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Im Lokal, das wir nach einem kurzen Fußmarsch erreichten,
waren inzwischen schon viele Menschen versammelt. Sie hatten den
leiblichen Genüssen, besonders den flüssigen, schon etwas
zugesprochen und waren bester Laune. Der Geräuschpegel war
dementsprechend hoch.
Georg stellte mich nun zuerst seinen Eltern vor. Es sind adrette,
freundliche, ziemlich kleinbürgerlich wirkende Leute, ein
großer, stattlicher Vater mit Bäuchlein (das ist wohl
eine Familieneigenheit) und eine sehr kleine, rundliche und betuliche
Mutter. Beide fühlten sich sichtlich etwas fehl am Platze
in dieser sehr unbürgerlichen Gesellschaft. Doch sie waren
auch sehr bemüht, das nicht zu zeigen. Jedenfalls begrüßten
sie mich wirklich mit echter Freude und Herzlichkeit, und die wollte
ich ihnen auch zurückgeben, das nahm ich mir vor.
Auch Joschi, Georgs Sohn, war gekommen. Etwas verlegen gab er mir
die Hand und musterte mich verstohlen mit den Augen seines Vaters.
Dadurch war er mir sofort sympathisch. Er muss ungefähr im
Alter von Myriam sein, so um die Zwanzig, schätze ich. Er
studiere LÖK, erzählte er mir später stolz, als
wir uns etwas unterhalten konnten. " Was ist LÖK, bitte," fragte
ich, in fürchterlicher Unbildung befangen. " Landschaftsökologie," antwortete
er, indem die Verachtung über solches Unwissen in seiner Stimme
mitschwang.
Oje, da würde ich mich wohl ein bisschen anstrengen müssen
um seine Anerkennung zu gewinnen! Vorher musste ich aber noch die
anderen Gäste begrüßen, die uns laut hochleben
ließen. Wo war Myriam nur, sie hatte doch versprochen zu
kommen! Enttäuschung legte sich wie ein schwerer Stein in
meine Magengrube. Mein Mann bemerkte es sofort und drückte
mir aufmunternd die Hand. Das Buffet wurde eröffnet, alles
strömte in seine Richtung und der Geräuschpegel sank
kurzfristig. Einige, glücklicherweise kurze Reden wurden gehalten,
dann nahm das Fest seinen Lauf.
Da ging die Türe auf und Myriam trat in den Saal. Lächelnd
kam sie auf uns zu, umarmte mich herzlich, gab Georg die Hand und
gratulierte uns, indem sie mir eine wunderschöne Glasschale übergab: "Bitte,
verzeiht mir, was ich gestern zu euch gesagt habe. Ich wünsche
euch aus ganzem Herzen Glück für euer gemeinsames Leben.
Ich glaube, ich war ein wenig eifersüchtig, weil meine Beziehung
gescheitert ist und ihr beiden Alten seid so glücklich miteinander.
Aber, c'est la vie! Also, meine besten Wünsche habt ihr, was
ihr damit macht, ist eure Sache," sagte sie in ihrer unnachahmlich
schnoddrigen Art und weg war sie.
Als ich später in Richtung Ausgang unterwegs war, weil die
Getränke ihren Tribut forderten, sah ich Myriam und Joschi
beisammen sitzen und eingehend miteinander sprechen. Lachend und
kichernd wie kleine Kinder steckten sie die Köpfe zusammen.
Ganz offensichtlich verstanden sie sich prächtig. "Kann
mir nur recht sein, wenn die neue Familie zusammenwächst," dachte
ich erfreut, bevor ich durch andere Dinge wieder davon abgelenkt
wurde.
Später erhielten wir Geschenke von unseren engsten Freunden.
Alfred und Vera überreichten uns ein kleines Päckchen
mit den Worten: " Das ist für euer trautes Heim, ihr
könnt es in den 'Frau - Göttin - Winkel' stellen. Aus
dem Papier schälte sich eine kleine, weibliche Figur mit großen
Brüsten und überdimensioniertem Gesäß. Die
Unterarme hatte sie auf den Brüsten liegen und das Gesicht
war nicht ausgeformt: eine Nachbildung der Venus von Willendorf
in Originalgröße. Ich erstarrte. Ich hatte die Bilder
meiner Phantasiereise niemandem mitgeteilt, doch hier, am Tag meiner
Hochzeit war Sie mir wieder erschienen, gleichsam als ein Hauptthema
oder als die Überschrift zur Geschichte meines künftigen
Lebens mit Georg. Man kann es mit Gustav Jung 'Synchronizität'
nennen oder dem Ereignis einen anderen wissenschaftlichen Namen
geben, Eines aber ist mir klar: Irgendetwas oder irgend jemand
führt hier ganz entschieden Regie.
Das Fest nahm seinen Lauf. Rundtänze nach Bretonischen Volksweisen
wurden getanzt, dabei gab es großes Gelächter und lärmendes
Gepolter, da die Tanzschritte ungewohnt waren und viele Tänzer
stolpernd aus dem Tritt gerieten. Der Alkohol tat das Seinige dazu.
Ich suchte Georgs Blick, unsere Augen trafen sich in schweigendem
Einverständnis. Im allgemeinen Tumult fiel es niemandem auf,
als wir leise verschwanden. Hand in Hand gingen wir, ohne zu sprechen,
durch die sternklare Nacht zur Lichtung zurück. Es bedurfte
keiner Worte zwischen uns. Das Feuer war bereits zu flackernder
Glut niedergebrannt, doch gleich darauf hatten wir es wieder mit
neuem Reisig entfacht. Während Georg im Wald nach weiterem
Holz suchte, um das Feuer zu nähren, schob ich in einer Kuhle
dürres Laub zusammen, das vom letzten Herbst liegen geblieben
war. Es bildete bald ein weiches Lager.
Die Nacht war weit fortgeschritten. Der Grosse Wagen war bereits vom Zenit
verschwunden, gerade der letzte Stern der Deichsel war noch über der Lichtung
zu sehen. Es war ganz still, als hielte der Wald den Atem an, als Georg mir
mit einer sanften aber bestimmten Bewegung das Kleid abstreifte. Er war bereits
nackt, das fiel mir jetzt erst auf. Unsere Blicke ruhten ineinander, langsam
umfassten wir im tanzenden Flammenschein die Gestalt des anderen, nahmen in
einem einzigen Augenblick jede Rundung, jede Pore seiner Haut wahr und drangen
gleich darauf in sein innerstes Wesen vor, einander erkennend, durchdringend,
liebend.
Nun kniete Georg vor mir nieder und ehrte mich mit dem Fünffachen Kuss.
Als er die Schamgegend erreichte, durchfuhr mich ein wollüstiger Schauer,
wie ich ihn noch nie in meinem Leben verspürt hatte. Bei den Lippen angelangt,
küsste er mich mit einer Mischung aus Verehrung und Verlangen. Noch nie
hat mich ein Mann so geküsst. Er legte mich auf das Laubbett. Dabei verdeckte
seine Silhouette den Himmel, und ich sah etwas: unwirklich und schemenhaft
krönte ein mächtiges Geweih seinen Kopf. Er schien ins Riesenhafte
zu wachsen. Dann begann er die Worte des Grossen Ritus zu intonieren, wobei
der Widerhall seiner Stimme durch alle Welten klang.
Wie ein Hauch aus einer anderen, viel älteren Zeit wehte
es mich an und ich glaubte, diesen Text mitsprechen zu können,
obwohl er mir unbekannt war. Etwas sehr Gewaltiges, Übermächtiges
senkte sich auf mich herab, durchdrang mein Selbst. Ich dehnte
mich bis zu den Sternen, ja, war das Universum selbst und doch
gleichzeitig auch sein Mittelpunkt. Aus den Augenwinkeln nahm ich
irisierende Lichter wahr, mehr den inneren Sinnen als den Augen
erkennbar. Es huschte und raschelte im Gebüsch, leuchtende
Augen schienen auf uns gerichtet. Die Kleinen Wesen sahen uns erwartungsvoll
zu.
Seit ihnen keine Realität mehr zugestanden wurde, führen
sie eine Existenz in einem Zwischenreich, das immer weiter und
weiter von unserer Welt wegdriftet, und doch sind sie unsere älteren
Geschwister. Seit undenklicher Zeit sind ihre Alten Götter
verbannt, in den Untergrund gedrängt, verleumdet und missachtet.
Nun waren sie wieder gekommen, die Göttin und ihr Gefährte,
der Gehörnte und zelebrierten im Angesicht ihres Hofstaates
den uralten Ritus der Erneuerung des Lebens. Und unter mir, in
ihrem dunklen Reich, öffnete die Mutter der Tiefe die Augen,
bereit, sich zu erheben, wieder ans Licht zu treten, um die Insignien
ihrer Macht wieder an sich zu nehmen...
Der Augenblick der Vereinigung führte mich hinaus aus Zeit
und Raum, es war das große Schweigen vor Beginn der Schöpfung,
das Nicht Unterschiedene, die Einheit, ... dann der dimensionslose
Punkt im All, die Monade... plötzlich Urknall, explodierende
Universen, sich entrollende Galaxien, feurige Sonnen, die ihre
Eruptionen weit ins leere All hinausschleuderten... dann, endlich,
verlangsamte sich alles wieder, kam zum Stillstand, wurde wieder
weiches Laub unter meinem nackten Körper, schwarze Baumsilhouetten über
mir, ein warmer, nun entspannter Männerleib, der schwer auf
mir lastete. Ich fühlte den Herzschlag der Erde im gleichen,
archaischen Rhythmus pochen wie mein Blut. Und dieses Pochen bildete
den Takt zum Gesang der Sterne, die über uns kreisten. Rauschen
meines Blutes in meinen Ohren, oder ist es Ihr Blut? Leises Raunen,
fast nicht mehr vernehmbar... "das Mysterium von Lanze und
Gral... erneuertes Leben... Knospe, Blüte, Frucht und
Same... der Kreis... schließt sich..."
Dann lagen wir nebeneinander, Hand in Hand und sahen langsam
den Himmel über der Lichtung hell werden. Das Feuer war
nur mehr weiß zerfallende Asche, die hier und da noch leise
knisterte. Trotz der Kälte des frühen Morgens, die
langsam in Bewusstsein und Körper drang, war in mir Wärme.
Es war die Wärme erfüllter Liebe, die sich ihrer selbst
gewiss, in allen Zellen meines Körpers ausbreitete wie ein
anheimelndes Feuer in einem freundlichen Haus. Und mir war, als
hätten alle Wege meines Lebens nur den einen Sinn und Zweck
gehabt, nämlich, mich zu dieser wärmenden Flamme zu
führen, die mein Leben von diesem Tag an erhellen und uns
beiden den weiteren Weg erleuchten würde.
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