WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 7

Traum vom 19. Dezember 1988
Wieder trug ich dieses fließende, glänzende Gewand. Wieder lag dieser seltsam diffuse, helle Nebel über der Landschaft. Ich ging langsam auf einen kleinen, klaren Teich zu, der mir bei meinen bisherigen Besuchen nie aufgefallen war. Schilf und Binsen bestanden sein Ufer, Seerosen blühten auf seiner Oberfläche, die glatt unter diesem seltsamen Himmel da lag wie ein metallener Spiegel. Tiefe Stille lag über der ganzen Szene. Ich verspürte plötzlich Lust, in diesem Teich zu baden, deshalb streifte ich mein Kleid über den Kopf und stieg nackt in das kalte, kristallklare Wasser. Die Kälte nahm mir fast den Atem, als ich bis über den Kopf darin eintauchte. Trotzdem, es war einfach köstlich, in diesem Wasser zu baden! Immer hatte ich bisher kaltes, klares Wasser zum Schwimmen bevorzugt, doch dieses hier war einfach der Inbegriff von Wasser, ja die Essenz dieses Elementes selbst. Ich fühlte, wie alles Unklare, Unechte von mir weggespült wurde. Wie ein neugeborenes Kind stieg ich wieder aus dem herrlichen Nass, um mich an der linden, milden Luft zu trocknen.

Die Gestalt war vorher nicht da gewesen. Jetzt stand sie in einem dunkelblauen, langen Kleid am Ufer, als wäre sie daraus hervor gewachsen. Sie war klein, dunkelhaarig, von zarter Gestalt und sie hielt etwas in ihrer Hand, es war einer dieser köstlichen Äpfel, die hier wuchsen. An ihrem Gürtel hing ein kleines, sichelförmiges Messer. Damit schnitt sie den Apfel jetzt waagrecht durch und hielt ihn mir mit der Schnittfläche entgegen, so dass das Kerngehäuse sichtbar war. Die Kerne bildeten einen fünfzackigen Stern. Stumm und mit bedeutsamer Miene zeigte sie mit dem Zeigefinger der anderen Hand auf dieses Muster, als wollte sie mir etwas mitteilen, etwas, was sich mit Worten so nicht sagen ließe. Dabei fiel mir erst jetzt auf, dass ich sie schon einmal gesehen hatte. Aber natürlich, das war die Frau aus dem Buchladen! Was wollte ausgerechnet sie von mir? Jetzt kam sie zu mir her, sah mir mit einem warmen, zärtlichen Ausdruck in die Augen und legte mir den halben, aufgeschnittenen Apfel in die Hände. Eine Welle der Zuneigung erfasste mich und ich umarmte sie lange und liebevoll. Mit diesem Gefühl erwachte ich, verwirrt und doch seltsam ruhig und ausgeglichen.

Langsam beginne ich mich bereits mit dieser Vermischung der Realitäten abzufinden, obwohl ich mir diesmal absolut keinen Reim auf die Bedeutung dieses Traumes machen kann. Interessant war für mich das plötzliche Gefühl der Zuneigung zu dieser Frau, wo sie doch gleichsam meine Fast - Nebenbuhlerin ist. Seltsam, das Gefühl eifersüchtiger Enttäuschung hat mich gänzlich verlassen! Habe ich es nur verdrängt? Ich glaube nicht. Wenn ich mein Innerstes ausleuchte, selbst die verborgensten und dunkelsten Winkel, finde ich dort nur mehr Zuneigung und Verbundenheit.

Es blieb mir aber nicht viel Zeit, lange meinen Gedanken nachzuhängen, da mein Telefon fordernd klingelte. Myriam war am anderen Ende der Leitung. Sie klang sehr zerknirscht und kläglich, als sie sich meldete. "Myriam, was ist los?" fragte ich. "Mama, kann ich zu dir kommen, mir geht's nicht gut!" Glücklicherweise war gerade heute mein erster freier Tag. Ich freute mich, dass sie zu mir kam, sie war schon eine Ewigkeit nicht bei mir gewesen. Darüber vergaß ich fast, dass der Anlass für ihren Besuch kein erfreulicher war.


20. Dezember 1988
Als sie dann kam, war sie ein Häufchen Elend und ich fühlte mich wieder in die Zeit der aufgeschlagenen Knie und der beschädigten Spielsachen zurückversetzt. Ich umarmte sie, strich ihr über das Haar wie früher, als sie ein kleines Mädchen gewesen war und nahm ihr Mantel und Mütze ab. "Setz dich erst einmal nieder und wärm dich auf, ich mach uns einstweilen einen heißen Kräutertee, oder trinkst du noch so gerne heiße Schokolade wie früher? Ja? Also, Schokolade". Sie hatte sich inzwischen ein wenig gefasst. "Mama, stell dir vor, der Sascha betrügt mich mit einer Kollegin! So ein Schuft! Dabei wollten wir doch morgen wegfahren, aber jetzt ist alles aus!" Sie brach in Tränen aus. Als der erste Tränenschub vorbei war, erzählte sie mir, schon etwas ruhiger jetzt, von der ganzen Misere. Es stellte sich heraus, dass Sascha, die ganz große Liebe, seine Zuneigung auf mindestens zwei Frauen aufteilte und das offenbar schon seit geraumer Zeit. Allerdings verstand er es auch, jede von ihnen glauben zu machen, sie sei die einzig Wahre und Einzige. Vielleicht hat er ja auch ein Problem mit dem Zulassen von Nähe. Bei Männern zeigt sich diese Form der Pseudolösung relativ häufig, auch mein Exmann war dafür ein Beispiel gewesen, ein für mich sehr schmerzhaftes. Diese Erkenntnis behielt ich allerdings vorläufig einmal für mich. Was Myriam jetzt brauchte, war Mitgefühl und Verständnis, keine psychologische Durchleuchtung ihres Freundes. Ach Myriam, mein kleines Mädchen, musst du wirklich die gleichen Spielchen wie deine Eltern durchspielen, war denn unser Vorbild so prägend? Natürlich war es das, habe ich denn geglaubt, dass unsere Webfehler keine Spur im Gemüt unseres Kindes hinterlassen würden? Wie blauäugig von mir!

"Mama, es tut so weh, ich kann es kaum aushalten! Was soll ich denn nur tun?", jammerte Myriam verzweifelt und brach in Tränen aus. Die angehende Sozialarbeiterin, eingeweiht in die hohe Kunst der therapeutischen Distanz, war nun, da es sie betraf, ihrem Schmerz ganz ausgeliefert. Das war eine ganz neue Erfahrung für das Mädchen. Ich hätte, ganz Muttertier, gerne getobt und dem treulosen Kerl den Kopf gehörig gewaschen. Wie konnte er es wagen, meinem Kind so wehzutun! Gott sei Dank verkniff ich mir die Hasstiraden und sagte nur, einigermaßen hilflos: "Ich kann dir leider auch nicht sagen, was du tun sollst, das musst du selbst entscheiden. Aber ich würde mich vermutlich schnellstens trennen, denn ich glaube nicht, dass Sascha sich grundlegend ändern wird." "Ach, Mama, ich liebe ihn doch so!" "Ich weiss, Kleines, aber glaubst du, dass du seine Betrügereien weiter aushalten kannst? Denn, wenn ich ihn richtig einschätze, wird er es immer wieder tun."

Ich erzählte ihr von meinen Problemen mit ihrem Vater und war dabei so offen, wie möglich, ohne die Gefühle des Mädchens zu verletzen. Schon beim Sprechen merkte ich, dass meine Sicht der Vergangenheit sich auffällig geändert hatte. Glasklar stand mir nun meine eigene Rolle im Drama meiner Ehe vor Augen. Ich erkannte, dass meine eigenen Schuld - und Minderwertigkeitsgefühle mir einen Ehepartner beschert hatten, dessen Selbstwert ähnlich schwach entwickelt war wie meiner. Er stellte sich, bildlich gesprochen, auf meine Schultern, um größer zu sein und ich warf ihn nicht ab. Aber nicht Stärke war es, die mich diese Situation ertragen ließ. Nein, ich fühlte mich wie früher verantwortlich und gebraucht und geliebt. Was nützte mir diese Einsicht, jetzt, wo es ohnehin zu spät war? Hätte ich unsere Ehe retten können, wenn ich früher erkannt hätte, worauf sie sich aufbaute?

Myriam hatte mir bewegt und gespannt zugehört. Sie war ja Zeit ihres Lebens involviert gewesen in unsere Turbulenzen. Allmählich bekam ich den Eindruck, dass nicht mehr Sascha und Myriam oder mein Exmann und ich im Zentrum unseres Gesprächs standen, sondern wir beide, Mutter und Tochter. Das wirkliche, das unterschwellige Thema der Unterhaltung war unser beider Beziehung.

Es war bereits dunkel geworden. In der Intimität der Dämmerung schwand mit jeder Minute ein Stück der Distanz zwischen uns. Ich fürchtete mich vor dem Moment, an dem ich das Licht aufdrehen musste. Die Situation erinnerte mich ein wenig an Kino, wenn alle weinen, dann wird es hell, und niemand traut sich aufzublicken vor Befangenheit. Myriam ging es wohl ebenso, denn wir blieben lange im Dunkel sitzen und hingen unseren Gedanken nach. Plötzlich fragte Myriam unvermittelt: "Mama, hast du eigentlich keinen Freund?" Ich war wie vom Donner gerührt und antwortete nicht gleich. Warum eigentlich?... Schweigen... Myriam ließ nicht locker: "Hast du? Du kannst es mir ruhig sagen. Oder glaubst du, ich denke, dass du als geschiedene Frau in mittleren Jahren über diese Dinge erhaben bist? Mama! Ich bin doch kein kleines Kind mehr!"
Sie hatte den Finger auf eine empfindliche Stelle gelegt. Wie eine schmerzende Wunde hatte ich es bisher vermieden, sie zu berühren oder auch nur näher zu betrachten. Hier tat sich ein schwarzes Loch des Nichtempfindens auf, in meiner Mitte, dort wo das Herz seinen Sitz hat. Mit ihrer unbefangenen Frage war es meiner Tochter gelungen, meinen Blick endlich, nach langer Zeit, dorthin zu richten. Sie zwang mich, genau hinzusehen, und was ich dort erkannte, gefiel mir gar nicht.

Nun versuchte ich ihr, in erster Linie aber wohl mir selbst, Rechenschaft abzulegen. Es fiel mir nicht leicht. "Nein... ich habe momentan keinen... Freund." "Warum nicht, Mama? Findest du keinen, oder möchtest du keinen?"

Puh, sie machte es einem wirklich nicht leicht, um den heißen Brei herumzureden, als Kind der modernen Zeit war es ganz natürlich für sie, über diese Dinge offen zu sprechen. Aber, nun war es für mich an der Zeit, Klartext zu reden, schon um unsere neu erstandene Beziehung nicht wieder zu gefährden.

"Nicht, weil ich nicht will", sagte ich zaghaft, "sondern ich kann nicht... ich habe Angst. Da sind so viele Zweifel... bin ich denn schön und liebenswert genug... kann ich einem Mann etwas geben? Ich will nicht noch einmal verletzt werden. Irgendwie muss ich das alles wohl ausstrahlen... Ich bin nicht offen für eine neue Liebe, und das merken die Männer sicherlich, obwohl... na, ja, lassen wir das."

Die letzten Worte hatten wie ein Köder auf Myriam gewirkt, sie biss sofort an:
"Was heißt denn das, nichts lassen wir, jetzt will ich es aber wissen!", sagte sie schalkhaft, "wer ist der Glückliche, sag' schon!"

Ich erzählte ihr also von dem Verkäufer in der Buchhandlung und dass ich glaubte, er sei schon verheiratet. Die Sache mit den Träumen und dem Harfenspieler ließ ich allerdings weg, ich schämte mich irgendwie vor meiner Tochter. Darüber konnte und wollte ich noch mit niemandem sprechen.

Später dann sagte Myriam: "Du hast dich so verändert, Mama! Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal auf diese Art mit dir reden werden können. Oder habe ich mich so verändert und sehe dich jetzt deshalb ganz anders?" Ja und nein, kleine Myriam, wir treiben beide im großen Fluss des Lebens, der niemals anhält und alles in immerwährender Bewegung hält. Manchmal beängstigt mich diese Vorstellung, manchmal aber kann ich mich diesem Fliessen schon vertrauensvoll hingeben. Dann fühle ich mich lebendig und warm und ohne Angst. Heute war so ein Tag und du hast ihn mir geschenkt. Ich danke dir dafür.

Als wir uns an diesem Abend trennten, wussten wir beide, dass die Zeit der Entfremdung vorbei war. Es würde nie wieder so werden wie früher, als sie mein kleines Mädchen gewesen war, das sollte auch nicht sein. Aber wir würden eine neue Form der Zuneigung finden, die unserem erwachsenen Frausein entspräche. Was konnte es Besseres geben?


Morgane

«Der Gläserne Berg»
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