WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.

Erstes Buch:
Die Zaunreiterin - Folge 2

Vorwort
Dieses Buch ist die Strophe eines Liedes, das durch die Zeiten klingt oder das Glied einer Kette, einer Kette ohne Anfang und Ende. Wir glauben allgemein, die Zeit sei eine Linie, die von hier nach dort führt, von einem Anfang zu einem, wenn auch fernen, Ende, doch das ist ein Kindermärchen. Hätte ich nicht selbst erlebt, was ich hier niederschreibe, würde ich wahrscheinlich noch heute an diese Torenweisheit glauben und das relativ unangefochten von allen möglichen anderen Erklärungen der "Wirklichkeit",

Ich schreibe meine Erlebnisse auf in der Hoffnung, dass nachfolgende Generationen noch in der Lage sein werden, diese Schrift und diese Sprache auch zu verstehen - ja überhaupt noch Schrift und so etwas wie Sprache besitzen, denn es zeichnet sich ab, dass diese Zivilisation ihrem nahen Ende entgegengeht.

So wie vor uns schon andere Kulturen und Zivilisationen aus dem Nebel der Zeiten aufgetaucht und wieder darin versunken sind, werden auch nach uns noch ungezählte Menschheiten ihr Kindheitsstadium, ihre Hochblüte und ihren Verfall erleben. Mit diesem Buch will ich versuchen, ihnen eine Botschaft zu hinterlassen: "He, Hallo, wir waren auch schon da, macht's gut, vielleicht auch besser; alles Gute für euch!"

Ob meine Botschaft wohl ihr Ziel erreicht? Ich weiss es nicht. Wenn ja, wird sie hoffentlich in der jetzigen Zeit bei einigen Menschen zum besseren und tieferen Verstehen unseres Daseins beitragen. Deshalb werde ich auch mein erlebtes Wissen nicht vergraben um es zu erhalten, denn Wissen muss lebendig sein und weitergegeben werden, sonst verschwindet es aus dem Hauptstrom der Zeit und wird nur mehr von einigen Eingeweihten verstanden. Doch auch das liegt nicht mehr in meiner Macht, nun da ich alt bin und das Ende dieses meines Erdenlebens schon in Sichtweite vor mir liegt.

Ich weiss, meine Erzählung wird für viele unglaubwürdig klingen. Doch ist es nur unsere beschränkte Sicht der Wirklichkeit, die uns manches ins Reich der Sage verweisen lässt.

Wenn sich auch die Ereignisse in meiner Erinnerung ein wenig in ihrer Abfolge verschoben haben, ich habe nichts davon vergessen. Und wenn ich die Augen schließe, sehe ich....., nein, ich sehe sie nicht vor mir, ich bin wieder da, wo alles begann, in meiner kleinen Wohnung, in einem Wiener Vorortebezirk


Erste Eintragung - 31. Oktober 1988
Viel zu laut und schrill läutet mein mechanischer Wecker. Eigentlich würde ich ihn gar nicht mehr brauchen, jetzt, da ich in vorgerückten Jahren nicht mehr so tief und fest schlafe wie in meiner Jugend, aber, na ja, es ist ein beruhigendes Gefühl nicht verschlafen zu können. Für mein Pflichtbewusstsein ist das sehr wichtig. Ich muss leise lächeln bei der Erinnerung an unzählige Auseinandersetzungen, die ich früher einmal mit meinem Mann, Exmann jetzt, über die essentielle Bedeutung von Pünktlichkeit im Zusammenleben von Menschen geführt hatte. "Pünktlichkeit", denke ich befremdet, als hörte ich ein Wort in einer fremden Sprache, dessen Bedeutung mir unvertraut ist, "Pünktlichkeit also und Verlässlichkeit, genauso wie Ordnung und Disziplin..... die Stützen unserer Zivilisation......die Grundpfeiler meines Lebens......" Dieser Gedanke entlockt mir plötzlich ein Lächeln, das die Ernsthaftigkeit dieser Begriffe mit einem Mal wegwischt, wie Schlieren auf einer Fensterscheibe. Seltsam, es ist ein völlig neues Gefühl lächeln zu können über schmerzhafte Erinnerungen und ernsthafte Grundsätze, beides gewichtige Teile meines bisherigen Lebens. Die Zeit heilt also doch Wunden, wie tröstlich!

Gleichzeitig fließen aber auch unwiederbringliche Teile meiner Vergangenheit von mir weg, die so lange Zeit Teil meiner selbst gewesen waren

"Wieder ein Stück Sterben" denke ich, in eigenartiger Ambivalenz der Gefühle befangen. Die Wehmut über den Verlust des Leidens an meinen Erinnerungen hält sich die Waage mit der Erleichterung darüber. Und noch etwas ist anders heute. Dieses kleine Stück Sterben löst heute keine Panik in mir aus, wie sonst der Gedanke an Alter und Tod.

Vielleicht kann ich meiner Jugend ja doch einmal auf Wiedersehen sagen, ohne dabei in tiefste Depression zu fallen, wie das bisher bei jeder Falte und bei jedem schwabbeligen Stück Haut, die der unbarmherzige Gegner im Badezimmer mir immer öfter präsentierte, bis jetzt der Fall gewesen war.

Auch jetzt betrachte ich mich eingehend in meinem großen Badezimmerspiegel. Da stehe ich, vierzig Jahre alt, zwischen den Zeiten eigentlich, nicht mehr jung, aber auch noch Äonen weit weg vom Alter. Es kommt sehr auf meine Tagesverfassung an, welcher Altersgruppe ich mich gerade zugehörig fühle. Der heutige Tag ist noch zu unbestimmt. Ich weiss noch nicht, in welche Kategorie er mich letzten Endes verweisen wird. Eigentlich fühle ich mich heute eher jung. Ich finde meine eher kleine und zarte Statur ganz anziehend, nur mein Busen ist etwas zu groß und schwer. Meine rotbraunen Haare sind glänzend und dicht gewellt, meine haselnussbraunen Augen blicken mir groß und klar aus dem Spiegel entgegen. Mir ist, als blicke mir durch diese Augen jemand anderer entgegen, der sich hinter diesem vertrauten Gesicht verbirgt, jemand, der sich nie wieder mit der Oberfläche der Dinge zufrieden geben würde. Erschreckt und fasziniert kneife ich die Augen zusammen um genauer hinsehen zu können und sehe wieder in die vertrauten Augen der Anna Waldstein. Hatte ich mich nur getäuscht? Irgendetwas in meinem Inneren sagt mir, dass diese irritierenden Augen ein Teil von mir sind. Ich werde ihrem Blick von nun an sehr oft im Spiegel begegnen, das weiß ich.

"Alter und Tod, wie passend", denke ich, während ich die immer gleichen Dinge der Morgenroutine erledige, an diesem Tag, der keinem anderen vor ihm gleicht. Heute ist der 31. Oktober, der Tag vor Allerheiligen. Morgen muss ich das Grab meiner Eltern besuchen.

Das gehört sich schließlich so, auch wenn dieser Brauch sich in Stau und Verkehrsgewühl abspielt, wie jedes Jahr. Ich frage mich kurz, ob ich mir das wirklich antun möchte, es könnte ja auch ein anderer Tag sein, ohne Menschenmassen und überlastete Verkehrsmittel. Doch dann verwerfe ich den Gedanken schnell wieder; es bleibt bei morgen, so gehört es sich schließlich. Zwischen einem Schluck Kaffee, meinem unverzichtbaren Lebenselixier und einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel denke ich noch kurz daran, meine Tochter Myriam anzurufen und sie daran zu erinnern, sich den Tag morgen für den Gräberbesuch freizuhalten. Dann fällt mir aber ein, dass zu so früher Morgenstunde (meine Arbeit als Heilmasseurin beginnt schon um 6h30) höchstens empörte Verärgerung ihrerseits die Folge wäre und verwerfe auch diesen Gedanken wieder

Ach, meine kleine Myriam, Tochter meines Herzens, wo bist du nur, ich kann dich nicht mehr finden in der distanzierten, jungen Frau, die du, ich weiß nicht mehr wann, geworden bist! Wie musste ich damals, vor ziemlich genau zwanzig Jahren, als ich mit dir ungewollt schwanger wurde, gegen meine Eltern kämpfen, die gegen meine allzu frühe Schwangerschaft gewesen waren. Eigentlich galt der Kampf ja mir selbst, denn ich wollte noch so viel erleben, lernen; wollte nach meiner Ausbildung die Flügel entfalten, fliegen.... aufbrechen in Freiheit und Selbstbestimmung meines neuen Erwachsenstatus. Doch dann ergab ich mich in die vermeintlich unabänderlichen Erfordernisse der Situation, holte ich die eben entfalteten Flügel wieder ein und verschob den Start auf später, wenn du erwachsen wärst. Man schrieb schließlich das Jahr 1965 und ein Kind zu haben, bedeutete im allgemeinen auch zu heiraten. Ich war ja so jung und irgendwann später würde ich das Versäumte sicher nachholen! Dieses Irgendwann jedoch fand niemals statt. In den darauf folgenden Jahren der Ehe und Mutterschaft hätte ich meine Flügel zu Trainingszwecken öfter einmal gerne erprobt, doch sie klemmten, waren eingerostet und ich erkannte, dass die Sache mit dem Nachholen wohl Selbsttäuschung gewesen war.

Habe ich dich das spüren lassen, kleine Myriam? Stammt die Entfremdung daher oder ist sie einfach ein notwendiger Ablösungsprozess; ist die Nabelschnur als Phantom noch vorhanden und muss jetzt endgültig und unwiderruflich durchschnitten werden? In meinem inneren Dialog befangen trat ich auf die Strasse. Alles wirkte irgendwie verschwommen. Einige Augenblicke später merkte ich, dass ich durch einen Tränenschleier blickte. Ich war also doch noch nicht so gleichmütig und altersweise, wie ich gerade vorher noch gedacht hatte! Sei es wie es wolle, es tat weh und diesmal konnte ich nicht leise darüber lächeln.


Morgane

«Der Gläserne Berg»
Vorwort
Bilder & Geschichten

Die Anrufung     XVII, 25.02.2017
Erinnerungen     XVII, 25.12.2016
Das kleine Restaurant     XVII, 12.11.2016
Der Flohmarkt     XVII, 08.10.2016
Der Magier     XVII, 23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     MartinM, 22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     MartinM, 26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     MartinM, 18.07.2015
Idol (ein Making-of)     Myriad Hallaug Lokadís, 06.12.2014
Die Frau seiner Träume     MartinM, 29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     MartinM, 14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     MartinM, 30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     Martin Marheinecke, 16.02.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil I     Martin Marheinecke, 26.01.2013
Im Rausch des Narren     Freyjatru, 06.10.2012
Neues Leben für Geschenkpapier     Shina Edea, 05.11.2011
Vogelfutterbastelein     Shina Edea, 30.10.2010
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Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil II     Morgane, 21.07.2007
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil I     Morgane, 14.07.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 30.06.2007
Kräuter-Bilderrätsel     Salome, 24.02.2007
Der Kabä     Der Kabä, 12.11.2005
Nochnoi Dozor – Wächter der Nacht     Doc F, 22.10.2005
Greifbar gewordene Göttervisionen     Anufa, 18.06.2005
Wintermärchen     MadameMim, 06.12.2003
Eine Hexe im Museum     LadyPurple, 13.04.2003
Der wunderbare Regenbogenmann     Sternenelfe, 15.03.2003
Runen raunen und flüstern uns zu     LadyPurple, 08.06.2002
 

Der Fortsetzungs-Roman im WurzelWerk:
«Der Gläserne Berg» von Morgane

Folge 51, Folge 50, Folge 49, Folge 48, Folge 47, Folge 46, Folge 45, Folge 44, Folge 43, Folge 42, Folge 41, Folge 40, Folge 39, Folge 38, Folge 37, Folge 36, Folge 35, Folge 34, Folge 33, Folge 32, Folge 31, Folge 30, Folge 29, Folge 28, Folge 27, Folge 26, Folge 25, Folge 24, Folge 23, Folge 22, Folge 21, Folge 20, Folge 19, Folge 18, Folge 17, Folge 16, Folge 15, Folge 14, Folge 13, Folge 12, Folge 11, Folge 10, Folge 09, Folge 08, Folge 07, Folge 06, Folge 05, Folge 04, Folge 03, Folge 02, Folge 01, Vorwort,
 

Gedichte

Erinnerungen einer Schamanin     Johanna, 15.08.2015
Wild God     Tom Hirons, 25.04.2015
Pole (2008)     Anufa, 14.07.2013
Ich     Thomas Stangl, 02.03.2013
Frühlingsgewitter     Anufa, 09.06.2012
Hymnen an Hekate     Rivka, 06.08.2011
Heilige Auflösung     Veit Pakulla, 12.02.2011
Einsamkeit     Hans Lebert, 05.09.2009
Kain - Ahasver     Rivka, 22.03.2008
Jerusalem     Rivka, 03.11.2007
Sehnsucht     Morgane, 27.10.2007
Götter     Mc Claudia, 13.10.2007
Medusa     Rivka, 06.10.2007
Du     Levi Jizchak von Berditschew, 29.09.2007
Bruder Geier     Rivka, 22.09.2007
Der Wind des alten Landes     Sir Thomas Marc, 08.09.2007
Der Sturm     Sir Thomas Marc, 01.09.2007
Traumzeit     Rivka, 25.08.2007
Heschtia (Tirolerisch)     Sassa, 04.08.2007
Augen voller warmem Glanz     Sir Thomas Marc, 28.07.2007
Tethys     Salome, 09.06.2007
Traum im Mohnfeld, Pan, Gnosis     Rivka, 02.06.2007
Samenmond, Langsame Verwandlung, Gezeiten     Vilwarin, 14.04.2007
Demeter, Stundenwalzer, Anrufung     Rivka, 03.02.2007
Mein Baum, Schattenerforschung     Vilwarin & Simone, 13.01.2007
Einkaufsstrasse im Herbst, Nebelkrähe, Mondmärchen     Rivka, 14.10.2006
Sphinx - Eiszeit - Antiphon     Rivka, 02.09.2006
Rumpelstilzchen - Im Anfang     Rivka, 12.08.2006
Begegnung mit einer Wassernymphe, Fragen an den Sandmann     Simone & Aurora, 25.03.2006
Winterliches Lied, Krähenflug, Spätwinter     Edda Noreia, 03.12.2005
Lachen der Seele     Sir Thomas Marc, 15.10.2005
Herbst     Tria und Rene & Sir Thomas Marc, 03.09.2005
Dimnara´s Gedichte     Dimnara, 19.03.2005
Yulegedichte     MadameMim, 06.12.2003
Spinning...     Fledermaus, 22.11.2003
Herbststimmungen     Tria & René, 22.11.2003
An Bethas Brunnen     Jutta, 17.08.2003
See der Wahrheit     Tria & René, 17.08.2003
Estrella del mar - Stella Mari     Brighid, 28.06.2003
Gebet an die Göttin in mir     Anufa, 07.09.2002
Sommerlied     Edda Noreia, 11.05.2002
Hexenleben     LadyPurple, 25.01.2002
Lughnasad     Verf. unbek., 25.01.2002
Der Baum     Fledermaus, 25.01.2002
Gedichtchen     Gwynnin, 25.01.2002
 

MärchenStunde

Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil II     MartinM, 21.03.2015
Der Schrecken der christlichen Seefahrt - Teil I     MartinM, 07.03.2015
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Sternensplitter - Teil II     Morgane, 01.12.2007
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Wie der Schnee entstand - Teil III     Morgane, 05.05.2007
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Habt Ihr schon einmal eine Fee gesehen? - Teil II     Morgane, 23.09.2006
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Morganes Erinnerungen - Teil II     Morgane, 28.01.2006
Morganes Erinnerungen - Teil I     Morgane, 21.01.2006
Weihnachten an der Grenze - Teil II     Morgane, 31.12.2005
Weihnachten an der Grenze - Teil I     Morgane, 24.12.2005
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Das Agnesbrünnl - Teil I     Morgane, 02.07.2005
Sternenbäume - Teil II     Morgane, 11.06.2005
Sternenbäume - Teil I     Morgane, 28.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil II     Morgane, 21.05.2005
Lisa und die Moorkönigin - Teil I     Morgane, 12.03.2005
Die Geschichte von den Heidelbeeren     Katja, 26.02.2005
Märchen von uns – für euch     Sabrina & Elen, 12.02.2005
 



                        
                        



    

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