WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 14

14. Februar 1989
Der Mittwoch kam. Ich hatte mir frei genommen um mich auf das Ereignis gebührend vorzubereiten. Seit zwei Tagen fastete ich, ich wollte äußerlich und innerlich rein in den Kreis treten. Den Tag verbrachte ich in stiller Zurückgezogenheit mit Musik, Meditation und Lektüre. Als der Abend anbrach, wurde ich dann aber doch zunehmend unruhig. Ich fühlte mich fast wie an meinem ersten Schultag.
Im Raum hinter dem Laden erwartete mich Margot. Sie blickte mich aufmunternd an, ihre Miene jedoch war ernst." Hast du Angst?" fragte sie mich teilnahmsvoll. Nein, Angst war nicht das richtige Wort, aber vielleicht konnte man es ehrfürchtige Erwartung nennen. Nahm ich das Ganze vielleicht ein wenig zu ernst? Aber würde ich, nähme ich es nicht ernst, dies alles, was auch immer auf mich da zukam, überhaupt mitmachen? Nein, denn dann wäre es lächerlicher Hokuspokus, Zeitvertreib und meine umwälzenden Erlebnisse der letzten Monate nur Hirngespinste. Mir war vollkommen klar, dass sie das in den Augen der meisten Menschen ja auch wären. Doch diese Kategorien waren Vergangenheit für mich, die Urteile der Welt gingen mich nichts mehr an. Seit ich den Weg nach Avalon gefunden hatte, hier und in der Anderswelt, konnte nichts mich mehr von meinem klar vor mir liegenden Weg abbringen.

Margot hieß mich, alle Kleidungsstücke abzulegen. Ich sollte nackt wie ein neugeborenes Kind den Kreis betreten. Dann verband sie mir die Augen. Alle würden mich nun in meiner Nacktheit sehen, noch niemals in meinem Leben hatte ich mich derart ausgeliefert gefühlt. Ausgesetzt ihren Blicken und ihrem Wohlwollen, schwach und wehrlos wurde ich in den angrenzenden Raum geführt. Es war angenehm warm, das war das erste, was mir auffiel, und Wärme schlug mir auch von den Menschen entgegen, die sich darinnen aufhielten, das konnte ich sogar körperlich spüren. Also kam mein Zittern nicht von der Kälte? Es roch nach Weihrauch und Kerzen und es war ganz still. Warme Frauenhände berührten mich, ich wurde an Händen und Füssen gebunden, allerdings locker.
"Du bist nun gebunden und doch frei!", sagte eine Männerstimme, sie gehörte Hannes, dem Langen. "Noch kannst du deinen Entschluss rückgängig machen."
" Na fein,", dachte ich: "jetzt verschnüren sie mich auch noch wie ein Paket! Nun gut, soll sein, sie werden schon nichts Schlimmes mit mir anstellen!" Nun wurde ich ein paar Schritte weiter geführt, bis mich etwas Kaltes, Hartes zwischen den Brüsten berührte. Eine Männerstimme sprach zu mir, sie gehörte Georg. Und nun begann mit einem Mal Panik in mir hochzusteigen. Da stand ich, gefesselt, blind und splitternackt vor dem Mann, dessen Augen und Hände meinen Körper noch nie berührt hatten, außer in meinen geheimsten Tagträumen. Wie viele Frauen hatte ich auch immer Zweifel an meiner weiblichen Schönheit und Anziehungskraft gehabt. Ich fand mich zu klein, meine Brüste zu groß, meine Figur zu wenig jugendlich, straff und überhaupt...

Wahrscheinlich fand mich Georg jetzt nicht mehr so anziehend wie vorher, jetzt, da er mich nackt sah! Warum hatte mein früherer Mann mich wohl so oft mit anderen Frauen betrogen? Na, also! Dies hier hatte ich wieder nötig gehabt! Ich war wohl eben im Begriff, mich vor dem Mann lächerlich zu machen, nach dessen Liebe und Bewunderung ich mich so sehr sehnte! In diesen kurzen Sekunden erlebte ich die Hölle, meine ganz eigene, selbstgemachte. Doch da hörte ich Georgs Stimme, ganz nahe an meinem Ohr. Für die anderen unhörbar, flüsterte er mir etwas zu, was mich aus der Hölle direkt in den Himmel katapultierte: "Du bist wunderschön!" Alle Spannung und Angst fiel damit von mir ab, als wäre sie nie da gewesen, wie Chimären einer Nacht, die sich ganz unverhofft in einen strahlenden Sommertag verwandelt hatte. Ich fühlte mich schön, weil er mich schön fand. Ich sah mich mit seinen Augen und das waren die Augen der Liebe. Er hatte meine Scham feinfühlig wahrgenommen und richtig gedeutet, plötzlich überschwemmte mich das Gefühl von grenzenloser Liebe für ihn. Meine Gefühle, die bisher dem Harfenspieler gegolten hatten, einem Traumbild meines Unterbewusstseins, flossen nun mehr dem Menschen Georg zu. Der hatte mit dieser zarten Geste mein Herz vollends gewonnen und ich hauchte ganz leise, für die anderen unhörbar: "Danke!" Nach dieser unmerklichen Pause fuhr er fort zu mir zu sprechen:

"Du stehst nun an der Grenze zwischen der Welt der Menschen und den Gefilden der mächtigen Götter. Hast du deine Wahl getroffen? Denn es wäre besser, von meiner Klinge durchbohrt zu werden, als mit Zweifel und Angst diesen Schritt zu tun."
Und nun konnte ich nicht anders, ich musste das Drehbuch durchbrechen und fast ohne mein Zutun sprach die andere, die Priesterin von Avalon aus mir: "Die Klinge des Schmerzes würde mich durchbohren, täte ich diesen Schritt nicht, denn: Ich, Morgan von Avalon bin verbunden mit der Göttin, der Mutter alles Seienden, für dieses und alle Leben, in diesen und allen Welten. Möge mein Gesicht das Gesicht der Göttin spiegeln und möge mein Handeln das Wirken Ihrer Macht sein. So sei es, mit Ihrem Segen. Deshalb betrete ich diesen Kreis in Liebe, Freiheit und Vertrauen."

Irgend etwas war geschehen. Keiner sprach ein Wort, man hätte eine Feder auf den Boden fallen hören können, so still war es. Warum ging es denn nicht weiter?
Dann, nach einer mir unendlich lang scheinenden Pause, sprach Georg weiter: "Du bist willkommen." Seine Stimme zitterte kaum merklich. Ich wurde von vielen Händen gepackt, hochgehoben, geschwungen und endlich sanft auf eine weiche Unterlage gelegt. Nun folgte eine imaginäre Reise durch die vier Elemente, die im Schoß der Erde ihr Ende fand, als ungekeimter, schlafender Same, zwischen den Leben, zwischen Vergangenheit und Zukunft, ohne Persönlichkeit und Körper... und dann... wurde ich neu geboren. Eine Hand nahm mir die Binde von den Augen, strahlendes Kerzenlicht, lächelnde Gesichter über mich gebeugt, ich wurde gehalten von liebevollen Armen, es waren die Arme einer Mutter, der Grossen Mutter, und ich überließ mich ihnen in wohliger Hingabe.

Ich erhielt eine weiße Kordel. Sie symbolisiert die Bindung an die Göttin und an die Covengeschwister. Margot, die Hohepriesterin des Covens begrüßte mich als neues Mitglied: "Im Namen der Göttin und des Gehörnten heiße ich dich, Morgan, Träumerin und Zaubersängerin, willkommen in unserem Kreis. Sei du ein neues Glied in der Kette und wirke in Liebe, Freiheit und Vertrauen. So sei es!"
Nach dem eigentlichen Ritual, das noch einige Zeit dauerte und dessen weitere Einzelheiten ich hier nicht zur Gänze wiedergeben will, kam ein ganz wesentlicher Teil aller unserer Feierlichkeiten: ein Festmahl mit Musik und Tanz, in früheren Zeiten oft als Orgien missdeutet, doch in unserem Fall einfach sinnliche Lebensfreude.
Gegen Ende des Festes kam Georg an meine Seite und sagte leise: "Können wir anschließend zusammen noch kurz wohin gehen, ich muss unbedingt mit dir sprechen." Also gingen wir in ein kleines Beisel ganz in der Nähe, das noch offen hatte. Es war eines jener Vorstadtlokale, die mit merkbarer Anstrengung weltstädtisch wirken wollen und davon so weit entfernt sind, wie ein Groschenroman von Literatur. Doch es hatte ein großes Plus: es war geöffnet um diese späte Stunde. Wir setzten uns an einen Tisch ganz hinten in einer dunklen Ecke des leeren Lokales. Zuerst fiel kein Wort. Wir waren beide befangen wie Teenager bei ihrem ersten Rendezvous. Eine Kassette mit furchtbar abgeschmackten Schlagern lieferte die Untermalung dazu. Ich sagte, um die Spannung zu durchbrechen eine Dummheit, wie: " Wir haben uns bisher noch nie über dein Buch unterhalten, weißt du noch, du wolltest das doch unbedingt." Im gleichen Moment hätte ich mich dafür ohrfeigen können. Ich benahm mich wirklich wie ein verwirrter Teenager, ja, selbst die waren heutzutage nicht mehr so unsicher oder verbargen sie es gekonnter? Er nahm meine Worte offenbar als das, was sie waren und überging sie - wie wohltuend! Er schwieg, nahm meine Hände in die seinen und sah mir ernst in die Augen. Mein flatterndes Herz wurde augenblicklich ruhig, und ich konnte seinen Blick erwidern, der bis zu den Wurzeln meines Selbst drang.

"Anna, ich werde einige Zeit nicht hier sein können, kann sein, dass ich für einige Monate fort muss." "Wohin gehst du?", versuchte ich meine aufsteigende Panik in den Griff zu bekommen. So hatte ich mir diesen Abend nicht vorgestellt! Doch er ließ mich nicht weiter in sich dringen.
" Ich will aus ganz bestimmten Gründen heute nicht davon sprechen, aber es ist für mich ganz wichtig, dass ich das jetzt erledige. Wenn du es wissen willst, dann, wenn ich zurückkomme, werde ich es dir genau erzählen. Ich weiß, dass ich dir damit viel abverlange, aber bitte, Anna, vertrau mir!" Er sah mich mit bittenden Augen an. In diesem Ausdruck verschmolzen die Augen des Menschen Georg mit denen des Harfenspielers. Ich sah in seinem Blick das gleiche Ausgeliefertsein, das ich vor kurzem noch, nackt und blind, beim Eintritt in den Kreis gefühlt hatte und das durch seine einfühlsame Hilfe für mich erst erträglich geworden war. Jetzt brauchte er meine Hilfe. Er fuhr fort: "Anna, wir beide gehören zueinander, das fühlst du doch so gewiss wie ich, nicht wahr? Ich zumindest habe mich in dem Augenblick in dich verliebt, als du zu mir in den Laden gekommen bist." Es war ihm also ebenso ergangen wie mir! Ich war sprachlos, verwirrt und atemlos vor Glück. Da saß ich nun, unfähig zu sprechen und erwartete, jeden Augenblick aus diesem unwahrscheinlichen Traum zu erwachen.

"Du musst jetzt nicht gleich antworten. Warte noch, bis du gehört hast, was ich dir sagen will." Wieder half er mir, zum wie vielten Male eigentlich, aus einer kläglichen Situation.
" Sag mir nur eines: wirst du da sein, ich meine ... für mich... also ... wirst du ... willst du ... verdammt, ist das schwierig!"

Ich nahm seine Hand und streichelte sie zärtlich, dabei sah ich ihn liebevoll an. Der Arme, er war in diesen Dingen wohl ebenso ungeübt wie ich! Meine Geste half ihm sichtlich und er nahm einen neuen Anlauf: "Also, Anna, meine Frage wird dir wahrscheinlich völlig verrückt vorkommen, aber, sei's drum, bin ich eben verrückt! Also, Anna, willst du meine Frau werden, dann, wenn ich zurückkomme?"
Jetzt war es an mir zu stottern, und ich stand ihm dabei in nichts nach: "Georg... das ist,... nein also wirklich... was soll ich sagen...? (Denkpause, meine Gedanken rasen: wie kann er nur, wir kennen einander doch noch gar nicht richtig! Wir beiden alten Esel sollten doch schon etwas vernünftiger sein!) Doch dann, nach einigen Augenblicken, gab ich die Kontrolle an die Frau in mir ab, die sich von allen Konventionen und rationalen Überlegungen freigemacht hatte und sich einzig von ihrem Gefühl und ihrer Gewissheit führen ließ. Ich konnte nur staunen über die Worte, die ich aus meinem eigenen Mund vernahm: "Ja Georg, das will ich. Es gibt nichts, was ich mehr will, als deine Frau zu sein. Ich werde da sein, wenn du wiederkommst. Beeile dich mit dem, was du tun musst, ich warte auf dich."

Wir wollen diese Szene nun gnädig ausblenden. Heute noch befällt mich bei Liebesszenen in Filmen eine Scheu, an den intimsten Bereichen zwischenmenschlicher Beziehungen voyeuristisch Anteil zu nehmen. Außerdem, die Szene gleitet gerade eindeutig in Richtung Kitsch ab. Also, Regieanweisung, siehe oben.
Hier sind leider wieder zwei Seiten durch eingedrungene Feuchtigkeit unleserlich geworden.

... vergeht nicht... warten... so lang sein kann, hätte ich nicht gedacht... Doch leise, unmerklich zuerst, dann mit einem Mal dramatisch und expressiv, hat der Frühling dem Stadtwinter mehr und mehr an Terrain abgewonnen. Noch immer kann es unvermittelt schneien, noch einmal weihnachtliches Weiss sich über die Dächer legen, doch niemand nimmt diesen Winter mehr ernst. Er ist zum zahnlosen Greis geworden, der ab und zu noch etwas Imponiergehabe an den Tag legt, bevor er endgültig abtritt.
Im Park vor meinem Wohnhaus stehen drei Kastanienbäume. Ihre prallen Knospen sind noch geschlossen, doch die Knospenschuppen haben sich bereits fast unmerklich auseinander geschoben und lassen zartes Grün mehr ahnen als erkennen. Oft habe ich im vergangenen Winter diese glänzenden Verheißungen eines kommenden Frühlings betrachtet. Auch wenn Kälte, Matsch und früh einsetzende Abende das Gegenteil glauben machen wollten, und die kahlen Äste "Tod, Erstarrung, Frost" knarrten," Leben, Leben, Leben," sangen die Knospen triumphierend. Nun haben sie Recht behalten und damit für uns Menschen ein tröstliches Zeichen gesetzt. Man braucht nur Augen haben, zu sehen.

An manchen Tagen brauche ich solche Zeichen. Besonders dann, wenn sich die Dritte im Bunde, die Destruktive, meine Über - Ich Gouvernante, wieder zurückmeldet. Und das kommt in letzter Zeit wieder häufiger vor. Sie zwängt sich manchmal sogar in den Spalt, der zwischen Nacht und morgendlichem Aufwachen klafft, wenn meine Wachsamkeit ihrer Aufgabe noch nicht nachkommt.
Außerdem hat sie ihre Taktik etwas geändert, sie agiert schlau und gerissen in letzter Zeit. Heute zum Beispiel schlich sie sich hinterrücks auf Samtpfoten an:
"Anna?"
"Hm, lass mich schlafen!"
"Anna? Wie wirst du's denn Myriam beibringen?"
"Was soll ich ihr denn beibringen, du bist heute sehr kryptisch. Zum Rätselraten bin ich noch zu schläfrig, lass mich in Ruh!'"
"Also gut, bitte, wenn du es willst." Sie schweigt, aber nicht lange.
"Anna", säuselt sie zuckersüß und weckt damit meine Wachsamkeit aus ihrer Nachtruhe, um einige Augenblicke zu spät.
"Aber, wie willst du es Myriam beibringen, dass du einen Mann heiraten willst, den du als Harfen spielenden Magier aus einem Traum kennst und den du dann im wirklichen Leben als Bücher schreibenden Taxifahrer und obskuren Priester einer angeblich Alten Religion kennen gelernt hast?"

Bamm, bamm bamm! Ihre Schläge prasselten unbarmherzig auf mich nieder. Ich hatte vergessen, wie gefährlich sie war und deshalb meine Deckung nicht hochgenommen. Eins zu Null für sie, diese Runde ging eindeutig an meine kritische Gegenspielerin. Und ich hatte geglaubt, sie zu meiner Verbündeten machen zu können! Diesmal fand ich keine passende Antwort, ich musste die Revanche vertagen und erst noch darüber nachdenken. Da sie keinen Widerstand gefunden hatte, verlor sie offenbar das Interesse an der Auseinandersetzung und zog sich zurück. Doch sie kann überall lauern, das weiß ich.

Nachtrag, 21. September 1989
Erst viel später sollte ich erkennen, dass sie tatsächlich meine Verbündete war. Sie zwang mich nämlich, meine Intuitionen im kalten Licht der "normalen" Welt zu betrachten und bewahrte mich davor, ganz in meine Traumwelt abzudriften, so, dass ich für diese Realität verloren gewesen wäre. Solche Menschen landen in speziellen Anstalten. Ich aber bin eine Hagazussa, eine Zaunreiterin, die beide Welten bewohnt und gleichzeitig in ihnen wirken kann. Das ist auch die wahre Bedeutung des Wortes: Hexe.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
Bilder & Geschichten

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«Der Gläserne Berg» von Morgane

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Herbst     Tria und Rene & Sir Thomas Marc, 03.09.2005
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