WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 23

13. Juli 1989
Die Geschichte mit dem kleinen Mädchen geht mir nicht aus dem Sinn. Ich frage mich, ob ich, wenn es die Reinkarnation gäbe, früher dieses kleine Mädchen Anna gewesen bin, oder ob es sich um eine sogenannte Synchronizität handelt, einen nichtkausalen Zusammenhang. Damit verhält es sich etwa so: Jemand kauft in einem Geschäft einen Tirolerhut mit Gamsbart und liest am nächsten Tag in der Zeitung, dass der Bundespräsident bei einem Fest mit Gamsbart am Hut erschienen sei. Es ist dabei ganz offensichtlich, dass sich besagter Jemand nicht diesen Hut gekauft hat, weil er wusste, dass der Bundespräsident sich morgen für den gleichen entscheiden würde und vice versa... dafür gibt es sicher noch hunderte Beispiele, und wenn man ein bisschen acht gibt, erlebt man sie selbst sehr häufig. Aber, wie auch immer man diese Dinge nennen mag, sie passieren einfach und kümmern sich wenig darum, welchen Namen wir ihnen geben. Meine Verbindung mit diesem Haus ist für mich jetzt ganz offensichtlich, ich habe nicht mehr den geringsten Zweifel daran. Ich weiß auch, dass in diesem Haus etwas auf mich wartet; ich soll etwas ganz Bestimmtes dort suchen oder tun, dem Pochen auf die Spur kommen, es hat mit dem Brunnen zu tun, das spüre ich. Und die Zeit drängt.

Gestern meldete die Gräfin sich bei uns. Wir luden sie zu uns ein, und sie nahm die Einladung ohne Zögern an. Sie teilte uns mit, dass sie das Haus auf eigene Kosten Grundsanieren lassen und es uns dann zusammen mit der Apfelbaumwiese verpachten würde. Uns stünde es frei, die Pacht durch die Betreuung des Anwesens abzuarbeiten.

Wir beschlossen, auch für die anderen, noch bewohnbaren Räume, Mieter zu finden und auf lange Sicht mit ihnen zusammen die landwirtschaftlichen Flächen biologisch zu bewirtschaften. Wir wollen eine Insel der ökologischen Vielfalt schaffen; einen Ort der Erneuerung des Lebens auf allen Ebenen, eine Lebensaufgabe für alle Beteiligten!

Das Fundament ist also gelegt, die Arbeit kann beginnen. Das einzige aber zentrale Problem an der ganzen Sache ist: Wovon sollten wir unseren Lebensunterhalt bestreiten? So sehr wir uns die Köpfe darüber zerbrechen, wir haben bis jetzt noch keine Lösung gefunden, doch gerade auf die kommt es an, sonst wird die das ganze Projekt zerplatzen wie eine Seifenblase. Es nützt nichts, wir können denken und rechnen, keine gangbare Lösung in Sicht. Unser Haus wird ab September einigermaßen bezugsfertig sein, eigentlich sind nur die Fenster und die Eingangtüre zu erneuern, alles andere können wir im Laufe der Zeit selbst herrichten, wie zum Beispiel das Bad. Momentan ist es ein leerer Raum mit Abfluss im Boden, sonst gibt es da nichts, was auf ein Bad hindeutet. Das allerdings stört uns nicht im geringsten, wir wissen, unsere Zeit in Wien ist abgelaufen. Eigentlich, in gewissem Sinne, bewohnen wir das Haus schon jetzt. Schon einmal haben wir beide, Hals über Kopf, eine Entscheidung getroffen, von welcher wir im Innersten wussten, dass sie richtig war, unsere Hochzeit. Wenige haben unsere Beweggründe damals verstanden, und wir hätten sie auch niemandem gegenüber mit sachlichen Argumenten vertreten können, und doch war sie für uns die einzig Richtige. Mit unseren Covengeschwistern wollen wir uns jedenfalls beraten. Sie sind ja auch betroffen durch unseren Entschluss, aus der Stadt wegzuziehen.


19. Juli 1989
All unsere Arbeit findet im Kreis statt, so auch diesmal, als unsere Gruppe sich traditionell zu Vollmond traf, an ihrem angestammten Platz auf dem Gipfel. In dieser Nacht brauchten wir nur ein kleines Feuerchen zu machen, gerade nur, um der Form zu genügen. Es ist sehr heiß in diesen Tagen. Die Mauern der Häuser speichern die Hitze wie überdimensionale Kachelöfen und strahlen sie nachts wieder aus. Wer nicht verreisen kann oder die Bäder frequentiert, versucht mit verschiedenen Mitteln und Tricks, sich ein wenig Kühlung zu verschaffen, meist mit wenig Erfolg.

Hier im nächtlichen Wald war es frischer, richtig angenehm. Zum Zirpen der Grillen, auf - und abschwellend in seiner Lautstärke, manchmal für kurze Augenblicke ganz aussetzend, sang der sanfte Nachtwind sein Blätterlied. Unser Gesang fügte sich in das Konzert der nächtlichen Natur leicht und schwebend ein und verband uns so mit allen Wesen, die diesen Platz bewohnten. Sie kannten uns, wir waren willkommen, und begrüßten sie mit Respekt und Liebe. Beate war wieder da. Sie hat sich besonnen und akzeptiert ihre "Niederlage" nicht nur, nein, sie wünschte uns ehrlich Glück. Sie hat, nachdem es ihr gelungen war, ihre Gefühle für Georg loszulassen, ihr Herz wieder einem Mann öffnen können und ist nun, allem Anschein nach, sehr glücklich. Der Mann heißt Stefan und war mit ihr gekommen. Etwas steif, doch sichtlich bemüht, aufgeschlossen und offen an unserer Zeremonie teil zu nehmen, stand er neben Beate. Es herrschte eine friedliche Stimmung, eine Atmosphäre, die nach Achtsamkeit und Stille verlangte. Alle konnten das spüren. Deshalb begann auch niemand zu trommeln oder eine sonstige, lautstarke Aktivität. Sogar unser Sprechen wirkte zu laut. Alles lief in gedämpfter Lautstärke ab: Anrufungen, Rezitationen, Segnungen. Wir konnten es alle fühlen, der Ort hat seine Energien verändert, wirkt nun befriedigt, ja, gesättigt. Der Grosse Ritus des Beltane - Festes hat seine Kräfte entfaltet, den Platz genährt mit dem Segen der alten Götter. Der Coven wird auch weiterhin dafür sorgen, dass es ihm auch in Zukunft daran nicht mangelt.

Der Energiekegel wurde aufgebaut. In seinem Wirkungskreis sollte nun das stattfinden, worum Georg und ich den Coven gebeten hatten: Der Kreis des Rates. Dieser Brauch wird bei vielen ähnlichen Gruppen geübt und angewendet, wenn es gilt, Probleme kreativ zu lösen. Im Grunde funktioniert das Ganze wie "Brainstorming". Es hilft, Blockierungen im Denken aufzulösen und damit die kreativen Kräfte freizusetzen. Alle Teilnehmer legen sich, mit den Köpfen nach innen, sternförmig in der Runde auf den Boden, immer Mann und Frau abwechselnd. Das Problem, das bearbeitet werden soll, wird allen dargelegt.

Dann beginnt jemand damit, eine Assoziation dazu auszusprechen. Der Nächste im Kreis fährt fort damit und bezieht sich auf das Wort des Vorgängers. Dabei ist es wichtig, nicht nachzudenken und ganz spontan alles und sei es auch noch so seltsam, auszusprechen. Nach einiger Zeit entwickelt sich eine stark kreative und intuitiv gefärbte Gedankenkette, deren Glieder in den meisten Fällen die Lösung schon enthalten.

In unserem Fall lief das ungefähr so ab (genau kann ich es natürlich nicht mehr rekonstruieren, aber als anschauliches Beispiel mag es alle Mal noch hingehen). Also, Franz begann mit LAND, dann ging es weiter mit:

LANDLEBEN... LEBENSMITTEL... KAUFEN... GELD... VERDIENEN... ARBEITEN... HOLZFÄLLEN... BAUM... BLÄTTER... PAPIER... SCHREIBEN... BUCH... LESEN... LEKTOR... Stefan war an der Reihe und sagte... ICH! Georg rief: "Mein Buch, ich werde es neu bearbeiten und dann wird es vielleicht doch jemand verlegen!" Im anschließenden Gespräch, das der Klärung und der Beratung diente, kamen wir überein, dass Stefan Georgs Buch lesen und ihm helfen würde, es in eine akzeptable Form zu bringen. Dann würde er sich bemühen, es in seinem Verlag, der auch eine große Esoterik - Edition unterhielt, unterzubringen. Hoffnung und Dankbarkeit erfüllten uns, eine Tür hatte sich geöffnet und gab den Blick auf ein kleines Häuschen auf einer Apfelbaum
bestandenen Wiese frei. Gleichzeitig heißt das natürlich auch, dass wir uns in absehbarer Zeit von unserem Coven lösen werden müssen. Wer jemals mit anderen Menschen im Kreis der Göttin gelebt und gearbeitet hat, sein innerstes Wesen und seine Energie mit ihnen geteilt hat, weiß, wie traurig uns der Gedanke daran macht - unabhängig von dem Glück, das uns erfüllt - weil sich unser Traum endlich zu erfüllen scheint. Das Tröstliche in dem ganzen Gefühlswirrwarr ist aber, zu wissen, dass „der Kreis zwar geöffnet, jedoch ungebrochen“ sein wird.

Eine neue, aufregende Phase in unserem Leben beginnt nun. Die kleine Wohnung quillt schon jetzt über von Papier, Büchern, Notizzettelchen und anderen Schreibutensilien, wir müssen uns unseren Weg vom Bett in die Küche mühsam frei halten, und Sitzgelegenheiten gibt es kaum mehr. Georg verbringt jede freie Minute an seiner kleinen Reiseschreibmaschine oder in Bibliotheken. Verlangend blickt er oft in Computerprospekte, doch das sind momentan unerfüllbare Träume. Trotzdem schreitet die Arbeit zügig voran, und es scheint, als könnte das Buch nun doch ein Erfolg werden und uns helfen, den Absprung zu schaffen. Keinen Tag versäume ich meinen magischen Ausflug in mein neues Heim. Gewissenhaft imaginiere ich es in allen Einzelheiten, versetze mich hinein und fülle die Szene mit aller emotionaler Intensität, die mir nur möglich ist. Ich will nichts in meiner Macht liegende versäumen, um an mein ersehntes Ziel zu kommen. Darüber gehen die Tage des Sommers hin, sie beginnen bereits merklich kürzer zu werden, auch wenn die heißeste Zeit des Jahres noch bevorsteht. Das Haus ist bald bezugsfertig und wartet darauf, von uns bewohnt zu werden. Was nicht fertig ist, ist das Buch. Es wird wohl noch einige Zeit zu seiner Fertigstellung brauchen, auch wenn wir noch so fleißig daran arbeiten. Selbst dann können wir natürlich nicht wissen, ob es wirklich angenommen werden wird, trotz aller Magie. Wir leben im Zustand einer eigenartigen Spannung, die davon herrührt, dass wir nicht mehr hier und doch auch noch nicht dort zu Hause sind. Lange werden wir das nicht mehr aushalten, es zehrt bereits merklich an unserer Substanz. Manchmal gibt es sogar Streit um relativ nebensächliche Dinge wie verlegte Kugelschreiber oder Bücherberge auf der Küchenablage.

Den vergangenen Abend ist es wieder sehr spät geworden. Wir hatten lange dazu gebraucht, wieder einmal Ordnung in die Notizen zu bringen. Georg arbeitete noch, ich hatte schon kapituliert und mich ins Bett zurück gezogen, wo ich gleich darauf eingeschlafen war. Das Pochen holte mich aus dem ersten, erholsamen Schlaf. Ungehalten drehte ich mich auf die andere Seite; der Mieter über uns war wohl wahnsinnig geworden, um diese Zeit so laut seine Hardrockplatten zu spielen! "Georg, klopf doch einmal mit dem Besen hinauf, dass der aufhört da oben, ich will schlafen!" brummte ich verärgert. "Georg! Tu doch was!" "Anna, träumst du schlecht, was soll ich denn tun?" hörte ich Georg erstaunt fragen. Jetzt war ich endgültig wach, es pochte bumm - bumm, bumm - bumm, bumm - bumm... ich hatte also nicht geträumt, und es verwunderte mich außerordentlich, dass mein Mann das Pochen offenbar nicht hörte. Es kam aus der Ecke, wo unsere "Hausgöttin" stand, die Ecke, in der sich unsere ehemalige Geisterkatze so gerne aufgehalten hatte. Es war der gleiche konstante und alles durchdringende Herzschlag, der mich zuletzt die Wiese hatte finden lassen. Hier, in unserer kleinen Wohnung, in meinem anstrengenden Alltag wirkte er verstörend und irritierend, und er musste augenblicklich verstummen, oder ich würde verrückt werden, wenn ich es nicht schon war.

Er verstummte nicht, nein, er wurde nur noch lauter und immer lauter. Es nutzte nichts, mir verzweifelt die Ohren zuzuhalten, dieses Geräusch hielt sich nicht an anatomische Gegebenheiten, ja, nicht einmal an physische Realitäten, es war hier und doch nicht hier, klang durch alle Ebenen und Welten, um zu mir zu dringen... dringen... dringend... dringend... dringend... das war seine Botschaft an mich, ich konnte mich ihr nicht verschließen. Doch, was wollte die Quelle dieses Geräusches von mir? Was konnte ich hier, in meinem Hochbett und jetzt, zu dieser Stunde denn tun? "Georg, ich brauche dich, jetzt, sofort, es ist ganz wichtig. Bitte, frag jetzt nicht, warum. Zünde eine Kerze an und etwas Weihrauch, und dann komm zu mir herauf. Wir müssen eine Reise machen, unser Platz ruft mich!" Die Dringlichkeit in meiner Stimme veranlasste Georg, ohne zu zögern seine Arbeit liegen zu lassen und meiner Bitte Folge zu leisten. Wir hielten uns an den Händen, ich leerte meinen Geist und richtete die inneren Sinne auf die Ursache des Pochens. Es dauerte einige Zeit, bis ich den Sprung über den trennenden Abgrund zwischen den Realitäten geschafft hatte, doch dann... Finsternis... Enge... Kälte... Feuchtigkeit und dieses entnervende Pochen. Wo befand ich mich? Meine Hände vorstreckend, tastete ich mich weiter und stieß gegen Erdbrocken, sie versperrten mir den Weg. Ich musste sie aus dem Weg räumen, es ging so schwer, so schwer...ich grabe, grabe, wie ein großer Maulwurf grabe ich mich durch diese ziemlich weiche Erde. Sie gibt etwas nach, da streift ein Luftzug meine Wange; ich mache einen Schritt und trete auf festen Grund. Meine tastenden Hände finden keinen Widerstand mehr, ich stehe in einer Art Höhle, und es ist auch nicht mehr ganz so finster. Dämmerlicht lässt meine, sich langsam adaptierenden Augen eine aus lehmiger Erde erbaute Nische erkennen, die eine Ausbuchtung der Höhle darstellt, in der ich jetzt stehe. Ich bin anscheinend nicht allein, schemenhafte Gestalten stehen entlang der gewölbten Höhlenwände, oh, erst jetzt bemerke ich es: Die ganze Höhle ist voll von Menschen, undeutlichen, schattenhaften Menschen! Sie scheinen keine feste Konsistenz zu haben, ihre Erscheinung fluktuiert im Takt dieses alles durchdringenden Pochens. Eines kann ich aber erkennen: Alle stehen mit dem Rücken zu mir und blicken auf etwas, was dort in dieser Nische, meinen Augen verborgen sein muss. Einer von ihnen dreht sich jetzt zu mir um, dann sagt er laut, und seine Stimme hallt dröhnend durch das Gewölbe: "Sie ist gekommen!" Daraufhin wenden sich alle zu mir um und sehen mir mit feierlicher Miene entgegen. Die Gestalten bilden eine Gasse, durch die ich jetzt auf die Nische zugehe. Seltsam, der Weg scheint so endlos lang, als führte er durch unendliche Zeiträume, durch Jahrhunderte, Jahrtausende, weit, weit zurück, zurück in unerforschte Äonen. Flüsternde Stimmen begleiten mich, in Sprachen, die ich nicht verstehe und nie in meinem Leben gehört habe, während das Pochen immer lauter wird.

Endlich, ich weiß nicht, wie lange ich so gewandert bin, stehe ich vor einem kleinen Podest, das die Nische ausfüllt. Und da ist sie, sie, deren Herzschlag mich durch alle Welten hierher gebracht hat, die kleine, kaum eine Spanne hohe Figur aus Stein, deren Abbild in einer Ecke meiner Wohnung aufgestellt ist, die Grosse Mutter allen Lebens.

Das Flüstern verstummt, Stille tritt ein. Sie ist vom Herzschlag der Grossen Mutter erfüllt. Eine ältere Frau mit weißem Haar - ich erkenne in ihr die Gräfin, doch hier erscheint sie mir in ihrer Anderwelt - Gestalt - nimmt die Statue vom Podest, und es erscheint eine kleine Öffnung, der sie etwas entnimmt. Ich kann nicht erkennen, was es ist, aber es sieht aus wie ein Topf oder eine Schale, in ein Tuch eingeschlagen. Sie blickt mir eindringlich in die Augen, dann überreicht sie mir das Gefäß. Es scheint zu pulsieren und Licht auszustrahlen, das sogar das Tuch durchdringt. Dabei berühren sich unsere Hände, und ich spüre, wie unser Pulsschlag sich vereint und mit dem Pulsschlag der Grossen Mutter zu einem einzigen lebendigen und lebensspendenden Takt wird, der meine Schritte lenkt, als ich mich langsam umwende und zu meinem Ausgangspunkt zurück gehe, während die Menge einen Gesang anstimmt. Das Singen begleitet mich zum Ausgang, immer wiederholen sich die Worte des Liedes, und immer deutlicher kann ich sie verstehen, zuletzt falle ich mit volltönender Stimme in den Gesang ein. Es ist meine Zaubersänger - Stimme, sie klingt durch Zeit und Raum: "Folge den alten Wegen, bringe den neuen meinen Segen!...." So gehe ich z u r ü c k durch den Tunnel, aber v o r w ä r t s in der Zeit, am Ausgang steht das kleine Mädchen, Anna, mit der Katze auf dem Arm (da ist sie also, ich hatte mir schon Sorgen um sie gemacht!).
Sie bittet mich eindringlich: "Bitte, beeil dich, komm schnell!" Ja Kleine, das will ich ja, aber in unserer Welt ist alles so sehr vom Geld abhängig, und wir müssen es uns erst irgendwie beschaffen, bevor wir kommen können, verstehst du? Dann steige ich durch den Brunnenschacht wieder empor (wie, es sind doch keine Stufen da?)...

"Was singst du da immer wieder?" höre ich Georg fragen, als ich wieder zu mir komme. Ich liege auf dem Hochbett, halte etwas in den Armen und presse es ganz fest an mich, um es nicht zu verlieren. Es pulsiert immer noch...
"Pass auf, sonst fällt es mir herunter!" schreie ich fast, als Georg mich am Arm berührt. "Was fällt herunter, da ist doch nichts, was ist denn los mit dir? Bist du überhaupt schon wieder ganz da?" In seiner Stimme schwingt echte Beunruhigung. "Zuerst hast du noch alles, was du gesehen hast, beschrieben. Doch dann, irgendwann, habe ich dich verloren. Du warst so tief in Trance, und du hast etwas gesungen. Weißt du noch, was es war?" Ganz langsam nur, kehre ich in die Realität zurück. Meine Hände sind leer, ich brauche lange, bis meine Augen wieder fokussieren können, alles wirkt merkwürdig zweidimensional. "Liebste, erzähl doch, was hast du gesehen?" Georgs Frage holt mich nun endgültig zurück und hilft mir, das „Tor ohne Schlüssel“ fest hinter mir zu schließen. Ich bin endgültig zurückgekehrt, und die Welt um mich nimmt wieder ihre vertrauten Formen an.


23. Juli 1989
Ich weiß es ganz sicher, ich muss Georg davon überzeugen, mit mir unverzüglich zum Haus zu fahren und den Brunnenschacht freizulegen. Als ich ihm aber meine Erlebnisse genau erzählte und ihm die Dringlichkeit des Unternehmens klar machen wollte, überforderte ich damit sein Vertrauen in meine seherischen Fähigkeiten doch etwas. Er schüttelte ablehnend den Kopf und meinte: "Anna, sei vernünftig. Das geht doch nicht. Selbst wenn wir beide uns jetzt frei nehmen und dorthin fahren, wir können das nicht alleine. Dazu bedarf es zumindest einer Seilwinde, und Helfer brauchen wir auch. Wir müssen doch die ganze Erde durch den Keller heraufschaffen. Weißt du, was das für ein Aufwand ist? Und außerdem muss die Gräfin einwilligen. Wir können nicht ohne ihr Einverständnis graben, das siehst du doch hoffentlich ein, und wenn du tausendmal den Gral gefunden hättest!... He, Anna, weißt du, was du da erlebt hast? Ich schnappe über, der Heilige Gral! Wir müssen sofort dort hin!" Jetzt war er entflammt, mein Harfenspieler.

Diesen rasanten Umschwung hatte ich nicht erwartet. Ich war darauf gefasst gewesen, insistierend auf meiner Forderung zu beharren. Jetzt fühlte ich mich wie ein Angreifer, der an einen Judokämpfer gerät. Mein eigener Schwung brachte mich aus dem Gleichwicht. Als meine kritische innere Stimme sich, die Gelegenheit nutzend, zu Wort meldete, beschwichtigte ich sie, ich war einer Auseinandersetzung nicht gewachsen, nicht jetzt. "Ich weiß, was du sagen willst, alle deine Argumente sind richtig, du hast ja so recht." Das musste sie verwirrt haben, kein Widerspruch von meiner Seite, das war eine Neuheit, die sie nicht erwartet hatte. Gespannt, aber ohne sich zu Wort zu melden, verharrte sie im Hintergrund, um diese neue Situation zu beobachten.

Jetzt war die Zeit gekommen, ich wusste es und spürte es mit allen Fasern meines Selbst: Dies war die Grosse Prüfung, die zu bestehen war, wenn eine Priesterin oder Hexe die großen Weihen erhalten sollte, die sie dazu befähigten, einen eigenen Coven ins Leben zu rufen. Es wurde von ihr erwartet, eigenverantwortlich und im Bewusstsein ihrer inneren Führung zu handeln. Auch die Führung und Verantwortung für die Gruppe musste sie dabei übernehmen, jedes Mitglied gemäss seiner Fähigkeiten einsetzen, niemand überfordern, die Energien der Gruppe richtig und maßvoll lenken. Ich fürchtete mich. Zitternd und bebend saß ich auf meinem Hochbett und versuchte mich zu sammeln. Mittlerweile war die Nacht weit fortgeschritten. Georg und mir war klar geworden, dass wir den nächsten Tag beide frei nehmen würden, egal, wie unsere weiteren Entscheidungen ausfallen sollten.

"Mein Kind, vertrau auf mich, ich bin bei dir. Tu' es jetzt. Die Zeit ist gekommen, versäume nicht den richtigen Zeitpunkt. Ich gebe dir all meine Kraft!" so raunte eine innere Stimme, die Stimme der Ewigen, mir zu. "Ja, Mutter, ich werde mich Deiner würdig erweisen, mit Deinem Segen!" sprach ich, laut und deutlich in die Stille der Nacht.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
Bilder & Geschichten

Die Anrufung     XVII, 25.02.2017
Erinnerungen     XVII, 25.12.2016
Das kleine Restaurant     XVII, 12.11.2016
Der Flohmarkt     XVII, 08.10.2016
Der Magier     XVII, 23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     MartinM, 22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     MartinM, 26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     MartinM, 18.07.2015
Idol (ein Making-of)     Myriad Hallaug Lokadís, 06.12.2014
Die Frau seiner Träume     MartinM, 29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     MartinM, 14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     MartinM, 30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     Martin Marheinecke, 16.02.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil I     Martin Marheinecke, 26.01.2013
Im Rausch des Narren     Freyjatru, 06.10.2012
Neues Leben für Geschenkpapier     Shina Edea, 05.11.2011
Vogelfutterbastelein     Shina Edea, 30.10.2010
Von gemeinsamen Wurzeln     Rivka, 05.04.2008
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil II     Morgane, 21.07.2007
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil I     Morgane, 14.07.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 30.06.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 24.02.2007
Der Kabä     Der Kabä, 12.11.2005
Nochnoi Dozor – Wächter der Nacht     Doc F, 22.10.2005
Greifbar gewordene Göttervisionen     Anufa, 18.06.2005
Wintermärchen     MadameMim, 06.12.2003
Eine Hexe im Museum     LadyPurple, 13.04.2003
Der wunderbare Regenbogenmann     Sternenelfe, 15.03.2003
Runen raunen und flüstern uns zu     LadyPurple, 08.06.2002
 

Der Fortsetzungs-Roman im WurzelWerk:
«Der Gläserne Berg» von Morgane

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Gedichte

Erinnerungen einer Schamanin     Johanna, 15.08.2015
Wild God     Tom Hirons, 25.04.2015
Pole (2008)     Anufa, 14.07.2013
Ich     Thomas Stangl, 02.03.2013
Frühlingsgewitter     Anufa, 09.06.2012
Hymnen an Hekate     Rivka, 06.08.2011
Heilige Auflösung     Veit Pakulla, 12.02.2011
Einsamkeit     Hans Lebert, 05.09.2009
Kain - Ahasver     Rivka, 22.03.2008
Jerusalem     Rivka, 03.11.2007
Sehnsucht     Morgane, 27.10.2007
Götter     Mc Claudia, 13.10.2007
Medusa     Rivka, 06.10.2007
Du     Levi Jizchak von Berditschew, 29.09.2007
Bruder Geier     Rivka, 22.09.2007
Der Wind des alten Landes     Sir Thomas Marc, 08.09.2007
Der Sturm     Sir Thomas Marc, 01.09.2007
Traumzeit     Rivka, 25.08.2007
Heschtia (Tirolerisch)     Sassa, 04.08.2007
Augen voller warmem Glanz     Sir Thomas Marc, 28.07.2007
Tethys     Salome, 09.06.2007
Traum im Mohnfeld, Pan, Gnosis     Rivka, 02.06.2007
Samenmond, Langsame Verwandlung, Gezeiten     Vilwarin, 14.04.2007
Demeter, Stundenwalzer, Anrufung     Rivka, 03.02.2007
Mein Baum, Schattenerforschung     Vilwarin & Simone, 13.01.2007
Einkaufsstrasse im Herbst, Nebelkrähe, Mondmärchen     Rivka, 14.10.2006
Sphinx - Eiszeit - Antiphon     Rivka, 02.09.2006
Rumpelstilzchen - Im Anfang     Rivka, 12.08.2006
Begegnung mit einer Wassernymphe, Fragen an den Sandmann     Simone & Aurora, 25.03.2006
Winterliches Lied, Krähenflug, Spätwinter     Edda Noreia, 03.12.2005
Lachen der Seele     Sir Thomas Marc, 15.10.2005
Herbst     Tria und Rene & Sir Thomas Marc, 03.09.2005
Dimnara´s Gedichte     Dimnara, 19.03.2005
Yulegedichte     MadameMim, 06.12.2003
Spinning...     Fledermaus, 22.11.2003
Herbststimmungen     Tria & René, 22.11.2003
An Bethas Brunnen     Jutta, 17.08.2003
See der Wahrheit     Tria & René, 17.08.2003
Estrella del mar - Stella Mari     Brighid, 28.06.2003
Gebet an die Göttin in mir     Anufa, 07.09.2002
Sommerlied     Edda Noreia, 11.05.2002
Hexenleben     LadyPurple, 25.01.2002
Lughnasad     Verf. unbek., 25.01.2002
Der Baum     Fledermaus, 25.01.2002
Gedichtchen     Gwynnin, 25.01.2002
 

MärchenStunde

Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil II     MartinM, 21.03.2015
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Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil II     Morgane, 23.09.2006
Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil I     Morgane, 16.09.2006
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Wayusti spielt mit dem Händler - Teil I     Changing Man, 24.06.2006
Pauli der Zauberer - Teil II     Morgane, 27.05.2006
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Morganes Erinnerungen - Teil V     Morgane, 18.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil IV     Morgane, 11.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil III     Morgane, 04.02.2006
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Morganes Erinnerungen - Teil I     Morgane, 21.01.2006
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Das Agnesbrünnl - Teil I     Morgane, 02.07.2005
Sternenbäume - Teil II     Morgane, 11.06.2005
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Lisa und die Moorkönigin - Teil II     Morgane, 21.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil I     Morgane, 12.03.2005
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Märchen von uns – für euch     Sabrina & Elen, 12.02.2005
 



                        
                        



    

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