WurzelWerk´s kreativer
Der gläserne Berg
Die fiktive Autobiographie einer Durchschnittsfrau in mittleren Jahren.


Folge 1: Einleitung

Das Museum liegt im Licht eines milden Spätsommertages. Es ist aus Holz erbaut und es gibt darin keinerlei elektrische Leitungen. Das gilt auch für die übrigen Häuser, die inmitten von Wiesen und lockerem Buschwerk stehen. Autos gibt es ebenfalls nicht in dieser Stadt. Dafür sieht man jede Menge spielende Kinder, deren fröhliches Geschrei überall zu hören ist. Zwischen Gemüsepflanzungen und kleinen, eingezäunten Weiden mit Schafen, Ziegen und einigen Rindern sind hie und da runde, konkave Spiegel aufgestellt und Windräder drehen sich mit leisem Schwirrton. Es ist wohl eine Stadt, aber eine des 25. Jahrhunderts und auf einen Bewohner heutiger Ballungszentren würde sie wohl etwas provinziell wirken.
Vor dem Museum wartet eine Gruppe von etwa fünfundzwanzig Menschen. Sie sind von eher kleinem Wuchs und zart von Gestalt und haben große, glänzende Augen. Anscheinend beginnt gleich eine Führung. Die Türe öffnet sich, eine Frau in mittleren Jahren tritt heraus und begrüßt die Gruppe mit freundlichen Worten. Wollen wir nun etwas näher herankommen und an der Führung teilnehmen, als unsichtbare Gäste aus der Vergangenheit, die einen kleinen Nachmittagsausflug in eine ihrer möglichen Zukünfte unternehmen?

Gut, folgen wir also dieser Gruppe! Sie geht mit ihrer Führerin in einen großen, hellen Raum, der keine sichtbare Lichtquelle hat. Vielleicht erkennen wir sie aber auch nicht, weil wir ja nicht wissen, wie eine solche im Jahre 2497 aussehen könnte. Der Raum ist vollkommen leer, nur in der Mitte steht eine Vitrine, deren einziger Inhalt ein aufgeschlagenes Buch ist, das auf einer Unterlage aus weichem Stoff liegt. Das Museum scheint nur aus diesem einzigen Raum zu bestehen. Die Menschen, wir in ihrer Mitte, stellen sich jetzt kreisförmig um die Vitrine auf und warten auf die Ausführungen der Museumsbediensteten. Auffällig ist die ehrfürchtige Miene, mit der die meisten auf das Buch blicken. Es muss sich um eine große Kostbarkeit handeln, obwohl es reichlich alt und zerfleddert wirkt.
Die Sprache, in welcher die Führerin zu der Gruppe spricht, können wir Heutigen wahrscheinlich nicht verstehen. Sie ist der unseren ganz und gar unähnlich, die meisten unserer Begriffe kommen in ihrem Idiom einfach nicht vor. Ich übersetze also, reichlich frei und simultan:

Liebe Mitbürger, Sie genießen das besondere Vorrecht, heute als erste Besucher das Original der alten Schriften sehen zu können, aufgrund derer wir wenigstens etwas über die versunkene Kultur unserer Vorfahren wissen. Bisher glaubte ja die ganze Welt, dass diese unzivilisierte, geistig unentwickelte Wilde gewesen seien, die uns als einzige Hinterlassenschaft vergiftete Böden, abgeholzte Wälder, Berge unverrottbaren Mülls und ähnliche Segnungen zurück ließen und einen seltsamen, an ein Kreuz genagelten Gott mit leidenden Zügen anbeteten, der ihnen offenbar all dies aufgetragen hatte. Sie bewegten sich in Kisten aus Blech fort, die grauenerregende Dämpfe ausstießen und sehr gesundheitsschädliche Wirkungen gehabt haben mussten. Archäologen gruben zuletzt riesige Trümmerstätten aus, die sich über hunderte Quadratkilometer hinziehen und ganz offensichtlich keinerlei Anbauflächen oder Gartenfelder zwischen den Häusern besaßen. (Ungläubiges Erstaunen in den Gesichtern der Zuhörer).

Anscheinend waren solche Stadtmonster einst über die ganze Welt verstreut. Jedes Kind weiß doch heute, dass man, was man verbraucht, wieder erneuern muss. Ihnen war diese einfache Tatsache anscheinend nicht vertraut, stellen Sie sich das nur einmal vor!
So vergifteten sie die Luft, verbrauchten die Bodenschätze, holzten blindlings die Wälder ab, anscheinend ohne sich je zu fragen, wie ihre Nachkommen später leben sollten. Nun, ich will ihre Vorstellungskraft nicht weiter mit solchen Ungeheuerlichkeiten überfordern. Unsere Wissenschafter sind eben gerade dabei zu untersuchen, wie sie solche Monstrositäten entwickeln konnten wie etwa unverrottbare Pflanzen oder gar Menschen mit Schweinegenen. Was, Sie schütteln den Kopf? Nun ja, es klingt ja wirklich unglaublich, aber so etwas dürfte es, den neuesten Funden nach, gegeben haben, wenn unsere Wissenschaft da nicht einem Irrtum unterliegt. Sie konzentrierten sich anscheinend nur auf die Außenseite der Dinge. So reisten sie zum Beispiel nur im Körper, also mit energiefressenden Verkehrsmitteln, oder verständigten sich nur über die Sprache, auch über weite Distanzen, ohne ihre inneren Verbindungswege zu nutzen. So erscheint es fast unglaublich, dass diese unzivilisierte Periode erst fünfhundert Jahre zurückliegen soll.

Aber, um zum Ende meiner Ausführungen zu kommen, wie wir alle wissen, wurde durch "Zufall" dieses Buch bei einer Expedition eines Forscherteams gefunden und es grenzt wirklich an ein Wunder, dass sich das Material so lange halten hatte können.
Ein junger Forscher brach bei Grabungen an einer Ruine des zwanzigsten Jahrhunderts durch die Decke einer Erdhöhle und fand dort, unter einer kleinen, seltsam unausgeformten Frauenstatuette, welche Sie gleich hier daneben besichtigen können, eine Kassette mit diesem Buch. Die Sprachwissenschafter haben sich lange Zeit bemüht es zu entschlüsseln; aber die Wissenschaft ist auf diesem Gebiet ja sehr weit fortgeschritten, wie wir alle wissen.

Sie sagt das im Vollgefühl ihrer Zugehörigkeit zu einer überlegenen Zivilisation, diese kleine Schwäche der Überheblichkeit ist den Zukünftigen anscheinend auch noch eigen, was sie uns ein wenig näher bringt, da wir offenbar nur fähig sind zu lieben, wo wir auch kleine Schwächen finden.
Sie fährt fort:

Ja, und dieses Buch nun erzählt von Menschen, die auf Orten, die sie "Lebensinseln" nannten, dafür sorgten, dass wenigstens einige, wenige Gebiete mit einer einigermaßen intakten Natur erhalten blieben, auf denen unsere Vorfahren wieder eine funktionierende Landwirtschaft aufbauen konnten, die dann zum Fundament unserer heutigen Zivilisation werden konnte. Ihnen verdanken wir es, dass wir nach dem großen Zusammenbruch im 21. Jahrhundert nicht vom Punkt Null wieder beginnen mussten. Sie wussten anscheinend, was bei uns heute Allgemeinwissen ist, nämlich, dass die Erde ein lebendiger Organismus ist - sie nannten sie die Erdmutter - ein sensibles Netzwerk vieler, zusammenwirkender Lebensformen und wir sie nicht ausbeuten dürfen. Außerdem lässt uns dieses Buch Einblick in das Leben von Menschen des 20. Jahrhunderts nehmen, die, wie wir von archäologischen Ausgrabungen wissen, auch anders ausgesehen haben, als wir Heutigen, nämlich wesentlich robuster und muskulöser. Wenn auch vieles in diesem Buch für uns heute nicht mehr verständlich ist, stellt es doch ein einmaliges, historisches Zeitdokument dar. Zum Schluss darf ich Sie noch darauf aufmerksam machen, dass Sie beim Kiosk am Ausgang die Übersetzung dieser Schriften um fünf Kreditpunkte erwerben können. Ich kann ihnen das Buch nur wärmstens empfehlen, es wird ihr Bild von der Vergangenheit sehr bereichern. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und kommen Sie gut nach Hause, auf Wiedersehen!


Morgane

«Der Gläserne Berg»
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