WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 16

15. April 1989
Auch diesmal kam mir "die andere Seite" zu Hilfe.
Wir treffen uns ungefähr alle zwei Wochen im Hinterzimmer der Buchhandlung zu einem "Fitnesstraining unseres Astralleibes", wie Margot es nennt. Dabei stehen diverse Übungen auf dem Programm. Diesmal war es eine so genannte Phantasiereise. Dabei geht es darum, durch bestimmte Entspannungstechniken die Schwelle zwischen Verstandeswelt und inneren Realitäten zu überschreiten, welche dann durch Bilder oder andere Wahrnehmungen zu uns sprechen sollen. Es handelt sich dabei eigentlich um Träume im Wachzustand, bewusst herbeigeführte Träume allerdings. Ich fand mich fast sofort auf meiner, mir bekannten und vertrauten Apfelbaumwiese. Sie ist bereits zu einem Tor in andere Realitäten für mich geworden, das ich bewusst zu durchschreiten gelernt habe, das Tor ohne Schlüssel, wie es in unserer poetischen Terminologie genannt wird.
Hier aber war wirklich ein Tor und es führte unter einer Baumwurzel in die Erde. Es war mein Tor, wie die ganze Szenerie für mich von meinem Unbewussten geschaffen. Ich zwängte mich also hindurch und begann bald meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Wurzeln, die hier herabreichten, berührten meine Stirne, Feuchtigkeit glänzte an den Erdwänden und rieselte daran herab. Der Gang führte weiter und weiter in die Tiefe. Dann öffnete er sich zu einer kleinen Höhle. Irgendwoher kam diffuser Lichtschein, gerade so viel, dass ich eine Gestalt erkennen konnte, die da stand. Ihr Leib war plump und nicht sehr ausgeformt. Ich hatte sie schon einmal gesehen, wo und wann, wusste ich nicht gleich. Doch gleich darauf fiel es mir ein, ja, die Venus von Willendorf sah aus wie sie! Es war eines dieser Mutteridole aus der Altsteinzeit, nur in Lebensgröße, doch wirkte sie irgendwie beschädigt. Als ich näher trat, sah ich Tränen über ihr nur angedeutetes Gesicht fließen. Mir sank das Herz vor plötzlichem Mitgefühl, hier war so viel Leid und Verwundung! Ich konnte buchstäblich am eigenen Leib den Schmerz der geschundenen, ausgebeuteten Erde und ihrer Geschöpfe fühlen. Mein eigener Leib wurde aufgebrochen, verwüstet, vergiftet, verschachert, zum Eigentum derer gemacht, die ihn nicht lieben. Vergiftetes Blut ließ meine Adern erstarren, keuchend vor Anstrengung verlangte meine lechzende Lunge nach Luft, erhielt aber statt dessen nur giftige Gase. Schmutzige Schlieren überzogen meinen (ihren) Körper und irgendeine giftige Substanz schien meine (ihre) Haut zu zerfressen. An mehreren Stellen war sie schon aufgelöst, sie blutete. Das Blut aber war schwarz, vergiftet und krank. "Hilf mir! Hilf mir, meine Tochter, ich brauche dich so sehr!", schrie eine Stimme in meinem Kopf, und ich wusste nicht, ob es meine eigene oder die des Mutteridols war. Hilflos umarmte ich die Gestalt, deren Leid ich am eigenen Leib verspürte und flüsterte ihr tröstliche Worte zu. Dabei versuchte ich ihre Tränen zu trocknen. Die jedoch flossen immer ergiebiger, bald umspülten sie meine Füße, wurden zum Fluss, dessen Fluten mich wieder an die Oberfläche zurücktrugen. Doch, wie hatte die sich verändert! Die Apfelbäume waren inzwischen dürr und entlaubt, das Gras verdorrt, eine kranke Sonne brannte auf die ganze Szene nieder. Einige Menschen waren da: Georg, der mich mit besorgter Miene in die Arme schloss, die alte Frau aus meinem letzten Traum, Myriam, meine Tochter und ein mir unbekannter junger Mann, der anscheinend zu Myriam gehörte. Sie fassten einander an den Händen, auch mich, sodass wir fünf Menschen einen Kreis bildeten. Dieser begann plötzlich in einem hellen Schein zu leuchten und der Schein wurde stärker und immer heller. Eine Linie aus Licht führte zu einem anderen Kreis, von anderen Menschen gebildet; ein Netz aus Kreisen, durch Lichtlinien verbunden, überzog das ganze Land. Die Tränen, geweint von der Mutter in der Tiefe, quollen aus dem Schoss der Erde und brachten das Land wieder zum Blühen. Dann verblassten die Bilder, langsam kehrte ich wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins zurück.

Es ist Brauch, die Bilder anschließend in der Gruppe zu besprechen um gemeinsam ihre Bedeutung zu entschlüsseln. Diesmal entschuldigte ich mich, ich wollte zuerst alleine darüber nachdenken. Die Anwesenheit von Beate war ein weiterer Grund dafür, allmählich beginnt dieser Zwist auch die Gruppe zu beeinträchtigen, eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht.


20. April 1989
Die Herrschaft des Frühlings hat sich gefestigt und der April ist weit fortgeschritten. Bald ist Walpurgisnacht, Beltane für uns, das Fest der Fortzeugung allen Lebens durch die Verschmelzung der Polaritäten. Hieros - Gamos oder die Heilige Hochzeit hatten die Alten es genannt. Ich werde von Tag zu Tag unruhiger, kann nicht mehr richtig schlafen, wälze mich von einer Seite zur anderen, bis mein Leintuch mehr und mehr einem Strick ähnelt. Georg hat immer noch nichts von sich hören lassen, er fehlt mir und ich sorge mich auch um ihn. Was es wohl sein mag, was er in diesen Monaten unbedingt tun muss? Wenn er mich wenigstens einmal anrufen würde!


25. April 1989
Heute abend, ich war gerade auf der Heimfahrt von meiner Arbeitsstelle, hatte ich ein seltsames Erlebnis. Ein Taxi fuhr parallel zu meinem Autobus und ich hätte schwören können, dass Georg sein Fahrer war. Wie ist das möglich? Bei der nächsten Ampel musste das Taxi ebenfalls anhalten und ich hatte Gelegenheit, meine Wahrnehmung zu überprüfen: es war tatsächlich Georg! Im Fond des Wagens erkannte ich zu meiner Überraschung auch noch Franz und Margot. Die drei waren in ein anscheinend ziemlich intensives Gespräch vertieft. Mein Atem stockte. Die Enttäuschung trieb mir die Tränen in die Augen. Er war also da, war vielleicht die ganze Zeit hier gewesen und meldete sich nicht bei mir, er belog mich also! Es hätte der höhnischen Bemerkungen der kritischen Mitbewohnerin meiner Persönlichkeit nicht bedurft, diesmal übertraf ich sie in der Kunst der Selbstzerfleischung. Und diesen Mann bin ich bereit gewesen zu heiraten, ich blöde Kuh! Und meine vermeintlichen Freunde haben noch mitgewirkt an der kläglichen Schmierenkomödie!

Gut, ich bin hoch geflogen und hart gelandet, es wird mir eine Lehre sein. Träume sind also doch nur Schäume! Die Erde hat mich wieder und diesmal wird sie mich behalten!
Ich bin so furchtbar enttäuscht, am liebsten würde ich aus meinem Leben aussteigen, wie aus einem Zug!


27. April 1989
Meine Hausrufanlage läutete. Unwillig hob ich den Hörer ab. "Ja, bitte?", meldete ich mich mit mürrischer Stimme.
"Anna, Liebste, ich bin's Georg, mach schnell auf!"
Die Stimme versagte mir, Groll und ja, war es denn möglich? Gerade hatte ich noch unter alles einen Schlussstrich gezogen und da war sie, unzweifelhaft, es war atemlose Freude, die ich jetzt fühlte, als ich auf den Öffner drückte. Meine widersprüchlichen Gefühle drückten mir die Kehle zu, ich konnte nichts sagen, als Georg endlich in der Türe stand. Er nahm mich in die Arme, da fiel alle verletzte Kälte von mir ab, nur Freude, Liebe und unendliche Wärme erfüllten mich. Alle Vorsätze der letzten Tage waren weggewischt, als wären sie nie da gewesen. Nun gehörten natürlich auch noch Tränen zu einem richtigen Happy End und richtig, da waren sie auch schon, sie flossen reichlich und spülten alle meine Bedenken restlos weg. Sollte ich auch eine dumme Kuh sein, na wenn schon, dies wollte ich jetzt haben, und wäre die Reue später auch noch so groß!
"Anna, komm, sag schon, was hast du denn?"

Georgs Miene spiegelte Unverständnis und belustigte Besorgnis.
"Das sind doch nicht nur Freudentränen, die ich da sehe, oder?"
"Ich habe dich vor zwei Tagen im Taxi mit Franz und Margot gesehen," sagte ich vorwurfsvoll: "du warst also gar nicht fort, wie du es mir weismachen wolltest!", grollte ich wie ein trotziges Kind. Ernst sagte Georg: "Ja, Anna, es stimmt, ich war nicht fort. Trotzdem habe ich dich nicht angelogen, hör zu, es ist jetzt an der Zeit, dir alles zu erzählen. Du wirst mich dann verstehen.“ Und nun erfuhr ich, was ihn bewogen hatte, den Kontakt zu mir für einige Zeit zu unterbrechen und ich verstand.
Georg hat, genau wie ich, früh geheiratet, seine Frau erwartete ein Baby. In unserer Jugend, in den Sechzigern, war das für viele Paare noch ein wichtiger Anlass zum Heiraten gewesen, ich glaube sogar, einer der häufigsten. Es geschah, wie bei vielen Paaren, sie lebten sich im Laufe der Jahre auseinander und ließen sich scheiden. Der Sohn blieb bei der Mutter. Georg, ohne Wohnung, mit Schulden (er hatte für einen Kredit seiner Frau gebürgt, die sich beruflich selbständig machen wollte, sie hatte Schiffbruch erlitten, ihm waren die Schulden geblieben), erlitt einen Herzinfarkt. Er konnte nicht mehr in seinem erlernten Beruf arbeiten. Deshalb begann er Taxi zu fahren, um sich durchzubringen. Eine Kollegin, selbst nach einer Trennung einsam, nahm ihn als Untermieter bei sich auf. So war es nur eine Frage der Zeit gewesen, dass sich die beiden einsamen Gestrandeten zusammenfanden um gemeinsam dem Leben die Stirn zu bieten.

Dieses Arrangement, zwar nicht direkt von Liebe, doch von Sympathie und zu einem nicht unerheblichen Teil von Bequemlichkeit getragen, hatte noch bestanden, als wir uns begegnet waren. Er hatte sich nun vorgenommen Ordnung in sein Leben zu bringen, bevor er mit mir einen neuen Lebensabschnitt beginnen wollte. Deshalb war er auch so betont zurückhaltend gewesen. Irgendwie war er, trotz der faulen Kompromisse der letzten Jahre, doch ein Mensch, der klare Verhältnisse liebte. Unsere Liebe mit ihrer bestürzend, unerwarteten Intensität, ließ alles Laue und Unbestimmte von ihm abfallen. Zurück blieb der Mensch, der er im Grunde seines Wesens immer schon gewesen war: ein begeisterungsfähiger Träumer mit Hang zur Bequemlichkeit. Außerdem arbeitete er in diesen Monaten fast Tag und Nacht. Er wollte schuldenfrei sein, wenn er wiederkam. Das war ihm nicht ganz gelungen, denn die Schulden durch sein Buchprojekt waren noch dazugekommen. Doch ein ganz wesentlicher Teil davon war nun abgezahlt, der Rest würde sicherlich irgendwie zu bewältigen sein.

"Oh, Georg, verzeih mir!", rief ich bestürzt: " ich habe an deiner Ehrlichkeit gezweifelt und dabei gleich alles verworfen, was ich bisher erlebt habe, ich bin ein Esel!"
"Ja, und ich finde Esel besonders nett!", lachte er fröhlich und wirbelte mich im Kreis herum, indem er mich hochhob. Wir beschlossen (und es fiel uns außerordentlich schwer), "jungfräulich" in die Ehe zu gehen. Jetzt haben wir schon so lange gewartet, da kommt es nun auf ein paar Tage mehr auch nicht mehr an! Es mag befremdlich altmodisch erscheinen, wenn zwei Menschen unseres Alters solche Ideale verfolgen. Aber unser Vorsatz hat nichts mit irgendwelchen verstaubten Keuschheitsvorstellungen zu tun. Im Zeichen des Kreises haben wir uns das erste Mal geküsst, in diesem Zeichen wollen wir auch unsere Liebe besiegeln, so ist es für uns richtig und gut, alles andere zählt nicht. Dies wird das Beltanefest unseres Lebens werden und jedes Jahr von nun an wird dieses Fest für uns auch diese besondere Bedeutsamkeit mit einschließen. Der Kreis des Jahres wird zugleich auch der Kreis unseres Lebens sein, die beiden werden einander überlagern, durchdringen und endlich zu einem einzigen verwachsen, immer sich erneuernd, um endlich, am Ende dieser, unserer Zeit, in einen neuen, größeren, einzumünden.
So mote it be, blessed be!


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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Der gläserne Berg - Folge 24     27.08.2005
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Der gläserne Berg - Folge 02     24.04.2004
Der gläserne Berg - Folge 01     03.04.2004
Der gläserne Berg - Vorwort     20.03.2004





              
                   
              



    

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