Vom Kaffee zum Tee

Sie hatte noch den Geschmack ihres Latte Macchiatos auf der Zunge, als sie sich beeilte um die Bahn zum Park zu bekommen. Das leicht Bittere, was sie nicht mochte hatte sie mit viel Karamell übertüncht. Kaffee war ihre Göttin, doch huldigte sie ihr nie bewusst. Immer nur im Vorbeigehen.

Sie schaffte die Bahn nicht mehr und leise schnaufend glitt sie in den schwarzen Tunnel.

Was sollte sie jetzt tun? Sie könnte sich noch einen Kaffee holen und warten. Oder…

Ein kleines Plakat wies auf ein Teehaus im Stadtpark hin. “Chadô..” las sie laut. ”Dem Weg des Tees folgen.” Einen Weg des Tees? War Tee nicht langweilig und oft so bitter, daß er nur mit viel Zucker zu ertragen war?

Doch etwas bannte ihren Blick darauf und so lief sie los.

Im Gehen bemerkte sie die Natur der Stadt. Grüne Orte und Steinarragements wie bei einem Zengarten. Nur deutlich feiner. Wahrer. Echter.

Der Park war leicht zu finden, immerhin lebte sie schon lange in der Stadt am Fluss. Der Duft von Regen und Flieder und anderen Blüten lag noch in der Luft als sie den Schildern folgte. Immer abgeschiedener wirkte alles..wie aus der Welt gefallen. Ein süßlich bitterer Duft ging von dem niedrigen Häuschen aus.

Der Weg war aus grossen Steinen und sie folgte ihm. Beim niedrigen Eingang, der verhangen war mit kleinen Tüchern, verharrte sie kurz. Was tat sie nur? Ihr Herz klopfte, als störe sie ein heiliges Ritual in einer Kathedrale.

Nur, daß diese Kathedrale aus Ahorn und Fichte, Bambus und Metall bestand. Sie nahm all ihren Mut zusammen und trat hindurch, in das von Dämmerlicht gewirkte erfüllte Räumchen. Eine junge Asiatin bat sie höflichst Platz zu nehmen und sie setzte sich. Um sie herum war eine Fülle an Teegegenständen und Schalen.

Intressiert blätterte sie die Karte durch. Matcha… Sencha…klangen wie ein Singsang in ihr und die Geschichte dazu faszinierte sie sehr.

So bestellte sie sich Matcha und wartete. Gespannt wie bei einer heiligen Feier.

Es dauerte etwas und die Bedienung kam wieder mit einer grossen Schale, einem Besen und einem Pulver, sowie einer Kanne.

Warum war sie hier und nicht bei dem Kaffeegiganten aus München? Sie seufzte und beobachtete wie die andre Frau die Schale behandelte. Mit grosser Sorgfalt rührte sie Wasser und Pulver zusammen bis es giftgrün und schaumig war. Dann, in einer anmutigen Bewegung stellte die junge Frau die Schale vor ihr hin. “Geniesst den Tee und den Moment.” sagte sie wie eine Priesterin.

Ängstlich nahm sie die unebene Schale in beide Hände. Grüne Süße und Bitterkeit erfüllten ihren Mund und weckten ihren Geist.

Alles ist im Chadô enthalten. Eine ganze Schale Menschlichkeit und die Heiligkeit des Alltags.

Nun verstand sie diesen rätselhaften Satz in der Teekarte. Dankbar, daß sie hier hergefunden hatte trank sie andächtig weiter bis die Chawan leer war.


Bilder: Wikimedia, caffe machiato by Takeaway / Kaffeetassen by Hendrike (1998)

 


Veleda Alantia
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