig die Augen und sagte bestimmt: "Hier, hier müssen wir durchstoßen, das ist die Stelle." Georg vermied es, zu fragen, woher ich meine plötzliche Überzeugung bezog, mittlerweile hatte er gelernt, meinen Eingebungen zu vertrauen. Er holte eine Spitzhacke aus der Scheune und schlug - zuerst vorsichtig, um einen Einsturz zu vermeiden - auf die Erdwand ein. Schon nach wenigen Schlägen entstand ein Loch. Doch beim Versuch, es zu vergrößern, stieß die Hacke auf Widerstand, ein Stein, wie wir dachten. Der Stein erwies sich als ein rußgeschwärzter, alter Eisentopf mit Inhalt: Goldmünzen!

In einem Film würden jetzt hochdramatische Klänge die Szene untermalen, etwa so: Tatatataaaaa und noch einmal tatatataaaaaa, Kameraschwenk von dem Goldschatz auf die Gesichter der Finder, Zoom, Totalzoom, die endlos lange Einstellung verleiht dem Ganzen unerhörtes Gewicht, so ungefähr.

Wie oft hatte ich in Tagträumen davon phantasiert, irgendwo Geld zu finden, einen Lottosechser zu machen, das Vermögen einer lange ausgewanderten, unbekannten Tante aus Amerika überraschend zu erben und dergleichen Wunschträume mehr. Jeder, der je in Geldnöten war, kennt das sicher. Und hier hatten wir, unter unserem eigenen Haus, einen Goldschatz gefunden, undenkbar, unvorstellbar!


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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Der gläserne Berg - Folge 01     03.04.2004
Der gläserne Berg - Vorwort     20.03.2004





              
                   
              



    

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