Der Necromant   Fortsetzung

 -“Bist du soweit? Chad? Bist du soweit?“ Iver steht rechts knapp hinter mir. Ob ich soweit bin.

Sein Tonfall wirkt harsch, fordernd.

Gerade noch waren wir in Salzburg...Flowers und ich haben Iris abgeholt.

Die Fahrt war..nun, ja...lustig, unterhaltsam.

Bißchen wie ein Schulskikurs bei dem sich zwei alte Freundinnen getroffen haben.

Es war natürlich sofort klar, daß Iris vorne sitzt, neben Flowers.

--“Shotgun“ hat sie gerufen...mich zum Rücksitz bugsiert und sich lachend auf den Beifahrersitz fallen lassen.

Flowers hat sie mal ein paar Minuten lang umarmt...und dann ging die Fahrt schon los.

Die beiden Damen haben sich über alte Geschichten unterhalten...so „weißt du noch...damals und wie wir...hahaha...und dann...wuahahaha“...und die andere dann...“ja, genau...hihi...und wir...haha“

Schulskikurs.

Ab und an haben sie nach hinten geblickt...Iris hat manchmal mit Flowers über mich gesprochen, als wäre ich gar nicht da...aber später hat sie dann auch begonnen von sich zu erzählen, hat auch persönliches mit mir geteilt und war auch dann locker zu mir.

Sie ist schon in Ordnung. Kam mir halt so vor wie...Revierabstecken und Hierarchien bestätigen.

Aber eben letztlich...passt schon. Ich glaub` sie hat schon das Herz am rechten Fleck.

-“Chad?“

Ich nicke kurz.

Dann haben wir Iver abgeholt, der sich noch rasch `nen Mantel übergeworfen hat und dann sind wir schon direkt hierher gefahren.

Hierher. Uff. Psychiatrie. Das hier ist eine Psychiatrie.

Iver ist von mehreren weißbekleideten Herrschaften schon erwartet worden.

Einige Wortfetzen bekam ich mit...in denen es stets „Herr Professor...“ hieß.

Wir wurden als sein Team vorgestellt. Bekamen auch weiße Mäntel.

Mit dem Lift gings in den dritten Stock. Weiße leere Gänge.

Einzelne Betten, die auf den Gängen standen. Sonst leer. Und erschreckend leise.

Gemeinsam sind wir auf eine Tür zugesteuert.

Iver wurde kurz instruiert. Bekam die Krankenakte in die Hand gedrückt.

Wir öffneten die Tür. Ein kleines Zimmer. Ziemlich leer. Kein Fenster.

Mittig ein Bett. Darin ein junges Mädchen. Ich schnappe auf, daß sie wohl gerade mal 16 sei. Dann noch ein kleiner Tisch. Davor ein Sessel. Ein Nachtkästchen. Und irgendein medizinisches Gerät.

Lina heißt sie. Sie liegt in dem Bett. Fixiert. Venenzugang. Zwei Infusionen hängen über ihr.

Iver sagt den anderen Ärzten, daß er mit seinem Team ungestört sein will.

Das wird überraschenderweise akzeptiert...Wir sind nun alleine mit dem Mädchen im Zimmer.

Iver sagte noch zu Flowers: -“Du achtest bitte darauf, daß wir auch wirklich ungestört sind, ja?“

Iris, Iver und ich. Und das Mädchen. Ein Bett. Sie darauf fixiert.

-“Chad...brauchst du noch was? Oder...“

Ich denke nach.

„Ja, einen starken Geruch, etwas was stark riecht.“

-“Iris?“

Iris gibt mir ein kleines Fläschchen. Unbeschriftet.

Ich stelle es auf das kleine Nachtkistchen und rücke dieses vom Bett weg.

Ich schau mir das Mädchen an. Ihr Nachthemdchen ist vollkommen durchnässt.

Sie selbst zuckt leicht. Ein leichtes Vibrieren am ganzen Körper.

Man bemerkt das aber am stärksten bei den Händen und Füssen.

Ich prüfe ihren Puls. Das Herz schlägt schnell.

Ich streiche ihr die Haare aus dem Gesicht und lege meine Hand auf ihre Stirn.

Ich versuche wahrzunehmen. Mich selbst frei zu machen und wahrzunehmen.

Was kommt. Was kommt....

„Die Infusionen. Wir sollten die Infusionen kappen.“

-“Iris, hol bitte Flowers, die soll das machen.“

Die Stirn ist kalt. Auch schweißig.

Das Mädchen selbst sieht nicht mich an...es sieht durch mich hindurch.

Manchmal rollen auch ihre Augen umher. Und sie öffnet und schließt rasch ihre Augenlider.

Flowers kommt. Mit ein paar gekonnten Handgriffen befreit sie das Mädchen von den Infusionen.

Sie vergewissert sich noch ob sonst noch Hilfe von ihr gewünscht wird...und geht dann wieder nach draußen.

Rasch kommt eine noch größere Unruhe in das Mädchen.

-“Chad, was siehst du und was hast du vor zu tun?“

Iver, mein großer Lehrmeister, setzt mich unter Druck. Er selbst ist vollkommen ruhig.

Das ist schon mal gut...und seine Ruhe geht zum Glück auch etwas auf mich über.

„Ich könnte aus dem Rituale Romanum....“

Chad unterbricht mich gleich.

-“Bist Du Christ?“

„Nein, aber...“

-“Jetzt schau mal genau hin.“

Ich lege ihr nochmal die Hand auf die Stirn.

Der Kopf zuckt hin- und her. Sie rüttelt am Bett.

Iris macht hinter mir einen tiefen Atemzug.

Mist. Ich weiß es nicht ich weiß es nicht. Ich sehe da....nichts...ich....

---“Chad? Jetzt mal ganz ruhig. Ganz ruhig. Du kannst das. Außerdem sind wir bei Dir. Frag Iris ob sie dir helfen kann.“ Flowers. Flowers schickt mir diese Gedanken. Ich höre Flowers deutlich, als stünde sie vor mir, obwohl sie tatsächlich gerade irgendwo draußen vor der Tür ist.

„Iris kannst du mein Wahrnehmungsfeld bitte erweitern?“

Ich muß einen verdammt flehenden Blick drauf haben.

Ein kleines Lächeln kann ich im Gesicht von Iris erkennen.

Sie macht einen Ausfallsschritt, legt ihre rechte Hand nach vorne, ihre linke nach hinten...zieht mit der rechten einen Kreis...einen Kreis...der sich manifestiert.

Ich sehe einen Kreis. Nein, vielmehr so etwas wie einen Wirbel. Der Wirbel stülpt sich über das Mädchen...wird größer weitet sich links und rechts neben dem Bett aus.

Ich schau in diesen Wirbel hinein. Sehe viele Leute. Menschen die wirr durcheinander gehen.

Wie...wie in einem komischen Zombiefilm. Einer schaut aus dem Wirbel hinauf, sieht mich, schreit. Das Mädchen beginnt auch zu schreien. Die anderen gehen ungestört weiter hin- und her.

Ich bin versucht in den Wirbel hineinzugreifen und den Schreihals zu greifen...Iver hindert mich.

-“Nein. Du bleibst hier. Die Gefahr ist zu groß. Handle von hier.“

Und dann...als hätte ich einen Eingebung...beginne ich auch zu schreien.

Ich stimme mich auf das Klagelied der Zwei ein.

Wir schreien in einer Art von Harmonie. Wir schreien gleichsam. Egal was wir beschreien, aber es ist dasselbe. Es wird zu einem Schrei. Einem einzigen Schrei. Den ich langsam übernehme. Es ist als würde ich den Schrei dirigieren. Ich werde langsam leiser. Und die zwei werden leiser. Es dauert ein paar Minuten...bis wir alle erstummt sind. Das Wesen im Wirbel schaut mich noch kurz an...und wandert dann wie alle anderen da unten auch wieder hin- und her. Ohne Blick nach oben.

Das Mädchen ist vollkommen ruhig.

Der Wirbel wird kleiner...und verschwindet.

Ich bin fix und fertig.

-“Gut gemacht, Chad. Ungewöhnlich, aber gut.“

Ich setze mich auf den einen Sessel.

Flowers kommt herein.

---“Das war gut, Chad. Wirklich.“

„Ohne Iris...“

--“Ach, das hättest du auch ohne mich hinbekommen. Vielleicht auch mit dem Rituale Romanum. Hätt` dich gerne da jetzt ne Stunde lateinische Texte zitieren gesehen...“

Sie lächelt.

Flowers überprüft die Vitalfunktionen von dem Mädchen. Eine Infusion schließt sie wieder an.

---“Die braucht sie noch, ist besser so. Die andere können wir aber lassen.“

„Was ist jetzt mit dem Mädchen, ist sie jetzt geheilt?“

-“Nein. Aber du hast im wahrsten Sinne des Wortes...eine Stimme in ihr...zum Schweigen gebracht. In den nächsten Sitzungen wäre es hilfreich...zb. Was du als Menschen gesehen hast, die hin- und hergehen...diese in die gleiche Richtung gehen zu lassen...und dann nach und nach, wenn die Szenarie dem tatsächlichen Geiste des Mädchens entspricht, wird sie wieder völlig gesund sein...was gesund auch immer sei. Die meisten Menschen sind „gesund“ und es rennen ein Haufen von Wesen hin- und her. Oder liegen. Oder spielen miteinander. Also in dieser Art der Wahrnehmung gesprochen.“

----“Könnte ich....könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?“

Das Mädchen schaut mich groß an.

Jetzt erst sehe ich, daß auch ein kleines Waschbecken im Raum ist. Ein Spiegel und eine Ablagefläche mit einem Plastikbecher. Sofort gehe ich dort hin...fülle den Becher.

Flowers löst die Fixierungen. Das Mädchen setzt sich auf.

Ich reiche ihr den Becher.

Sie trinkt ein paar Schlucke recht hastig.

Während dem letzten Schluck beginnt sie schon zu reden und verschluckt sich fast...

----“Wo...wo...bin ich? Ich bin Lina.“

„Hi, Lina. Ich bin Chad. Schön dich kennen zu lernen.“

Ich lächle sie an...und meine Augen werden leicht feucht und ich fange fast zu heulen an.

 

Bild: By Eaden - CC BY-SA 4.0, https:// commons.wikimedia. org/w/index.php?curid=41394407
 

Fortsetzung folgt


XVII
Nicht nur ... eine fantastische Reise - Beginn     11.08.2018
Auf der Straße - Heimat     09.06.2018
Der Necromant - Fortsetzung     07.04.2018
Als der Wandel der Zeit zur Musik wurde     10.03.2018
Das Begräbnis     24.02.2018
Vom Kaffee zum Tee     17.02.2018
Imbolc 2018     10.02.2018
Ein Waldspaziergang     03.02.2018
Der Necromant - Fortsetzung     20.01.2018
Der Necromant - Fortsetzung     26.11.2017
Der Necromant - Fortsetzung     04.11.2017
Gespräch mit der Göttin     23.09.2017
Die weiße Braut     26.08.2017
Der Nekromant     29.07.2017
Tragbarer Mini-Schrein     17.06.2017
Die Anrufung     25.02.2017
Erinnerungen     25.12.2016
Das kleine Restaurant     12.11.2016
Der Flohmarkt     08.10.2016
Der Magier     23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     18.07.2015
Idol (ein Making-of)     06.12.2014
Die Frau seiner Träume     29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     16.02.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil I     26.01.2013
Im Rausch des Narren     06.10.2012
Neues Leben für Geschenkpapier     05.11.2011
Vogelfutterbastelein     30.10.2010
Von gemeinsamen Wurzeln     05.04.2008
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil II     21.07.2007
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil I     14.07.2007
Kräuter-Bilderrätsel     30.06.2007
Kräuter-Bilderrätsel     24.02.2007
Der Kabä     12.11.2005
Nochnoi Dozor – Wächter der Nacht     22.10.2005
Greifbar gewordene Göttervisionen     18.06.2005
Wintermärchen     06.12.2003
Eine Hexe im Museum     13.04.2003
Der wunderbare Regenbogenmann     15.03.2003
Runen raunen und flüstern uns zu     08.06.2002





              
                   
              



    

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