WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 5

Traum vom 7. November 1988
Ich war wieder auf meiner Apfelbaumwiese. Diesmal war die Jahreszeit eindeutig zu erkennen; es war Herbst. Laub bedeckte das fahle Gras, einige Äpfel hingen noch wie eine Verheißung wiederkehrender Ernten in den Zweigen. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit war es mild und auch etwas sonnig. Leise raschelte noch an den Ästen verbliebenes Laub in der leichten Brise. Eigentlich hätte ich mich sehr wohl fühlen müssen, jedoch irgendetwas hinderte mich ganz entschieden daran. Warum konnte ich mir nicht darüber klar werden, was es war? Bedrückt und schwer atmend setzte ich mich auf den umgefallenen Baum, der in meinem letzten Traum dem Harfenspieler als Sitz gedient hatte. Der war diesmal nicht zu sehen, schade! Irgendein Gewicht zog an mir, als wollte es mich in die Erde hineindrücken. Gleichzeitig wuchs in mir ein Gefühl, das ich gut kannte: das Gefühl meiner Unzulänglichkeit, das Bedauern, irgendwo versagt zu haben und nicht zu wissen, worin. Wohin könnte ich mich jetzt noch zurückziehen, wenn mich diese Dinge jetzt auch in dieses Refugium verfolgten? Da bemerke ich, dass ich nicht mehr allein bin. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau in etwa mittlerem Alter kommen Hand in Hand auf mich zu. Beide haben ausgeglichene, harmonische Züge, die, als sie mich erblicken, freudiges Erstaunen erkennen lassen. Sie wirken, als würden sie mich kennen. "Annerle, bist du's? Wie siehst du denn nur aus!" ruft die Frau aus. "Annerle," wie lange hat mich so niemand mehr genannt? Seit ich ein kleines Mädchen gewesen war, hat nie wieder jemand so liebevoll "Annerle" zu mir gesagt wie meine Mutter. "Mama?" frage ich leise und zögernd "Papa? Seid ihr das wirklich? Ihr seid doch schon lange tot und wieso seid ihr so jung?" "Das Kind stellt noch immer so viele Fragen wie früher", sagt mein Vater mit gespielter Missbilligung, dann lacht er laut und schallend, wie ich es, als er noch lebte, nie von ihm gehört hatte. "Zu glauben, wir seien tot, das schlägt doch dem Fass den Boden aus! Du siehst doch, dass wir nicht tot sind, Mama und ich!" Und dann umarmt er mich mit einer Wärme und Herzlichkeit, dass ich glaube, zerschmelzen zu müssen. Tränen laufen über meine Wangen wie Bäche. "Warum weinst du denn, Annerle?" fragt meine Mutter." "Ach Mama, Papa, ich habe es euch nie sagen können, wie leid es mir tut, dass ich euch damals so wehgetan habe. Ich habe euch enttäuscht, weil ich nicht so war, wie ihr euch das erträumt habt!" Da wird mein Vater ernst. "Ich sehe nun, dass wir einiges an dir gutzumachen haben", spricht er bekümmert. "Geh, Franzi", sagt er zu meiner Mutter," zieh ihr doch das viel zu enge Hemd aus. Sie ist doch schon längst herausgewachsen!" Meine Mutter zieht ein altmodisches Taschentuch aus ihrem Sack, schnäuzt mir die Nase und wischt mir die Tränen ab, als wäre ich ein kleines Mädchen, dann hat sie plötzlich eine Schere in der Hand (woher bloß?). Sie schneidet an meinem Kettenhemd (das war es also, was mich so beschwert hatte!) einen Faden durch und beginnt es aufzutrennen und die Fäden aufzuwickeln. Und sie dreht mich immer schneller herum, bis mich schwindelt. Dabei spricht sie mit eintönigem Sing - Sang:

"Ich löse, löse, was ich gebunden,
was einst krank war, das soll nun gesunden,
was zu eng war, werde weit,
du bist nun bereit für ein neues Kleid.
Verschlungener Knoten, löse dich,
gib sie frei für ein neues Ich!"

Ich drehe, drehe und drehe mich wie ein Kreisel, alles verschwimmt vor meinen Augen. Ich höre nur noch die sich entfernenden Stimmen meiner Eltern, leise und doch ganz deutlich kann ich sie, mehr in meinem Kopf als mit den Ohren wahrnehmen: "Verzeih uns, werde, wachse, sei ganz Du, fürchte dich nicht, es gibt keinen Tod, es gibt nur die Liebe. Lebe, liebe, liebe,.....liebe.....liebe!" Zuletzt ist ihre Stimme nur mehr ein undeutliches Flüstern.

Ich erwachte mit diesem leisen Flüstern im Ohr und konnte eine Zeitlang nicht genau sagen, wo ich nun war, noch auf meiner Traumwiese oder wieder in meinem Bett. Die Realitäten mischten sich noch einige Augenblicke lang, so als wären die Koordinaten von Zeit und Raum nicht genau festzulegen. Ich genoss dieses unbestimmte, schwebende Gefühl und mir war, als könnte ich noch eine kurze Spanne lang hin - und herüberwechseln, je nach Lust und Laune. Ich konnte es in diesem kostbaren Augenblick genau fühlen. Etwas war abgefallen, irgendetwas Enges, Schweres, das am Abend noch da gewesen war, war jetzt verschwunden. Kaum getraute ich mich zu bewegen, weil ich fürchtete, diesen Zauber zu zerstören. Es war ähnlich wie damals, bei meinem Ausflug auf den Berg.

Später, ich weiß nicht mehr wie lange ich so zwischen Traum und Wirklichkeit befangen gelegen hatte, stand ich auf. Das Gefühl der Leichtigkeit war immer noch da. Es sollte mich nie wieder ganz verlassen, auch in Momenten von Ungewissheit und Zweifel fühlte ich mich nie wieder so beschwert wie vor diesem herzbewegenden Traum. Meine Eltern, lebendig nun für mich in liebender Erinnerung, hatten mir geholfen, die alte Hülle abzustreifen. Nun konnte ich ein neues, passendes Kleid für mein Ich finden. Das musste ich nun aber selbst tun, sie hatten ihre Aufgabe erfüllt, sollten sie auf meiner Traumwiese glücklich sein!


7. November 1988
So sehr die neuartigen Erfahrungen meines Traumlebens meine Aufmerksamkeit auch beanspruchten, auch die Dinge des Alltags verlangten ihr Recht. Ein Blick in den Kühlschrank zeigte gähnende Leere. Also nahm ich meine Tasche und überlegte, was einzukaufen wäre. Nicht weit von meiner Wohngegend war eine ganz passable Einkaufsstrasse, wo man alles Nötige finden konnte, außerdem gab es auch einen lauten und quirlig, lebendigen Markt. Ich beschloss zuerst das Nötige an Lebensmitteln dort einzukaufen und später, quasi als Belohnung, noch ein bisschen auf der Einkaufsstrasse zu bummeln. Das tat ich dann auch, trotz des etwas unfreundlichen Novemberwetters, mit ziemlichen Vergnügen. Trotzdem war ich nachdenklich. Meine Erlebnisse und besonders meine Träume waren doch sehr ungewöhnlich gewesen in letzter Zeit. So ging ich, versunken in meine Gedanken, von Auslage zu Auslage, ohne wirklich bewusst wahrzunehmen, was dort zu sehen war. Deshalb fiel mir erst nach einiger Zeit auf, dass ich vor dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen geblieben war. Ich war mir sicher, dieses Geschäft noch nie vorher bemerkt zu haben, das hätte ich mir sicher gemerkt, denn Buchhandlungen gehörten von jeher zu meinen bevorzugten Läden. Oder narrte mich wieder einmal meine Wahrnehmung? In letzter Zeit getraute ich mich nichts mehr mit Bestimmtheit zu sagen. Meine vertraute Realität war doch einigermaßen ins Wanken geraten.

"AVALON - Buchhandlung und Antiquariat" war auf dem Firmenschild zu lesen. Avalon, was war das nur, was mich so seltsam anrührte, als wehte ein Duft nach Äpfeln von meiner Traumwiese zu mir her? "Ach ja, das übliche esoterische Gelaber" schoss es mir kurz durch den Kopf, trotzdem wurde ich diesmal doch von den angebotenen Büchern angezogen. Da gab es Bücher für Lebenshilfe, in der Art von: "Selbstbehauptung im Alltag" oder "Die Kraft des positiven Denkens", Astrologische Ratgeber, Fantasyromane, Prophezeiungen verschiedener Medien usw. Ganz hinten, ziemlich unscheinbar und unprätentiös stand ein broschürter Band. Er hatte nur ein Wort als Titel: "Magie". Als Autor war nur eine Abkürzung angegeben: G.L. Warum zog ausgerechnet diese schmucklose Broschüre mich so "magisch" an? Ich konnte es nicht sagen.

Ich betrat den Laden, ein zartes Glockenspiel ertönte beim Öffnen der Tür, es duftete betörend nach irgendeiner Räucherung, deren weißliche Rauchwolken einem feinziselierten Messinggefäß entströmten und mich zusammen mit Harfenmusik!!! in eine wunderbar schwebende Stimmung versetzten. Mein anerzogener Realitätssinn meldete sich kurz noch einmal zu Wort und rief alarmiert: "Achtung, Kaufverführung!" Dann war es vorbei mit ihm. Er ging mit fliegenden Fahnen in Duft- und Klangwolken unter.

Anscheinend befand sich niemand im Raum, so konnte ich mich ohne Beeinflussung durch verkaufslüsternes Personal ganz dem Schmökern hingeben, zumindest kurzfristig, denn bald würde ja doch jemand auftauchen, um mich zu fragen, was ich denn gern hätte. So ging ich, verschiedene Titel aufschlagend, kurz hineinlesend, von Regal zu Regal, und wusste nicht, dass ich bereits beobachtet wurde. Hinter dem Vorhang, der den Verkaufsraum vom Lager abtrennte, stand jemand, der bald darauf eintrat. "Guten Tag" sagte der Jemand, der, wie sich gleich herausstellte, ein stattlicher, schon weißhaariger Mann mit ebenfalls weißem Bart und mit Brille war. Ein gemütlicher Bauchansatz
wölbte sich unter seinem Pullover. Das alles stellte ich in einem Augenblick fest, als ich gleich darauf von seinen Augen in Bann gezogen wurde. Seine Augen, seine Augen, seine Augen..... sie waren mir so seltsam vertraut. Nie hätte ich die Augen des Harfenspielers je vergessen können, der mir bei meinem ersten Wiesentraum direkt ins Herz geblickt hatte!

Dieses setzte einen Augenblick lang aus um gleich darauf einen Satz und noch einen holprigen Ruck zu machen. Was geschah hier, das konnte es doch nicht geben! Um mir meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen, blickte ich nur ganz kurz noch einmal auf, um dann, wie beiläufig zu sagen: "Ich suche das Buch mit dem Titel MAGIE, bitte". Stille. Dann eine warme, angenehme Stimme neben mir: "Sie sind die erste Kundschaft, die nach diesem Buch fragt. Ich habe es selbst geschrieben. Leider habe ich keinen Verlag gefunden, der es gedruckt hätte. Es verspricht den Menschen nämlich keine Luftschlösser, im Gegenteil, es verlangt vor allem Selbsterkenntnis. So habe ich es im Eigenverlag herausgebracht. Ihre Meinung darüber als erste Leserin wäre mir sehr wichtig, deshalb werde ich ihnen eine Widmung hineinschreiben und es ihnen schenken". Wieder die Augen des Harfenspielers in den meinen. Wieder lässt dieser Blick mein Innerstes erbeben. - Er bemerkt bereits meine Verwirrung, oh Gott, was mach ich nur, ich bin doch kein junges, unerfahrenes Mädchen mehr, ich bin doch eine reife Frau, jetzt reiß dich doch zusammen, verdammt noch mal ! "Sie können es ruhig annehmen, das muss Ihnen nicht unangenehm sein", hilft er mir aus der Misere. "Meine einzige Bedingung ist, dass Sie es, nachdem Sie es gelesen haben, mit mir besprechen und dabei mit Ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten". Um der Situation zu entkommen, murmelte ich undeutlich etwas von "werde ich bestimmt" und "danke sehr" und verließ eiligst den Buchladen. Völlig verstört eilte ich nach Hause. Fast wäre ich unter die Räder eines Autos gekommen, das gerade noch mit quietschenden Reifen knapp vor mir zum Stehen kam. Ich hatte es nicht bemerkt. Der Fahrer fluchte und zeigte mir den Vogel. Er rief etwas von blinder Vogelscheuche oder so ähnlich. Ich konnte es ihm nicht verdenken.

An die Tage danach erinnere ich mich nur mehr undeutlich. Wie im Nebel, welcher, der Jahreszeit angemessen, die Grenzen zwischen Erde und Himmel verwischte, sind diese Tage in meiner Erinnerung undeutlich geworden. Wenn ich nicht arbeitete, versenkte ich mich in die Lektüre des neuen Buches. Ich empfand es wie das Betreten eines unbekannten, faszinierenden Landes, dessen Existenz mir irgendwo in meinem Inneren immer schon bekannt gewesen war und darauf gewartet hatte, zum richtigen Zeitpunkt von mir entdeckt zu werden. Ich vergaß sogar auf meine Tagebucheintragungen. Wovon erzählte nun dieses ominöse Buch? War es ein Roman oder eine Anleitung zu magischem Tun? Nun, es war all dies und trotzdem auch wieder etwas ganz anderes. Oft, wenn ich mich darin vertieft hatte, meinte ich, es sei für mich ganz alleine geschrieben und spräche allein zu mir, natürlich mit der Stimme des Verkäufers im Buchladen, versteht sich. Es war, als öffnete sich mir eine Türe und lud mich ein, einzutreten in das unendliche Land des Geistes. Mein Blick weitete sich mit einem Mal und erfasste Dinge, die ich noch vor kurzem ins Reich der Fabel verwiesen hätte. Ich erkannte, dass alles mit allem verbunden war und alle unsere, ach so sicheren Kategorien des Denkens in Wahrheit nur Krücken für unseren Verstand sind. Warum nur war kein Verlag bereit gewesen, es drucken zu lassen?

Der Weg zur Apfelbaumwiese war mir zu dieser Zeit verschlossen. Ich fürchtete sogar, ihn nie wieder zu finden. Trotzdem, etwas hatte sich verändert, und ich mache meine Träume dafür verantwortlich.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
Der gläserne Berg - Folge 51     16.12.2006
Der gläserne Berg - Folge 50     02.12.2006
Der gläserne Berg - Folge 49     11.11.2006
Der gläserne Berg - Folge 48     28.10.2006
Der gläserne Berg - Folge 47     07.10.2006
Der gläserne Berg - Folge 46     09.09.2006
Der gläserne Berg - Folge 45     26.08.2006
Der gläserne Berg - Folge 44     15.07.2006
Der gläserne Berg - Folge 43     08.07.2006
Der gläserne Berg - Folge 42     17.06.2006
Der gläserne Berg - Folge 41     10.06.2006
Der gläserne Berg - Folge 40     13.05.2006
Der gläserne Berg - Folge 39     29.04.2006
Der gläserne Berg - Folge 38     15.04.2006
Der gläserne Berg - Folge 37     01.04.2006
Der gläserne Berg - Folge 36     11.03.2006
Der gläserne Berg - Folge 35     25.02.2006
Der gläserne Berg - Folge 34     14.01.2006
Der gläserne Berg - Folge 33     07.01.2006
Der gläserne Berg - Folge 32     17.12.2005
Der gläserne Berg - Folge 31     10.12.2005
Der gläserne Berg - Folge 30     26.11.2005
Der gläserne Berg - Folge 29     05.11.2005
Der gläserne Berg - Folge 28     30.10.2005
Der gläserne Berg - Folge 27     08.10.2005
Der gläserne Berg - Folge 26     01.10.2005
Der gläserne Berg - Folge 25     17.09.2005
Der gläserne Berg - Folge 24     27.08.2005
Der gläserne Berg - Folge 23     13.08.2005
Der gläserne Berg - Folge 22     23.07.2005
Der gläserne Berg - Folge 21     16.07.2005
Der gläserne Berg - Folge 20     25.06.2005
Der gläserne Berg - Folge 19     04.06.2005
Der gläserne Berg - Folge 18     14.05.2005
Der gläserne Berg - Folge 17     02.04.2005
Der gläserne Berg - Folge 16     05.03.2005
Der gläserne Berg - Folge 15     19.02.2005
Der gläserne Berg - Folge 14     05.02.2005
Der gläserne Berg - Folge 13     25.12.2004
Der gläserne Berg - Folge 12     06.11.2004
Der gläserne Berg - Folge 11     09.10.2004
Der gläserne Berg - Folge 10     11.09.2004
Der gläserne Berg - Folge 09     21.08.2004
Der gläserne Berg - Folge 08     07.08.2004
Der gläserne Berg - Folge 07     10.07.2004
Der gläserne Berg - Folge 06     26.06.2004
Der gläserne Berg - Folge 05     12.06.2004
Der gläserne Berg - Folge 04     29.05.2004
Der gläserne Berg - Folge 03     22.05.2004
Der gläserne Berg - Folge 02     24.04.2004
Der gläserne Berg - Folge 01     03.04.2004
Der gläserne Berg - Vorwort     20.03.2004





              
                   
              



    

© WurzelWerk · 2001-2017