Der Necromant   Teil II

-“Chad? Chaaaaaaaad!“

Meine Augenlider sind schwer. Ich bin noch so müde.
So müde. Die Decke ist so schön warm.

-“Chad. Aufstehen.“

„Gleich...ich...“

Sie zieht mir die Decke weg.

-“Komm schon, ich hab dir Kaffee gemacht und ein paar Semmeln aufgebacken.“

Jetzt kann ich den Kaffee riechen.
Mhhhh.
Ich setz mich auf.
Sie reißt die Vorhänge auf.
Licht blendet mich.
Ich bedecke meine Augen mit der Hand...und zwischen meinen Fingern sehe ich Flower.

Wie sie beim Fenster steht. Sie hat nur ein leichtes Hemdchen an, welches ihr bis zu den Knien reicht. Und wird von hinten mit dem starken Sonnenlicht umhüllt...wie ein Engel.

-“Chad. Engel bin ich sicher keiner.“

Ich vergess das nur zu rasch...sie liest mich, sie kann einfach alles von mir erfassen und sehen.
In mir wie in einem Buch lesen.
Das Zimmer, welches ich bewohnen darf ist sehr schlicht eingerichtet.
Schlicht, aber schön.
Zwei Kästen, einer für Persönliches einer für „die Arbeit“.
Ein Schreibtisch, darauf ein leerer Notizblock DinA4, zwei Bleistifte.
Ein kleines Tintenfass, mehrere Federn unterschiedlicher Größe.
Liegt alles fein penibel nebeneinander.
Davor ein Holzstuhl.
Keine Bilder, der Raum ist weiß.
Holzboden. Darauf ein kleiner Teppich.
Der Teppich ist tiefrot.
Die Vorhänge ebenso. Schwere Vorhänge, tiefrot.
Blutrot.
Ein Bett, mit verdammt weicher, angenehmer Matratze.
Die Bettwäsche sanft...selten so gut geschlafen.

-“Chad?“

„Ja, Flower?“

-“Milch?“

„Ja, Danke.“

Sie gießt mir ein und reicht mir die Semmeln.
Wir sitzen beide nun im Esszimmer.
Im Hintergrund läuft klassische Musik im Radio.

-“Bevor Iver kommt, werden wir noch jemanden abholen.“

„Ok. Ist gut. Wen holen wir ab?“

-“Einen alten Freund. Du wirst ihn mögen.“

Sehr geheimnisvoll.

-“Vor was hast du Angst? Also so wirklich Angst?“

„Pffff...schwer zu sagen. Ich meide Menschenansammlungen, also wenn wirklich viele
Leute zusammen sind, Veranstaltungen. Und...du, ich liebe ja alle Tiere, aber Hunde machen mir Angst. Ich weiß nicht warum, aber die wirken besonders gefährlich auf mich.“

-“Gut, gut.“

„Flower, du machst mir auch Angst.“

Ich grinse.

Sie lacht.

-“Ich weiß. Wird sich legen. Vor mir brauchst du ganz sicher keine Angst haben. Ich bin für dich da. Ich nehme das sehr ernst mit meiner Aufgabe dir als Mentorin zur Seite zu stehen.“

Minuten später sitzen wir in ihrem kleinen roten Flitzer.
Sie rast durch die Stadt. Hat ihr Auto vollkommen im Griff.

Wir hören im Auto weiter klassische Musik.

-“Du hast heute gute Arbeit geleistet. Und nachher...du bist ja sofort eingeschlafen!“

„Kein Wunder. Ich war so fertig. Nicht nur körperlich. Ich war überdreht und gleichzeitig todmüde. Dachte, ich könne nie einschlafen. Und war offenbar gleich weg. Arg, was du dort im Spital leistest. Ich ziehe meinen Hut vor dir.“

-“Wie du das kleine Mächen beruhigt hast, das hat mir am besten gefallen. Hast du gut gemacht.
Auch, als du nachher das kleine Strichmännchen auf ihren Gips gemalt hast, du, das hat mich wirklich berührt. Du warst gut gestern.“

„Der alte Mann...“

-“Ja, seine Zeit ist gekommen. Hast du es gesehen? Hast du es wahrgenommen?“

„Ja. Ja. Da war etwas.“

-“Nein, nicht etwas...was hast du gesehen?“

„Farben. Da waren ganz viele Farben.“

-“Gut. Ein guter Anfang. Und was hast du bei ihm gespürt?“

„Angst. Aber auch Loslassen. Entspannung. Hoffnung, ja, da war auch Hoffnung.“

-“Gut. Sehr gut. Ah...wir sind schon da.“

Tierhandlung SPÖRK.
Steht da in großen Lettern.
Eine Frau öffnet uns.

--“Flowers! Schön, daß du vorbekommst. Arak wartet schon.“

-“Danke.Ich freu mich schon ihn mal wieder zu sehen.“

Wir gehen rein.

-“Chad? Was spürst du? Was nimmst du wahr?“

„Angst. Ich habe Angst. Es kriecht Angst in mir hoch.“

-“Und? Was ist da, was...wer wartet auf dich?“

„Es ist groß, schwarz, unheimlich, mit einer tiefen Weisheit. Gefährlich.“

-“Hm...dann begrüssen wir ihn doch mal...ARAK!“

Aus einem Hinterzimmer hört man Poltern. Dann ein Kratzen auf dem Boden.
Hektisches, rasches Kratzen.
Und aus dem dunklen Raum rennt was wirklich Großes auf uns zu.
Ein HUND. Ein RIESENHUND.
Ich weiche zurück. Mein Puls rast.
Der Hund rast auf mich zu. Richtet sich auf. Er ist so groß wie ich.
Legt seine Pfoten auf meine Schulter. Ich erstarre.

-“Arak mag dich.“

Ich bewege mich keinen Millimeter.

-“Du wirst die nächsten Tage einen Begleiter haben. Arak.
Du wirst dich um ihn sorgen und er wird für dich da sein.
Ein vorübergehender Begleiter. Und du wirst von ihm lernen.“

Ich bin starr.

-“Arak ist übrigens kein Hund. Er ist ein Wolf.“

Arak schaut mich an.
Und ich berühre sein Fell.
Er setzt sich vor mich hin.
Und lässt sich streicheln.
Ich streichle seit 20 Jahren wieder einen Hund...äh...Wolf.
Und mein Puls wird langsamer.
Er schaut mich gütig an.

-“Sehr gut. Ich bin auf euch beide stolz. So...und ihr kommts jetzt beide ins Auto
und wir fahren wieder heim, Iver kommt bald.“

Arak schaut sie an, als würde er jedes Wort verstehen.
Dann schaut er mich an. Meine Stimme zittert leicht:

„Buh, Arak, du machst mir Angst. Aber, schön dich kennenzulernen. Ich hoffe,
wir kommen gut miteinander aus.“

Und der mächtige Wolf, der mich sofort in 1000 Stücke reißen könnte, reicht mir die Pfote.

Bildquelle: Wikimedia:
Wien Margaretengürtel CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=171983
Black Canis Lupus By Bruce McKay - http://www.flickr.com/photos/brucemckay/5069335754/


XVII
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