WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 13

27. Jänner 1989
Nachtrag von gestern:
Er kam nicht. Natürlich lassen sich die inneren Welten nicht zwingen, man muss schon in Ehrfurcht mit ihnen in Kontakt treten, oder abwarten, bis sie sich von selbst öffnen.
Ich weiß noch nicht, wie ich mich entscheiden werde. Will ich diese Initiation wirklich oder war meine Begeisterung nur ein Strohfeuer? Heute morgen stand ich nackt vor meinem großen Spiegel. Prüfend betrachtete ich mich von allen Seiten, von der "Schokoladenseite" etwas öfter. Versonnen strich ich über diverse Rundungen, freute mich über meine glatte Haut. Bilder von Zärtlichkeit und Leidenschaft stiegen in mir auf, Bilder, die mit Georg zu tun hatten und mein Körper begann spürbar darauf zu reagieren. Auf diesen Moment, der ihr ob meiner mangelnden Wachsamkeit Tür und Tor öffnete, hatte sie offenbar nur gewartet:

"Du willst sowieso nur zu diesem obskuren Hexenzirkel, weil du dir dann mehr Chancen bei Georg ausrechnest." Bumm, glatt erwischt, volle Breitseite! Ich ging, bildlich gesprochen, zu Boden und fühlte mich wie eine Badewanne, deren Stöpsel man herausgezogen hat. Jetzt musste ich handeln oder ich ging unter. Meine alte Widersacherin, die Stimme der Zerstörung, hatte wieder einmal zugeschlagen. Sie war also noch nicht endgültig besiegt. Ich musste meine Strategie ändern. Nun, diesmal würde ich mich von ihr nicht mehr zornig machen lassen, nein, diesmal würde ich sie mit meiner souveränen Überlegenheit klein kriegen!

"Schau," sagte ich würdevoll zu der unangenehmen Mitbewohnerin meines inneren Haushaltes "du hast natürlich nicht ganz unrecht, ich bin in ihn verliebt (das hatte ich mir bis jetzt noch nie so dezidiert eingestanden). Aber, auch wenn er meine Gefühle nicht erwidert, lasse ich mich von diesem, meinem Weg nicht mehr abbringen, denn, das weiß ich jetzt, es ist für mich der einzig Wahre." Nun war es heraußen, im Kampf mit meiner überstrengen inneren Mitbewohnerin hatte ich die Wahrheit ausgesprochen. "Danke, diesmal hast du mir ja direkt geholfen, weißt du das?" Ganz gegen meine Erwartungen zersprang sie nicht vor Zorn, nein, ich spürte sogar etwas wie eine freundschaftliche Regung von ihr. Vielleicht muss man seine negativen Anteile ja gar nicht bekämpfen. Vielleicht kann man ja in irgend einer Form mit ihnen Frieden schließen, oder sie zähmen und sich zu Freunden machen?


28. Jänner 1989
Vergangene Nacht träumte ich wieder.
Es war aber nicht die mir schon vertraute Apfelwiese, auf der ich mich befand, nein, diesmal war ich auf sumpfigem Gelände. Meine Füße machten bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch und das Gehen fiel mir auf dem nassen, nachgiebigen Untergrund sehr schwer. Und doch musste ich weiter, musste irgendwohin, es war von zentraler Wichtigkeit, doch wo und was es war, wusste ich nicht. Es trieb mich weiter, nur immer weiter, ich musste etwas finden, mein weiteres Leben hing davon ab. Mit jedem Schritt wurden meine Füße schwerer, bleierne Müdigkeit begann an mir zu ziehen, ich wollte nur mehr rasten, mich hingeben an das Gefühl unüberwindlicher Schwere, das an mir zog. Ich wollte nichts als schlafen, später konnte ich dann immer noch weitersuchen...

Der Nebel hüllte mich und alles andere ringsumher ein. Nur mehr die Schemen einzelner, knorriger Bruchweiden lösten sich ab und zu aus dem milchigen Weiß. Ich war mutlos und wusste nicht weiter. Würde ich dieses mir unbekannte und doch anscheinend so wichtige Ziel verfehlen? Ich fühlte mich verloren und hilflos wie ein kleines Kind. "Mutter, ich brauche Hilfe, bitte!", flüsterte ich in den undurchdringlichen Nebel. Es war aber nicht das Bild meiner leiblichen Mutter, das ich dabei vor Augen hatte. Es war vielmehr eine übergeordnete Idee, ein Urbild aller Mütter, das ich da anrief. Da, mit einem Male hörte ich, ganz leise zwar, aber deutlich, mit meinem inneren Ohr, ein Raunen, Flüstern "..... und wisse, dass du, was du in deinem Inneren nicht findest, im Außen nie finden wirst....." Ich erinnerte mich, es waren die Worte der Göttin beim Ritual gewesen, vor kurzem, beim Vollmondfest. Was hatten sie jetzt, in dieser Situation, nur zu bedeuten? Sie waren an mich gerichtet, als Antwort auf mein verzweifeltes Flehen, aber der Sinn dieser Formel blieb mir verschlossen! Wie sollte ich das Ziel meiner Suche in meinem Inneren finden, ich wusste doch nicht einmal, wonach ich zu suchen hatte! Wie war das denn nur gewesen, als ich geübt hatte, innere Bilder zu empfangen? Ja, natürlich, so musste es funktionieren! Ich blieb also stehen, schloss die Augen, versuchte meinen Atem zu beruhigen und meinen Geist leer zu machen, wie es die Anleitungen zur Meditation lehren...
Vorerst geschah nichts, absolut nichts. Dann aber bildete sich vor meinen Lidern ein weißer Schein, der wurde heller und heller, um dann, mit einem Mal, wie wenn ein Vorhang weggezogen wird, den Blick auf eine Szene freizugeben: es war der Gipfel eines Hügels, den ich noch nie gesehen hatte. An seiner höchsten Stelle standen, zu einem Kreis angeordnet, hohe, unbehauene Steine, und auch Menschen nahm ich wahr, ohne dass ich sie erkennen konnte, denn wie durch ein umgedrehtes Fernglas betrachtet, so weit entfernt schienen sie mir. Das war also mein Ziel? Wie sollte ich denn nun dorthin gelangen?

Ich versuchte, mich in dieses Bild hineinzuversetzen, wie ich es gelernt hatte und sieh da, es gelang wirklich! Ich setzte einen Fuß auf das Gras - es wurde Wirklichkeit; ich berührte einen der Steine - er fühlte sich rau an und kühl; ich lauschte dem Wind - er strich angenehm erfrischend über meinen Körper; ich ging über den Boden - er wurde fest unter meinen Füßen; ich berührte die Frau, welche mir zunächst stand - sie drehte sich zu mir um. Ich kannte sie nicht. Es war eine ältere, etwa sechzig Jahre alte, weißhaarige Frau von hohem Wuchs und mit feinen Gesichtszügen, die Weisheit und Herzenswärme aber auch Autorität erkennen ließen. Sie war schön und ich liebte sie von diesem ersten Augenblick an. Sie trug ein dunkles, langes, einfach geschnittenes Gewand, zusammengehalten von einer Schnur, an der ein sichelförmiges Messer hing. Das hatte ich schon einmal gesehen, wo denn nur? Ach ja, die Frau am Teich hatte es getragen. Gehörten sie zusammen? Mein innerer Dialog wurde von der Frau nun unterbrochen.

"Da bist du ja, Morgan, mein Kind, du hast deine Prüfung bestanden, du hast gelernt deinem Inneren zu folgen, deshalb wirst du auch im Außen finden. Sei gesegnet!"
Sie umarmte mich und zeichnete den fünfzackigen Stern auf meine Stirn. Dann kamen auch die anderen in mein Blickfeld. Ich traute meinen Augen nicht, es waren die Leute aus der Buchhandlung, Margot, Franz, Georg und alle von neulich!
"Wieso seid ihr denn hier, wo immer das auch sein mag? Wo sind wir hier überhaupt? Was habt ihr denn für eigenartige Gewänder an, wieso nennt sie mich Morgan und was macht ihr hier, und wo ist der Nebel so schnell hingekommen?"
Gelächter. Alle umarmten mich mit echter Wärme und Zuneigung.
"Echt Morgan, immer nur Fragen über Fragen! Aber, so war sie schon immer," sagte kopfschüttelnd Hannes, der Lange. "Wieso immer", dachte ich empört, "er kennt mich doch erst seit kurzem!" Die ältere Frau übernahm es nun, mich aufzuklären:
"Wir sind die Bewohner von Avalon, so wie du, meine Tochter. Hier in der Anderswelt leben wir von Anbeginn der Zeiten und hier wird unsere Heimat immer sein. Wir leben aber auch drüben, in der Welt, welche die Menschen die Realität nennen. Dorthin werden wir von Zeit zu Zeit hineingeboren, um sie zu gestalten, wie Schauspieler in einem Theaterstück. Alle Menschen sind eigentlich Bewohner der Anderswelt, aber, wie du an dir selbst siehst, kann man das auch zeitweilig vergessen. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, die Menschen immer wieder daran zu erinnern, was sie in Wahrheit sind. Das ist nicht leicht, weißt du. Nun, du jedenfalls gehörst zu unserer Truppe. Weil du aber in diesem Leben so lange gebraucht hast, dich zu erinnern, mussten wir ein wenig nachhelfen. Du warst so tief in die Trance der Menschenwelt gefallen! Aber nun bist du ja da und hast durch den Nebel des Vergessens zu uns gefunden und alles ist gut. Nun sag mir, meine Tochter, woran erinnerst du dich noch, oder hast du da drüben alles vergessen: wer du bist, was du gelernt hast, und was deine Aufgabe ist, in allen deinen verschiedenen Leben?"

Ich erschauerte. War die Prüfung denn immer noch nicht zu Ende? Was war denn meine Aufgabe, und woran sollte ich mich denn erinnern? Wer war ich denn noch, außer jener Anna Waldstein, die mir als mein Ich bekannt und vertraut war? Und leise, wie eine halbvergessene Melodie, drang eine flüsternde Stimme an mein Ohr:
„Dieser Hügel ist eine Nahtstelle, ein Tunnel zwischen verschiedenen Wirklichkeiten. Deshalb war er schon immer den Menschen heilig, die Zugang zu diesen Dingen haben. Hier kann man zu gewissen Zeiten von einer Realität in die andere wechseln..." ...„Deshalb heißt er auch Ynis Vytrin, die Glasinsel, weil andere Welten und Sphären durch ihn hindurch scheinen. Wir, die Priesterinnen und Priester von Avalon behüten diesen Platz durch alle Zeiten und in allen Leben. Wir hüten auch die 'Gläsernen Inseln' überall auf der Welt, wo wir in unseren unzähligen Erdenleben auch hineingeboren werden, denn es gibt viele davon, wenn auch in verschiedenen Hierarchie..." sprach ich wie im Traum weiter, als hätte ich mich nicht schon in einem Traum befunden. Es war die Ausbildung der jungen Priesterinnen von Avalon gewesen, Wort für Wort auswendig gelernt in einer anderen Realität, vergessen in der Welt der Menschen, doch nie verloren gegangen. Nun war ich heimgekehrt in meine Heimat, willkommen geheißen von meinen Schwestern und Brüdern. Mit ihnen zusammen würde ich in der Welt der Menschen an unserer Aufgabe arbeiten, die heiligen Plätze zu hüten, sie vor Zerstörung zu bewahren, um die Welt für alle Kinder der Grossen Mutter lebenswert zu erhalten. Das würde nicht leicht werden, doch es wäre Aufgabe und Erfüllung für mehr als ein Leben.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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