WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 3

5. November 1988
Ich war jetzt einige Zeit zu sehr beschäftigt, um mich meinem Tagebuch zu widmen. Es geschah einfach zu viel mit mir in diesen Tagen. Ein Sturmwind der Veränderung wehte in mein Leben und nichts blieb mehr so, wie es einmal gewesen war. Aber zurück zu diesem ominösen 31.Oktober, an dem alles begann:
Hier sind einige Zeilen des Tagebuches leider unleserlich geworden, die Tinte ist verwischt und zerronnen (Anmerkung des Historikers).
...sonnig zu werden... Das mahnte mich, beizeiten ebenfalls eine sonnigere Miene aufzusetzen. Bei Schönwetter sind meistens sehr viele Patienten in der Arztpraxis zu erwarten, in der ich als Masseurin arbeite. Sie erwarten neben der Linderung ihrer Leiden auch etwas Ablenkung und Aufheiterung, denn die meisten von ihnen sind alt und einsam. Auch das gehört zu einem guten
Therapeuten, die Seele zu streicheln, während man sich den kleinen und größeren Beschwerden des Körpers widmet. Wird es für meinen Körper und meine Seele irgendwann auch wieder jemanden geben? Vielleicht bin ich jetzt noch nicht bereit dazu, obwohl, die Wunden der unmittelbaren Vergangenheit scheinen fast verheilt..... später vielleicht,..... doch wird später nicht zu spät sein? Ganz schön viel für diesen frühen Morgen, was durch meinen noch etwas morgendämmrigen Kopf geisterte. Fast unbewusst nahm ich die ebenfalls noch schläfrigen Gesichter der übrigen Menschen im Bus wahr. Einer döste mit offenem Mund. Er versuchte offenbar, dem tyrranischen Tag noch eine kurze, ihm allein gehörende Spanne Zeit abzutrotzen und verschloss die Fenster zu seinem Inneren mit seinen Augenlidern, dabei vergaß er die Tür des Mundes zu versperren, sodass sie klaffend offen stand. Noch nie war mir bis jetzt die Freudlosigkeit in den Gesichtern der Menschen so deutlich bewusst geworden wie in diesem Augenblick und erschreckt wandte ich mich zum Fenster, um meinen eigenen Ausdruck zu erforschen. "Ein Gespenst unter Gespenstern!", durchzuckte es mich, als ich mich in der trüben Scheibe erblickte. Plötzlich erschien mir alles, ich selbst und meine Gedanken, ja selbst meine Erinnerungen, die Gefühle dieses Morgens als flach, zweidimensional und unwirklich. War das wirklich schon mein Leben gewesen und vor allem, würde dieses Leben auch so weitergehen, absehbar bis zum Ende, zwar in relativer Sicherheit doch ohne Höhen und Tiefen, ohne Rausch und Ekstase, ohne die atemlosen Momente der Erfüllung, die außerhalb von Zeit und Raum standen? Woher kam plötzlich die grausame, unverhüllte Sicht auf mein vergangenes und zukünftiges Leben? Kündigte sich so vielleicht die berühmte "Midlife Crisis" an, die Sinnkrise in der Mitte des Lebens, ohne die man als moderner Zeitgenosse überhaupt nicht zählte? Fragen über Fragen und ungewohnte Gedanken in meinem Kopf und das alles um sechs Uhr morgens in einem Autobus inmitten unausgeschlafener Werktätiger! Der Tag versprach interessant zu werden. Gottlob war morgen ein Feiertag und der Tag darauf ein Samstag. Ich könnte also drei Tage dazu nutzen, wieder Ordnung in meinem Kopf zu schaffen!

Doch eines zeichnet sich bereits ab: Dieser kurze Augenblick glasklarer Erkenntnis scheint so etwas wie einen Wendepunkt in meinem Leben zu markieren. Irgendetwas Unsagbares berührte mich an diesem Tag, etwas, das wie eine Hand aus einer anderen Dimension in mein Leben griff und alles Vertraute und Gewohnte in etwas neu zu Definierendes verwandelte. Die Dinge, die Menschen, ja selbst die Luft, die mich umgibt, all dies ist wohl noch das Gleiche und spricht doch eine ganz andere, erst zu entschlüsselnde Sprache. Ich selbst fühle mich, als wäre ich erst an diesem Tage in diese Welt eingetreten und müsste ihr Wesen ganz neu für mich ergründen. Diese ganz besondere Zeit um Allerheiligen, zu der des Todes gedacht wird, bedeutet allen Anscheines nach auch den Tod meines bisherigen Lebens, das glaube ich jedenfalls. Alle meine folgenden Erlebnisse deuten darauf hin. So, wie aus dem Tod neues Leben entsteht, war dieser Augenblick ein Neubeginn für mich. Noch ist keine Richtung und Bestimmung zu erkennen, noch bin ich wie ein Kind im Moment seiner Geburt, voller potentieller offener Wege, bis einer gegangen wird und damit die anderen verschließt. Und der Schmerz, den ich in diesem Augenblick empfand, gleicht den Schmerzen der Geburt.

Der Tag verlief, wie es zu erwarten gewesen war. Mehr oder weniger mechanisch verrichtete ich meine Arbeit, freundlich und zuvorkommend zwar, wie man es von mir gewohnt ist, doch meine Gefühle und Gedanken waren bei mir, ich war konzentriert auf mich selbst, auch wenn ich gerade einen Patienten behandelte. Unglaublich! In diesem „Bei mir Sein“ war ich plötzlich auch viel hellhöriger als je zuvor. Wie auch sonst immer, klagten mir die Patienten ihre großen und kleinen Leiden. Wieso war es mir früher nicht aufgefallen, dass sich diese Geschichten niemals änderten? Wem von ihnen hatte ich mit meiner anstrengenden Tätigkeit schon jemals wirklich helfen können? Wollten sie im tiefsten Innersten überhaupt eine Änderung ihres Zustandes? So manche hatten sich sicherlich in ihren Leiden schon häuslich eingerichtet, denn das Unveränderliche, auch, wenn es lebenseinschränkend ist, bedeutet doch immerhin Sicherheit und sei es auch die Sicherheit des unveränderlichen Leidens. "Frau Anna, heute hören Sie mir aber gar nicht zu!" schnappte ich gerade noch auf, nachdem ich alles andere an mir vorüberplätschern lasse. "Oh doch" dachte ich bei mir, "heute höre ich dir das erste Mal richtig zu, glaube ich! Und ich denke, du willst in Wahrheit eigentlich gar nicht von deinem Leiden befreit werden!" Mit einem Mal spürte ich ein seltsames, hartes, kaltes Gefühl in meinem Magen - ZORN! WUT! Meine Verwirrung spülte es gleich darauf wieder weg, gleichwohl war es da gewesen, wenn auch nur kurz. Dieses typisch wienerisch, anbiedernde "Frau Anna" hatte mich schon lange gestört. Es war immer schon ein subtiles Symbol meiner subalternen Stellung als Vertreterin eines Dienstleistungsberufes gewesen. Trotz meiner menschlichen und beruflichen Kompetenz bin ich ein Nichts im weißen Mantel, gut genug für die seelischen Abfallprodukte meiner Patienten. Hatte ich mir bisher vorgegaukelt, einen wichtigen Heilberuf auszuüben, nun sah ich es jetzt glasklar vor mir: dies hier hatte mit Heilung nichts zu tun, weil es nie und nimmer an die Wurzeln des Leidens ging. Die aber lagen tief im Inneren meiner Patienten begraben und waren mir im allgemeinen nicht zugänglich.

Später dann, wieder im Autobus, wieder müde, abgekämpfte Menschen um mich herum, abgesehen von einigen Kindern mit lebendigen Augen, Mündern und Herzen. Dafür ernteten sie auch strafende
Blicke von den anderen Fahrgästen. Wir alle waren doch einst solch lebendige, klare Wesen, was ist nur mit uns geschehen?

An der Haltestelle, an der ich, wie jeden Tag, auch heute ausstieg, steht ein Obststand, die einzige Gelegenheit, noch etwas einzukaufen, denn es war schon spät und die Geschäfte hatten schon geschlossen. Ich spürte mit einem Male ein fast unüberwindliches Verlangen nach den wunderbar rot - gelben Äpfeln, so glänzend in ihrer glatten Schale, die mir wie eine lockende Verheißung des Paradieses entgegenleuchteten. Nachdem ich sie gekauft hatte, - teuer genug waren sie ja -, hielt ich einen an mein Gesicht und roch daran. Aber, oh große Enttäuschung! Der Duft, den ich erwartet hatte, der Duft nach Wachstum, Reife, Lebendigkeit, der Duft nach sattem, prallen Leben, nach dem mich so verlangte, fehlte. Da war nichts, absolut nichts! Es hätten Äpfel aus Plastik sein können, sie waren einfach nicht lebendig. Ohne es verhindern zu können oder es auch nur zu wollen, kamen mir die Tränen. Heulend ging ich die letzten Schritte zu meinem Haus und hoffte, niemand Bekanntem zu begegnen, der meine Tränen hätte sehen können. So endete dieser seltsame Tag so wie er begonnen hatte, mit Tränen. In diesen Tränen floss alle Beschwernis meines Lebens aus mir heraus: Das Salz der Enttäuschung über nicht ergriffene Chancen, die Bitternis der vermeintlich unerwiderten Liebe zu meiner Tochter, die Trauer über das Zerbrechen meiner Ehe, das Bedauern über die nie aufgearbeitete Beziehung zu meinen allzu früh verstorbenen Eltern. All das floss aus meinen Augen und meinem Herzen und befreite meine Seele von einer alten Last, die sie so lange schon beschwert hatte. Wie Sturzbäche flossen diese Tränen und Heulkrämpfe schütteteln mich mit beängstigender Gewalt. Katharsis, dieses Wort aus dem Griechischen fällt mir dazu ein, wenn immer ich mir diese Erinnerung zurückrufe.

Als die Tränen dann irgendwann doch versiegten, konnte ich mich nur noch erschöpft in mein Bett zurückziehen.

In dieser Nacht hatte ich einen bemerkenswerten Traum. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, alle meine Träume in ein Traumtagebuch einzutragen, überlegte es mir aber anders und füge nun die Träume in Kursiv in dieses Tag - Tagebuch ein.

Ich erwache an einem mir fremden Ort. Um mich herum sind Bäume. Bei näherem Hinsehen erkenne ich, dass es Apfelbäume sind; ich liege auf einer wunderschönen Apfelwiese. Es ist warm, lauer, leiser Wind umspielt meinen Körper und verfängt sich in meinem langen, glänzend, roten Haar. Dies alles nehme ich in einem kurzen Augenblick wahr. Als ich an mir hinuntersehe, bemerke ich, dass meine schlanke, junge Figur in ein fließendes Gewand aus einem seidenartigen, glänzenden Stoff gehüllt ist. Die Blätter der Apfelbäume rascheln leise im Wind. Sonst kann ich kein Geräusch hören. Ich kann nicht erkennen, welche Jahreszeit gerade ist, auch die Tageszeit ist ungewiss und ich kann keine Sonne sehen. Es herrscht ein eigenartig, diffuses Licht. Ach, ich fühle mich so wohl und friedvoll! Der zarte Geruch von reifen Äpfeln, der plötzlich in meine Nase steigt, weckt in mir den Wunsch, einen Apfel zu essen, doch trotz genauen Hinsehens kann ich keinen entdecken. Auch in der Umgebung kann ich nichts erkennen, außerhalb der Apfelwiese ist alles in einen lichten Nebel gehüllt, der aussieht, als wolle gerade eben die Sonne durchbrechen. Da erheben sich, wie aus dem Wind geboren, leise, zarte Töne, ja es sind die einzigen Töne, die hier hergehören, andere wären hier ganz und gar unpassend. Jemand spielt Harfe, so schön und wunderbar, dass mein ganzer Körper in einem seltsam ziehenden Schmerz mitschwingt. Ich habe das Gefühl, mich in Sehnsucht, Glück und Traurigkeit aufzulösen. Was geschieht denn nur mit mir? Woher kommen diese Töne? Auf einem Baumstumpf sitzt eine Gestalt in einem weißen, langen Gewand. Sein Haar ist ebenfalls weiss und fällt lang über seine Schultern herab. Der untere Teil des Gesichtes ist von einem weißen Bart eingerahmt. Er ist es, der so wundersame Musik auf seiner Harfe hervorbringt, dass mir fast das Herz zerspringt. Als er weiterspielt, brechen an allen Zweigen Blüten hervor, Vögel singen und fliegen von Ast zu Ast, Bienen summen von Blüte zu Blüte und die Sonne löst den Nebel auf.

Da beginnt der Bärtige mit volltönender, weicher Stimme sein Harfenspiel zu begleiten. Nun schneit es Blütenblätter auf mich herab, dass ich ganz davon bedeckt bin. In Windeseile reifen herrliche Äpfel und die Zweige biegen sich unter ihrer Last. Einer davon fällt in meinen Schoss. Sein Duft betäubt mich fast mit seiner Intensität, ich hebe ihn auf und beiße hinein.....

Ja, so, nur so muss ein Apfel schmecken! Nie wieder will ich einen anderen kosten! Das hier muss das Paradies sein!

Der Bärtige hat sein Spiel unterbrochen und sieht zu mir her. Er lächelt warm und geheimnisvoll, sein Blick scheint mir in seiner Intensität irgend etwas sagen zu wollen, ich weiß aber nicht was, seine Augen, seine Augen, ach, seine Augen.....

... Seine Augen waren noch bei mir und rührten mein Herz an, als ich erwachte. Vielleicht, wenn ich meine Lider noch einmal schlösse, wenn ich mich dem beginnenden Tag verweigerte, wenn ich noch einmal einschliefe, vielleicht konnte ich noch einmal dorthin zurückkehren, doch es gelang nicht. "Solche Träume sollten nicht in meinem Traumrepertoire vorkommen, nein, nicht solche Träume! Wie soll man denn da die Wirklichkeit durchstehen!" dachte ich, als ich dann endgültig wach war. Resolut, wie ich es gewohnt war, stellte ich die Füße auf den Boden der Tatsachen und stand auf. Mein Tagesprogramm lautete: Myriam anrufen, Friedhofsbesuch. Vorher wollte ich mich noch mit einem ausgiebigen Frühstück verwöhnen, darauf konnte ich mich immerhin freuen.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
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Der gläserne Berg - Folge 01     03.04.2004
Der gläserne Berg - Vorwort     20.03.2004





              
                   
              



    

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