WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 18

Im Lokal, das wir nach einem kurzen Fußmarsch erreichten, waren inzwischen schon viele Menschen versammelt. Sie hatten den leiblichen Genüssen, besonders den flüssigen, schon etwas zugesprochen und waren bester Laune. Der Geräuschpegel war dementsprechend hoch.
Georg stellte mich nun zuerst seinen Eltern vor. Es sind adrette, freundliche, ziemlich kleinbürgerlich wirkende Leute, ein großer, stattlicher Vater mit Bäuchlein (das ist wohl eine Familieneigenheit) und eine sehr kleine, rundliche und betuliche Mutter. Beide fühlten sich sichtlich etwas fehl am Platze in dieser sehr unbürgerlichen Gesellschaft. Doch sie waren auch sehr bemüht, das nicht zu zeigen. Jedenfalls begrüßten sie mich wirklich mit echter Freude und Herzlichkeit, und die wollte ich ihnen auch zurückgeben, das nahm ich mir vor.
Auch Joschi, Georgs Sohn, war gekommen. Etwas verlegen gab er mir die Hand und musterte mich verstohlen mit den Augen seines Vaters. Dadurch war er mir sofort sympathisch. Er muss ungefähr im Alter von Myriam sein, so um die Zwanzig, schätze ich. Er studiere LÖK, erzählte er mir später stolz, als wir uns etwas unterhalten konnten. " Was ist LÖK, bitte," fragte ich, in fürchterlicher Unbildung befangen. " Landschaftsökologie," antwortete er, indem die Verachtung über solches Unwissen in seiner Stimme mitschwang.

Oje, da würde ich mich wohl ein bisschen anstrengen müssen um seine Anerkennung zu gewinnen! Vorher musste ich aber noch die anderen Gäste begrüßen, die uns laut hochleben ließen. Wo war Myriam nur, sie hatte doch versprochen zu kommen! Enttäuschung legte sich wie ein schwerer Stein in meine Magengrube. Mein Mann bemerkte es sofort und drückte mir aufmunternd die Hand. Das Buffet wurde eröffnet, alles strömte in seine Richtung und der Geräuschpegel sank kurzfristig. Einige, glücklicherweise kurze Reden wurden gehalten, dann nahm das Fest seinen Lauf.
Da ging die Türe auf und Myriam trat in den Saal. Lächelnd kam sie auf uns zu, umarmte mich herzlich, gab Georg die Hand und gratulierte uns, indem sie mir eine wunderschöne Glasschale übergab: "Bitte, verzeiht mir, was ich gestern zu euch gesagt habe. Ich wünsche euch aus ganzem Herzen Glück für euer gemeinsames Leben. Ich glaube, ich war ein wenig eifersüchtig, weil meine Beziehung gescheitert ist und ihr beiden Alten seid so glücklich miteinander. Aber, c'est la vie! Also, meine besten Wünsche habt ihr, was ihr damit macht, ist eure Sache," sagte sie in ihrer unnachahmlich
schnoddrigen Art und weg war sie.

Als ich später in Richtung Ausgang unterwegs war, weil die Getränke ihren Tribut forderten, sah ich Myriam und Joschi beisammen sitzen und eingehend miteinander sprechen. Lachend und kichernd wie kleine Kinder steckten sie die Köpfe zusammen. Ganz offensichtlich verstanden sie sich prächtig. "Kann mir nur recht sein, wenn die neue Familie zusammenwächst," dachte ich erfreut, bevor ich durch andere Dinge wieder davon abgelenkt wurde.

Später erhielten wir Geschenke von unseren engsten Freunden. Alfred und Vera überreichten uns ein kleines Päckchen mit den Worten: " Das ist für euer trautes Heim, ihr könnt es in den 'Frau - Göttin - Winkel' stellen. Aus dem Papier schälte sich eine kleine, weibliche Figur mit großen Brüsten und überdimensioniertem Gesäß. Die Unterarme hatte sie auf den Brüsten liegen und das Gesicht war nicht ausgeformt: eine Nachbildung der Venus von Willendorf in Originalgröße. Ich erstarrte. Ich hatte die Bilder meiner Phantasiereise niemandem mitgeteilt, doch hier, am Tag meiner Hochzeit war Sie mir wieder erschienen, gleichsam als ein Hauptthema oder als die Überschrift zur Geschichte meines künftigen Lebens mit Georg. Man kann es mit Gustav Jung 'Synchronizität' nennen oder dem Ereignis einen anderen wissenschaftlichen Namen geben, Eines aber ist mir klar: Irgendetwas oder irgend jemand führt hier ganz entschieden Regie.

Das Fest nahm seinen Lauf. Rundtänze nach Bretonischen Volksweisen wurden getanzt, dabei gab es großes Gelächter und lärmendes Gepolter, da die Tanzschritte ungewohnt waren und viele Tänzer stolpernd aus dem Tritt gerieten. Der Alkohol tat das Seinige dazu. Ich suchte Georgs Blick, unsere Augen trafen sich in schweigendem Einverständnis. Im allgemeinen Tumult fiel es niemandem auf, als wir leise verschwanden. Hand in Hand gingen wir, ohne zu sprechen, durch die sternklare Nacht zur Lichtung zurück. Es bedurfte keiner Worte zwischen uns. Das Feuer war bereits zu flackernder Glut niedergebrannt, doch gleich darauf hatten wir es wieder mit neuem Reisig entfacht. Während Georg im Wald nach weiterem Holz suchte, um das Feuer zu nähren, schob ich in einer Kuhle dürres Laub zusammen, das vom letzten Herbst liegen geblieben war. Es bildete bald ein weiches Lager.

Die Nacht war weit fortgeschritten. Der Grosse Wagen war bereits vom Zenit verschwunden, gerade der letzte Stern der Deichsel war noch über der Lichtung zu sehen. Es war ganz still, als hielte der Wald den Atem an, als Georg mir mit einer sanften aber bestimmten Bewegung das Kleid abstreifte. Er war bereits nackt, das fiel mir jetzt erst auf. Unsere Blicke ruhten ineinander, langsam umfassten wir im tanzenden Flammenschein die Gestalt des anderen, nahmen in einem einzigen Augenblick jede Rundung, jede Pore seiner Haut wahr und drangen gleich darauf in sein innerstes Wesen vor, einander erkennend, durchdringend, liebend.
Nun kniete Georg vor mir nieder und ehrte mich mit dem Fünffachen Kuss. Als er die Schamgegend erreichte, durchfuhr mich ein wollüstiger Schauer, wie ich ihn noch nie in meinem Leben verspürt hatte. Bei den Lippen angelangt, küsste er mich mit einer Mischung aus Verehrung und Verlangen. Noch nie hat mich ein Mann so geküsst. Er legte mich auf das Laubbett. Dabei verdeckte seine Silhouette den Himmel, und ich sah etwas: unwirklich und schemenhaft krönte ein mächtiges Geweih seinen Kopf. Er schien ins Riesenhafte zu wachsen. Dann begann er die Worte des Grossen Ritus zu intonieren, wobei der Widerhall seiner Stimme durch alle Welten klang.

Wie ein Hauch aus einer anderen, viel älteren Zeit wehte es mich an und ich glaubte, diesen Text mitsprechen zu können, obwohl er mir unbekannt war. Etwas sehr Gewaltiges, Übermächtiges senkte sich auf mich herab, durchdrang mein Selbst. Ich dehnte mich bis zu den Sternen, ja, war das Universum selbst und doch gleichzeitig auch sein Mittelpunkt. Aus den Augenwinkeln nahm ich irisierende Lichter wahr, mehr den inneren Sinnen als den Augen erkennbar. Es huschte und raschelte im Gebüsch, leuchtende Augen schienen auf uns gerichtet. Die Kleinen Wesen sahen uns erwartungsvoll zu.

Seit ihnen keine Realität mehr zugestanden wurde, führen sie eine Existenz in einem Zwischenreich, das immer weiter und weiter von unserer Welt wegdriftet, und doch sind sie unsere älteren Geschwister. Seit undenklicher Zeit sind ihre Alten Götter verbannt, in den Untergrund gedrängt, verleumdet und missachtet. Nun waren sie wieder gekommen, die Göttin und ihr Gefährte, der Gehörnte und zelebrierten im Angesicht ihres Hofstaates den uralten Ritus der Erneuerung des Lebens. Und unter mir, in ihrem dunklen Reich, öffnete die Mutter der Tiefe die Augen, bereit, sich zu erheben, wieder ans Licht zu treten, um die Insignien ihrer Macht wieder an sich zu nehmen...

Der Augenblick der Vereinigung führte mich hinaus aus Zeit und Raum, es war das große Schweigen vor Beginn der Schöpfung, das Nicht Unterschiedene, die Einheit, ... dann der dimensionslose Punkt im All, die Monade... plötzlich Urknall, explodierende Universen, sich entrollende Galaxien, feurige Sonnen, die ihre Eruptionen weit ins leere All hinausschleuderten... dann, endlich, verlangsamte sich alles wieder, kam zum Stillstand, wurde wieder weiches Laub unter meinem nackten Körper, schwarze Baumsilhouetten über mir, ein warmer, nun entspannter Männerleib, der schwer auf mir lastete. Ich fühlte den Herzschlag der Erde im gleichen, archaischen Rhythmus pochen wie mein Blut. Und dieses Pochen bildete den Takt zum Gesang der Sterne, die über uns kreisten. Rauschen meines Blutes in meinen Ohren, oder ist es Ihr Blut? Leises Raunen, fast nicht mehr vernehmbar... "das Mysterium von Lanze und Gral... erneuertes Leben... Knospe, Blüte, Frucht und Same... der Kreis... schließt sich..."

Dann lagen wir nebeneinander, Hand in Hand und sahen langsam den Himmel über der Lichtung hell werden. Das Feuer war nur mehr weiß zerfallende Asche, die hier und da noch leise knisterte. Trotz der Kälte des frühen Morgens, die langsam in Bewusstsein und Körper drang, war in mir Wärme. Es war die Wärme erfüllter Liebe, die sich ihrer selbst gewiss, in allen Zellen meines Körpers ausbreitete wie ein anheimelndes Feuer in einem freundlichen Haus. Und mir war, als hätten alle Wege meines Lebens nur den einen Sinn und Zweck gehabt, nämlich, mich zu dieser wärmenden Flamme zu führen, die mein Leben von diesem Tag an erhellen und uns beiden den weiteren Weg erleuchten würde.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
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