WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 22

Fortsetzung, 30. Juni 1989
Verwirrt kehre ich wieder um und steige die Treppe hinauf. „Keine Ahnung, was das zu bedeuten hat, aber hier ist kein Brunnen, und dabei war ich mir so sicher." Georg, der meinen Traum ja kennt, beruhigt mich: „Es hat sicher etwas zu bedeuten, du wirst bestimmt zu gegebener Zeit auf die Erklärung stoßen. Lass es jetzt einmal auf sich beruhen." Wir gingen zurück ins Freie um uns im Gelände ein wenig umzusehen.

Hinter der Wiese, gegen Norden zu, stieg ein für dieses Gebiet hoher Hügel an. Das Dorf lag an seinem Südabhang. „Wie der Glastonbury - Tor,", dachte ich bei mir, „nur ist das nicht bewaldet und trägt keinen Sender auf seinem Rücken, sondern einen alten Turm." Die Westseite der Wiese wurde begrenzt durch einige Gebäude deren Zentrum ein kleines, schlossartiges Haus bildete. Es wirkte etwas schäbig und unbewohnt und war direkt durch Ruinenmauern mit einer Scheune oder einem Stallgebäude verbunden, genau konnte ich das nicht feststellen. Der Komplex bildete ein weites „U", es war durch einen Zaun vom eigentlichen Wirtschaftstrakt getrennt. Außerhalb des Zaunes lag ein riesenhafter, grasbewachsener Wirtschaftshof. Er wurde im Norden durch einen Gebäudetrakt gegen die Strasse hin abgegrenzt, der sich über die ganze Länge des Hofes zog und ein Stall zu sein schien. Die westliche Begrenzung bildete eine Scheune von beachtlichem Ausmaß. Der Hof war gegen die Apfelwiese hin mit einer alten, brüchigen Mauer abgeschlossen. Der ganze, weitläufige Komplex war allem Anschein nach ein alter Gutshof. Er wirkte sehr unbelebt und trug alle Anzeichen fortgeschrittenen Verfalls. „Unser" kleines Häuschen lag außerhalb des Komplexes. Wie ein Fremdkörper stand es auf der Wiese, als hätte man es, aus irgend einem unbekannten Grund, ausgeschlossen aus der Hofgemeinschaft. Wir beendeten unseren Rundgang und beschlossen im nächsten Dorfgasthaus einzukehren und ein paar Erkundigungen über dieses Anwesen und seine Besitzer einzuholen. In diesem Dorf konnten wir kein Gasthaus entdecken, es gab auch keinerlei Läden oder Geschäftslokale hier. Alles hier machte einen ziemlich verlassenen Eindruck. So fuhren wir in den nächstliegenden Ort und fanden dort endlich ein leidlich gemütliches Dorfgasthaus mit Mittagstisch.

Der Wirt, ein ziemlich derber Mann mit rotem Gesicht und riesigen Händen, brachte uns die einzige Speise, die es gab, Schweinsbraten mit Kraut und Waldviertler Knödeln. Das sind aus geriebenen Kartoffeln gemachte Knödeln von ziemlich elastischer Konsistenz. Diese hier waren wie aus weichem Gummi und schmeckten köstlich zu dem knusprigen Fleisch und dem würzigen Saft. Wir brauchten uns auch gar nicht um die Gesprächsanbahnung zu bemühen, denn der Wirt war offensichtlich an einem kleinen Plausch interessiert. „San's auf Urlaub da, is schen bei uns, gö?", (Befinden Sie sich hier auf Urlaub? Es ist sehr schön bei uns, nicht wahr?) richtete er freundlich das Wort an uns. Wir bestätigten seine lokalpatriotische Äußerung und Georg fragte endlich nach dem alten Maierhof. „Ja, da Moarhof,", erwiderte der Wirt, sinnend mit dem Kopf nickend,“ is nix Gscheids mehr damit, heutzutage. Damals, wia die alte Herrschaft no woa, da san's achtspännig ausgfoahrn, und Ochsn ham's ghabt, oana schena wia da andere, ja, ja.... . Na, ja, nach'n Kriag woar's vorbei mit da Herrlichkeit. De Landwiatschoft is technisiert wuar'n, Leut ham's miassn besser zahln, oda se ham's gar net kriagt. Jetzn is ois verpacht, und die alte Frau Gräfin is in Wean. I woass a nit, was damit amoi sein wird, kunnt sein, die Erbn vakoafan's n' Sägewerk." (Kurzfassung: Der alte Maierhof ist sehr heruntergekommen, seit sich seine Bewirtschaftung nicht mehr lohnt. Die Erben der alten Gräfin werden es wahrscheinlich verkaufen.) Es stellte sich im weiteren Gespräch noch heraus, welchem Adelsgeschlecht die alte Gräfin angehörte und wie sie hieß. Unsere Nachforschungen konnten beginnen. 5.7. 89


Wieder in Wien erschienen uns die vergangenen Tage wie die Schemen eines nur noch undeutlich erinnerten Traumes. Die laute, in sommerlicher Hitze flirrende Stadt hatte sich uns wieder einverleibt. Wir waren wieder Teil ihres undurchschaubaren Räderwerks geworden, zwei Ameisen, die sich kurzfristig aus dem gewaltigen Bau entfernt hatten und sich nun wieder in das Heer der arbeitsamen Brüder und Schwestern eingliedern mussten. Meine Tochter kehrte wieder in ihre Wohngemeinschaft zurück, nicht ohne vorher noch einige markige Aussprüche mit ihrer berühmt spitzen Zunge getan zu haben. Doch es war ihr deutlich anzumerken, dass sie begonnen hatte sich mit meiner Realität auseinander zusetzen. Mit der Katze hatte sie sich, wie es schien, angefreundet, zumindest aber arrangiert und das war doch schon ein erster Schritt aus den engen Grenzen ihres rationalen Weltbildes heraus. Ja, die Katze. Ich hatte dem kleinen Mädchen versprochen, sie ihm zurückzubringen, es wartete bestimmt. Würde sie sich dazu überreden lassen, zurückzugehen? Ich musste es versuchen. Also traf ich alle Vorbereitungen, die mir den Schritt aus der Alltagsrealität heraus erleichtern sollten, denn mit einer Traumkatze konnte man nur in einem traumähnlichen Zustand kommunizieren. Ich zündete eine Kerze an, räucherte, entspannte mich und lockte sie schließlich durch Konzentration auf sie herbei.

Es raschelte in der bewussten Ecke und da war sie. Ich konnte ihr warmes, weiches Fell deutlich spüren. Schnurrend schmiegte sie sich in meine Arme. „Mieze, ich möchte dich gerne behalten, aber es geht nicht, ein kleines Mädchen wartet sehnsüchtig auf dich, weißt du. Also komm, lass uns gehen. Dort ist es für Katzen ohnehin viel schöner." Sie schnurrte, hatte also allem Anschein nach nichts dagegen einzuwenden. Ich versetzte mich im Geiste auf meine Wiese, imaginierte das Haus und - oh, das hatte ich nicht einkalkuliert - hartnäckig erschien immer wieder das Bild des verlassenen Hauses, wie es sich uns in Wirklichkeit dargeboten hatte! Es gelang mir nicht, das frühere Bild vor meinem inneren Auge zu erschaffen. Dorthin konnte ich die Katze nicht bringen, sie wäre dort ja ganz allein gewesen, denn das kleine Mädchen wohnte ja in dem gemütlichen Haus, meiner Schöpfung. Eine schöne Bescherung, die Realitäten begannen mir durcheinanderzugeraten, magische Kalamitäten zeichneten sich ab. Also machte ich mich erfolglos auf den Rückweg. Erst ein weiterer Versuch, mit Unterstützung durch Georgs Imaginationskraft, brachte den gewünschten Erfolg. Ich setzte die Katze in der gemütlichen Küche ab, nicht ohne vorher ein Schälchen Milch für sie zu erschaffen, strich ihr noch einmal über das knisternde Fell und schloss die Tür. Das kleine Mädchen war nicht zu sehen. Vielleicht war sie ja gerade in der Schule. Auch in anderen Realitäten mochte es diese Einrichtung sicherlich geben. Trotzdem war ich leicht besorgt. Wenn ich nun schon begann, mir über ein Kind in einer anderen Wirklichkeit Sorgen zu machen, landete ich vielleicht schließlich doch in der berühmten Anstalt im Westen Wiens. Jedoch, das kleine Mädchen ging mir nicht aus dem Sinn. Immer wieder ertappte ich mich bei den Gedanken, wie es ihm wohl gehen mochte.

In diesen Tagen beginnt etwas Merkwürdiges mit mir zu geschehen: Meine vertraute, tägliche Welt wird immer unwirklicher, verliert gleichsam an Dichte; wie in leichte, dünne Nebelschwaden gehüllt erscheint sie mir oftmals. Ich mache wohl meine Arbeit gewissenhaft wie immer, spreche, handle überlegt und vernünftig, wie man es von mir gewöhnt ist. Doch immer empfinde ich einen Teil meines Wesens als außer mir stehend, gleichsam von außen diese Anna beobachtend wie eine Fremde, eine Reisende aus einer anderen Welt.

Die innere, die Welt der Apfelbaumwiese, beginnt mehr und mehr an Realität zu gewinnen, sie wird fast wirklicher als die Welt, in der ich lebe und arbeite. Es ist irgendwie beängstigend und ich fürchte heimlich, Georg dabei zu verlieren, jetzt, wo ich ihn doch erst gefunden habe. Wird er mich dorthin begleiten können und wollen, wohin ich anscheinend im Begriff bin, zu gehen? Immer deutlicher wird mir, was es bedeutet, die Verantwortung für seine Gedanken und Wünsche zu tragen, wie es in Georgs Buch zu lesen ist. Mit meinen bewusst herbeigeführten Tagträumen habe ich offensichtlich, ohne an Konsequenzen solcher Art auch nur zu denken, eine Realität geschaffen, die von einem kleinen Mädchen bewohnt ist, für dessen Wohlbefinden ich mich jetzt verantwortlich fühle.

Eines aber ist uns beiden klar: Wir mussten einen ersten Schritt tun, um unser beider Traum in unsere Wirklichkeit herüberzuziehen. Das sollte mir auch helfen, mein Dilemma mit dem Mädchen zu lösen. Ein weiterer Schritt wird nun folgen: Ich suchte den Namen der Gräfin aus dem Telefonbuch und rief sie an um ein Gespräch zu arrangieren.


9. Juli 1989
An diesem Freitag Nachmittag sollten wir sie in ihrer Wohnung besuchen. Sie wohnt in einem dieser großbürgerlichen Viertel innerhalb des Gürtels, die während der sogenannten Gründerzeit von reichen Industriellen erbaut worden sind. Die Wohnungen in diesen Häusern sind riesig groß, mit hohen Räumen und diversen Dienstbotenzimmern ausgestattet und äußerst repräsentativ. Es dauerte ziemlich lange, bis auf unser Läuten hin endlich die Türe geöffnet wurde. Wahrscheinlich war man lange unterwegs um von einem im hinteren Teil der Wohnung gelegenen Raum zur Türe zu gelangen. Dann aber wurden wir von einer älteren Frau in einer Küchenschürze herein gebeten. „Die gnä' Frau lässt sie bitten, einstweilen Platz zu nehmen, sie telefoniert noch. Darf ich ihnen derweilen etwas anbieten, Kaffe, Tee oder einen Likör?", fragte sie im typischen Tonfall langjähriger (Wiener) Dienstbarkeit. Wir entschieden uns für Kaffe, worauf sie in Richtung Küche entschwand. Wir hatten Zeit, uns etwas umzusehen. Anscheinend handelte es sich bei dem Raum, in den wir gebeten worden waren, um den Salon.

Hier stand, Symbol von Kultiviertheit und Feinsinnigkeit, ein großer, aufgeklappter Flügel, auf dem ein Damasttuch malerisch drapiert worden war; weiters eine Empireanrichte, eine Sitzgruppe im gleichen Stil, auf welcher wir gerade saßen, ein Blumentischchen und diverse, teuer aussehende Nippes. Dies alles wirkte sehr edel und distinguiert, was meine, nun schon allseits bekannte, kritische Schwester sofort auf den Plan rief:

„Machst du jetzt Kotau vor der gnädigen Frau Gräfin, du armes Würstchen? Die hat sicher anderes zu tun, als sich mit deinen Hirngespinsten zu beschäftigen. Die wird nur einmal leicht die Augenbrauen heben und du bist draußen, so schnell kannst du gar nicht schauen!" Ach ja, sie schon wieder, solche Gelegenheiten konnte sie sich selbstverständlich nicht entgehen lassen! Aber dass sie gerade jetzt meinen tief eingeprägten, proletarischen Selbstwert - Mangel aufstacheln musste, war mehr als gemein, es grenzte an Selbstzerstörung und musste mit massiven Mitteln unterbunden werden. „Kusch, Proletenweib,", zischte ich ihr innerlich zu, „mit dir werde ich mich auch noch befassen müssen. Aber jetzt habe ich keine Zeit, also verpiss dich!" Georg hatte offenbar meinen inneren Konflikt bemerkt. Er legte mir die Hand beruhigend aufs Knie und sagte: „Lass dich nicht einschüchtern von der Theaterkulisse hier, Priesterin von Avalon." Das wirkte. Es half mir, zumindest kurzfristig. Im Geiste legte ich mir „den Mantel der Göttin" um, so heißt die Technik, die ich selbst ausgedacht habe um auf andere eindrucksvoller zu erscheinen.
Ich war gerade noch dabei, den Faltenwurf richtig zu drapieren, da erschien die Herrin des Hauses auf der Schwelle des Salons. Sie war höchst einfach gekleidet, trug einen schmucklosen, gerade fallenden Hosenanzug in dunklem Blau, der ihre hohe Gestalt zur Geltung brachte. Ihr Haar war weiß und ihr Gesicht war... mir bekannt! Es war das der älteren Frau auf dem Tor-hill von Avalon, der Frau, die mich im Steinkreis willkommen geheißen hatte. Verblüffung und Zuneigung müssen in meinen Zügen deutlich wie in einem Buch zu lesen gewesen sein. Ich vergaß meinen Faltenwurf, meine Minderwertigkeitsgefühle, die vornehme Umgebung. Wir standen wieder auf dem Hügel, wo sie mich als Hohepriesterin umarmt hatte und unsere Blicke lagen ineinander, jenseits von Zeit und Raum.
Erinnerte sie sich, war sie sich ihrer Anderswelt - Persönlichkeit bewusst? Konnte ich ihr ohne Maske gegenübertreten? Ich wusste es nicht. Sie hatte offenbar, falls sie es wusste, doch beschlossen, das Visier noch nicht hochzuklappen und begrüßte uns freundlich aber distanziert mit der unnachahmlichen Nonchalance des alten Erbadels.

Im folgenden Gespräch erfuhren wir, dass der Gutshof ihr mütterliches Erbe war. Von ihrem verstorbenen Mann hatte sie noch einige, kleinere Besitztümer in Ungarn und im Burgenland, die ihr ein Leben in relativer Sicherheit, doch ohne größeren Luxus erlaubten. Der Besitz im Waldviertel war ihr ein geliebtes Sorgenkind, wie sie sich ausdrückte. Sie hegte die berechtigte Befürchtung, dass ihre Erben, ein Neffe und dessen erwachsene Kinder, es nach ihrem Tod verkaufen würden. „Ich habe irgendwie das Gefühl, als läge auf diesem Grundstück so etwas wie das Herz des ganzen Gebietes, wenn Sie mich richtig verstehen. Darüber kann ich aber mit niemandem sprechen, es hielte mich ja ein jeder für übergeschnappt. Aber, ich weiß nicht warum, bei Ihnen glaube ich zu spüren, dass Sie mich verstehen, oder wie denken Sie darüber?" Konnte ich es wagen offen über meine Träume zu ihr zu sprechen oder würde ich sie damit überfordern und uns damit alles zerstören? Ich wusste es nicht, aber im Vertrauen auf meine innere Führung wollte ich es versuchen. Ich erzählte ihr alles von Anfang an: Meine Lebenswende, meinen ersten Traum von der Apfelwiese, die ich später in Glastonbury glaubte finden zu müssen, über meine inneren Wandlungen, die jedes Mal auf dieser Wiese ihren Ausgang genommen hatten, und wie wir endlich durch „Zufall " genau diese Wiese auf ihrem Grundstück gefunden hatten. Ich lieferte mich ihr aus, hielt mit nichts zurück. Wenn sie mich für eine Schwindlerin hielte, dann wäre sie nicht die Frau auf dem Hügel, die Wiese nicht „meine" Wiese gewesen, meine Träume Seifenblasen, Kopfgeburten, die Anderswelt nicht existent; unausdenkbar! Dann wollte ich nicht mehr leben! Als ich geendet hatte, schwieg sie lange. Dann erhob sie sich und sagte weich und gefühlvoll. „Ich weiß jetzt, dass meine Wünsche in Erfüllung gehen werden. Gemeinsam mit Ihnen werde ich aus diesem Platz einen Ort der Erneuerung des Lebens machen. Wir werden das Herz des Gebietes erlösen und das Land zum Blühen bringen, so wird es sein, mit dem Segen der Götter!"
Wir blieben noch lange bei ihr, schmiedeten Pläne und erzählten einander aus unserem Leben. Die Biographien hätten verschiedener nicht sein können, und doch zog sich eines wie ein roter Faden durch alle Erzählungen: Das sichere Wissen um die Verflochtenheit der Leben und Schicksale, die ihren Ausgangspunkt in einer Dimension außerhalb unserer Wirklichkeit hatte und wieder dorthin zurückführen würde.

Unsere Gastgeberin ist als Letztgeborene eines altansässigen Adelsgeschlechtes in der Zwischenkriegszeit zur Welt gekommen. Der Adel war zu dieser Zeit wohl offiziell und gesetzlich abgeschafft, doch seine Vertreter lebten nach wie vor im sicheren Bewusstsein ihres Standes. So etwas kann man nicht einfach ablegen wie ein abgetragenes Gewand, wenn es einem durch Erziehung und Umwelt zur zweiten Natur geworden ist. Besonders hier im armen Waldviertel, wo die bäuerliche Bevölkerung lange leibeigen gewesen war, wurde die Herrschaft nie in Frage gestellt.
Noch heute wird zum Beispiel unterschieden zwischen Bauern - und Herrschaftswald, der natürlich sehr viel größer ist und meist auch, aus verständlichen Gründen, besser gepflegt wird. Man hat dafür bezahltes Forstpersonal. Die Kindheit unserer Gräfin war alles andere als leicht gewesen.

Als Vertreterin ihres Standes hatte sie vor allem eines zu lernen: Disziplin, Disziplin und noch einmal Disziplin. Die Kinder ihrer Familie waren Gouvernanten anvertraut, deren Aufsicht sie nur für kurze Augenblicke entfliehen konnten, die sie genussvoll beim Küchenpersonal verbracht hatten. Unserer Gräfin war nicht einmal eine Puppe vergönnt gewesen, wie sie doch sogar das ärmste Häuslerkind, aus Stroh und Lumpen zusammengenäht von einer liebenden Mutter, in die Arme schließen konnte. Die Eltern waren unnahbare Respektspersonen gewesen. Ihnen wurde man, gewaschen, frisiert und sauber gekleidet, einmal am Tage vorgeführt, wie ein dressiertes, kleines Tierchen.

So kalt wie die emotionale Atmosphäre in der Familie war auch die Temperatur der Räumlichkeiten dieser alten Wehrburg gewesen. Alles in allem, wie man hier sieht, eine keineswegs beneidenswerte Kindheit. Als junge Frau war ihr dann kurzes Glück in einer liebevollen Ehe mit einem warmherzigen, humorvollen Mann, einem ungarischen Grafen, vergönnt gewesen. Er war, standesgemäß, nach einem Reitunfall gestorben, die Witwe blieb kinderlos zurück und hatte nie wieder geheiratet. Nun lebt sie in ihrer Wiener Wohnung, mit einer ebenfalls älteren Frau, die ihr Haushälterin und Gesellschafterin in einer Person ist.

Wir wurden zum Abendessen eingeladen und nahmen dankend an. Dabei nutzte ich die Gelegenheit und fragte sie nach dem kleinen Häuschen. „Das ist eine eigenartige Geschichte,", begann sie sinnend zu erzählen. „Als ich endgültig nach Wien zog - vorher hatte ich zeitweilig dort gelebt, vor allem im Sommer -, stand es schon leer, und niemand wollte es mieten, obwohl es doch wirklich nett ist." Das konnten wir nur bestätigen. „Da war ein seltsamer Vorfall,", fuhr sie fort, „ich war noch ein Kind und man besprach diese Dinge nicht vor uns Kindern. Wenn wir zufällig dabei waren, wurde in solchen Fällen plötzlich französisch gesprochen. Dann wussten wir: Jetzt wird es interessant."
Sie schmunzelte leise bei dieser Erinnerung. „Also, da war der Verwalter mit seiner Familie, der lebte damals in diesem Haus. Er hatte zwei Buben, und das jüngste Kind, ein Mädchen, war etwas still und verträumt. Ich habe diese Geschichte nur fragmentarisch von der Tochter unserer Köchin gehört und mir dann alles zusammengereimt, deshalb weiß ich nicht, ob ich sie Ihnen ganz richtig erzähle, aber so ungefähr hat sie sich zugetragen. Das Mädchen, ja, es sah Kinder, die sonst niemand sehen konnte und sagte, es wären seine Freunde, wissen Sie, was ich meine? Oft saß es lange Zeit unter einem dieser Apfelbäume und sah in die Baumkronen empor oder die Mutter hörte es mit jemandem sprechen. Und wenn sie dann nachsah, war keiner da. Später erklärte es dann immer wieder, dass aus dem Keller ein Pochen käme, oft ganz laut, dass es sich die Ohren zuhalten musste. Natürlich konnte keiner sonst das hören. Die Eltern machten sich ernsthaft Sorgen.“

Mein Herz begann, stürmisch zu klopfen. Ich musste sie unterbrechen: „Ich habe dieses Klopfen gehört. Es hat mich zu der Wiese geführt!", schrie ich fast in atemloser Aufregung. „Es kam aus dem Keller. Als ich dann dort hinkam, wo der Brunnen sein sollte, war er nicht da, und das Klopfen verstummte!" Die Gräfin sah mich verwundert an und fragte erstaunt: „Wieso wissen Sie von dem Brunnen? Er ist doch seit damals zugeschüttet." Mir schwindelte und ich konnte keinen Bissen mehr essen. Ich erzählte ihr von dem Traum, der damit geendet hatte, dass ich in den Brunnen gefallen war. Jetzt war es an ihr, zu staunen. Sie fuhr mit ihrer Erzählung fort: „Das Mädchen hatte eine Katze." Ich wusste es, sie war bei mir daheim gewesen und hatte da für Aufregung gesorgt. Diese Geschichte erwähnte ich aber nicht. So viel Geheimnisvolles würde sie mir denn doch vielleicht nicht glauben können. Sie erzählte weiter: „Die Katze hatte einen eigenartigen Lieblingsplatz, den letzten Kellerwinkel. Dort saß sie oft und lange und scharrte dort auch manchmal. Eines Tages, als das Mädchen sie von dort holen wollte, brach der Boden unter ihm ein. Es stellte sich heraus, dass nur morsche, alte Bretter über dem Brunnenschacht gelegen hatten, welche unter dem Gewicht des Kindes eingebrochen waren. Es konnte noch lebend geborgen werden, starb aber am gleichen Tag noch, wahrscheinlich an einem Schädelbruch, den man nicht erkannt hatte."

Ich wusste, ich hätte es damit genug sein lassen sollen, doch etwas drängte mich, zu fragen: „Wie hieß denn das Mädchen, wissen Sie das?" „Ja, warten Sie, es fällt mir gleich ein....... ach ja, sie hieß, glaube ich, Anna."

Welche tiefen Schächte der Zeit habe ich mit meinen Träumen und magischen Ausflügen da aufgerissen, aus denen mir nun Schrecken und Verwirrung entgegenwehen? Ich glaubte, mich nicht mehr auf den Beinen halten zu können, so sehr war mir dieser Bericht in die Knochen gefahren. Deshalb bat ich die Gräfin, uns für die Heimfahrt ein Taxi zu rufen. Wir verabschiedeten uns, wollten uns aber bald darauf, wenn ich mich von meinem Schrecken erholt hätte, wieder treffen, um die Einzelheiten für die Renovierung des Häuschens und unsere Übersiedlung dorthin, zu besprechen. Das größte Problem dabei war, dass wir keinerlei Ersparnisse besaßen und auch nicht wussten, wovon wir dort leben sollten.

Grosses Hallo beim Einsteigen in das Taxi, der Fahrer war Joschi, Georgs Sohn. Er verdiente sich zu seinem Studium etwas Geld dazu, indem er zwei Nächte die Woche Taxi fuhr. Wenn das kein Zufall war! Doch an Zufälle glaubte ich mittlerweile nicht mehr, nein, jetzt nicht mehr. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm,", sagte Georg schmunzelnd und fragte ihn, wie es ihm denn so gehe. Seit der Hochzeit hatten wir ihn nicht mehr gesehen. Joschi erzählte, dass er mit dem Studium gut voran käme und dass er sich immer mehr für landwirtschaftliche Alternativen zu interessieren begänne, was ja nicht unbedingt in seine Studienrichtung fiele. „Irgendwann möchte ich weg aus der Stadt, weißt du. Nur meine Freundin ist noch nicht so überzeugt davon, ihr wäre das zu langweilig, sagt sie. Sie ist sehr nett und wir sind sehr verliebt. Ihr kennt sie übrigens." „So, so, wie heißt sie denn?" fragte Georg, ich mochte nicht sprechen, zu sehr hing ich noch meinen Gedanken an die Ereignisse der letzten Stunden nach. Doch gleich darauf wurde ich aus meinem Sinnieren aufgeschreckt, als ich Joschi sagen hörte: „Myriam Waldstein". „Was, meine Myriam, das hat sie mir gar nicht gesagt, als wir uns das letzte Mal sahen, diese Geheimniskrämerin!" Ich war empört und gekränkt. So wenig Vertrauen hatte sie also zu mir! An eine derartige Entwicklung hatte ich damals, an unserem Hochzeitsabend, eigentlich nicht gedacht, als ich gemeint hatte, die Familie solle zusammenwachsen! „Sei nicht ungerecht,", fiel Joschi mir ins Wort, „Es ist für sie nicht leicht, gerade wo sie doch zuerst so gegen eure Ehe war. Außerdem fürchtet sie, glaube ich, ein wenig um ihre Eigenständigkeit, wenn alles so in der Familie bleibt. Da wird es für sie vielleicht ein bisschen zu eng. Sie hätte es dir sicher früher oder später freiwillig gesagt, wenn sie sich der Sache etwas sicherer gewesen wäre. Du musst bedenken, so lange dauert unsere Beziehung noch nicht." Er hatte vernünftig argumentiert und wirkte menschlich sehr reif und vertrauenerweckend. Er ist seinem Vater sehr ähnlich und ich kann verstehen, dass meine Tochter sich in ihn verliebt hat. Ich wünsche ihr, dass sie mit ihm glücklich wird. Schon betrachte ich ihn mit den Augen einer Schwiegermutter. Wir Mütter sind doch unverbesserlich!


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
Bilder & Geschichten

Die Anrufung     XVII, 25.02.2017
Erinnerungen     XVII, 25.12.2016
Das kleine Restaurant     XVII, 12.11.2016
Der Flohmarkt     XVII, 08.10.2016
Der Magier     XVII, 23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     MartinM, 22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     MartinM, 26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     MartinM, 18.07.2015
Idol (ein Making-of)     Myriad Hallaug Lokadís, 06.12.2014
Die Frau seiner Träume     MartinM, 29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     MartinM, 14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     MartinM, 30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     Martin Marheinecke, 16.02.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil I     Martin Marheinecke, 26.01.2013
Im Rausch des Narren     Freyjatru, 06.10.2012
Neues Leben für Geschenkpapier     Shina Edea, 05.11.2011
Vogelfutterbastelein     Shina Edea, 30.10.2010
Von gemeinsamen Wurzeln     Rivka, 05.04.2008
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil II     Morgane, 21.07.2007
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil I     Morgane, 14.07.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 30.06.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 24.02.2007
Der Kabä     Der Kabä, 12.11.2005
Nochnoi Dozor – Wächter der Nacht     Doc F, 22.10.2005
Greifbar gewordene Göttervisionen     Anufa, 18.06.2005
Wintermärchen     MadameMim, 06.12.2003
Eine Hexe im Museum     LadyPurple, 13.04.2003
Der wunderbare Regenbogenmann     Sternenelfe, 15.03.2003
Runen raunen und flüstern uns zu     LadyPurple, 08.06.2002
 

Der Fortsetzungs-Roman im WurzelWerk:
«Der Gläserne Berg» von Morgane

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Gedichte

Erinnerungen einer Schamanin     Johanna, 15.08.2015
Wild God     Tom Hirons, 25.04.2015
Pole (2008)     Anufa, 14.07.2013
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Frühlingsgewitter     Anufa, 09.06.2012
Hymnen an Hekate     Rivka, 06.08.2011
Heilige Auflösung     Veit Pakulla, 12.02.2011
Einsamkeit     Hans Lebert, 05.09.2009
Kain - Ahasver     Rivka, 22.03.2008
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Sehnsucht     Morgane, 27.10.2007
Götter     Mc Claudia, 13.10.2007
Medusa     Rivka, 06.10.2007
Du     Levi Jizchak von Berditschew, 29.09.2007
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Der Wind des alten Landes     Sir Thomas Marc, 08.09.2007
Der Sturm     Sir Thomas Marc, 01.09.2007
Traumzeit     Rivka, 25.08.2007
Heschtia (Tirolerisch)     Sassa, 04.08.2007
Augen voller warmem Glanz     Sir Thomas Marc, 28.07.2007
Tethys     Salome, 09.06.2007
Traum im Mohnfeld, Pan, Gnosis     Rivka, 02.06.2007
Samenmond, Langsame Verwandlung, Gezeiten     Vilwarin, 14.04.2007
Demeter, Stundenwalzer, Anrufung     Rivka, 03.02.2007
Mein Baum, Schattenerforschung     Vilwarin & Simone, 13.01.2007
Einkaufsstrasse im Herbst, Nebelkrähe, Mondmärchen     Rivka, 14.10.2006
Sphinx - Eiszeit - Antiphon     Rivka, 02.09.2006
Rumpelstilzchen - Im Anfang     Rivka, 12.08.2006
Begegnung mit einer Wassernymphe, Fragen an den Sandmann     Simone & Aurora, 25.03.2006
Winterliches Lied, Krähenflug, Spätwinter     Edda Noreia, 03.12.2005
Lachen der Seele     Sir Thomas Marc, 15.10.2005
Herbst     Tria und Rene & Sir Thomas Marc, 03.09.2005
Dimnara´s Gedichte     Dimnara, 19.03.2005
Yulegedichte     MadameMim, 06.12.2003
Spinning...     Fledermaus, 22.11.2003
Herbststimmungen     Tria & René, 22.11.2003
An Bethas Brunnen     Jutta, 17.08.2003
See der Wahrheit     Tria & René, 17.08.2003
Estrella del mar - Stella Mari     Brighid, 28.06.2003
Gebet an die Göttin in mir     Anufa, 07.09.2002
Sommerlied     Edda Noreia, 11.05.2002
Hexenleben     LadyPurple, 25.01.2002
Lughnasad     Verf. unbek., 25.01.2002
Der Baum     Fledermaus, 25.01.2002
Gedichtchen     Gwynnin, 25.01.2002
 

MärchenStunde

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Teufelsstein - Teil I     Morgane, 09.08.2008
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Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil I     Morgane, 16.09.2006
Wayusti spielt mit dem Händler - Teil II     Changing Man, 01.07.2006
Wayusti spielt mit dem Händler - Teil I     Changing Man, 24.06.2006
Pauli der Zauberer - Teil II     Morgane, 27.05.2006
Pauli der Zauberer - Teil I     Morgane, 20.05.2006
Morganes Erinnerungen - Teil V     Morgane, 18.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil IV     Morgane, 11.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil III     Morgane, 04.02.2006
Morganes Erinnerungen - Teil II     Morgane, 28.01.2006
Morganes Erinnerungen - Teil I     Morgane, 21.01.2006
Weihnachten an der Grenze - Teil II     Morgane, 31.12.2005
Weihnachten an der Grenze - Teil I     Morgane, 24.12.2005
Der Baum des Lebens - Teil II     Eva, 06.08.2005
Der Baum des Lebens - Teil I     Eva, 30.07.2005
Das Agnesbrünnl - Teil II     Morgane, 09.07.2005
Das Agnesbrünnl - Teil I     Morgane, 02.07.2005
Sternenbäume - Teil II     Morgane, 11.06.2005
Sternenbäume - Teil I     Morgane, 28.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil II     Morgane, 21.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil I     Morgane, 12.03.2005
Die Geschichte von den Heidelbeeren     Katja, 26.02.2005
Märchen von uns – für euch     Sabrina & Elen, 12.02.2005
 



                        
                        



    

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