WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 15

22. März 1989
Das Osterfest naht, in der Nacht zum 21. März feierte unser Coven die Frühlingstagundnachtgleiche. Noch ist es eigentlich zu kalt für Outdoor - Aktivitäten, doch mit einem wärmenden Feuer war das Ganze schon auszuhalten. Helga, unsere Jüngste, spielte den Part der Frühlingsjungfrau. Zart und voller jugendlichem Schmelz war sie eine herzbewegende Verkörperung der erwachenden Natur. Alle Teilnehmer waren hochgestimmt, es herrschte eine Atmosphäre der entspannten Freude und Herzlichkeit. Doch etwas stimmte nicht. Ich spürte eine innere Spannung, die sich nicht lösen wollte, auch nicht, als das Ritual beendet war und der lockere Teil des Abends begonnen hatte. Wie eine kalter Luftzug wehte es in meine Richtung, aber woher? Ein Pfeil aus Missgunst war auf mich abgeschossen worden, fast körperlich spürte ich die Verletzung. Als ich in die Runde blickte, erkannte ich sofort, wer der Schütze gewesen war oder vielmehr die Schützin: Beate, die Frau in meinem Alter. Ich war mir nicht bewusst, ihr irgend etwas angetan zu haben - oder vielleicht unwissentlich? Ich erforschte meine Gedanken und Gefühle, doch da war nichts, kein negatives Gefühl jedenfalls. Dies war eine ganz neue Erfahrung für mich, von jemandem gehasst zu werden, ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon jemals erlebt zu haben. Aber wie löst man ein solch delikates Problem? Nun, ich entschloss mich, meine neue Covenschwester kurzerhand darauf anzusprechen und bat sie leise, mit mir ein wenig abseits zu gehen, da ich sie etwas fragen wolle. Sie sah mich erstaunt und feindselig an, ich hatte mich also nicht getäuscht.

"Beate, ich habe den Eindruck, du hast etwas gegen mich," begann ich unverblümt.
"Nun, da wir einander versprochen haben, uns gegenseitig zu achten und zu ehren, will ich solche Dinge gleich aus der Welt schaffen. Vielleicht habe ich dich unabsichtlich gekränkt. Habe ich?"

Sie antwortete nicht gleich. Offenbar hatte ich sie mit meiner direkten Frage überrumpelt. Ich konnte sehen, wie sie ihren Zorn innerlich zu einem kompakten Paket zusammenschnürte, alles hineinverpackte, was immer sich formulieren ließ, um es gleich darauf gegen mich zu schleudern. Ihre eigentlich hübschen, noch jugendlichen Züge wurden von einem Augenblick zum anderen hart. "Du kommst hierher, angeblich aufgrund von irgendwelchen Träumen, drängst dich hier herein und glaubst gleich, etwas Besonderes zu sein, nur weil du geträumt hast, eine Priesterin aus Avalon zu sein. Das kann ja jeder behaupten, es lässt sich ja nicht überprüfen!" schleuderte sie mir hasserfüllt entgegen. Mir nahm es plötzlich den Atem. Fühlte sie sich von mir so an den Rand gedrängt, erlebte sie sich vielleicht überhaupt auch sonst als abseitsstehend und unbedeutend? Wer konnte das besser nachvollziehen als ich! Trotzdem konnte ich in diesem Augenblick keine Brücke zwischen uns schlagen, so gerne ich das auch gewollt hätte. Zu sehr verletzten mich ihre Anschuldigungen. Aber, sie war noch nicht fertig mit ihren Hasstiraden:

"Dem Georg weiszumachen, er sei der Harfenspieler von deiner angeblichen Traumwiese, na, weißt du, du bist ganz schön schlau, du weißt, wie man die geheimsten Wünsche der Menschen anspricht!"

Das saß. Jetzt waren wir offenbar im Zentrum des Problems, Georg. Eifersucht ist also die Ursache. Sie ist also auch in Georg verliebt und sieht ihre Chancen schwinden! Plötzlich fühlte ich mich mutlos und schwach. Hier bin ich machtlos und so gut ich mich auch in sie einfühlen kann, helfen kann ich ihr nicht. Ich bin, ohne es zu wollen, ihre Feindin geworden, zur unschuldig - schuldigen Verursacherin ihres Unglücks. Oh, Göttin, wollten wir nicht als Schwestern solidarisch untereinander sein, uns nicht durch Machtansprüche oder Eifersüchteleien spalten lassen, die Göttin in uns selbst erfahren? Hier ist nun allerdings eine Naturgewalt dazwischengekommen, der Mann! Und alle Frauensolidarität geht den Bach hinunter, als wäre sie nur ein Schlagwort, ein windiges Hirngespinst!
Eine Kluft ist aufgebrochen zwischen Anspruch und gelebter Wirklichkeit. Ich weiß, sie lässt sich nicht schließen, weder durch Weltanschauung noch durch Religion, schon gar nicht durch unser bewusstes Wollen. Mit diesem Widerspruch müssen wir beide jetzt vorläufig einmal leben. Mein Gesicht, das jenes der Grossen Mutter widerspiegeln soll, ist für meine Schwester zur Fratze geworden, mit den Zügen der schwarzen Todesbringerin. Das ist schwer zu ertragen für mich. Wie soll denn nun alles weitergehen mit einer Feindin im Coven? Ich habe eben erst begonnen, eine emotionale Heimat zu finden, da ist diese schon wieder zu einem Schlachtfeld der Gefühle geworden. Wir sind eben doch "nur" Menschen, trotz unserer Priesterschaft, das dürfen wir niemals vergessen. Diesen menschlichen Faktor außer Acht zu lassen, bedeutet, mit seinen Idealen an der Realität zu scheitern. Daran will ich immer denken.


25. März 1989
Ja, die so genannte Realität, sie bereitet mir gegenwärtig einige Probleme. Seit langem verspüre ich großes Unbehagen bei dem Gedanken, noch viele Jahre in meinem jetzigen Beruf tätig sein zu müssen. Zwar, das Geplänkel um die Ansprache mit meinem Familiennamen habe ich gewonnen, doch was ändert dieser Sieg an der grundsätzlichen Unzufriedenheit mit meiner Arbeit? Immer klarer sehe ich in letzter Zeit, dass der Körper die Befindlichkeit der ganzen Person zum Ausdruck bringt. Um wirklich heilend wirken zu können, müsste eine Behandlung auch die Gedanken- und Gefühlswelt der Patienten einbeziehen. Und nicht nur das, auch die Sinngebung und Sinnfindung im Leben sind von zentraler Bedeutung. So etwas geht weit über meine Möglichkeiten hinaus. Und wieder bin ich beim momentanen Hauptthema meines jetzigen Lebens angelangt: der metaphysischen Dimension des Daseins. Wie in einem Kreis führen meine Gedanken immer wieder zu diesem Ausgangspunkt zurück. Wie aber kann ich dieses wichtige Thema in meine berufliche Tätigkeit einfließen lassen, ohne deren Rahmen zu sprengen? Darüber hinaus beschäftigt mich noch die Frage, wie man heilsam auf den Zustand der Erde einwirken könnte, mit dem es sowohl in sozialer wie auch in ökologischer Hinsicht nicht zum Besten steht. Irgendwo vermute ich da einen Zusammenhang. Innere Strassen führen vom Leiden der Seele zum Leiden des Körpers und zum Zustand unserer Welt, glaube ich. Aber, kann ich sie gehen? Das sind Fragen von solcher Tragweite, dass sie meine Fähigkeiten weit übersteigen. Das hat mir mein Erlebnis mit Beate deutlich gezeigt. Wo ich doch schon bei einem derartigen, im großen Kontext eher unbedeutenden Problem an meine Grenzen gestoßen bin! Aber, und das sehe ich immer klarer, die großen Probleme dieser Welt setzen sich aus vielen solcher kleinen Puzzleteile zusammen. Also, muss man auch dort ansetzen, so scheint es jedenfalls.

Unzufriedenheit, ist es das richtige Wort für meinen derzeitigen Zustand? Nicht eigentlich. Was dann? Unruhe, Ungeduld, das schon eher. Sehr viel hat sich in meinem Leben verändert, doch ich fühle, dass da noch etwas kommen muss. Der Schmetterling ist noch nicht frei von seiner Puppenhülle, noch fliegt er nicht. Wie habe ich nur all die Jahre so traumtänzerisch, so wie in Trance leben können? Nun, da ich träume, bin ich erwacht und staunend erfahre ich eine neue Welt, die ich so nie gesehen habe. Ich frage mich: Was will ich sein, wie will ich leben, was will ich in diesem Leben wirklich tun? Alles Fragen, die ich mir schon längst hätte stellen müssen. Nun sind sie drängend wie nie zuvor. Was will ich denn nun wirklich! Das muss ich herausfinden, jetzt oder nie! Es ist verhältnismäßig leicht, zu wissen, was man nicht will, doch zu wissen, was man will, darauf kommt es an! Das macht schon fast das ganze Leben aus. "Tu' was du willst!" lautet einer unserer Leitsprüche und er ist nicht als Aufforderung zu schrankenlosem Hedonismus gemeint. Alles andere dagegen ist vergleichsweise einfach.
Ach, Georg, wärst du nur bei mir! Mit dir, das weiß ich mit Sicherheit, könnte ich diese Fragen klären. Vielleicht aber ist es für mich ganz wichtig, sie erst einmal für mich selbst zu lösen. Dieses Rätsel wartet auf mich allein.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
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