WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 19

20. Mai 1989
Unser gemeinsames Leben steht unter einem guten Stern. Glück und Freude erfüllen mich, wenn ich, morgens erwachend, meinen Mann neben mir ruhig atmen höre. Dann kann ich manchmal gar nicht glauben, was mir an Gutem widerfahren ist. Sollte ich mein Gefühl in ein Bild fassen, dann wäre es das einer weichen Daunendecke, in die ich mich sanft zurückfallen lassen kann. Und doch ist eine unbestimmbare Unruhe in mir, die ich nur in den kostbaren Augenblicken der Liebe kurzzeitig vergessen kann.
"Was ist mit dir?" fragt Georg immer wieder und sieht mich oftmals nachdenklich an. "Bist du nicht glücklich?"

Da ich meinen Zustand nicht in Worte fassen kann - es ist mir immer so, als bekäme ich es gleich zu fassen, und dann ist es doch wieder weg, wie ein Schatten, auf den man doch nie treten kann, sosehr man auch glaubt, ihn jetzt gleich zu erreichen, sagte ich kürzlich etwas wie: "Ich möchte so gerne die Sterne über mir sehen, wenn ich im Bett liege." Als ich an diesem Tage von der Arbeit nach Hause kam, klebten diese kleinen Sterne, die im Dunkeln durch einen chemischen Vorgang leuchten, an der Decke über unserem Hochbett. Diese und andere, kleine Gesten der Zuneigung machen mich irgendwie schuldbewusst. Bin ich vielleicht undankbar, nicht zufrieden zu stellen?

Letzten Samstag, unser Aufräumetag, wollte ich unbedingt die Wohnung entrümpeln. Das war nun wirklich notwendig geworden. Jetzt, da zwei Menschen ihre Besitztümer auf so engem Raum unterbringen mussten, führte, wie ich meinte, kein Weg mehr daran vorbei, zum Leidwesen meines Mannes, der sich in seiner Bequemlichkeit sehr gestört fühlte.
Also begann ich mit meinen Aktivitäten in der Küche, um ihm noch eine kleine Gnadenfrist im einzigen Zimmer unserer Wohnung zu gewähren, wohin er sich dann auch brummelnd zurückzog. Halbleere Putzmittelflaschen, Plastikgebinde, Fertigsaucen, Fertigwürzmischungen, angebrochene Packungen mit Knabbergebäck, Plastikflaschen,... dann die Kosmetikabteilung: antike Badezusätze (wann hatte ich die denn gekauft?), Cremereste in phantasievollen, Schönheit und ewige Jugend versprechenden Verpackungen, halbleere Puderdosen, alte Lippenstifte, deren Farben mir einmal unverzichtbar zu irgendeiner Garderobe erschienen waren... all dies tauchte aus den tiefsten Grüften des Vergessens auf und bildete bald einen Berg von beachtlicher Größe in unserer winzigen Küche. Jetzt war es auch vorbei mit dem Rückzugsgebiet meines Mannes, das Zimmer wurde in Angriff genommen...
Alte, zum Teil nicht einmal angelesene Zeitschriften (die Bücher waren Tabu), Prospekte, in welchen Dinge wie TV-Geräte, Hi-Fi Ausstattungen etc. angeboten wurden, ehemals unbedingt benötigte Pullis, unmodern gewordene Schuhe, und was sich eben in jedem modernen Haushalt im Laufe der Zeit ansammelt und dann an diverse karitative Organisationen weitergereicht wird. Das ergibt doppelten Wohlfühl - Effekt: zum einen den unübersehbaren Platzgewinn ( der alsbald wieder mit neuen, unverzichtbaren Dingen ausgeglichen wird), zum anderen: das Hochgefühl der eigenen Wohltätigkeit, das sich einstellt, wenn man Dinge, die man selbst nie wirklich gebraucht hat, nun denen weitergibt, die sie ebenfalls nicht brauchen, sie aber im demütigenden Zustand der Bedürftigkeit nicht ablehnen können. Ich saß also inmitten dieser Dinge, die, glaubt man den überzeugenden Beteuerungen der Werbung, unser Menschentum erst ausmachen und stellte mir einige, drängende Fragen: Was von alldem hatte je zu meinem Glück beigetragen, und was davon hatte ich jemals wirklich, ich meine, w i r k l i c h gebraucht? Daraus machte ich nun einen gesonderten Berg. Er wurde sehr klein, ein Hügelchen im Vergleich zu jenem aus Wohlstandsmüll. "Was machst du?", fragte Georg mit erstauntem Blick. "Setz dich hin, denn das wird, glaube ich, ein längerer Vortrag werden," forderte ich ihn auf. Georg sah sich im Zimmer um und erwiderte dann, mit einer resignierenden Geste: "Ja, gerne, wenn du mir sagst, wohin." Er setzte sich, in Ermangelung einer anderen Sitzgelegenheit, neben mich, an den Fuß des Müllgebirges. "Also, du siehst hier die wirklich lebensnotwendigen Dinge." Dabei holte ich einige, wenige Bestandteile des kleinen Hügelchens noch davon heraus und bildete aus ihnen ein noch kleineres, sozusagen ein Subhügelchen." Daneben, etwas größer, siehst du die Sachen, die mir das Leben ein wenig angenehmer gemacht haben, wir wollen also nicht so streng sein und sie nicht ganz verurteilen. Alles andere aber - und sieh her, wie groß der Berg daraus ist,- alles andere ist Ramsch. Ich habe es in Wirklichkeit nie gebraucht. Und wie viel Geld, dass heißt, Arbeitskraft steckt hier drinnen; ich darf gar nicht daran denken, sonst werd‘ ich richtig wütend!" Georg blickte versonnen auf die Hügel: "Na ja, hast schon recht, ich beginne zu verstehen, was du mir sagen willst, aber..."
"Warte, lass mich weiterreden, ich bin noch nicht fertig, das Wichtigste kommt noch. Was wir aber wirklich, ich meine essentiell brauchen, was ist das, deiner Meinung nach?" Er überlegte kurz, dann sagte er, immer wieder nachdenkend:

"Ich würde sagen: Essen,... Lebensmittel, das heißt, nicht irgend einen denaturierten Nahrungsmampf, sondern vitale, gesunde Nahrung... Kleidung,... dann Wohnraum, der sollte gemütlich sein und Privatsphäre garantieren, dann emotionale Geborgenheit ... befriedigende Sozialkontakte... ja, das fällt mit jetzt so aus dem Stehgreif ein. Weißt du noch etwas?"
"Ja, noch ziemlich viel: Ich wünsche mir Arbeit, die ich als sinnvoll erlebe, am besten irgendwie eingebunden in mein Leben, nicht so davon abgesetzt: acht Stunden Arbeit, dann Freizeit, alles in ordentliche Päckchen gepackt. Am meisten aber wünsche ich mir,... - das ist mir jetzt gerade eingefallen, - ich möchte nicht in einer Schachtel über und neben anderen Schachteln leben, die Füße auf hartem Asphalt, den Kopf in Smog und Ozon, inmitten grauer Häuser und ebensolcher Menschen.

Ich möchte unter meinen Füssen die Erde fühlen, über mir den Himmel sehen, möchte Wald, Bäume, Blumen,... selbstgebautes Gemüse essen, freier atmen, nicht so kontrolliert und reglementiert leben,... ach, Georg, ich sehne mich so nach meiner Apfelbaumwiese!

Ich will so vieles, aber nicht mehr diesen Ramsch, diesen Instant - Lebensersatz! Jetzt war es heraußen. Lange hatte es gedauert, bis es mir mit dieser Deutlichkeit bewusst geworden war! Georg sah mich verblüfft an: "Liebste, ich fürchte, das übersteigt unsere finanziellen Möglichkeiten. Du weißt, ich bin kein reicher Mann, ich kann dir kein Haus im Grünen kaufen." "Das erwarte ich doch nicht von dir, du lieber Dummkopf, und das träfe es auch nicht. Aber Georg, ich bin so froh, dass ich jetzt endlich weiß, was ich will!" Als wir anschließend gemeinsam den Müll hinunter zum Container trugen, fragte uns eine Nachbarin, die gerade die Treppe herauf kam: "Ziag ma aus, Frau Waldstein? Ja, ja, is ja doch a bisserl eng die Wohnung, für zwa Leut!"

(Übersetzung für Nichtwiener: Übersiedeln Sie, Frau Waldstein? Ja, ja, die Wohnung ist für zwei Menschen doch ein wenig zu beengt!) "Ja, Frau Simacek, es ist alles viel zu eng," gab ich zur Antwort, wohl wissend, dass sie etwas völlig anderes meinte als ich.

"Du weißt also jetzt, was du willst?" fragte Georg. Es stellte sich im folgenden Gespräch heraus, dass er mit meinen Vorstellungen von erfülltem Leben konform geht, sich aber noch nie so konkret wie ich seine Unzufriedenheit eingestanden hat. Er neigt eher dazu, sich im gegebenen Rahmen so gut wie möglich einzurichten. "Du hast doch mein Buch gelesen, ja?" Aha, jetzt kam spät, aber doch, die Buchbesprechung. "Was hältst du davon?"
"Ich finde es wirklich gut," entgegnete ich, "ich kann gar nicht verstehen, warum es niemand verlegt hat."
"Darüber will ich jetzt nicht sprechen, aber was hältst du von der Idee, mit Hilfe von Magie seine Wünsche zu erfüllen. Nun, Magie betreiben wir ja ständig, nur eben nicht bewusst. Was ich meine ist, gezielt magisch zu arbeiten, mit magischen Ritualen."
"Meinst du so etwas, was wir in der Gruppe machen?", fragte ich. "Ja, es ist immer das gleiche Prinzip. Rituale sind Botschaften an das Unbewusste. Dieser Teil von uns ist der Ratio nicht zugänglich, versteht seine Sprache auch nicht. Mit Bildern, Symbolen und ganz bestimmten Formeln aber können wir es erreichen und es veranlassen, mit den anderen Teilen der Persönlichkeit zusammenzuarbeiten, verstehst du?" Ich verstand. "Wenn jemand, wie du zum Beispiel, träumt, dann sendet sein Unbewusstes Botschaften herüber an sein Tagesbewusstsein. Dabei spricht es eben in seiner ganz eigenen Sprache, eben diesen komprimierten Bildern. Und ganz genau diese Art von Bildern müssen wir verwenden, wenn wir zu ihm sprechen wollen. Im Grunde ist das, wie eine Fremdsprache zu benutzen."
Ich musste schmunzeln: "Der Magier Merlin unterrichtet seine Schülerin Morgan in der hohen Kunst der Magie. Pass nur auf, dass sie dich nicht am Schluss in ein Weißdorngebüsch einschließt, wie es die Sage erzählt!"
"Ja, ich werde mich vor dir hüten, ihr Weiber seid zu allen Zeiten schon gefährlich gewesen!" Diese erste Lektion endete ein Stockwerk höher, unter unserem künstlichen Himmelsgewölbe, nachdem eine von Gelächter begleitete Rangelei in etwas zärtlicheren Körperkontakt übergegangen war.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
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