Der Necromant   Fortsetzung

Warum wir hier sind...ist mir nicht ganz klar.

Sicher, Kirche...ja, beeindruckend. Aber eben...warum ausgerechnet hier in einer der größten Kirchen Österreichs, dem Stephansdom?

Ich sitze auf einer Kirchenbank in den hinteren Reihen.

Einige Gläubige und vor allem viele Touristen sind hier.

Aufgeregt werden Skulpturen betrachtet oder in versunkener Stille ein Kerzchen als Opfergabe angezunden.

Schon gigantisch. Man fühlt sich automatisch klein. Mächtig.

Aber auch düster hier.

Flower sitzt neben mir, hat die Augen geschlossen. Schweigt.

Ich schließe auch die Augen. Wir sitzen ruhig einige Minuten nebeneinander.

Ich öffne die Augen.

Flower lächelt sanft. Sieht mich an. Flüstert:

-“Chad...wie ist das für dich so...hier in einer Kirche?“

„Ich weiß nicht so recht. Ich bin schon christlich aufgewachsen, aber ich kann mit der christlichen Kirche einfach nichts anfangen, also mit der Religion und...“

-“Was nimmst du wahr?“

„Es ist groß...düster, das Licht wirkt unecht, welches durch die Kirchenfenster bricht, es ist...hm... Trauer hier, Frust, aber auch Erleichterung, ich denke es wird viel hier gelassen an, ja ich weiß nicht, Gefühle...es ist auch Hoffnung hier, also ich spüre sowas wie Hoffnung...“

-“Was, wer ist der Christengott für dich, Chad?“

„Sicher nicht dieser bärtige alte Mann, der auf einer Wolke sitzt...“

Ich lächle sie an.

-“Nein, das sicher nicht...aber wie nimmst du das Allmächtige, von dem die Christen sprechen, wahr?“

„Ich weiß nicht. Ich...ich hab da nicht so den Zugang dazu, vor allem zu derlei Gottesform.“

-“Wir könnten an jedem Platz der Welt sein, aber nun sind wir hier. Chad, ich möchte, daß du dich in einen gnostischen Zustand begibst und den Christengott anreist.“

„Den Gott?“

-“Ja. Such dir hier einen Platz an dem du das ungestört machen kannst. Ich bleibe derweil hier und nachher kommst du wieder und erzählst mir deine Wahrnehmungen.“

„Gut. Ok. Ich finde es komisch, aber...“

-“Tu es Chad. Mach es einfach.“

Ich stehe auf und gehe in der Kirche umher...ich gehe nach vorne und setze mich wieder, genau dort wo das Licht von außen gerade sich auf einer Bank spiegelt. Die Reihen vor mir und hinter mir sind leer. Ich habe das Bedürfnis mich zu schützen. Ziehe um mich gedanklich einen Kreis. Merke, wie mir das schwer fällt, als würde ich etwas stören, oder etwas nicht einverstanden sein. Ich versuche dem mehr Kraft, mehr Nachdruck zu verleihen. Verkleinere den Kreis, versuche mich mehr auf mich zu konzentrieren, von Innen nach Außen. Schließe die Augen. Überraschenderweise bin ich schnell...wie weggetreten. Anderer Ort. Hell. Viel zu hell. Blau, wie lächerlich. Kitschiges Blau. Und viele Wesen. Ich spüre ihre Anwesenheit. Aber sie sind weit weg. Ich fühle mich schwebend im Raum. In einem mit klarem Licht durchfluteten Raum. Gott. Gott, wo bist du, Gott.

Das Licht wird noch heller. Viel zu hell. Eine unglaubliche Kraft. Alles durchdringend. Ich fühle mich hilflos. Schwach. Zwei Gestalten erscheinen neben mir. Engel? Ich habe schon mit Engeln gearbeitet, aber noch nie sah ich sie so, wie sie sich mir gerade zeigen. Überdimensional groß.

Wie Türsteher. Vor einer Insiderdisco. Der eine sieht mich mit finsteren Blick an.

--“WAS IST DEIN BEGEHR, CHAD?“

Eine mächtige Stimme, die meinen Körper zum Vibrieren bringt. Ich spüre die Stimme überall. Er hat dazu nicht mal seinen Mund geöffnet. Ich spüre was er sagt. Ich bin erfasst von seiner Stimme.

Fast unbeholfen und, ja...leicht eingeschüchtert meine ich: „Gott, ich will zu Gott reisen, will ihm begegnen.“

--“GOTT ZU SCHAUEN IST DIR NICHT MÖGLICH.“

„Aber...“

--“NICHT NUR DIR. DU KANNST ALS MENSCH GOTT NICHT IN SEINER FORM GANZ ERFASSEN.“

Der zweite Engel meldet sich ebenso zu Wort. Seine Stimme klingt sanfter, das Vibrieren auf meinem Körper ist anders...nein, es ist weniger ein Vibrieren, es ist nun als würden seine Worte wie Farben auf meinen Körper niederregnen und die unterschiedlichen Regionen meines Körpers erwärmen. Es ist als würde Licht zu mir sprechen.

---“CHAD; WÄHLE NICHT DEN WEG VON FLOWER. DAS IST UNSERE BOTSCHAFT NUN DARFST DU WIEDER GEHEN.“

„Wie, was...was heißt...“ Sie verschwinden plötzlich. Und wie vom Blitz getroffen bin ich schlagartig wieder in der Kirche. Ich zucke hoch.

„AAHHH....“

Ein Tourist mit fetter Kamera, die um seinen Hals baumelt, schaut mich entgeistert an.

Ich kann noch das Licht, die Farben auf meinem Körper spüren. Noch die Stimmen hören, als wäre da noch ein Echo, ein Widerhall.

Der Tourist tut nun so, als hätte er mich nicht gesehen und schaut auf die Wand.

Ich blicke auf meine Hände. Es kribbelt.

Ich stehe langsam auf und gehe wieder zurück zu Flower.

-“Nun? Chad?“

„Ich bin vor dir gewarnt worden.“

Ich schau ihr tief in die Augen.

-“Nein, das ist so nicht richtig, Chad. Sie haben dich nicht vor mir gewarnt, sondern nur gemeint, du sollst nicht meinen Weg gehen. Und da haben sie recht. Chad, gehe nicht meinen Weg.“

„Wie, was, ich bin verwirrt? Bitte, klär mich auf. Was soll das?“

Sie berührt meine Hand. Hält sie. Lächelt mich aufmunternd an.

-“Gehen wir mal in die Richtung der Katakomben. Wir sind wegen der Katakomben hier.“

Wir bewegen uns langsam. Sie schweigt. Kurz vor dem Abgang bleiben wir stehen.

Abgesperrt. Gitter. Daneben eine Tafel mit den Zeiten an denen jeweils eine Führung stattfindet. Heute ist keine mehr.

-“Wir werden nun in einen unserer Ritualräume gehen. In die Katakomben. Auf dem Weg dorthin erkläre ich dir alles, alles was du möchtest.“

„Es ist zu. Ritualräume? Hm?“

Sie wedelt mit einem goldenen großen Schlüssel vor meiner Nase rum.

-“Der Schlüssel sperrt, aber er ist nur als Symbol zu sehen. Wir dürfen den Zugang nutzen. Natürlich wäre es ein Leichtes auch ohne diesen Schlüssel reinzukommen, aber wir haben auch Regeln und an die halten wir uns auch.“

Sie sperrt auf. Öffnet die Tür. Mit weiträumiger Geste bittet sie mich ihr zu folgen.

Sie schließt wieder hinter mir. Versperrt die wuchtige Tür.

Sie schnippt mit dem Zeigefinger...und es geht Licht an.

-“Ach, das...das war jetzt nichts Magisches. Ist so ein geräuschgesteuertes Modul, welches das Licht angehen lässt. Magie der modernen Technik.“

„Komm, Flower, jetzt lass mich nicht länger im Ungewissen.“

Wir gehen durch einen langen Raum. Am Ende sehe ich eine weitere Tür.

Es riecht modrig. Es ist feucht.

-“Gut, gut...also ich versuche es Dir zusammenzufassen. Damit du rasch einen Überblick hast und dann kannst ja noch immer nachfragen.

„Ok. Leg los.“

-“Daß ich mich nicht ganz nach meinem körperlichen Alter verhalte ist dir ja schon aufgefallen. Und das ist auch so. Ich bin tatsächlich viel....viel älter. Ich hab schon in Wien gelebt, als hier nur Kutschen gefahren sind, als es hier noch...nun ja, nicht mal elektrisches Licht gab und als hier hm...auch die Pest zigtausende Leute hingerafft hat. Mich auch...fast. Aber nur fast. Ich zähle meine Geburtstage schon lange nicht mehr. Alle paar Jahre ziehe ich um, ändere meinen Realnamen...nur als Spitznamen behalte ich mir...Blume vor. Bluoma ...nannte man mich früher, vor langer, langer Zeit. Aber ich bin ja auch eine moderne Frau und deswegen, also...Englisch „Flower“ finde ich doch ganz gut.“

Wir stehen vor Gittern. Hinter den Gittern sind Gebeine zu sehen. Zahllose Knochen.

-“Hier würde ich wohl auch liegen. Sind durch Pest Verstorbene. Ich bin gerettet worden. Vielleicht wäre es auch besser, wenn ich damals verstorben wäre. Ich...es ist schwer so lange zu leben. Ich habe es zunächst genossen, aber ich habe auch fürchterliche Sachen gemacht, Chad, Grausames. Iver hat mich davon befreit. Er hat mir ein neues Leben geschenkt. Er hat mich zum ersten Mal Sachen sehen lassen, die ich davor nicht kannte. Ich war eine sehr verbitterte Frau. Eine verbitterte Frau, die unglaubliches Talent hatte was Zauberei und Magie betraf. Eine miese Kombination.

Ich hab mich in den Dienst von Mächten gestellt, die sich gegen das Leben und gegen den Menschen richteten. Mir war Ansehen, Gold und Vergnügen wichtig. Irgendwann erkannte ich, daß sowas wie ein Fluch auf mir lastete. Eine alte Frau hat mir damals das Leben gerettet. Aber es war an Bedingungen geknüpft...die ich über lange Zeit zu erfüllen hatte, was mich veränderte und mich zu einem grausamen gierigen Weib machte. Letztlich konnte ich mich von der Frau lösen und die Verpflichtungen auch magisch beseitigen, aber...meine Gier und mein Hass blieben. Lange. Bis ich auf Iver traf. Ich hatte den Auftrag ihn zu töten. Ich unterlag aber im Kampf. Er allerdings verschonte mich. Ich wollte und bettelte, daß er mich töten solle...aber er....er nahm nur meine Hand. Er fuhr mir durchs Haar. Wortlos. Ich erinnere mich noch genau an diese Szene. Dann küsste er meine Stirn. Half mir mich vom Boden zu erheben. Ich taumelte. Er stützte mich. Und das tut er bis heute. Nein, Chad. Wähle nicht meinen Weg.“

Ich bin wortlos. Was soll ich auch zu so einer Geschichte sagen.

Wir gehen weiter. Folgen einigen Verzweigungen, bis wir schließlich in einen festlich geschmückten Raum gelangen.

-“Das ist unser Ritualraum.“

„Wie kommst du an den Schlüssel und warum haben wir einen eigenen Ritualraum in den Katakomben?“

-“Der Schlüssel ist ein Abkommen mit der christlichen Kirche. Der Raum auch. Wir mischen uns nicht in ihre Angelegenheiten und sie sich nicht in unsere. Wir können aber hier den Raum nützen. Dafür darf Iver nie wieder eine Kirche betreten...und die Katakomben nur durch einen externen Zugang.“

„Ich bin verwirrt. Auch, daß du meinst schon einige Jahrhunderte zu leben.“

-“Es gibt Sachen, die leider wirklich verwirrend sind, nicht alltäglich und weit, weit ab von dem was wir als Realität wahrnehmen. Und es gibt halt Extreme, die die Realität ordentlich durchschütteln, das ist halt kein Niveau hier, wo wir mal Frühstückseier aus nem Tuch zaubern und das Huhn dazu in nem Hut verschwinden lassen und die Zuschauer dazu belustigt applaudieren. Oder wie es Jugendliche heute wohl sagen....“krasses Zeug, Alter“.“

Sie nimmt eine Flasche aus einer Kiste. Öffnet sie.

Schenkt die Flüssigkeit in zwei Gläser ein.

Stellt mir eines hin.

„Was ist das?“

-“Hm....krasses Zeug!“ Und lächelt.

Ich nehm das Glas trinke einen Schluck und meine:

„ALLLLLLTER!“

-Fortsetzung folgt-

[Bilder: wikicommons: Nordostansicht des Stephansdomes in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien © Bwag/Wikimedia , Grab des Kaisers Friedrich III von Niclas Gerhaert van Leyden im Wiener Stephansdom, Fotograf: Uoaei1]

XVII
Der Necromant - Fortsetzung     26.11.2017
Der Necromant - Teil II     04.11.2017
Gespräch mit der Göttin     23.09.2017
Die weiße Braut     26.08.2017
Der Nekromant - Teil 1     29.07.2017
Tragbarer Mini-Schrein     17.06.2017
Die Anrufung     25.02.2017
Erinnerungen     25.12.2016
Das kleine Restaurant     12.11.2016
Der Flohmarkt     08.10.2016
Der Magier     23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     18.07.2015
Idol (ein Making-of)     06.12.2014
Die Frau seiner Träume     29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     16.02.2013
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