WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 11

"Komm in den Kreis," flüsterte Georg mir zu. Die anderen Teilnehmer hatten schon um das Feuer Aufstellung genommen, immer Mann und Frau abwechselnd.
"Wer möchte heute den Kreis ziehen?", fragte Margot leise. Das junge Mädchen trat hervor. Es hielt einen blitzenden Dolch mit der Spitze abwärts gerichtet, umschritt den Platz dreimal und sprach dabei leise, doch volltönend:

"Ich errichte einen Tempel, zwischen den Welten und jenseits der Zeit.
Sei du ein Platz der Liebe und des Vertrauens, ein wehrhafter Schild gegen Böswilligkeit und Feindschaft, ein Ort der Verbindung zwischen der Menschenwelt und dem Reich der mächtigen Götter, ein Gefäß der Kraft und des Wachstums, innen wie außen. Darum segne ich dich im Namen von... und..."

(Meine Leser mögen es mir bitte nachsehen, dass ich die Namen der hier angerufenen Götter nicht nenne. Ich fragte mich auch bei der Beschreibung der Rituale, ob dies nicht eine Überschreitung der angemessenen Geheimhaltung wäre. Mittlerweile kann aber jeder Interessierte dieselben in diversen Büchern nachlesen. Nun Namen beinhalten Kräfte und säkularisiert man sie, können sie diese verlieren. Also werde ich dabei bleiben und sie nicht nennen. Auch diverse andere Bestandteile von Ritualen werde ich für mich behalten.)

Einer der Männer besprengte den so geschaffenen Kreis mit geweihtem Wasser, eine Frau versah seine imaginierten Grenzen mit einer Räucherung. Anschließend wurden die vier Himmelsrichtungen, denen die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde entsprechen, mit speziellen Formeln angerufen und in den Kreis geholt. Dieser Ritus war machtvoll und erweckte etwas in mir, eine Art von Erinnerung. Er rührte mein Herz so sehr, dass ich von da an wusste, meinen Weg gefunden zu haben. Mein ganzes Leben hatte ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, auf dies hier gewartet.
Margot, die anscheinend eine führende Rolle in dieser Gruppe spielt, stand mit vor der Brust gekreuzten Armen vor einem kleinen improvisierten Altar auf dem die Dinge, die sie zuvor aus ihrer Tasche geholt hatte, angeordnet lagen. Ihr Mann Franz kniete vor ihr nieder und ehrte sie mit den Worten:
(Den Text des Rituals habe ich erst viel später hier eingefügt, als ich ihn schon auswendig kannte.)

"Gesegnet seien Deine Füße, die Dich hierher getragen haben."

Dabei küsste er ihre Füße. Dann folgte:

"Gesegnet seien Deine Knie, die vor dem heiligen Altar knien sollen."

Es folgten weiters Schoss, Brüste und zuletzt die Lippen. Das alles geschah mit einer großen Ehrfurcht und war weit entfernt von jeglicher persönlichen, sexuellen Annäherung, aber gleichzeitig schloss es auch die Liebesbeziehung der beiden mit ein. Ja, jubelte ich innerlich, so sollte die Beziehung von Mann und Frau sein, geprägt von Respekt und Ehrfurcht! Die wirkliche Bedeutung dieser Handlung sollte mir in weiterer Folge immer mehr aufgehen. Nach dieser Ehrung der Frau fuhr er fort:

"Ich rufe Dich an, unser aller mächtige Mutter, Spenderin aller Fruchtbarkeit; bei Same und Wurzel, bei Knospe und Stamm, bei Blatt, Blüte und Frucht, bei Leben und Liebe rufe ich Dich an, steig herab in den Körper dieser Deiner Dienerin und Priesterin!"

"Priesterin", dachte ich erstaunt, "wo gibt es denn Priesterinnen heutzutage?" Dann konnte ich nichts mehr denken, denn es ging weiter.

"Von der dunklen und göttlichen Mutter, mein ist die Geißel und mein ist der Kuss, der fünfzackige Stern der Liebe und des Glücks, deshalb segne ich Dich in diesem Zeichen,"

sprach Margot und zeichnete ein Pentagramm auf die Stirn von Franz. Dann drehte sie sich zum Altar, hob ihre Hände zum Himmel und begann eine Anrufung zu intonieren, die mir Schauer um Schauer über den Rücken jagten und mein Innerstes vor Ergriffenheit vibrieren ließen. Als sie sich umwandte, sprach Franz noch:

"Hört nun die Worte der großen Mutter, die seit altersher unter den Menschen bekannt war als Arthemis, Astarte, Athene, Diana, Aphrodite, Ceridwen, Isis und unter vielen anderen Namen."

Diese Worte wären allerdings nicht nötig gewesen, denn Margot strahlte etwas aus, dass es jedermann unmöglich machte, seine Aufmerksamkeit von ihr abzuwenden. Sie war ja eindeutig "meine" Margot, aber gleichzeitig etwas ganz anderes, das weit hinausging über ihre Person, ja über alles Personale, etwas, das hinter dem allem stand: sie w a r die Verkörperung Göttin, daran bestand kein Zweifel.
Was sie sagte, war offenbar eine alte, rituelle Formel, feststehend in ihren Worten. Diese berührten mich so tief, dass ich sie trotz ihrer Länge hier wiedergeben will:


"Ich, die ich die Schönheit der grünenden Erde bin und die weiße Mondin unter den Sternen, ich rufe Deine Seele an, erhebe Dich und komm zu mir; denn ich bin Geist und Seele der Natur, die dem All das Leben gibt. Aus mir entspringen alle Dinge und zu mir kehren sie wieder zurück. Und vor meinem Angesicht, von Göttern geliebt und von Menschen, lass Deine tiefste, göttliche Seele umhüllt sein von der Entzückung des Unendlichen. Möge das jauchzende Herz mich verehren; denn siehe, alle Taten der Liebe und der Freude sind Taten zu meinen Ehren. Und also lasset in Euch sein Schönheit und Kraft, Macht und Mitgefühl, Stolz und Demut, Freude und Ehrfurcht. Und Du, der Du danach trachtest, mich zu finden, wisse, dass all Dein Suchen und Sehnen vergeblich sein werden, wenn Du das Mysterium nicht kennst: so Du was Du suchest, in Deinem Inneren nicht finden solltest, Du es im Außen nimmer finden wirst. Denn siehe, ich bin bei Dir vom Anbeginn der Zeiten und ich bin die Erfüllung allen Verlangens. Seid gesegnet!"

Sie nahm den Kelch mit dem Wein und tauchte ihren Dolch hinein, in dem sich das Mondlicht spiegelte. Dann reichte sie den Kelch an Franz weiter, küsste ihn und sprach:

"Trinkt das Blut der großen Göttin, gebe es Euch Kraft!"

Der trank, reichte ihn an seine Nachbarin weiter und küsste sie, usw., bis die Reihe an mich kam. Ich brauche wohl nicht extra zu sagen, dass ich den Kelch von Georg entgegennahm, desgleichen auch den Kuss. Mich schwindelte vor Wonne und ich trank einen großen Schluck, um meiner Verwirrung Herr zu werden. Es half aber nicht. Dieser erste Kuss, überpersönlich und intim zugleich, gegeben im Zeichen der Göttin; niemals vorher hatte ich einen Kuss erhalten, der mich so tief erregte, wie dieser, und ich erwiderte ihn mit aller Hingabe, der ich fähig war. Damit mussten natürlich meine Gefühle ohne jede Tarnung für ihn offen liegen, aber zum Teufel damit! Ich konnte einfach nicht lügen in diesem Augenblick.

Anschließend gab es einen ziemlich turbulenten Rundtanz, dessen Sinn mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz einsichtig war, zumal uns der unebene Boden mehr als einmal stolpern ließ. Aber gemäß der Anweisungen Margots, nicht zu fragen, stolperte ich einfach mit. Nun sagte Margot:

"Wir haben heute Nacht etwas zu entscheiden, wahrscheinlich könnt ihr euch denken, was. Eine Frau ist zu uns geführt worden und es sieht ganz so aus, als wäre sie eine geborene Hexe und könnte also noch an diesem kommenden Imbolcfest initiiert werden. Hat jemand einen Einwand dagegen?"

Niemand hatte. Außer mir. Und nun musste ich die Abmachung, nicht zu fragen doch brechen. Also hob ich die Hand.
"Ich wusste bis jetzt nicht, dass ihr Hexen seid! Hexen sind doch alte Frauen mit Warzen auf der Nase, sie hexen anderen Menschen Buckel an und sind alt und böse, wieso machen sie so ergreifend schöne Sachen wie ihr hier und heute?" Ich war schon wieder verwirrt, und diese Verwirrung wuchs noch, als alle begannen schallend zu lachen, auch die Margot - Göttin. Eine Göttin, die lachte, nicht auszudenken! Der Kelch kreiste ein ums andere Mal, bis er leer war. Dabei sagte Alfred, der kleine Dicke, ziemlich präpotent: "Mädel, geborene Hexe hin oder her, in diesem Leben hast du noch viel zu lernen!" Ich erfuhr an diesem Abend nicht, warum Göttinnen lachen, denn der Kreis wurde aufgelöst mit den Worten:

"Bei der Erde, welcher Ihr Leib ist, bei den Wassern, welche Ihr Blut sind; bei der Luft, welche Ihr Atem ist, beim Feuer, welches Ihre brennende Liebe zu Ihren Geschöpfen ist, der Kreis ist nun geöffnet, doch ungebrochen. Blessed be!"

Der Kreis umfasste, wie ich plötzlich vor meinem inneren Auge sah, alle Realitäten und Zeiten. Er war endlich und unendlich gleichermaßen. Dies ist wieder eines jener Paradoxa meines gegenwärtigen Lebens, in dem es lachende Göttinnen gibt, Menschen, die gleichzeitig Taxifahrer und Sagenfiguren sein können und Träume, die unvermittelt zur Wirklichkeit werden. Blessed be!!


Morgane

«Der Gläserne Berg»
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