WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 20

21. Mai 1989
Das Ritual sollte zu Vollmond in unserer Wohnung stattfinden, diese Dinge haben zu Vollmond zu geschehen, das weiß ich bereits. Wir badeten, dann kleideten wir uns in ganz besondere Gewänder: Georg besitzt eine Art lange Robe, in schwarz, mit Kapuze. Ich schlüpfte in mein angesengtes Hochzeitskleid. Zuerst kam mir alles wie seltsam altertümlicher Hokuspokus vor. Warum musste diese Verkleidung sein, wozu diente sie? Auf meine diesbezügliche Frage erklärte mir Georg, dies sei schon Teil der benötigten Fremdsprache für das Unbewusste: "Wenn du ins Theater gehst, ziehst du dich besonders an. Das bewirkt schon eine festlichere Stimmung, etwas abgehoben vom normalen Alltag. Unsere Ritualkleidung sagt unseren tieferen Schichten: „Achtung, jetzt kommt eine Botschaft!"

Wir zogen den heiligen Kreis, riefen die Wächter der vier Elemente an und errichteten den Energiekegel, indem wir uns inmitten eines Domes aus Licht stehend, imaginierten. Im Coven machen wir dabei einen schnellen Rundtanz. Er soll die Energien aktivieren. Das war übrigens der Sinn des etwas verunglückten Gestolpers bei meinem ersten Vollmondfest gewesen, doch das hatte ich damals nicht wissen können. "So," gab Georg mir leise Anweisung, "Jetzt versetzt du dich im Geist auf deine Wiese, aber so, als wärest du mittendrin in der Szene, also mit allen sinnlichen Eindrücken. "Ich erinnerte mich an den Traum, in welchem ich in das Bild des Hügels auf diese Art und Weise eingestiegen war.

Ja, so musste es gehen!
"Sag mir nun, was du siehst," forderte mich mein Lehrer auf. "Erzähl genau: was hörst, fühlst, riechst, schmeckst du. Beschreib die Jahreszeit, die Vegetation. Gibt es Menschen da? Nein? Siehst du irgend etwas Auffälliges? So, bleib in der Szene, halte sie genauso fest, ich komme jetzt zu dir..."Da war er, in seiner schwarzen Robe stand er neben mir und fasste meine Hände. "Wünscht du dir ein Haus auf dieser Wiese?" fragte er mich. Oh ja, das wünschte ich mir, ganz bestimmt. "Gut, errichte es!" "Hä? Wie denn?" "Na, setze es in deinem Geist, wohin du es haben willst. Erzähl mir genau, wie es aussieht, dass ich es auch sehen kann!" Und schon gingen wir, Hand in Hand, auf unser neues, kleines Häuschen zu. Es war wirklich bezaubernd! Und es passte genau hierher, als wäre es immer schon da gewesen. Drinnen zog ein großer, gemauerter Herd meine Blicke auf sich. Daneben ein massiver Holztisch, der aussah, als hätte er schon viele Generationen um sich versammelt, dahinter eine ebensolche Eckbank. Das Ganze wirkte stinkgemütlich und lud mich ein, gleich dazubleiben. Georgs Stimme holte mich aus meiner Versunkenheit. "Sprich weiter, was siehst du, du musst mir jede Einzelheit beschreiben, sonst mache ich ein anderes Haus als du, dann bist du unzufrieden"

"Oh, da sitzt ja eine kleine Katze!" rief ich entzückt aus, "sie hat ein ganz schwarzes Fell und grüne Augen, eine richtige Hexenkatze, weißt du? Ich nehme sie jetzt auf und streichle sie, oh, wie sie schnurrt!" „Verzettle dich nicht," mahnte Georg mich, "sag mir, was siehst du noch?" Wir gingen in ein kleines Gemüsegärtchen, wo die verschiedensten Gemüsepflanzen abwechselnd mit bunten Blumen wuchsen, mein Wunschgarten. Salat, Kräuter, riesige Sonnenblumen, Malven..... das alles erkannte ich entzückt. "So, für dieses Mal ist es genug, kehren wir zurück!" unterbrach Georg meine, eben erst begonnene Exploration des Gartens. Gleich darauf fanden wir uns wieder in unserem kleinen Zimmer und schlugen die Augen auf. "So, diese Vorstellung holen wir uns jetzt jeden Tag einmal gemeinsam heran und versetzen uns, sowie heute, hinein. Wichtig ist aber, dass wir beide in uns ein ganz intensives Gefühl der Dankbarkeit hervorrufen, so, als wäre unser Wunsch bereits erfüllt. Damit wird das Ganze noch stärker wirksam. Wenn wir alles richtig gemacht haben, wird unser Traumhaus bald in die Wirklichkeit eintreten."

Wir lösten den Kreis auf, das Zimmer war damit wieder zum ganz normalen Wohnraum geworden. "Ich muss schon sagen, zaubern macht ganz schön müde," gähnte ich und ließ mich auf die Couch fallen. "Natürlich, du arbeitest ja mit deiner psychischen Energie dabei, deshalb ...." mein Lehrer konnte nicht aufhören, zu dozieren. "Aus, Schluss, heute nicht mehr, großer Meister, ich gehe zu Bett." Damit erkletterte ich hurtig die Leiter und schlüpfte unter die Decke. Die ganzen magischen Gerätschaften konnten wir ja morgen wegräumen, nach der Arbeit; und schon fielen mir die Augen zu. Georg kam gleich nach. Bald hörte ich an seinen regelmäßigen Atemzügen, dass er eingeschlafen war. Ich nicht, ich war munter, trotz meiner großen Müdigkeit.


22. Mai 1989
Dies ist keine Fantasiegeschichte, das muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, sonst neige ich dazu, es für eine solche zu halten. Dies ist mir selbst geschehen, in meiner eigenen Wohnung, in meiner normalen Alltagswelt, in meinem unauffälligen Alltagsleben. Folgendes passierte also im Anschluss an unser magisches Experiment:

Etwas raschelte. Ach was, ich musste mich täuschen, wir waren doch ganz alleine, was konnte da denn schon rascheln? Ich drehte mich um und versuchte, das Geräusch zu ignorieren. Es war ja auch schon verstummt, also doch Täuschung, jetzt wollte ich aber endlich einschlafen, verflixt, noch mal! Verstört setzte ich mich im Bett auf: da, etwas war über den Fußboden gehuscht, ich hatte es ganz deutlich gehört. Nun war, durch meine plötzliche Bewegung, auch Georg wieder erwacht. " Was iss'n los, warum schläfst du denn noch nicht, du unruhiger Geist!" murrte er verschlafen. "Geist ist gut, ich glaube, wir haben einen in der Wohnung!", gab ich, mit wachsender Panik in der Stimme, zur Antwort. "Vielleicht haben wir Mäuse. Ich werde morgen Mäusefallen kaufen, aber jetzt schlaf endlich!", damit drehte er sich um und schlief sofort wieder ein. Die Mäusetheorie hatte auch mich beruhigt und ich folgte ihm gleich darauf nach. Fast sofort fand ich mich wieder in unserem neu errichteten Häuschen auf der nun schon allseits vertrauten Wiese. Ich betrat es, im sicheren Bewusstseins seines Besitzes, ein schönes Gefühl! Alles war, wie ich es vorher verlassen hatte. Ich setzte mich an den großen, gemütlichen Tisch. Gleich würde die kleine Katze erscheinen und mir maunzend um die Beine streichen. Sie kam nicht. "Katzen streunen in der Umgebung umher, sie wird in Katzengeschäften unterwegs sein!", beruhigte ich mich. Das Haus war sichtlich alt, ich schätzte es so ungefähr auf hundertfünfzig Jahre. Geschwärzte Balken bildeten die Decke. Hier musste einmal ein offenes Feuer gebrannt haben.

Die Wände waren weiß gekalkt und uneben, ebenso der Fußboden, der schon viele Astlöcher und Fugen aufwies. Wie lange mochte es wohl schon so leer stehen? Versonnen folgte ich mit den Blicken dem Muster der Bodenfugen. Das wurde plötzlich durch eine Querfuge geschnitten, die mir vorher nicht aufgefallen war. Eine Türe war hier eingelassen. Sie führte wahrscheinlich in einen Erdkeller; Kartoffeln, Gemüse und Obst wurde in solchen Kellern gelagert, das wusste ich. Würde es mir wohl gelingen, die Tür zu öffnen? Einige Ziegelstufen führten in einen ziemlich kleinen Kellerraum, der bis auf ein paar Kisten leer war, enttäuschend. Was hatte ich nur erwartet? Im Dämmerlicht konnte ich erkennen, dass der Raum, sich immer mehr verengend und niedriger werdend, nach hinten weiter fortsetzte. Als ich mich weiter tastete, stieg mein Fuß ins Leere. Im Fallen konnte ich noch die feuchten, glitschigen Wände eines senkrecht nach unten führenden Brunnenschachtes erkennen, in den ich offenbar jetzt fiel... und fiel....und ....erwachte. Die Katze saß ruhig am Fußende des Bettes und sah mich aus unergründlichen Augen an. Ihre Ohren drehten sich zu mir, und ihre Schnurrhaare zitterten leicht. Mieze, da bist du ja, komm, na komm schön her, ja, so ist's gut...lass dich streicheln...Ich griff nach ihr... und durch sie hindurch. Da war nichts. Wir besaßen keine Katze! Wir hatten nie eine Katze gehabt! In höchster Panik schrie ich: "Georg, Georg, da ist...eine Katze!"
Doch Georg war bereits zur Arbeit gegangen, und ich war alleine in der Wohnung. Ich war völlig durcheinander. In Windeseile machte ich mich fertig und verließ die Wohnung, zitternd lief ich zur Bushaltestelle. Erst beim Warten auf den Bus - und das dauerte ziemlich lange, denn die Intervalle waren sehr lang, auch zu dieser frühen Stunde,- beruhigte ich mich einigermaßen. Ich stieg ein und, als hätte mir das noch gefehlt, war auch meine anhängliche Schwester gleich darauf zur Stelle: "Ah, sieh an, unsere mächtige Frau Magierin hat Angst gekriegt! Ja, ja, mit solchen Sachen spielt man nicht, du Reservezauberlehrling, das hat schon der alte Herr Geheimrat gewusst. Na, das wird dir ja hoffentlich eine Lehre gewesen sein!" Ich war absolut nicht fähig, ihr die Stirn zu bieten, nicht hier und nicht jetzt. Also entgegnete ich resigniert: "Ja, ja, ich weiß, du hast ja Recht, aber was soll ich denn tun?" Da zeigte sich, dass auch sie nicht ganz humorlos war, sie entgegnete trocken: "Kauf Katzenfutter!" und verließ mich wieder so unvermittelt, wie sie gekommen war. Trotz meiner Verwirrung musste ich laut auflachen, was meine Mitpassagiere veranlasste, mich verstohlen zu mustern. Ich selbst hatte es schon einige Male erlebt, dass Personen inmitten fremder Leute mit imaginären Gesprächspartnern angeregte Unterhaltungen geführt hatten, ohne sich der verstörenden Wirkung nur im geringsten bewusst zu sein, die sie damit auf ihre Umgebung ausübten.
Nun war ich auch eine von ihnen, lachte laut in Verkehrsmitteln und bald würde ich vielleicht Selbstgespräche führen oder gestikulieren. Weit war es mit mir gekommen!
Als ich am Nachmittag von der Arbeit heimkam, war Georg bereits da. Er war gerade dabei, das Essen vorzubereiten, ham and eggs. Ich nahm mir nicht die Zeit für eine richtige Begrüßung, sondern begann, noch im Flur, aufgeregt auf ihn einzureden. Mit Backschaufel und Küchenschürze kam er mir entgegen: "Hallo, was ist denn los, ich versteh' bei dem Geprassel in der Küche doch nichts. Komm erst einmal herein und erzähl' alles in Ruhe und der Reihe nach!" "Wir haben eine Katze! Ich kann durch sie durchgreifen!", schrie ich aufgeregt. Er überlegte einige Augenblicke lang. "Du meinst also, du hast die Katze von drüben mitgebracht. Das wäre schon möglich, so etwas kann vorkommen, wenn es auch sehr ungewöhnlich ist. Aber, meine kleine Hexe, du bist eben eine sehr ungewöhnliche Person!", meinte er und seine Augen lachten fröhlich dabei. "Fürchtest du dich etwa, oder hast du eine Katzenallergie?" In dem Gelächter, das wir nun anstimmten, fiel die ganze Spannung von mir ab, die mich den ganzen Tag mit eisenharten Klauen gefangen gehalten hatte. Ich beschloss, die Katze zu behalten. Langsam gewöhnten wir uns an ihre unsichtbare Anwesenheit; ich sah sie auch nie wieder so deutlich wie ich sie heute morgen gesehen hatte. Wenn man es genau betrachtete, war sie ein angenehmes Haustier. Sie zerkratzte keine Möbel, brauchte kein Katzenklo und kein Futter. Sie hatte allerdings eine Eigenheit: sie besaß eine eigenartige Affinität zu der kleinen Venusstatue, unserem Hochzeitsgeschenk. Ihr Rascheln kam immer aus derjenigen Ecke, in welcher wir diese, zwischen Blattpflanzen, aufgestellt hatten. Das veranlasste uns, unsere Blicke sehr häufig dorthin zu wenden. So wurde ich wieder und wieder an meinen Traum erinnert und konnte das eine nicht vergessen: Sie wartete.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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Der gläserne Berg - Folge 02     24.04.2004
Der gläserne Berg - Folge 01     03.04.2004
Der gläserne Berg - Vorwort     20.03.2004





              
                   
              



    

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